31.07.1995

PolynesienAbhängigkeit und Tod

Im Südpazifik formiert sich Widerstand gegen die Atomtests auf Mururoa. Aber auch die Angst vor Repressalien nimmt zu.
Seit Tagen ist für die Männer und Frauen von der Südsee-Insel Rapa an Ausschlafen nicht zu denken. Ab fünf Uhr morgens rauscht der Verkehr von Papeete, dem Hauptort Tahitis, an ihrer provisorischen Bambushütte im Zentrum vorbei, Dieselbusse und Zweitakt-Mopeds knattern keine fünf Meter neben ihren Kopfkissen die Rue du General de Gaulle entlang.
Doch den Demonstranten, die per Schiff von dem 1200 Kilometer südlich gelegenen Eiland auf die Hauptinsel angereist waren, ist der Lärm egal. Sie halten mit zwei Dutzend Papeetern Mahnwache vor dem Regierungsgebäude und dem französischen Hochkommissariat. "Wir haben viel zu lange geschlafen", sagt Annie Tuabua.
Die 30jährige Polynesierin ist eine der wenigen, die mit ihrem Protest gegen die Wiederaufnahme der Atomtests auf dem südpazifischen Atoll Mururoa zitiert werden will. Ihr Vater arbeitete jahrelang auf einem Schiff, das bei Mururoa die Radioaktivität untersuchte. Heute quälen den 58jährigen Mann undefinierbare Leibschmerzen. "Die Bombe", sagt Annie, "hat nur Abhängigkeit und Tod gebracht."
Die gaullistische Territorialregierung unter Präsident Gaston Flosse und die französische Verwaltung haben auf mutmaßliche Widersacher großen Druck ausgeübt und Beamten mit "Folgen" gedroht. Viele der 200 000 Französisch-Polynesier arbeiten direkt oder indirekt für die Armee oder die Regierung. Sie fürchten um ihren Job, falls sie offen gegen die neue Versuchsreihe auftreten.
Wie es weitergehen soll, weiß keiner. Die Insulaner möchten sich im September mit einem eigenen Boot der "Rainbow Warrior II" und der "MV Greenpeace" anschließen, wenn es zur Schiffs-Demo Richtung Mururoa geht. Doch ob sie einen Eigner finden, der sich dorthin traut, ist fraglich: Die Militärs haben wiederholt gedroht, jedes Schiff innerhalb der Zwölf-Meilen-Zone zu beschlagnahmen und die Besatzungen festzunehmen.
Ein paar Männer von der Mahnwache meißeln "Mururoa" auf einen herbeigeschleppten Grabstein, andere beginnen mit dem Aufbau einer zweiten Bambushütte an der Verkehrskreuzung - was eine sofortige Räumungsdrohung vom Papeeter Bürgermeister zur Folge hat.
Da lacht Gabriel Tetiarahi unbeeindruckt. "Ein großes Friedensdorf soll es werden", sagt er. Tetiarahi ist der Hauptorganisator des Widerstands, der Dreh- und Angelpunkt aller Informationen, ein Mann mit Ideen so bunt wie sein Hawaiihemd. Er ist einer der Köpfe von "Hiti Tau" ("Es ist Zeit").
Diese NGO (non-governmental organization) wurde 1991 als regierungsunabhängiges, alternatives Netzwerk gegründet. Ihr Ziel: für die Rechte der tahitianischen Ureinwohner, der Maohis, und gegen Atomtests zu kämpfen. 48 weitere NGOs mit insgesamt 30 000 Mitgliedern sind auf fast allen Inseln Französisch-Polynesiens angegliedert. Und sie sind weltweit aktiv: Drei Hiti-Tau-Mitglieder reisen beispielsweise gerade nach Genf, um die Uno zu bitten, sich gegen die französischen Tests auszusprechen. "Chirac übergeht unsere bürgerlichen und politischen Rechte", sagt Kämpfer Gabriel.
Tatsächlich ist das Problem, das der neue Präsident in Paris verursacht hat, nicht nur ein ökologisches. Den Menschen in Französisch-Polynesien stößt bitter auf, daß sie nicht mitentscheiden durften. "Frankreich bestimmt über _(* Am 14. Juli nach dem Anlegen der ) _("Rainbow Warrior II" in Papeete. )
uns wie über eine Kolonie", klagt Aktivistin Roti Make aus Papeete. "Die behandeln uns wie Idioten. Aus unseren Traditionen haben sie Folklore gemacht, unsere Rechte und Identität geraubt. Damit ist jetzt Schluß."
Jahrzehntelang haben sich die Einwohner eine solche Behandlung gefallen lassen. Das Volk, das duftende Blüten ebenso verehrt wie Hügel und Wälder, Tänze ebenso wie heitere Musik, wußte nur wenig über die Gefahren von Atomtests. Außerdem kam mit dem französischen Militär viel Geld in die Inselwelt. Milliarden Dollar pumpte Frankreich in seinen Südsee-Hinterhof und machte ihn zu einem relativ wohlhabenden Territorium. Die Preise aber stiegen, und mit ihnen die Abhängigkeit der Bürger, Arbeit anzunehmen und zu behalten. Schließlich gewöhnte man sich notgedrungen an ein Leben mit "la bombe".
Doch seit Präsident Francois Mitterrand 1992 die Atomtests stoppte, wurde auch der Geldfluß geringer. Die Polynesier begannen, über zivile Alternativen zur Atomrüstung nachzudenken. Und sich die Frage zu stellen, wo die nationale Identität der Maohis, die immer noch etwa die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, geblieben ist - und die Verfügungsgewalt über ihr Land. Maohi-Landeigentümer gründeten auf vielen der Inseln NGOs, um ihre Landrechte durchzusetzten.
Als die Air France und einige multinationale Konzerne im Westen von Tahiti ein riesiges Hotel der Meridien-Kette errichten wollten, besetzten Maohis 1992 den Bauplatz. Auf der Insel Tupai blockierten sie, mit Hinweis auf ihre Landrechte, ein Bauvorhaben japanischer Investoren. Auf Tahiti verhinderten sie ein Staudammprojekt. Auf Moorea zwangen sie die Regierung, eine Volksabstimmung über einen Golfplatzbau abzuhalten, und gewannen.
Mitten in diese Bestrebungen nach mehr Mitsprache platzte Chiracs herrische Entscheidung - Wasser auf die Mühlen von Oscar Temaru und seiner "Tavini Huiraatira" (Polynesische Befreiungsfront).
Neun Monate vor den Parlamentswahlen erhält die Unabhängigkeitsbewegung viel Unterstützung, und das, obwohl der Tahitianer Temaru, Bürgermeister der Stadt Faaa, außer Charisma und Kampfesmut nicht viel vorweisen kann. Weder hat er eine Vorstellung, wie eine unabhängige Regierung aussehen könnte, noch Ideen für eine wirtschaftliche Entwicklung des Landes.
Doch wie man agitiert, das weiß er. Drohend ruft seine Bewegung alle Athleten, die Mitte August zu den von Paris gesponserten Südpazifischen Spielen in Tahiti erwartet werden, zum Boykott auf. "Wir können nicht für Ihre Sicherheit garantieren."
Doch auch Frankreichs Statthalter Gaston Flosse hat Sinn für Populistisches. Schlagzeilenträchtig wie einst der deutsche Umweltminister Töpfer, der durch den "sauberen" Rhein geschwommen war, lud Flosse Parlamentarier und Hofberichterstatter zum Lustwandeln auf die Testinseln Mururoa und Fangataufa ein. Tags darauf berichteten die Lokalblätter La Depeche und Les Nouvelles - beide gehören zum Verlagsimperium Hersant (Le Figaro, France-Soir) - seitenlang über den Ausflug.
Sie zeigten die Politiker beim Schwimmen, beim Kokosmilchschlürfen und lachend vor dem Fischbüfett: "Alles ist gut, nichts radioaktiv, nichts kontaminiert." Außerdem seien die Krebserkrankungen nicht zahlreicher als anderswo und überhaupt sei es ungesünder, in Großstädten zu leben als auf Mururoa. Um die letzten Zweifel auszuräumen, sprach Flosse am Abend vor der lokalen Abstimmung via Fernsehen eine Viertelstunde lang zu seinem Volk und versicherte, daß Atomtests unschädlich seien. Die Delegierten im Territorialparlament votierten in einer _(* Am 13. Juni bei der Ankündigung ) _(der Atomwaffenversuche. )
für Paris sowieso nicht verbindlichen Resolution für die Atomtests.
250 Kilometer nordwestlich, auf der Insel Tahaa, sitzt der oppositionelle Abgeordnete Monil Tetuanui auf der Terrasse seines Hauses und träumt von der Machtübernahme. Stolz zeigt er auf die Vanillestangen, die auf dem Tisch liegen; daneben eine schwarze Perle. "Damit, und mit Öko-Tourismus bauen wir unsere eigene Wirtschaft auf."
Drei Männer treten durch das Gatter, setzen sich und trinken Kaffee. Alle blicken auf die Lagune hinaus, auf die weißen Strände der vorgelagerten Inseln. Am Steg dümpelt das winzige Auslegerkanu, mit dem Tetuanui so gern zum Fischen aufs Meer fährt. In der Ecke nimmt Ziehsohn Sam zu den fröhlichen Klängen der Südseemusik einen Thunfisch aus. Von der ungeteerten Straße her dringt das Lachen der Boule-Spieler.
Dann beginnen die drei Männer zu sprechen. Von der Zeit, als sie auf Mururoa arbeiteten. Von Kollegen, die kontaminiert waren, und von einem Tag auf den anderen verschwanden. Von verbrannter Haut nach Atomversuchen und von tagelangem Erbrechen nach Fischgenuß. Von radioaktiven Stoffen, die in die Lagune entwichen.
Sicher, sie sind regelmäßig untersucht worden, doch das Ergebnis haben sie nie erfahren. Wenn oberirdisch gezündet wurde, kamen sie auf ein Boot und wurden fortgebracht. Von unterirdischen Tests hörten sie erst am Vorabend. Dann mußten sie auf eine zehn Meter hohe Plattform steigen, wegen der Flutwelle. "Einmal", sagt Antoine, der Koch, "war das ganze Restaurant weg." Sie haben sich gefürchtet, wenn die Erde wackelte wie bei einem Erdbeben.
Als sie auf Mururoa angekommen waren, hatten sie nichts von Atomtests gewußt. Als sie davon erfuhren, wußten sie nichts damit anzufangen. Unter den 1000 Arbeitern auf Mururoa war das kein Thema. Erst viel später, nach Tschernobyl, ist ihnen alles klar geworden. Jetzt sind sie entschieden gegen die Atomtests. "Die Fische, die gestern bei Mururoa verseucht wurden, können heute bei uns ins Netz gehen."
Aber öffentlich aussprechen, was sie gesehen haben, können sie nicht. Jeder hat sich vertraglich verpflichten müssen, den Mund zu halten. Und eines wissen sie genau: "Wenn wir reden, machen die uns fertig." Y
[Grafiktext]
Kartenausriß: Pazifischer Ozean - Französisch-Polynesien
[GrafiktextEnde]
* Am 14. Juli nach dem Anlegen der "Rainbow Warrior II" in Papeete. * Am 13. Juni bei der Ankündigung der Atomwaffenversuche.

DER SPIEGEL 31/1995
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