14.08.1995

Korruption

Hochgradig verseucht

Ein Spitzenbeamter der Polizei Mecklenburg-Vorpommerns soll Waffen aus DDR-Beständen verscherbelt haben.

Bundesweit warnte die Hamburger Arbeitsschutzbehörde im Mai 1992 vor giftiger Ware. Aus Beständen der ehemaligen Nationalen Volksarmee (NVA) sei illegal eine unbekannte Anzahl mit radioaktivem Tritium-Gas gefüllter Nachtferngläser an ahnungslose Kunden verscherbelt worden.

Doch der über die Medien verbreitete Appell, die gefährlichen Feldstecher bei der Polizei abzugeben, blieb ohne Echo. Keines der Gläser ist bis heute wieder aufgetaucht, obwohl die Geräte den Tod bringen können. Wer sie öffnet und das Gas einatmet, "verendet jämmerlich", warnt Arbeitsschützer Peter Kruse vom Schweriner Sozialministerium.

Immerhin glauben die Ermittler der Schweriner Staatsanwaltschaft inzwischen zu wissen, wer die NVA-Ware in Umlauf gebracht hat: Sie verdächtigen den früheren mecklenburg-vorpommerschen Polizeidirektor Hans-Jürgen Christophersen, 55. Der bis Ende 1994 oberste Waffen- und Gerätewart der Landespolizei soll die Feldstecher für 80 Mark das Stück verhökert haben.

Christophersen sitzt seit Aufdeckung einer bundesweiten Polizei-Korruptionsaffäre im vergangenen Dezember wegen Bestechlichkeit in Untersuchungshaft (SPIEGEL 2/1995). Er soll von dem niedersächsischen Polizeiausrüster Sitek mindestens 70 000 Mark Schmiergelder genommen haben.

Bei ihren Ermittlungen stießen die Fahnder auf weitere Straftaten, die der Polizeidirektor begangen haben könnte: Er habe geholfen, so der Verdacht, massenweise Waffen, Polizeiausrüstungen und dioxinverseuchte Nebelgranaten verschwinden zu lassen.

Inzwischen beschäftigen sich die Korruptionsabteilung der Staatsanwaltschaft Schwerin, fünf Spezialermittler einer "Arbeitsgruppe Amtsdelikte in der Polizei" (Agap) sowie eine Sonderkommission der Kripo mit dem Spitzenbeamten, der inzwischen den Dienst quittiert hat. Zusammen mit der Staatsanwaltschaft durchforsten Prüfer des Schweriner Landesrechnungshofes die Akten der Polizei.

Nach den Recherchen der Agap sind kurz nach der Wende nahezu alle Waffen und Ausrüstungen der Volkspolizei (Vopo) sowie der Betriebskampfgruppen der DDR-Bezirke Rostock, Neubrandenburg und Schwerin verschwunden oder zu Spottpreisen in den Westen verschleudert worden.

Die Pistolen und Revolver der Polizeischule in Neustrelitz etwa, wo in der DDR Volkspolizisten ausgebildet wurden, seien 1991 von Polizisten zur Kaserne der Bereitschaftspolizei im schleswig-holsteinischen Eutin gebracht worden, um dort angeblich vernichtet zu werden. In Eutin sei jedoch der größte Teil auf wartende Lkw umgeladen und, so vermuten die Fahnder, über Hamburg nach Jugoslawien verschifft worden.

Verschwunden sind auf dem Weg nach Eutin auch zwei Tonnen Feuerwerkskörper. Das Zeug ist nach Angaben Kruses "hochgradig mit Dioxinen verseucht".

Die Polizei fahndet zudem noch immer nach großen Mengen von Waffen aus drei Bezirksstellen des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit. Allein aus dem Bezirk Schwerin hatten die Komitees zur Auflösung der Stasi während der Wende mehr als 2200 Maschinenpistolen, Gewehre, leichte und schwere Maschinengewehre, Panzerfäuste, Polizeiflinten und Leuchtpistolen eingesammelt und im Polizeidepot in Schwerin-Neumühle eingelagert. Angeblich wurden diese Waffen vernichtet. Doch das bezweifeln Ermittler. Unterlagen darüber gibt es nicht.

Die Staatsanwaltschaft glaubt, daß Christophersen bei vielen dieser Vorgänge die Hand im Spiel hatte. Bis 1991 arbeitete der Beamte als Waffenwart der Eutiner Polizei, dann wurde er nach Schwerin abgeordnet, um dort das Waffenwesen der neuen Landespolizei aufzubauen, und wechselte wenige Monate später in den höheren Dienst.

Auf der Suche nach möglichen Mittätern stießen die Ermittler auf einen Mitarbeiter des Deutschen Segler-Verbandes (DSV), den Christophersen aus seiner Tätigkeit als Signalwaffenausbilder für Segelscheine beim DSV kannte.

Der soll nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft die Ausrüstung der Polizeischule Neustrelitz aufgekauft und auf Flohmärkten angeboten haben. Der DSV-Mann besitzt seit 1976 eine Waffenhandelslizenz. Die Ermittler werfen ihm Hehlerei vor.

Außerdem verfüge die Polizei, so Agap-Chef Peter Seler, über Zeugenaussagen, wonach der DSV-Mann an der Verschiebung der Neustrelitzer Polizeiwaffen in Eutin beteiligt gewesen sein soll. Der DSV-Mitarbeiter bestreitet, je mit Christophersen Geschäfte gemacht zu haben. Schon gar nicht habe er mit DDR-Waffen gehandelt.

Für Christophersens obersten Chef, Innenminister Rudi Geil, sind die Ermittlungsergebnisse peinlich: Der CDU-Politiker hatte den Spitzenpolizisten noch zwei Monate vor dessen Verhaftung zum Polizeidirektor befördert. Y


DER SPIEGEL 33/1995
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