14.08.1995

GeschichteDer „große Wauwau“ in Berlin

Unser großmächtiger Herr Bundeskanzler läßt es sich angelegen sein, bräsig und selbstgefällig aufzutreten; das mag er tun, er wird es 1998 bereuen oder auch nicht.
Geschäfte macht er erst dann zur Chefsache, wenn die "Bürokratie" sie unter seinen Augen in den Bach gefahren hat. Gelernt ist gelernt. Als Mirakel aus der Pfalz wird er angestaunt, weil er der unangefochtenste Chefpolitiker der Welt ist: Dr. Helmut Kohl.
Aber der promovierte Historiker sollte sich aus dem Stegreif nicht zu historischen Fragen äußern wie vor kurzem. Immerhin, ihm war inzwischen klargeworden, daß es sich auf dem Balkan um Entwicklungen handele, die "in Jahrhunderten gewachsen sind". Und er fuhr fort: _____" Wenn Sie einmal nachlesen, was Otto von Bismarck in " _____" den achtziger Jahren zum damaligen Balkankonflikt " _____" geschrieben und gesagt hat, finden Sie vieles sehr " _____" vertraut wieder an Problemstellungen . . . "
Die achtziger Jahre, so sollte man annehmen, reichen von 1880 bis 1889. Die kann Kohl nicht meinen. Er denkt an das Jahr 1876, in dem Bismarck, der sich mit seinen "Krieg in Sicht"-Spielen gegenüber Frankreich arg in die Nesseln gesetzt hatte, die Balkankrise nur zu willkommen sein mußte. Vor dem Reichstag konnte er sich wieder als starker Mann präsentieren, der sich einer deutschen Beteiligung am Balkankonflikt enthalten wollte, solange er "in dem Ganzen für Deutschland kein Interesse sehe, welches auch nur die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers wert wäre". Das saß. Er war wieder der alte. Der Grundakkord der Bismarckschen Außenpolitik wird hier angeschlagen: Krisen anderswo, damit die anderen geschwächt werden.
Jörg Kastl, Jahrgang 1922, hat aus der Sicht der beteiligten Botschafter und Militärattaches in St. Petersburg wie in Berlin während der Bismarck-Zeit die gesamte Entwicklung der Bismarck-Epoche geschildert, knapp und instruktiv. Er selbst war insgesamt sechs Jahre in Moskau, die letzten vier als Botschafter*.
Unter Bismarck, das bringt uns Kastl nahe, waren selbständig denkende Köpfe nicht gefragt. Der von Bismarck selbst und seinen Anhängern hochstilisierte "Rückversicherungsvertrag" von 1887 erscheint bei Kastl in einem neuen, keineswegs positiveren Licht. _(* Jörg Kastl: "Am straffen Zügel. ) _(Bismarcks Botschafter in Rußland, 1871 - ) _(1892". Olzog Verlag, München; 240 ) _(Seiten; 59 Mark. )
Dieser Vertrag war so kompliziert, daß er auch dem "Eisernen" auf Dauer nicht geholfen hätte. Desto weniger konnten sich seine Nachfolger auf dieses trickreiche Ränkespiel, dies Jonglieren mit "fünf Glaskugeln" einlassen. Selbst Bismarcks Hand hatte ja schon gezittert. Hier, und nur hier, wird der intrigante Einfluß des einzigen Fachmanns aus Bismarcks Schule, des im übrigen dämonisierten Geheimrats Friedrich von Holstein, ganz deutlich.
Bismarcks Bemühung, mit St. Petersburg wie mit Wien gleichermaßen abzuschließen, konnte nicht fruchten, auch dann nicht, wenn beide die Annexion Elsaß-Lothringens garantiert hätten, was aber Rußland und Österreich aus nur zu verständlichen Gründen ablehnten. Ob beide Staaten das verweigerten oder nur einer, das Problem wäre auch dann nur verlagert worden. Wählen hätte auch ein up ewig ungedeelter Bismarck müssen, und selbst die Großen sind sterblich.
Der Fehler, wenn es denn ein vermeidbarer war, bestand darin, Frankreich nicht wieder hochkommen zu lassen. Vielleicht hätte der mächtige Mann ihn nicht vermeiden können, aber der Witz ist ja, daß er ihn gar nicht vermeiden wollte. Wohingegen der Draht nach St. Petersburg sich jederzeit wieder hätte flicken lassen, wenn Bismarcks Nachfolger das gewollt hätten. Diese Verbindung war so etwas wie das Sauna-Telefon zwischen Kohl und Jelzin.
Bismarck und sein Sohn, der Staatssekretär des Äußeren Graf Herbert, ließen sich aber, unbelehrt von ihrem Botschafter, ihre recht überständig gewordene Meinung nicht nehmen, Wirtschaft und Börse seien von jeder Art Außenpolitik säuberlich zu trennen.
Das Genie Bismarck hatte es sorgfältigst vermieden, seine Botschafter, die er etwas greisenmäulig mit "Unteroffizieren" verglich, in seine Gedanken einzuweihen. Über die geringen Wirkungsmöglichkeiten läßt uns auch Kastl nicht im unklaren, obwohl er etwas bitter vermerkt, damals hätten sie nicht (wie heute?) jahrelang auf eine Audienz warten müssen. Mit dem wichtigsten Botschafter in St. Petersburg, dem Infanteriegeneral Hans Lothar von Schweinitz (1876 bis 1892), verlief der Geschäftsgang etwa so: _____" Gegen Ende der Herrschaft Alexanders II. glaubte " _____" Schweinitz, von der Minderheit der "genießenden Klasse" " _____" abgesehen, allenthalben nur noch Unzufriedenheit " _____" feststellen zu müssen. Bismarck kommentierte: "So war es " _____" immer! nicht nur jetzt, wird auch immer so sein; ruß. " _____" National Char(akter) schimpfen, nichts thun, nichts " _____" können". Schweinitz fuhr fort: die bisher apolitische " _____" Masse fange an sich zu regen; hierauf Bismarck: "das wäre " _____" neu!"; Schweinitz: es gebe jetzt sogar Vorschläge; der " _____" Kanzler: "das geschah auch früher, aber keine guten oder " _____" pract(ischen) Vorschl."; der Botschafter: es gebe auch " _____" Denkschriften - Bismarck: "connu!", bekannt, so gebe es " _____" eine von Ignatjew - Bismarck: "mus(ique) d''Offenbach 1001 " _____" Nacht!" "
Ob Alter, Schlaflosigkeit oder getrübter Überblick: Das St. Petersburg nach der Ermordung des "Zar-Befreiers" Alexander II. im Jahre 1881 war in ein Wechselbad getaucht. Die dankbaren Gefühle des alten Kaiser Wilhelm stießen sich an den nüchternen Erwägungen des Fürsten Bismarck. Wilhelm bezeigte die Dankbarkeit, die er dem Zaren, seinem Neffen, zu schulden glaubte, weil der die Gründung des Reiches schließlich ermöglicht hatte. Bismarck hingegen wollte das geschäftsmäßig herunterspielen.
Die Dankesbezeugungen des Monarchen standen im Gegensatz zu den Nadelstichen und Keulenschlägen des Reichskanzlers. Der einseitig belichtete Nachfolger des ermordeten Zaren, sein Sohn Alexander III., war zu Geschäften nicht recht befähigt. Er entwickelte eine stetig wachsende Abneigung gegen die Berliner Preußen.
Botschafter von Schweinitz in St. Petersburg berichtete wahrheitsgemäß, unterschlug aber doch so manches, um dem "großen Wauwau" - wie er ihn nur zu gern nannte - in Berlin nicht zu mißfallen.
Welche Gründe auch immer für die Rückversicherungslegende (die nicht einmal Bismarck-Sohn Graf Herbert teilte) geltend gemacht wurden - die neuere Geschichtsforschung sieht darin einen "Akt der Verzweiflung". Jörg Kastl vermerkt das, eben weil Bismarck mit seinem System am Ende war. Zar Alexander III. zeigte sich über die Nicht-Verlängerung des Vertrages alles andere als verärgert.
Da Kastl pinselstrichartige Rückbesinnungen nicht scheut, erfahren wir, daß die Presse in Rußland damals einen überaus schädlichen Einfluß ausübte. Die Presse, das war der in Deutschland gebildete Michail Katkow. Künftig sollten, so hat es Zar Alexander III. proklamiert, nicht die Russen den Slawen dienlich sein, sondern die Slawen den Russen. Was er damit meinte, wurde auch noch klar: Der Zar wollte den Bosporus, die Dardanellen, schlicht die Meerengen. In diesem Punkt traf er sich mit dem 1881 gestorbenen Reaktionär Fjodor Dostojewski, dessen Genie natürlich von der gesamten diplomatischen Bagage verkannt wurde. Nur seine Fehler würden Bestand haben, glaubte ein "Fachmann". Allerdings fiel bei der Beerdigung des ermordeten Zaren auf, daß sie weniger Beachtung fand als die Beerdigung des einen Monat zuvor friedlich verstorbenen Dostojewski*.
Soll man dieser Schilderung Kastls glauben, so hat wohl nie ein Journalist auf einen Selbstherrscher einen so großen Einfluß ausgeübt, daß die Frage diskutiert werden konnte, ob nun Katkow oder der Zar Rußland regiere. Da Kastl nicht ängstlich ist in seinen Vergleichen, nennt er Alexander Solschenizyn wegen dessen Abscheu vor dem "verderbten" Westen Katkows Enkel.
Zwar stand Rußland nun vor aller Augen allein da. Aber wieso allein? Frankreich war entgegen dem Grundkonzept Bismarcks wieder bündnisfähig geworden, nachdem der geistig nicht ganz gesunde Kriegsminister General Boulanger sich in Belgien am Grab seiner Geliebten erschossen hatte.
Frankreich war wieder da. Die Mehrzahl der müßigen reichen Leute in Rußland schätzten Paris mehr als Berlin. Die Höfe und die Spitzen der Gesellschaft in St. Petersburg und Berlin hatten sich unter Bismarcks Mithilfe, Zuckerbrot und Peitsche, Rachsucht und Rankünen, auseinandergelebt. Die größte Tat des Botschafters von Schweinitz bestand darin, den zu ihm nach Petersburg entsandten zweiten Mann, Bismarcks Sohn Graf Herbert, der ihm natürlich lästig fallen mußte, so hoch zu loben, daß der "große Wauwau" den 36jährigen zum Staatssekretär des Äußeren machte, zum Außenminister also. Empörung bei allen Altgedienten, aber der grobe Kerl, laut Schweinitz ein Tier- und Menschenquäler, wurde ein zuverlässiges Arbeitspferd für den nicht mehr so alerten alten Mann in Friedrichsruh. Die Russen hatte Graf Herbert, so glaubte er, Mores gelehrt.
Was dem Botschafter des Reiches in St. Petersburg zugemutet wurde, kann man bei Jörg Kastl lesen: Schweinitz mußte als Doyen des Diplomatischen Corps für den neuen Zaren und dessen dänische Gemahlin in Moskau _(* Der reaktionär gewordene Dichter, ) _(ein Ex-Sträfling, wollte nicht nur ) _(Konstantinopel, sondern richtete seine ) _(Begehrlichkeit auch auf Indien. )
(!) ein Essen mit tausend Gästen geben. Schweinitz wollte sich taub stellen, aber der "große Wauwau" in Berlin beschied: "Kann kosten, was will." Der sparsame Botschafter litt unter dem ungeheuerlichen Aufwand so, als gehe es um sein eigenes Geld. Hätte er doch den Nuntius des Papstes zum Doyen avancieren lassen! Das hatte aber der "Wauwau" nicht gewollt, Rußland sei kein katholisches, sondern ein orthodoxes Land.
Welche Abgründe sich mit dem Tod des alten Kaisers und dem Hinauswurf Bismarcks auftun würden, ahnte man damals nur in Umrissen. So schrieb der Erste Botschaftssekretär (1884 bis 1888) Bernhard von Bülow in Vertretung des erkrankten Schweinitz 1887 an den Geheimrat von Holstein: Man müsse "dem Russen so viel Blut abzapfen", daß dieser "25 Jahre außerstande sei", auf den Beinen zu stehen, das Land gehöre verwüstet, die Küstenstädte bombardiert, die Industrie zerstört und der Handel zerrüttet. Der Reichskanzler, dem Holstein den Brief vorlegte, vermerkte am Rande: "Derartige exzentrische Konjekturen muß man nicht zu Papier bringen." Da dieser milde Satz Bismarcks gesamter Rußland-Politik widersprach, kann man nur annehmen, daß Bismarck Bülows Vater, der unter ihm als beamteter Staatssekretär im Auswärtigen Amt gedient hatte, für Fleiß und Gehorsam Dank wußte.
Gegenüber seinem (und vor allem des jungen Kaisers Wilhelm) Freund Philipp Eulenburg skizzierte Bülow, der spätere Fürst und Reichskanzler, wie ein Krieg mit Rußland aussehen müßte: Man solle ihn a la Tamerlan führen und dürfe nicht eher Frieden schließen, bis Rußland für wenigstens eine Generation kampfunfähig gemacht sei. Moltkes Nachfolger im Großen Generalstab, Graf Waldersee, notierte in seinem Tagebuch: "Die Slawen wollen mit Fußtritten behandelt sein, sie küssen noch den Stiefel, der sie getreten hat." Diesen politisch ehrgeizigen General konnte Wilhelm II. am wenigsten gebrauchen. Sogar der lethargische Zar Alexander III. erkundigte sich bei Schweinitz, ob denn der verrückte Waldersee in hohe Ämter einrücken würde.
Dies waren nun also die neuen Männer. Bismarck und Schweinitz gehörten ins Austragstüberl. Der Geheimrat Friedrich von Holstein, kerzengerade, aber charakterlich mit einem Buckel geschlagen, wurde nun für 16 Jahre die wichtigste Figur der deutschen Diplomatie, mit Bismarck am besten vertraut, zwar ohne Frack, aber doch unentbehrlich. Aber den Grundstein für den Untergang des Reiches, das er sozusagen im Alleingang gegründet hatte, den legte der "große Wauwau"* selbst.
* Jörg Kastl: "Am straffen Zügel. Bismarcks Botschafter in Rußland, 1871 - 1892". Olzog Verlag, München; 240 Seiten; 59 Mark. * Der reaktionär gewordene Dichter, ein Ex-Sträfling, wollte nicht nur Konstantinopel, sondern richtete seine Begehrlichkeit auch auf Indien.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 33/1995
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