14.08.1995

KarrierenIm Netz der Bösböcke

Droste, 34, lebt in Berlin. Zuletzt veröffentlichte er in der Edition Nautilus "Sieger sehen anders aus".
Erstaunlich, wovon einem so der Kopf schwirren kann: "Am Nachmittag, nach sechs Stunden Schlaf, schwirrte ihr der Kopf immer noch von all den Kugelschreibern mit Werbeaufdruck, Plastikteddybären mit eingebautem Radiowecker und Erotikkalendern ohne Erotik." So erschütternd beschreibt Jutta Ditfurth die Befindlichkeit von Miriam Kern, der Hauptfigur ihres Romandebüts "Blavatzkys Kinder". Zwischen den Ohren der Dame geht auch sonst allerlei umher: neben Radiowecker und Kugelschreiber zum Beispiel noch Kindermord und Menschenschmuggel, 68er und Esoterik, Bioethik und Organraub, rechte Schurken und tapfere Linke, vulgo: Fa und Antifa, das Böse und das Gute, Kraut und Rüben.
Ein krudes Garn hat Frau Ditfurth da gesponnen: Junge, politisch ambitionierte Computerfachfrau kommt, auf dem Fahrrad natürlich, dem ganz großen internationalen Verbrechen auf die Spur; ökologischanthroposophisch angehauchte Nazis haben weltweit eine Organisation aufgezogen, die auch immer hübsch kursiv die Organisation heißt beziehungsweise sie; so raffiniert geheim aber sind sie, daß niemand weiß, wer sie sind beziehungsweise eben nur sie wissen, wer sie sind. Gemeinsam mit einem sensiblen Saxophonspieler und ein paar linken WGs, die nicht die Organisation, aber ebenfalls kursiv das Netz heißen, besiegt Frau Kern die Bande von Bösböcken zwar nicht ganz, verweist sie aber doch in die Schranken; en passant werden unter anderem Goethe, Wagner, Mozart, Sinatra, Hitler und - Donnerschlag! - Richard Clayderman als Stinkemänner enttarnt.
Vielleicht hätte selbst dieses Gesinnungsgewimmel trotzdem noch ein schönes Stück Schund werden können, wüster Trash zum Schrecken knieperiger Philologen, frei nach der alten Regel: Ein Schuß, fünf Tote - das war Kojote. Jutta Ditfurth aber gibt ihren Comic vom Kreuzzug einer Handvoll Szenehanseln gegen alles Schlechte in der Welt bluternst als Abbild der Wirklichkeit aus: "In Wahrheit sind einige der grausamsten Vorkommnisse keineswegs aus der Luft gegriffen, sie sind derzeit nur nicht beweisbar. Ebenso verhält es sich mit gewissen politischen Einflüssen", raunt sie ebenso vage wie düster im Vorwort. Und so ist daraus, was der Verlag einen "Thriller" nennt, bloß ein stumpf die ökolinke bis autonome Kundschaft bedienender Enid-Blyton-Riemen geworden: fünf Freunde und das Schweinesystem.
Munter aber und von keinem Zweifel noch Gedanken angekränkelt, verteidigt die Autorin ihr verschwörungstheoretisches Traktat: "Die Idee zum Krimi kam mir vor zwei Jahren, im Winter, bei einer Wanderung auf der Insel Amrum: Die Eso-Szene, die Fascho-Szene - vieles ging mir durch den Kopf", teilte Ditfurth der Tageszeitung (taz) mit, die "Blavatzkys Kinder" seit Mitte Juli in 43 Folgen vorabdruckt.
"Den Krimi hab' ich aus schierem Vergnügen heraus geschrieben", freut sich die Autorin: Schön, daß wenigstens irgend jemand seinen Spaß hatte. "Ich wollte einfach mal was Erzählerisches machen - mal was anderes als immer in politische Debatten eingreifen."
Die Zeche für die kreative Bewältigung einer fundamentalistischen Midlife-crisis bezahlen derzeit die Leserinnen und Leser der taz, die aber mit einem blauen Auge und dem halben Schrecken davonkommen: Der Vorabdruck bringt nur eine großzügig gekürzte Fassung. Wolfgang Schuler - so heißt der Mann mit dem Edding - soll für diesen Akt der Gnade bitte den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommen.
Jutta Ditfurth schwärmt sich ungerührt um Kopf und Kragen: "Ich wollte mit der Sprache spielen, zeichnen - ich male ja auch gern. Einfach erzählen können, ohne mich disziplinieren zu müssen. Ein Buch ganz ohne Fußnoten." Und genauso lesen sich die Disziplinlosigkeiten einer Autorin, die sich ausnahmsweise die Fußnoten geschnitten hat: *___"Unterbringung, Ernährung, Behördenkram, das war ____ihr Ding." - Jeder muß sein Ding anfassen. *___"Scheiße. Verfluchte Schuppenflechte. Schon wieder ____der bulgarische Geheimdienst." - Wieso nicht der ____rumänische? *___"An diesem Abend ging ihre Beziehung ____unwiederbringlich kaputt." - War sie nicht unkaputtbar ____gewesen? *___"Die Werbung sortierte sie gleich in den ____Altpapiercontainer." - So ist es brav, da lacht der ____grüne Blockwart. *___"Sie mußte verdauen, was über sie hereingebrochen ____war." - Wie lecker! *___"In ihrer Wohnung lauerte der Anrufbeantworter." - ____Heißt er womöglich Panther?
Außer unfreiwillig komischen Sätzen bevorzugt Jutta Ditfurth ein an Herbert Grönemeyer geschultes anämisches Stakkato-Deutsch: "Auffällig viele Kinder." Oder: "Computermonitor tagsüber und Fernsehglotze nachts." Oder: "Job suchen. Scheiße, keine Lust." Und hat dennoch die Chuzpe, eine ihrer Figuren über "die strenge Sprache" Deutsch stöhnen zu lassen: "Deutsche Worte. Er kannte keinen Menschen, der diese fremde Sprache freundlich klingen ließ." - Jutta Ditfurth, soviel ist immerhin sicher, geht diese Gabe ab.
Wenn sie einmal nicht mit dem Hackbrett schreibt, fällt sie direkt ins Sülzige: "Die üppigen Blätter des Ahorns rauschten im Wind", "die Sonne hing wie ein roter Ball über den Feldern", und nach vollzogenem Verkehr betrachten Miriam Kern und ihr Liebhaber, der allerdings zwanghaft salopp "Lover" heißen muß, "die feuchte Spur, die sich aus dem Badezimmer durch die Wohnung zog".
Von diesen Ausflügen ins Neo-Courths-Mahlersche abgesehen aber findet sich der Leser im linkskitschig gestrickten Landser-Roman. "Verflucht" und "verdammt", kläffen die Protagonisten alle paar Meter; "Letztes Futter eingeschoben, Kompaß eingepackt", knarzt es aus einer alternativen Kommißkoppschwester namens Lisa heraus, und "mit letzter Kraft" werden egalweg Messer gezogen oder Laken vom Bett gezerrt.
So wie ihre Gegenspieler notorische "Schweine" sind, kommen die Antifa-Grüppler als Heldenschablonen daher und geben, wie einst der Edelmensch Winnetou oder der Arzt von Stalingrad, für die gute Sache alles, notfalls das eigene Leben. "Ich denke an euch, Koma oder nicht", ächzt ein Paul, der kurz zuvor noch durch Kopfschuß ausschied, und schnarrt im Kasino- und Gutsherrenton weiter: "Verabschiede mich ins Koma . . ." Laßt mich hier liegen, es ist nur ein Kratzer, möchte man ergänzen und fragt sich, wie wohl der Inhalt eines Kopfes aussieht, dem nicht einmal eine Kugel etwas anhaben kann: nur dumm oder Vakuum? Ist das tollklasse politische Engagement am Ende bloß religiöser Eifer? Und ist eine Antifa, die "Gerüchte auf der Festplatte" sammelt, nicht eher ein Fall für den Sektenbeauftragten?
Selbst die Phrase "Irgendwo bellte ein Hund" hat die Autorin, die zwischen Jutta Courage und Kassandra Cotton schwankt, nicht vergessen; sie liefert allerdings die weibliche Variante: "Irgendwo schrie eine Katze." Darüber hinaus tritt sie ihrer Leserschaft penetrant als Tante Gouvernante gegenüber.
Keine Figur kann man in ihrem Tun oder Sprechen kennenlernen oder erleben, denn immerzu liefert die Autorin in fürsorglicher Belaberung das gesinnungspolizeiliche Führungszeugnis gratis mit. Gönnerhaft nennt sie Otis Redding "ein bißchen altmodisch, aber schön", vor allem aber beim Vornamen, als sei sie mit ihm per du gewesen: "Otis".
Auch Frau Goldberg muß sich ungefragt an die Brust drücken lassen: "Aber Whoopi blieb Whoopi." Und Persil bleibt Persil. Nebenbei erfährt man, wie ein Auschwitz-Überlebender auszusehen hat, damit er Jutta Ditfurth beziehungsweise ihrer Heldin gefällt: "Er hat ein gutes Gesicht, dachte Miriam. Schöne Falten an den richtigen Stellen. Ein bißchen traurig, aber nicht zynisch."
Das ist der Stoff, aus dem Jutta Ditfurth ihren Honig saugt. Mit großer, furchtbar gutgemeinter Geste umarmt sie ausnahmslos alle, die sie als Opfer subsumieren, ja abfrühstücken kann. Die Marginalisierten dieser Welt, sie haben eine Für- und Pressesprecherin - ob sie wollen oder nicht. Jutta Ditfurth nimmt sie alle in die Arme; der Gedanke, daß sie sie damit auch deformieren könnte, kommt ihr, der ewig Guten, erst gar nicht in den Sinn.
"Ich habe keine Schreibhemmungen, nie Angst vorm weißen Blatt", hat Frau Ditfurth stolz der taz erzählt. Diesem Mangel an horror vacui verdanken wir ihre Selbstentblößung. "Blavatskys Kinder" will die Schrecken der Welt anprangern und fügt ihr doch nur einen weiteren hinzu. Y
Von Wiglaf Droste

DER SPIEGEL 33/1995
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