14.08.1995

Jugend„Vergeßt alle Systeme“

Liebe bei der „Love-Parade“ in Berlin, Hiebe bei den „Chaos-Tagen“ in Hannover. Das Bild der deutschen Jugend und ihrer Subkulturen wirkt so widersprüchlich wie nie. Die Generation der 13- bis 25jährigen zerfällt in immer mehr Grüppchen, Cliquen und Einzelgänger. Soziologen sprechen von „Tribalisierung“.
Hannover im Ausnahmezustand: Punks in Springerstiefeln und zerfetzten Jeans schleudern Pflastersteine und Molotow-Cocktails, errichten brennende Barrikaden. Ein Supermarkt wird geplündert, Straßenschlachten mit der Polizei enden mit 400 Verletzten auf beiden Seiten und ohne Sieger. "Wir wollen nur feiern, die Bullen machen den Terror, dann bricht bei uns eben die Tollwut aus", sagt einer der Punker.
Berlin im Techno-Rausch: Über 200 000 halbnackte, euphorische Raver zelebrieren zu schnellen, lauten Computerrhythmen auf dem Ku'damm die Love-Parade - und vor allem sich selbst. Die tanzwütigen Kids schießen mit Wasserpistolen, werfen Kußhändchen, schreien "Peace" und "Unity". Eine naßgeschwitzte 20jährige brüllt: "Ich will Spaß, Spaß, Spaß!"
Hamburg, evangelischer Kirchentag: Zehntausende junge Christen, mit Rucksäcken und Gesundheitssandalen unterwegs, beten, meditieren und feiern Bibelstunden. Sie diskutieren mit dem Bundespräsidenten, streiten um Gentechnologie, debattieren über den Balkankrieg. "Ich war so'n Kind und wollte nur Fernsehen und Computerdaddeln. Jetzt treffe ich in der Kirche meine Freunde", sagt Nils, 17.
Die drei Großereignisse dieses Sommers beleuchten schlaglichtartig die deutsche Jugend-Szene 1995. Diskutiert in Fernsehnachrichten, Zeitungskommentaren und an Stammtischen, begleitet von Empörung, Unverständnis oder Wohlwollen.
Selten wurde mehr über die Jugend gesprochen, kaum je zuvor fühlten sich so viele Pädagogen und Psychologen, Politiker und Polizeiexperten, Eltern und Marketing-Strategen berufen, die Jugend zu deuten - sie ist den Erwachsenen fremder denn je.
Die Jugend? Eine der Antworten auf die Frage, warum die Generation der 13- bis 25jährigen auf fast alle Älteren so fern und mysteriös wirkt: Die eine Jugend gibt es nicht.
Sie ist wie niemals zuvor zersplittert in Kulturen und Subkulturen, Cliquen und Einzelgänger: Punks, Techno-Freaks, junge Christen, Sportbesessene, Neonazis, Autonome, Hippies, Computerkids, Umweltschützer, Vereinsmeier, Mitglieder von Jugendgangs und Knabenchören. Manche dieser Gruppen sind inkompatibel, andere überschneiden sich. Die meisten Jugendkulturen sind international und ähneln sich in allen westlichen Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften.
Und sie zersplittern immer schneller. Allein die Punk-Bewegung zerfällt mittlerweile in vier Subgruppen: Neben den Ur-Punks aus den siebziger Jahren gibt es nun auch Mode-, Penner- und Neopunks.
"Tribalisierung" nennen Sozialwissenschaftler den Zerfall einer Generation. Die rund 15 Millionen Heranwachsenden in der Bundesrepublik teilen sich in ungezählte Stämme und Unterstämme auf. Mit eigenen Kleiderordnungen, Verhaltensnormen, Zeichen- und Sprachcodes sind sie auf den ersten Blick so unübersichtlich wie ein Ameisenhaufen. "Vergeßt", rät der Kölner Philosophiestudent Paul, 22, den Erwachsenen, "alle Systeme."
Das Wir-Gefühl in einer großen Jugendbewegung gibt es nicht; die vermeintlich allumfassende "Generation X" ist eine Erfindung des kanadischen Schriftstellers Douglas Coupland. In der Wirklichkeit ist sie ein schnell wachsendes Mosaik von Gruppen und Grüppchen, deren Mitglieder sich vorwiegend über Lebensstile, Haltungen und Moden als kulturelle Gemeinschaften definieren und sich gegen andere Subkulturen abgrenzen.
Ihr Stamm ist ihnen groß genug, er bietet Sicherheit, Respekt und Anerkennung. Computerfans reden über "Bits", Mail-Boxen und die "coolsten Server im World Wide Web". Ein echter Hardrock-Liebhaber trägt nichts anderes als Nietenarmbänder und Totenkopf-T-Shirts. Junge Greenpeacer verweigern Thunfisch-Salat und verachten die Lehre vom Wohlstand durch stetiges Wirtschaftswachstum.
An geschlossene Weltbilder glauben die meisten jungen Deutschen ohnehin nicht. In Schulen, Universitäten und Betrieben fallen sie nicht als Rebellen auf, denn ihre Kulturen kennen keine Vollzeit-Identitäten, die Cliquen treffen sich nachts und am Wochenende.
Die Kultstätten der derzeit größten Jugendbewegung sind der "Tresor" in Berlin, das "Dorian Gray" in Frankfurt am Main und das "Powerhouse" in Hamburg. Rund zwei Millionen Techno-Fans geben sich in solchen Lärm-, Licht- und Laserpalästen einem wilden, autistischen Tanzrausch hin. Aufgeputscht von Ecstasy-Pillen und koffeinhaltigen Energiedrinks wie "Flying Horse" oder "Red Bull", tanzen sie stundenlang, nächtelang, manchmal über Tage hinweg.
Der Sound, der dazu aus elektronischen Klangmaschinen wummert, ist kalt, steril und schnell - eine Popimitation jener technisierten und genormten Welt, wie sie viele Jugendliche heute empfinden. "Nach zwei Stunden denk' ich nichts mehr, und genau das will ich", sagt Mark aus München. Mit 150 Taktschlägen pro Minute flippt er hinaus aus der Realität, um am Montag wieder im Büro einer Spedition zu sitzen und die Fuhren für den nächsten Tag zu verteilen.
Ähnlich autistisch wie der Raver im vollgestopften Techno-Keller sitzt der jugendliche Computerfreak allein in seinem Zimmer und starrt ohne Unterbrechung auf den Bildschirm. Per Modem klinkt er sich ein in die elektronischen Welten aus Bildern, Texten und Programmen der globalen Netze. Hin und wieder plaudert er mit Gleichgesinnten in den USA oder Singapur, "chatten" nennt die Szene diesen elektronischen Kaffeeklatsch.
Die Netz-Surfer sind losgelöst von der Welt, die sie tatsächlich umgibt: "Meine Eltern schwammen noch im See, wir schwimmen nur im Datenstrom", sagt "Belladonna", wie sich die Tochter eines ergrauten Hippie-Paares nennt.
Noch vor wenigen Jahren war die Gruppe der Computerhacker verschwindend klein, ihre Mitglieder wurden als blasse, leicht verrückte Fanatiker belächelt. Heute kommt kaum noch ein Student ohne Internet aus, die schöne neue Datengemeinschaft wächst täglich. Und mit jedem weiteren virtuellen Abenteuer entfernen sich die Jugendlichen von der Realität ihrer Eltern und vieler Freunde.
Vor allem ein Wunsch eint viele junge Deutsche: die Sehnsucht nach Individualität. Wenn die Welt schon nicht zu ändern ist, so sehen sie es, dann wollen sie lieber Spaß haben, als Verantwortung zu übernehmen. Nur 1 Prozent von ihnen gehört einer politischen Partei an, gerade mal 1,3 Prozent engagieren sich in einer Bürgerinitiative. Weil sie der Meinung sind, für das Schicksal der Menschheit seien die Uno oder die Nato, Helmut Kohl oder Bill Clinton zuständig, auf keinen Fall aber sie selbst.
Sie sind nicht unpolitisch, aber von Politikern und Parlamenten enttäuscht. Nur 5 Prozent halten Parteien für glaubwürdig, 64 Prozent dagegen Greenpeace. Geschlossene Ideologien haben keinerlei Anziehungskraft auf sie, auch weil die großen Weltentwürfe ihrer Väter und Mütter kläglich gescheitert sind.
Das allerdings ist auch schon das Übelste, was sie den Älteren nachsagen können. Für die Jugendlichen des Jahres 1995 ist es ungleich schwerer, sich von der Erwachsenenwelt abzugrenzen, als noch Anfang der sechziger Jahre.
Damals reichte es aus, sich die Haare wachsen zu lassen, Rolling Stones zu hören und knallenge bunte Hosen zu tragen, um von verständnislosen Älteren als Gammler, Hippie oder Penner ausgegrenzt zu werden. Heute bieten Jugendlichkeit und Toleranz von Eltern kaum noch Reibungsflächen, an denen Identität durch Kontrast entstehen könnte. Die 40jährigen gehen mit ihren Kindern in dieselben Konzerte, kleiden sich ähnlich und haben für fast alles Verständnis, was die Jüngeren so treiben.
Und kaum entsteht irgendwo in der westlichen Welt eine neue Jugendkultur, schon senden Unternehmen der Freizeitindustrie ihre Trendscouts aus, um sie auf die Vermarktbarkeit zu überprüfen. "Du kannst heute doch machen, was du willst", sagt Rolf, 17, aus Berlin, "gleich taucht deine Masche in der Zigarettenreklame auf oder auf einem MTV-Plakat."
Puristen der einzelnen Subkulturen verachten deshalb jeden Trend, der sich wirtschaftlich verwerten läßt, und proben lieber die Verweigerung - eine Haltung, die erstmals in den siebziger Jahren in Großbritannien zutage trat. Punks nannten sich die jungen Leute, die sich zunächst nur äußerlich gegen den Konformismus der Erwachsenenwelt absetzen wollten: grüne und blaue Haare, Sicherheitsnadeln im Ohr und die Ratte auf der Schulter.
Es folgte die Ablehnung bürgerlicher Werte und Normen. Die Auftritte der Kultband "Sex Pistols", deren Mitglieder sich mit Rasierklingen traktierten, sollten vor allem das Publikum schockieren. Doch auch der Punk war wehrlos gegen die Übernahme seiner Symbole durch Bürgerliche und Adlige wie die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis. Und nach wenigen Jahren verkam er zur jämmerlichen Pose in den Fußgängerzonen der Großstädte: "Haste mal 'ne Mark?"
Die achtziger Jahre bestimmten andere: coole, zynische Wohlstandserben, die versuchten, sich über die Marke ihres Polohemdes zu definieren, weil sie für die Abrüstung und die Sauberkeit des Rheins nichts bewirken zu können glaubten.
Zwar erlebt die Punk-Mode zur Zeit eine Erneuerung, doch den harten Kern der Bewegung, mit der rund neun Prozent der jungen Generation sympathisieren, bilden nur noch wenige Tausend. Für sie ist Gewalt wie bei den Chaos-Tagen in Hannover ein Mittel zur Provokation. Eigentlich sei die Randale nicht geplant gewesen, sagt Zora, 17, aus Berlin. "Wir wollten einfach nur Musik hören, tanzen und einen saufen. Und gegen das Spießbürgertum demonstrieren."
Viele Punker sind früh von zu Hause weggelaufen - noch immer der radikalste Schritt im Konflikt der Generationen, auch wenn die Familie einen Teil ihrer prägenden Bedeutung für die heutigen Kinder und Jugendlichen längst verloren hat. Die alten Strukturen zerbröckeln: Der Anteil der alleinerziehenden Väter und Mütter wächst, in Großstädten hat jedes zweite Kind geschiedene oder getrennt lebende Eltern. Immer häufiger arbeiten beide Elternteile, die Ein-Kind-Familie dominiert.
Erziehung wird zur Schwerstarbeit, viele Eltern sind überfordert. Ihre Kinder sollen ehrgeizig und gleichzeitig rücksichtsvoll sein, sie sollen sich bescheiden, wo die Konsumwelt Schrankenlosigkeit predigt, sie sollen reif und erwachsen werden, wo der Kult der ewigen Jugendlichkeit die Freizeitgesellschaft dominiert.
In vielen Familien lernen Heranwachsende kaum noch die elementarsten Verhaltensweisen und Werte - die Eltern meiden die Auseinandersetzung mit ihren Kindern. Fehlende Grenzen und maßlose Toleranz werden zur Erziehungsfalle. Fernsehen, Video und Computer liefern in der multimedialen Gesellschaft die neuen Vorbilder.
So ist der Zerfall der jungen Generation auch das Echo einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung: der Verlust von Gemeinsinn und Solidarität, die Erosion von Familien- und Nachbarschaftsstrukturen, der rasante Wandel von Berufsbildern, die immer schneller werdende Abfolge von Trends und Moden.
Es gibt Gruppen unter den Jugendlichen, die dieser Entwicklung ihr eigenes diffuses und verklärtes Weltbild entgegensetzen. Johanna, 17, aus Berlin ist Autonome: "Das Schönste, was ich mir vorstellen kann, ist, daß einfach gar nichts Vorgegebenes da ist, gar kein System, keine Ordnung, nichts."
Experten unterteilen die rund 5000 deutschen Autonomen in zwei Gruppen: Jugendliche aus sozial schwachen Familien und Kinder aus reichem Elternhaus, Mittelstandskinder finden sich selten in radikalen Bewegungen. Peter Mecklenburg, grün-alternativer Politiker aus Hamburg und Szenekenner: "Die Wege zu den Autonomen sind beliebig. Es kommt vor, daß die Jugendlichen erst in rechten Skinhead-Gruppen unterkommen, um sich dann doch den Autonomen anzuschließen." Auffällig sei, daß viele von ihnen bis zum Eintritt in die Gruppen "eine astreine Schullaufbahn mit besten Noten hinter sich haben".
Till, 20, aus Halle an der Saale sagt: "Ich hasse dieses ganze System, diesen Staat." Wenn er "Wut im Bauch" habe und "diejenigen nicht treffen kann, die dafür verantwortlich sind", suche er sich andere Ziele: "Nobelkarossen oder Banken zum Beispiel".
Wie bei den Autonomen sinkt das Einstiegsalter auch in der rechtsradikalen Szene. "Schüler und Lehrlinge", so ein Vertreter des sächsischen Landeskriminalamts, bilden das Gros der Verdächtigen, die es aus Frust, Abenteuerlust und Sehnsucht nach Autorität zu den Rechtsextremisten treibt. Besonders unter jungen Ostdeutschen ist "der unheimliche Spaß am Haß" (Süddeutsche Zeitung) offenbar ungebrochen.
Zwar ging die Zahl der rechtsextremistischen Straftaten in den meisten Bundesländern im vergangenen Jahr erheblich zurück. Doch die Gewaltausbrüche von Skinheads, Hooligans und anderen Gruppierungen sind kaum noch berechenbar. Führten Ausländer in den vergangenen Jahren die rechte Haßobjekt-Liste an, richtet sich die Wut der Schläger zunehmend gegen alles und jeden. "Die Gewalt", sagt ein Magdeburger Sozialarbeiter, "entlädt sich immer zielloser und willkürlicher."
Die Zahl der tatverdächtigen Jugendlichen stieg 1994 deutlich an, entgegen dem rückläufigen Trend der allgemeinen Kriminalitätsrate. Jugendliche zertrümmern Kneipen, berauben alte Leute oder schlagen sich gegenseitig mit bisher unbekannter Brutalität.
Jugend und Gewalt - die Begriffe gehören schon lange zusammen. Bereits Anfang der sechziger Jahre keilten sich Rocker mit Mods, wenig später folgten die Straßenschlachten der Studenten. Ab Ende der Siebziger prügelten sich Hausbesetzer und Atomkraftgegner mit der Ordnungsmacht, die Gewaltexzesse der Fußball-Hooligans eskalierten in den achtziger Jahren. Nach der deutschen Einheit waren es vor allem Jugendliche, die Ausländerheime stürmten und Häuser von Türken oder Vietnamesen anzündeten.
Und immer forderte die Verständnisfraktion unter den Beobachtern mehr Zuwendung, andere plädierten für mehr Repression und härtere Strafen. Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, daß eine demokratische Gesellschaft wohl ohne beides nicht auskommt.
"Gewalt ist eines der letzten Mittel, in dieser Gesellschaft öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen", sagt der Bielefelder Pädagogikprofessor Wilhelm Heitmeyer, "auf diese Weise wirkt sie direkt identitätsstiftend."
Wer darum Jugendhäuser schließt und Sozialarbeiter entläßt, dem nützen auch noch so viele Polizisten in Hannover nichts. Wer Strafen nur verkündet, aber nicht konsequent durchsetzt, macht sich in den Augen der meist autoritätsfixierten Gewalttäter lächerlich.
Viele Jugendliche halten Gewalt für ein legitimes Mittel zur Durchsetzung ihrer Interessen. Jugendgangs in Städten wie Berlin oder Frankfurt am Main bewaffnen sich mit Messern, Pistolen und Totschlägern, um ihre fest abgegrenzten Reviere zu kontrollieren.
Mit Bodybuilding, oft unterstützt durch die Einnahme muskelbildender Anabolika, versuchen sie, körperlich aufzurüsten. Für rund 100 000 Jugendliche ist der Körperwahn Lebensinhalt geworden. Und für die Masse der Fitneßfans propagiert die Modeindustrie ständig neue Sporttrends mit möglichst amerikanisch klingenden Namen: Roller-Skating, Mountain-Biking oder Street-Basketball sind ein Millionengeschäft.
Wie eine große Familie fühlen sich die In-Line-Skater, die in diesem Sommer zu Tausenden durch die Innenstädte rasen, auf teuren Rollschuhen, deren vier Räder in einer Reihe montiert sind. "Für den Abschied muß ich immer zehn Minuten einkalkulieren", sagt Faye, 14, "weil ich doch allen Küßchen geben muß."
Treffpunkte für die Modesportler sind Orte wie der Münchner Max-Joseph-Platz oder der Hamburger Jungfernstieg. Hier können sie gemeinsam mit Skateboard-Fahrern den Passanten ihre Kunststücke präsentieren und ernten dafür Bewunderung und Anerkennung. Ihre Klamotten sind sorgfältig ausgewählte Statussymbole.
In-Line-Skater und Computerkids, Greenpeace-Aktivisten und Raver - so sehr sich die Jugendszene '95 von der Erwachsenenwelt unterscheidet, es gibt auch überraschende Gemeinsamkeiten: Die Jungen sind genauso moralisch wie die Alten.
Für 90 Prozent der 14- bis 19jährigen ist Moral nichts Altmodisches, ermittelte das Bielefelder Meinungsforschungsinstitut Emnid im Auftrag des SPIEGEL. Mehr noch: "Anstand und Korrektheit" sind für fast ein Drittel der Jugendlichen zwischen 14 und 19 Jahren wichtige Bausteine ihrer Identität.
Nicht Chaos, sondern die traditionellen Werte der fünfziger Jahre bestimmen Handeln und Alltag vieler junger Deutscher. 42 Prozent etwa erklären Abtreibung für "moralisch verwerflich".
Und trotz Power Rangers, Terminator und Pro-Sieben-Killerfilmen denken die meisten Kinder der 68er im Detail wie deren Eltern: 86 Prozent der 14- bis 19jährigen und immerhin noch 77 Prozent der 20- bis 29jährigen bewerten Ladendiebstahl als unmoralisch.
Während die Wirtschaftswunder-Generation ihre Moral an Wohlstand und Wachstum ausrichtete, erklären die Jungen die Umwelt zu ihrem wichtigsten Thema: 80 Prozent halten es für unerläßlich, sich für die "Umwelt verantwortlich zu fühlen". Wohlstand (60 Prozent) und Glaube (50 Prozent) sind für die 14- bis 19jährigen eher zweitrangige Ziele.
Zu den neuen Moralisten gehört auch eine wachsende Zahl junger Christen, nicht immer in den traditionellen Kirchen, sondern oft organisiert in neumodischen Religionsgemeinschaften wie den "Jesus Freaks". Quer durch die Republik formieren sich die Gruppen, die sich einer Gläubigkeit ohne Liturgie und fromme Sprüche verschrieben haben.
Die Rituale der Amtskirche interessieren sie nicht, sie loben Gott in derber Alltagssprache und mit lauter Rockmusik. "Jesus, ich hab' jetzt totalen Bock, dich zu preisen", verkündet Martin. "Bitte, sei mit uns, damit wir eine tolle Session haben."
Der junge Möchtegern-Pastor aus Hamburg, der in seinen Gottesdiensten mitunter auf "christliche Schlaffies" schimpft, setzt sich auch für soziale Randgruppen ein: "Wir haben mit Brotverteilaktionen an Obdachlose angefangen und dann im Winter am Hauptbahnhof an Junkies Klamotten verteilt." Solche Aktionen sind vielen Jugendlichen näher als die anonyme Kollekte für die Dritte Welt.
"Heil Satan", brüllt dagegen der Sänger der Heavy-Metal-Band in die schwarz gekleidete Masse hinein. "Heil Satan, wir lieben dich", ruft die Menge zurück. Okkulte Phrasen, Lieder von Tod und Verwüstung bestimmen die Metal-Szene, alles nicht so ernst gemeint, sondern ein Symbolmix, welcher der Abgrenzung und dem gegenseitigen Erkennen dient.
Noch immer gilt diese Musikrichtung als der aggressivste, gewalttätigste und jugendgefährdendste Stil innerhalb der Rockmusik. Lange Haare, T-Shirts mit Runenlogos, enge Jeans, Turnschuhe und Cowboystiefel sind die Codes der Szene, die von den Erwachsenen in Größe und kommerzieller Bedeutung bei weitem unterschätzt wird.
Vor allem männliche Fans aus unterprivilegierten Schichten hören den brutalen Sound. Für sie hat die Zugehörigkeit zu einer verschworenen Gemeinschaft durch Musikkenntnisse und Szenewissen hauptsächlich soziale Bedeutung, wenn auch nur unter Gleichgesinnten. Die meisten der wüst aussehenden Metal-Anhänger führen im Alltag ein ganz braves Leben, mit durchschnittlichen Wünschen wie Arbeit, Wohnung und Familie, so stellte die Ethnologin Bettina Roccor in einer mehrere Jahre dauernden Untersuchung fest.
Die Jugendlichen im Osten Deutschlands unterscheiden sich kaum noch von ihren Altersgenossen im Westen. Fünf Jahre nach der Einheit gibt es keine Subkultur, die nicht auch in Leipzig, Dresden oder Rostock ihre Nische besetzt hätte. Nur die sogenannten Blueser sind das letzte spezifische Stück Ostjugendkultur.
Die DDR-Hippies, die die Wende überlebt haben, tragen ihre zeitlose Kluft wie eine Uniform: grüne Armee-Kutten, Bluejeans, Gobelin-Beutel mit Hirschmotiven und Wildlederschuhe, die sogenannten Tramper. Von vielen als "Landeier" belächelt, treffen sie sich zu Open-air-Konzerten und billigem Rotwein.
Fehlte früher der Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" an keiner Jacke, so eint sie heute allein die Liebe zu ihren Kultbands wie "Engerling" oder "Keimzeit". Blueser haben keine Strukturen in ihrer Szene und keinerlei Anspruch, sie eignen sich noch nicht einmal als Zielgruppe für Werbestrategen.
Ganz im Gegensatz zu den "Girlies", einer der neuesten Subkultur-Trendgruppen: Girlies sind junge, selbstbewußte Mädchen, die seit dem vergangenen Jahr mit kurzen Röcken und groben Stiefeln im Modejournal, auf dem Jugendsender Viva und Studentenpartys auftauchen.
Girlies (Motto: "Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überallhin") sind modebewußt und postfeministisch: Was die Frauenbewegung in Jahrzehnten erkämpft hat, nehmen sie als selbstverständlich.
Ob Girlies oder Raver, eines unterscheidet die meisten Jugendlichen von der Generation ihrer Eltern: Wollten die 68er noch aktiv alte Autoritäten stürzen und die Welt verbessern, so akzeptieren die 95er die Welt, die sie vorfinden. Statt eine erstarrte Gesellschaft zu verändern, nutzen sie die sich immer schneller wandelnde Gesellschaft als Spielfeld für ihre Lebensentwürfe.
"Chaos", erkannte selbst der Leitartikler der konservativen Frankfurter Allgemeinen, Friedrich Karl Fromme, 65, nach den Krawallen von Hannover, habe bei vielen Jugendlichen "einen durchaus positiven Beiklang". Daseinsstrategien, mit denen die Angehörigen der Fromme-Generation ganz ordentlich durchs Leben kamen, taugen nicht mehr viel. Wer sich heute behaupten will, muß lässig auf den Wellen von Trends und Moden surfen können - dann darf er sogar ziemlich optimistisch in die Zukunft blicken.
"Die Welt geht unter", sagt Techno-Freak Mark, "aber wir kommen durch."

DER SPIEGEL 33/1995
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