21.08.1995

Abenteuer

Stell dich der Angst

"House Running" nennt sich ein neuer waghalsiger Freizeitspaß, der aus den USA kommt.

Auf dem Dach eines 65 Meter hohen Plattenbaus in Berlin-Mitte warten drei junge Menschen. Mal kichern sie nervös, mal versinken sie halbminutenlang in entschlossenem Schweigen. Zwar hat Sicherheitsmann Thomas Lunze, 25, ihnen Mut zugesprochen - aber ist es wirklich völlig gefahrlos, das Hochhaus wie Spiderman herunterzulaufen?

Techniker Lunze spricht in sein Walkie-talkie: "Jetzt kommt der Achim." Nun gibt's kein Zurück mehr.

Am Rücken per Alpinistenseil festgezurrt, das Gesicht gen Abgrund ("face your fear", lautet das Motto, "stell dich der Angst"), läuft Achim die Hauswand hinunter. Als nächste ist "die Susanne" dran. Nur Jörg verzichtet am Ende doch auf den versprochenen "Mega-thrill" und trollt sich verschämt. "Die Verweigerungsrate bei uns ist wesentlich niedriger als beim Bungeespringen", behauptet Betreuer Lunze.

Lunze wacht über die Freunde des jüngsten aus den USA importierten Freizeitspaßes, der unter dem Namen "House Running" firmiert.

Seit einiger Zeit ergänzt die aberwitzige Mut-Erprobung auch in Deutschland die Palette der Action-Sportarten. Derzeit wird sie in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes, am 120 Meter hohen Henninger-Turm in Frankfurt und am 70 Meter hohen Sheraton-Tower in München angeboten. In Berlin kostet der Nervenkitzel 70, in Frankfurt und München 90 Mark.

Der Stuntman und Extremsportunternehmer Jochen Schweizer, 38, hat sich die Warenzeichen "Bungee" und "House Running" gesichert und macht als Lizenzgeber in ganz Europa prächtige Geschäfte. Schweizer selbst spricht von "kreativer Kommunikation durch spektakuläre Events".

House Running sei eigentlich "pille palle", meint dagegen eine junge Frau in Berlin. Den Kunden Achim, der stolz ist über den überstandenen Tapferkeitstest, stört das nicht. Er bezahlt einen weiteren Wand-Abgang und kauft sich dann ein T-Shirt mit der Aufschrift: "I did it." Y


DER SPIEGEL 34/1995
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