07.08.1995

MeditationSchweben auf Rezept

600 sogenannte yogische Flieger wollen durch Meditation Gauner und Ganoven der deutschen Hauptstadt bekehren. Dann mal los.
Nikolaus Fürst Blücher von Wahlstatt zuckt mit dem Kopf, mit den Schultern, und dann hebt er ab - mit seligem Lächeln und geschlossenen Augen hüpft er im Schneidersitz wie ein Gummiball über dicke Matratzen - gemeinsam mit Hunderten von Gleichgesinnten.
Schweben wie ein wahrhaft Erleuchteter kann der Fürst noch nicht, doch er freut sich: "Heute hatte ich erstmals das Gefühl, richtig geflogen zu sein."
Fürst Blücher ist einer von 600 "yogischen Fliegern", die vier Wochen lang mitten im Sommerloch im fensterlosen, klimatisierten Ballsaal eines Berliner Hotels - ab und an auch im Freien - "die endlose Weite ihres inneren Raumes" erforschten, zum Wohle der deutschen Hauptstadt.
Sieben Stunden täglich haben die spirituellen Gastarbeiter aus allen Teilen der Welt versucht, Harmonie und positives Denken in der deutschen Metropole zu erzeugen, indem sie sich in sich selbst versenkten und meinten, ihre Gehirnwellen mit denen ihrer Gesinnungsgenossen in Einklang zu bringen. Die Mediteure glauben, wenn sie sich nur lange und intensiv genug konzentrieren, werden sie irgendwann vom Boden abheben.
"Von Berlin aus werden in Zukunft wesentliche Entscheidungen für ganz Europa und die Welt ausgehen, deshalb versuchen wir hier die Qualität des kollektiven Bewußtseins zu erhöhen", begründet der Cheforganisator des Spektakels, Thomas Klein, 40, die Aktion im Berliner Sommerloch. Der Unternehmer ist seit 25 Jahren Jünger des indischen Gurus Maharishi Mahesh Yogi. Der hat die Transzendentale Meditation (TM) erfunden, eine Form der angeblich totalen Entspannung, für die sich bislang weltweit zwischen drei und vier Millionen Menschen begeistern.
Oberstes Ziel der TM ist, so verkündet es Maharishi Mahesh Yogi, die Senkung der Kriminalitätsrate in den Ballungszentren. Die yogischen Flieger, wie sie sich selbst nennen, sehen sich als "weltweite Waschmaschine, die das Weltbewußtsein von Streß reinigt und überall geordnete, evolutionäre Lebenstrends fördert". Einer der Berliner TM-Piloten ist sich ganz sicher: "Je mehr Yogis aufsteigen, desto mehr gehen die Verbrechen runter."
Der Glaube an die Kraft ihres alles harmonisierenden Magnetfeldes ist schier unerschöpflich. Als nach einer Hitzeperiode gerade in Berlin-Mitte sintflutartige Regenfälle niedergehen, erklärt ein Yogi mit messianischem Ernst: "Unsere kosmische Waschstraße hat für die Abkühlung gesorgt."
Die Glücksvisionen des Bewußtseinsexperten Maharishi, 84, der schon in den sechziger Jahren mit den Blumenkindern abhob, kommen auch bei sonst Bodenständigen an. Hans-Christoph Reusch, Richter am Oberverwaltungsgericht Koblenz, meditiert zusammen mit seiner Frau in Berlin, weil er glaubt, daß nur in der Kraft der Stille die Lösung der Menschheitsprobleme liegt.
Der Berliner Steuerberater Horst-Rainer Witt übt sich im Fliegen, weil er "einen Beitrag zum Wachstum der Kohärenz in Deutschland leisten will". Und Yogi Willibald Gottfried Ellmann, im Zivilleben Landarzt im bayerischen Kötzting, wünscht sich, daß er demnächst auch seinen Bauern im Bayerischen Wald Maharishis Entspannungstechnik auf Rezept verschreiben kann. Ellmann ist Mitbegründer der Naturgesetz Partei, die im Oktober letzten Jahres bei der Bundestagswahl angetreten war.
Die Schauspielerin Barbara Rütting, eine Veteranin des antiamerikanischen Raketenprotests, freut sich, "in einem echten Friedensprogramm mitwirken zu können".
Wie die Transzendentale Meditation Diebe, Einbrecher und Mörder zur Einsicht und Umkehr bringt, erklären die TM-Anhänger ebenso vage wie lapidar: Alles hänge mit allem zusammen. Oder wie Organisator Klein sagt: "Aus der Stille des eigenen Bewußtseins können wir die Welt verändern."
Sogar ein Oberstleutnant der deutschen Luftwaffe hat sich unter die yogischen Tiefflieger begeben. Gunter Chasse, stellvertretender Kommandeur im Verteidigungsbezirkskommando 43 in Darmstadt, möchte am liebsten 7000 TM-Jünger als Präventionsverband in der Bundeswehr einsetzen. "Die wären für den Frieden wirkungsvoller als meine Tornado-Kameraden in Bosnien."
Eher ungläubig reagiert die Berliner Polizei auf die geistige Amtshilfe. "Wenn kein Streifenwagen mehr zum Einsatz gerufen wird", so Polizeisprecherin Gabriela Gedaschke, "werden wir sehen, ob die Massenmeditation geholfen hat." Y

DER SPIEGEL 32/1995
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