Die Wissenschaftler des "Manhattan-Project" kannten nur ein Ziel: schneller zu sein als die Deutschen. Seit Albert Einstein im August 1939 den amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt über die Möglichkeit des Baus der neuen Superwaffe unterrichtet hatte, stand Deutschland als Hauptgegner im Wettlauf um den nuklearen Durchbruch fest.
"Wir waren in großer Sorge", erinnert sich der Chemiker Joseph Rotblat, Mitarbeiter in Los Alamos, "was Heisenberg und die anderen deutschen Wissenschaftler taten." Keiner der "Manhattan"-Leute dachte an Japan als Ziel der Bombe; der fernöstlichen Kriegsmacht wurde Kerntechnologie in nächster Zukunft nicht zugetraut. "Bis zum Zeitpunkt der deutschen Kapitulation", so Glenn Seaborg, Leiter des Forschungsteams, das zum erstenmal Plutonium isolierte, "gingen wir davon aus, daß die Deutschen das Ziel für die Atombombe sein würden." _(* Landung auf Tinian nach dem Abwurf ) _(der Atombombe auf Hiroschima am 6. ) _(August 1945. )
Tatsächlich aber spielte Deutschland in den strategischen und politischen Diskussionen der anglo-amerikanischen Alliierten kaum je ernsthaft eine Rolle. Der amerikanische Physiker Arjun Makhijani schrieb kürzlich im angesehenen Bulletin of the Atomic Scientists, daß die Militärplaner schon früh Japan ins Visier nahmen - obwohl da der vernichtende Sieg über Hitler-Deutschland noch nicht absehbar war.
Bereits am 5. Mai 1943 diskutierten hohe Militärs im Weißen Haus über das Ziel für die Bombe. Laut Sitzungsprotokoll kam man überein, daß die "japanische Flottenkonzentration" bei den Truk-Inseln nordöstlich von Neuguinea als Angriffsobjekt geeignet sei.
Im September 1944 verständigten sich der britische Premier Winston Churchill und Roosevelt darauf, falls nötig und möglich einen atomaren Schlag gegen die Japaner zu führen, um die Kapitulation zu erzwingen. Anderthalb Jahre später, am 23. April 1945, notierte Generalmajor Leslie R. Groves, militärischer Leiter des mittlerweile testreifen Bomben-Programms, in einem Memorandum an Verteidigungsminister Henry L. Stimson: "Das Ziel ist und war immer Japan."
Für eine japanische Stadt, und nicht etwa eine deutsche, sprach die Technik: Eine B-29 sollte die Bombe abwerfen - ein ausschließlich im pazifischen Raum operierendes Flugzeug. Anders als immer wieder vermutet, so der Physiker Makhijani, hätten rassische Motive die Entscheidung nicht beeinflußt.
Gegen Deutschland habe das Prinzip der nuklearen Abschreckung gesprochen, meint Makhijani: Es gab Befürchtungen, daß die Atombombe nicht explodieren könnte - ein Blindgänger aber hätte Hitlers Wissenschaftlern Aufschluß für ihre eigenen Forschungen geben können. Doch das Rennen um die Bombe hatten die "Manhattan"-Wissenschaftler längst gewonnen. Zwar war die Gruppe um Werner Heisenberg bei der Erforschung der Kernkraft zunächst gut vorangekommen. So ergab eine Versuchsanordnung mit einer Aluminiumkugel, die schweres Wasser und Uranoxid enthielt, Anzeichen für eine Kettenreaktion - der erste Schritt zu einem Uran-Reaktor.
Aber schon Mitte 1942 kamen die Arbeiten praktisch zum Erliegen. Heisenberg hatte Rüstungsminister Albert Speer informiert, daß der Bau der Bombe noch mindestens drei bis vier Jahre dauern würde. Bis dahin jedoch, so Speer in seinen Erinnerungen, "mußte der Krieg längst entschieden sein". Deshalb "verzichteten wir . . . auf die Entwicklung der Atombombe".
Die Nazis wollten den Krieg rasch gewinnen - für langwierige und enorm kostspielige Experimente zur Gewinnung des Bombenstoffs Uran 235 fehlten die Zeit und die Ressourcen.
DER SPIEGEL 32/1995
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