15.04.2013

BILDUNGZurück zum Kerngeschäft

Der neuseeländische Forscher John Hattie hat ermittelt, was Schüler erfolgreich macht - und was nicht. Sein Befund muss übereifrige Reformer stoppen: Auf den Unterricht kommt es an.
Der Blick aufs Barometer ist in Deutschland ein wenig aus der Mode gekommen. Meist sind es Rentner, die allmorgendlich prüfen, ob der Luftdruck steigt oder fällt.
John Hattie, 62, stammt aus Neuseeland und lehrt in Australien. In einer Weltregion also, wo eine Veränderung um ein paar Millibar womöglich den nächsten tropischen Wirbelsturm anzeigt oder eine Hitzewelle; wo es sich jedenfalls lohnen kann, den Luftdruck genau zu messen. Das mag dazu beigetragen haben, dass Hattie, Professor an der Universität Melbourne, ein Instrument aus der Meteorologie gewählt hat, um seine Forschungsergebnisse zu illustrieren.
Der "vielleicht einflussreichste Bildungsforscher der Welt" ("Times Educational Supplement") bildet auf einer Barometerskala ab, wie stark sich 138 Faktoren auf die Leistungen von Schülern auswirken. Vor vier Jahren veröffentlichte Hattie sein Buch "Visible Learning", seither sorgt es in der Wissenschaftswelt für Furore. Nun erscheint die deutschsprachige Übersetzung, und Hattie stellt in dieser Woche an der Universität Oldenburg seine Thesen erstmals hierzulande einem größeren Kreis vor(*).
Sie sind geeignet, der kleinteiligen und teilweise ideologisch geführten Schuldebatte in Deutschland eine neue Richtung zu geben. Denn der ehemalige Musiklehrer fasst rund 800 englischsprachige Meta-Analysen über Schülerleistungen statistisch zusammen; es flossen Studien mit Daten von insgesamt 250 Millionen Schülern ein, die Arbeit dauerte über 15 Jahre lang. Hatties Mammutwerk könnte auch in Deutschland Bildungspolitiker, Eltern und Lehrer zu der Einsicht bewegen, sich zu oft über das Falsche gestritten zu haben.
"Viele der am intensivsten diskutierten Probleme sind diejenigen, welche die geringsten Effekte aufweisen", kritisiert Hattie. Gemeint sind damit etwa: kleinere Klassen, jahrgangsübergreifender Unterricht, das Sitzenbleiben, die Frage, ob die Schüler Uniformen tragen oder nicht - alles völlig oder nahezu wirkungslos.
Ob das Gymnasium nun acht oder neun Jahre lang dauern soll, die Grundschule vier oder sechs - über solche Bildungsfragen mögen sich in der Bundesrepublik Volksinitiativen gründen und Landesregierungen zerlegen, doch Hattie muss sie für nachrangig halten. Um "kosmetische oder lediglich den Anstrich betreffende Reformen" werde zu viel Aufwand betrieben. Stattdessen lautet seine Losung: zurück zum Kerngeschäft.
Hattie setzt, so interpretiert der Kieler Schulforscher Olaf Köller den Kollegen, auf "Tiefenmerkmale des Unterrichts", während "Oberflächenmerkmale, die sich vor allem auf Rahmenbedingungen von Schule und Unterricht beziehen, weitgehend unwirksam" seien.
In Hatties Rangliste liegen Faktoren vorn, die sich nur im direkten Verhältnis von Schüler und Lehrer herausbilden können (siehe Grafik). Auf Platz eins das Vertrauen der Schüler in die eigene Leistung, auf Platz zwei das altersgerechte Unterrichten entsprechend der kognitiven Entwicklung, auf Platz drei die fortwährende Überprüfung des Unterrichtserfolgs.
Hattie verwendet sperrige Begriffe, die man erklären muss, sie liegen weitab von den griffigen Formeln mancher Hirnforscher, Motivationspsychologen oder Medienphilosophen. Er zeigt auf, dass nachhaltige Qualität nur in den Schulen entstehen kann. Sie lässt sich weder von Schulpolitikern verordnen noch durch Alarmismus herbeireden.
Viele Aufregerthemen räumt Hattie ab: Laut seiner Analyse unterscheiden sich Mädchen und Jungen über längere Sicht kaum in ihren Lernleistungen, weder bei den verbalen Fähigkeiten noch in Mathematik oder Naturwissenschaften. Privatschulen machen Schüler nicht schlauer, ebenso wenig wie konfessionelle Anstalten.
Auch bei anderen populären Sujets kommt er zu durchaus differenzierten Schlüssen: Scheidungskinder lernen im Vergleich etwas schlechter, Schulwechsler erheblich schlechter und: "Der Gesamteffekt des Fernsehens auf die Lernleistung ist gering, aber negativ."
Wer das Werk des Pragmatikers Hattie gelesen hat, muss Schulpropheten wie dem Bestsellerautor Richard David Precht misstrauen, der in seinem neuen Buch eine "Bildungsrevolution" ausruft und mit
dem "Verrat des Bildungssystems an unseren Kindern" abrechnet. Um die angeblich drohende Katastrophe abzuwenden, schlägt Precht vor, die Grenzen zwischen den Schulfächern aufzuheben, jahrgangsübergreifend zu lehren, die Ziffernoten und das gegliederte Schulsystem abzuschaffen und die Schulbauten zu verschönern. Schulpolitik müsse wieder utopiefähig werden, forderte er vorige Woche in der "Zeit".
Der Neuseeländer Hattie hält sich hingegen lieber an das, was sich messen lässt, nicht an die gefühlte Temperatur. Dennoch verlangt er viel. Von den Lehrern zum Beispiel, dass sie sich der Wirksamkeit ihres Handelns bewusst sind. Laut einer Allensbach-Umfrage von 2011 glaubt fast die Hälfte der Lehrerinnen und Lehrer in Deutschland, nur wenig oder gar keinen Einfluss auf die Schüler zu haben.
Für Hattie ist der Lehrer der zentrale Regisseur: Idealerweise interveniert er im Klassenzimmer auf "wohlbedachte und sinnvolle" Weise, überprüft sich fortlaufend selbst und steht für den Erfolg seiner Arbeit ein. "Wenn die Lernenden nicht genügend denken, dann stimmt mit dem Unterricht etwas nicht", schreibt der Wissenschaftler.
Ein guter Lehrer stelle hohe Ansprüche an seine Schüler, zu niedrige führten zu einer "sich selbst erfüllenden Prophezeiung". Den guten Lehrer treiben eine "ethische, zugewandte Haltung" und statt abstrakter Konzepte eher die "Liebe zum Stoff" an, so Hattie. "Bei Bildung geht es um mehr, als nur den Menschen das Denken zu lehren. Es geht auch darum, den Menschen Dinge nahezubringen, die es wert sind, dass man sie lernt."
Es komme also auf den Lehrer an, so wird Hattie weltweit rezipiert. Das ist nicht ganz falsch und doch zu einfach - die Verkürzung ist gefährlich, weil sie die Lehrer überfordern könnte. "Die Lehrperson kann für sich genommen keine Wirkung ausüben, dafür braucht es genauso die Schülerinnen und Schüler selbst - und deren Eltern, mit ihren Rechten und Pflichten", sagt Hatties Übersetzer, der Oldenburger Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer.
Auch dessen Münsteraner Kollege Ewald Terhart wendet sich gegen Vereinfachungen und kritisiert den "Glauben an die unendliche Steigerbarkeit des Lernens und die Beförderung des Lernens durch das richtige, gute Lehrerhandeln" bei Hattie und dessen Anhängern.
Sicherlich: Wie alle Bildungsforscher ist Hattie nicht unangreifbar, nicht alle seine Befunde sind auf Deutschland übertragbar. Das Instrument der umfassenden Rangliste birgt außerdem die Gefahr, dass jeder sich die Punkte herauspickt, die er ohnehin auf der Agenda hat. Doch um einfache Handreichungen geht es Hattie gar nicht.
Das wichtigste Instrument in seinem Werk lautet "Feedback". Rückmeldung an Lehrer kann von anderen Kollegen kommen, die den Unterricht beobachten, oder von regelmäßigen Expertenbesuchen außerhalb einer mit großem Popanz betriebenen Schulinspektion.
Rückmeldung soll auch von den Schülern kommen, die Auskunft darüber geben, ob sie in einer Schulstunde etwas gelernt haben oder nicht.
Die erforderlichen Qualitäten seien erlernbar, schließlich gehe es Hattie um "Lehrerhandeln", nicht um "Lehrerpersönlichkeit", schreiben Ulrich Steffens und Dieter Höfer vom Landesschulamt Hessen, die als eine der wenigen Schulgestalter schon öffentlich über die Schlüsse aus Hatties großem Wurf nachgedacht haben. "Folgt man Hatties Forschungsbilanz, so hätten sich die Anstrengungen vor allem auf eine weitere Professionalisierung des Lehrpersonals zu konzentrieren." Auch Rainer Dollase, emeritierter Bildungspsychologe an der Universität Bielefeld, folgert in der "Saarbrücker Zeitung": "Für die Bildungspolitik ist die Lehrerausbildung und -fortbildung das wichtigste Gebiet."
Doch ausgerechnet auf diesem so wichtigen Feld tut sich in Deutschland trotz einer gerade ausgerufenen Qualitätsoffensive zu wenig. Hatties Analyse für die von ihm untersuchten angelsächsischen Länder kann getrost auch hierzulande gelten: Die Lehrerbildung, so zitiert Hattie einen Kollegen, sei das "Dodge City der Bildungswelt" und wie die sagenumwobene Stadt im Wilden Westen "von Ungewissheit und Desorganisation geprägt".
Abseits einiger neugegründeter "Schools of Education" fristet das Lehramt an vielen Universitäten noch immer ein Schattendasein, die angehenden Lehrer sind über alle Fakultäten verteilt. Es gibt keine bundeseinheitlichen Leistungsstandards, keine verbindlichen Selbsttests oder Eingangsprüfungen für Interessenten, nicht einmal ein verpflichtendes Schnupperpraktikum (SPIEGEL 52/2012).
Die Politik feierte es vorigen Freitag schon als Erfolg, dass nun alle 16 Bundesländer gegenseitig ihre Lehramtsabschlüsse anerkennen und so der Wechsel von einem Bundesland zum anderen einfacher wird. Von konkreten Maßnahmen für einen besseren Unterricht war in den Verlautbarungen kaum die Rede.
Bei Hattie würde diese Länder-Initiative wohl einen niedrigen Barometerwert erhalten. Denn: "Je weiter sich eine Innovation vom Lehren und Lernen entfernt, desto eher wird sie zur nationalen Bildungsstrategie."
(*) John Hattie: "Lernen sichtbar machen". Von Wolfgang Beywl und Klaus Zierer überarbeitete deutschsprachige Ausgabe. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler; 439 Seiten; 28 Euro.
Von Friedmann, Jan

DER SPIEGEL 16/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 16/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BILDUNG:
Zurück zum Kerngeschäft