15.04.2013

ALTERNAngst

Der Boxweltmeister Andreas Sidon ist 50 Jahre alt, und seine Ärzte warnen ihn: Beim nächsten Kampf könnte er sterben. Aber Sidon will der Welt zeigen, dass er lebt.
Vierundzwanzig Stunden vor dem Knockout setzt sich Andreas Sidon in einer Kneipe in Gießen an einen Tisch und entscheidet, wie er sterben will. Vor ihm auf der Tischplatte liegen vier Seiten bedrucktes Papier. Mit zackigen Buchstaben füllt Sidon die Lücken aus.
"Ich, Andreas Sidon, geb. am 04.02.1963, wohnhaft in Pohlheim-Hausen, verfasse hiermit für den Fall, dass ich meinen Willen nicht mehr bilden oder verständlich äußern kann, folgende Patientenverfügung."
Auf der zweiten Seite liest Sidon Punkte, die, wenn er sie ankreuzt, regeln, was die Ärzte mit ihm tun sollen, falls sein Gegner ihn morgen ins Koma schlägt: "keine lebenserhaltenden Maßnahmen bei Hirntod, keine künstliche Ernährung, keine künstliche Beatmung". Sidon kreuzt alle Punkte an.
Vor "keine Wiederbelebungsmaßnahmen" schwebt Sidons Kugelschreiber ein paar Sekunden lang über dem Papier, dann zeichnet Sidon ein Kreuz in das Kästchen.
Andreas Sidon arbeitet als professioneller Boxer. Er ist 50 Jahre alt.
Boxer altern normalerweise schneller als andere Menschen. Mike Tyson wurde Weltmeister mit zwanzig. Mit dreißig lassen bei manchen Kämpfern die Reaktionen nach. Mit vierzig eröffnen ehemalige Profis ihr eigenes Boxstudio. Mit fünfzig erzählen sie von der guten alten Zeit, haben Parkinson oder sind Alkoholiker. Sidon boxt mit fünfzig um die Weltmeisterschaft im Schwergewicht.
Er trägt den Gürtel der World Boxing Union, eines Verbandes, den niemand kennt. Der Kampf wird nicht im Fernsehen übertragen. Sidon hat keine deutsche Lizenz fürs Boxen, er kämpft mit einer lettischen Lizenz, die ihm sein Trainer besorgt hat. Er hat keinen Manager, er managt sich selbst.
Er verteidigt seinen Titel gegen einen Kanadier, der zehn Jahre jünger ist, fünf Kilogramm mehr wiegt und Sidon vor ein paar Jahren schon einmal so verprügelt hat, dass der Ringrichter den Kampf abbrach. Sidon sagt: "Diesmal klatsch ich ihn weg, und wenn ich verliere, höre ich auf." Sein Sohn sagt: "Papa, überschätz dich nicht." Der Verbandsarzt des Bundes Deutscher Berufsboxer sagt: "Ich hoffe, Andreas stirbt nicht."
Es kann passieren, dass die Arterien im Hirn eines Boxers anfangen zu bluten, die Leber kann reißen, Rippen können brechen. Jeder Kampf birgt solche Risiken. Aber dieser Kampf ist anders.
Andreas Sidon hat eine Ablagerung in seiner Halsschlagader. Ärzte fanden sie vor sechs Jahren und sagten, er könne sterben, wenn er damit boxe. Es ist eine Ablagerung aus Kalk. Sie führte dazu, dass der Boxverband Sidon die Lizenz entzogen hat. Er klagt dagegen. Sollte er den Kampf überleben, will der Bundesgerichtshof am 23. April über den Fall Sidon entscheiden.
Es gibt Menschen, die sagen, Andreas Sidon sei kein Boxer, sondern ein Selbstmörder. Einer seiner ehemaligen Trainer sagt: "Sidon konnte noch nie boxen." Sidon sagt: "Stimmt."
Drei Stunden vor dem Knockout tapst er durch eine Kabine in der Hessenhalle in Gießen und schlägt seine Fäuste in die Luft. In den vergangenen Stunden hat er geschlafen, vier Spiegeleier mit Speck gegessen und weitergeschlafen. Jetzt sagt er Sätze, auf die ihm niemand antwortet. "Ich weiß nicht, ob ich überhaupt Kraft hab." "Ja, der ist heiß." "Da sind ganz schön viele Leute draußen." Es ist der Dialog eines Kämpfers mit seiner Angst.
Ein kleiner Mann mit grauen Locken stellt sich ihm in den Weg, ein ehemaliger Autohändler aus Koblenz, sein Trainer. "Komm, Andreas, Bandagen", sagt er.
Sidons Trainer schiebt zwei Stühle mit den Lehnen zusammen, Trainer und Boxer setzen sich gegenüber. Der Trainer nimmt Mullbinden aus einem Verbandskasten und wickelt Sidons Hände ein. Er zieht weiße Streifen Mull über eine blasse Tätowierung auf Sidons linkem Handgelenk, ein Herz aus blauer Tinte. Sidon verbirgt diese Tätowierung im Alltag, sie erinnert ihn an seine Kindheit.
Andreas Sidon wuchs in Wuppertal auf, sein Vater arbeitete auf dem Bau, seine Mutter verkaufte Teppichreiniger auf dem Wochenmarkt. Sidon sagt, er wurde von seinen Eltern mit Küssen erzogen.
Seine Mutter schmuste mit ihm und kochte ihm Milchreis mit Zimt und Zucker. Der Vater schenkte ihm ein Paar braune Boxhandschuhe aus Rindsleder.
Kurz nach Andreas' zehntem Geburtstag fuhren die Eltern zu einer Tombola aufs Land. Auf der Rückfahrt hatte sich auf einer Autobahnausfahrt Eis auf dem Asphalt gebildet, das Auto rutschte aus der Spur. Die Eltern stiegen leicht verletzt aus dem Wrack und stellten sich davor. Es kam ein Wagen und fuhr sie tot.
In Sidons Erinnerung waren die Särge aus Eiche. Er warf eine Schaufel Erde in das Loch, in dem seine Familie lag.
Andreas kam ins städtische Kinderheim Wuppertal. Die braunen Boxhandschuhe aus Rindsleder durfte er nicht mitnehmen, er erinnert sich nicht daran, warum.
In einem der ersten Monate im Heim zertrümmerte Andreas einen Holzstuhl auf dem Boden und schlug einen Jungen mit einem Stuhlbein. Er schloss sich auf dem Klo ein, wickelte einen Bindfaden um die Spitze einer Nadel, tauchte sie in Tinte und stach sich das Herz unter die Haut auf dem Handgelenk, in die Mitte stach er das Wort "Love", Liebe.
Zwei Stunden vor dem Knockout springt Sidon in der Hessenhalle vor einer Wand auf und ab und schlägt seine Faust ins Gemäuer. Die Tätowierung ist in seinen Boxhandschuhen verschwunden. Sidon holt weit aus und schlägt rechte Schwinger gegen den Stein.
Ein Schwinger beginnt mit einer Ausholbewegung des Arms, der Boxer legt sein gesamtes Gewicht in den Schlag und schmettert die Faust auf den Gegner wie einen Morgenstern. Es ist ein Schlag, den manche Trainer ihren Boxern verbieten. Wenn er trifft, bricht er Knochen, aber wenn ein Boxer ausholt, kann er selbst getroffen werden, und wenn er vorbeischlägt, kann er das Gleichgewicht verlieren. Es ist ein Verzweiflungsschlag.
"Du siehst gut aus, Papa", sagt ein blondes Mädchen mit roten Schuhen, das ein paar Meter abseits von Andreas an einem Stapel Bierbänke lehnt. Es ist das Nummerngirl, das die Schilder mit der Rundenzahl durch den Ring tragen wird, Mandana, 14 Jahre alt, die Tochter von Sidon und Heike, der Liebe seines Lebens.
Sidon sah Heike zum ersten Mal, als er vom Kinderheim zur Realschule ging. Sie hatte blonde Haare und lange Beine, er sammelte drei Jahre lang Mut, dann sprach er sie an. Er war aus dem Heim geflogen und arbeitete bei einem Landschaftsgärtner. Heike machte eine Lehre bei einem Friseur. Sidon fragte: "Kannst du Haare schneiden?"
Sie tranken rosafarbenen Sekt. Heike schnitt ihm die Haare und fragte: Wieso warst du im Heim? Er erzählte davon, wie es sich anfühlt, niemanden zu haben.
Es folgten vier Jahre, die Andreas erlebte, als wäre er mit Heike allein auf einem Planeten gewesen, sagt er. Sie spazierten Hand in Hand durch die Parks. Sie trampten durch Holland. Sie kauften einen schrottreifen BMW und fuhren nach Jugoslawien. Sie schwammen nackt im Meer. Sidon liebte Heike für alles, was sie war, seine Schöne, seine beste Freundin, die Frau, die ihn nachts im Arm hielt.
Heikes Eltern mochten Sidon nicht, weil er sich auf Schützenfesten prügelte. Als er mit 25 Jahren nach Bochum auf die Berufsschule ging, verließ Heike ihn.
Er aß fast nichts, rauchte Gras, bis er nicht mehr weinte. Dann entschied er, so zu werden wie Bruce Lee, ein Kämpfer, den nichts erschüttert, sagt er. Er wollte nicht als Landschaftsgärtner Buchsbäume pflanzen. Er wollte eine Kampfsportschule eröffnen. Sidon fasste den Plan, nach Thailand zu gehen und Boxen zu lernen.
Eine Stunde vor dem Knockout liegt er auf einer Liege in seiner Kabine. Ein Physiotherapeut, den Sidon "meinen persischen Magier" nennt, massiert ihn. Auf der Schulter knetet er die Muskeln unter einer Tätowierung, einem wilden Muster, in dem rote Orchideen blühen.
Sidon mochte die Blumen in Thailand, die vor der Schule wuchsen, in der er das Thaiboxen lernte. Die Schule lag in einem Wald in der Nähe des Touristenorts Pattaya. Er boxte, bis seine Arme sich anfühlten wie Prothesen. Dann stellte er sich vor eine Bananenstaude und trat mit dem Schienbein dagegen. Die Thais hatten ihm gesagt, davon würden die Nerven absterben, was gut sei beim Thaiboxen. Sidon trat gegen die Staude, bis seine Beine blau waren.
Das Geld für die Schule verdiente er sich mit Kämpfen in Bars am Strand. Wenn er heute über seinen Brustkorb streicht, spürt er die Spitzen der Rippen, die unter Schlägen geborsten sind.
Wenn er verletzt war, spielte Sidon Schach um Geld gegen Touristen, er hatte das im Heim gelernt. Er verlor die ersten Spiele absichtlich, damit die Touristen ihn für einen Dummkopf hielten. Dann tat er so, als würde er wütend, und setzte hundert Dollar. Sidon sagt, er habe immer gewonnen, wenn es drauf ankam.
Am Straßenrand bei einer Ananas-Farm traf er eine Frau, sie hieß Ngamkham. Sie tranken aus einer Kokosnuss, schliefen miteinander, Ngamkham wurde schwanger. Sidon war 29 Jahre alt, verdiente sein Geld mit Barkämpfen, hatte kein Bankkonto und erinnerte sich immer noch daran, wie Heike ihn nachts im Schlaf festgehalten hatte. Aber er nahm Ngamkham mit nach Deutschland und heiratete sie, damit sie bleiben durfte. Sie brachte die Tochter Saskia auf die Welt und zwei Jahre später den Sohn Albano. Ngamkham zog aus, weil sie die Liebe vermisste, Sidon erzog die Kinder allein.
45 Minuten vor dem Knockout muss er zur Toilette. Er braucht dafür Hilfe, weil seine Hände in Handschuhen stecken. Sein Trainer folgt ihm aufs Klo und zieht ihm Hose und Tiefschutz runter.
Nach seiner Zeit in Thailand verdiente Sidon sein Geld in Deutschland als Geldeintreiber und Thaibox-Lehrer. Der CSC Frankfurt nahm ihn in die Bundesliga-Boxmannschaft auf. Er bekam einen Anruf von einem Trainer des Sauerland-Boxstalls, der fragte, ob er zum Sparring vorbeikommen würde.
Sidon fuhr nach Köln, die jungen Schwergewichtsboxer mochten es, mit ihm zu trainieren. Sie mochten das Gefühl, einem Mann auf den Kopf zu schlagen. Schwergewichtler können das selten tun, weil die meisten Menschen umfallen, wenn eine Gerade einschlägt. Auch Sidon fiel um, aber er stand wieder auf.
Andreas Sidon weiß nicht, wie oft seine Nase brach, er schätzt, 20-mal. Er weiß nicht, wie oft sein Gehirn erschüttert war. Bei einem Kampf schlug ihn ein Gegner zu Boden, und Sidon saß eine Stunde danach in der Kabine und fragte sich, ob er schon gekämpft hatte oder noch kämpfen musste. Sidon sagt, er spüre die Schmerzen, aber sie störten ihn nicht.
Er gab nie auf und konnte hauen. So erkämpfte er sich mit 39 Jahren den Titel des Deutschen Meisters im Schwergewicht. Dieser Titel ist zwar nicht begehrt, weil im Schwergewicht nur die Weltmeistertitel der großen Verbände zählen, aber Sidon sagte: "Geil, Deutscher Meister." Ein alter Freund, der ihn kämpfen sah, arrangierte ein Treffen mit Heike. Sidon und Heike hatten sich jahrelang nicht gesehen, sie küssten sich beim ersten Treffen, eine Woche später zogen sie zusammen, ein Jahr später kam die gemeinsame Tochter Mandana auf die Welt.
40 Minuten vor dem Knockout sagt Sidon: "Hauptsache, über die Runden kommen". Mandana legt ihrem Vater die Hände auf die Schultern. Er küsst sie auf die Stirn, dorthin, wo sich eine zackige Narbe über den Schädel zieht.
Am 23. Oktober 2003 fuhren Sidon, Heike und die Kinder mit dem Auto in die Taunus-Therme, in ein Schwimmbad. Sie blieben dort, bis es schloss. Eines der Kinder fragte Sidon, ob er zu müde sei zum Fahren, schließlich sei er in der Sauna eingeschlafen. Heike sagte, Andreas könne sogar noch bis Jugoslawien fahren, wenn es sein müsse, bis ans Meer.
Als er aus dem Ort fuhr, nahm ihm ein Wagen die Vorfahrt. Sidon wich nach links aus, sah rote Absperrpoller in der Mitte der Fahrbahn und riss das Steuer rum. Der Wagen überschlug sich und prallte gegen einen Baum. Die Wucht des Unfalls brach Saskia den Oberarm, sie zerbrach Mandanas Schädel. Albano hatte ein paar Schürfwunden, Heike saß dort, wo das Auto den Baum traf. Der Unfall riss Sidons Ohr ab und klemmte ihn ein, er lag kopfüber im Auto und konnte Heike nicht sehen. Er schob seine Hand durch das verbogene Metall zum Beifahrersitz. Dort, wo Heikes Kopf gewesen war, fühlte er etwas Warmes, Weiches.
Nach Heikes Beerdigung fuhr Sidon mit seinen Kindern zur Kur ins Allgäu. Ein Unfallgutachter hatte ihn von Schuld freigesprochen. Ein paar Tage lang überlegte Sidon, wie er überleben solle ohne Heike. Dann hängte er einen Boxsack in eine Garage und schlug so lange darauf ein, bis er sich wieder spürte.
30 Minuten vor dem Knockout hält Sidons Trainer ihm die Pratzen hin. "Konzentrier dich jetzt", sagt er. Sidon versucht zu tänzeln, er sieht aus, als sei jeder Schritt ein kleiner Sturz, den er auffangen muss. "Ich fühl mich gut, bei mir kommt richtig Las-Vegas-Feeling auf", sagt er.
Anfang März dieses Jahres reiste Sidon für zwei Wochen nach Las Vegas, er wollte dort trainieren. Sein Trainer sagte, in Vegas würde er abgelenkt werden. Sidon sagte, im Grunde trainiere er sich sowieso selbst. Er nahm seinen Weltmeistergürtel im Handgepäck mit in die USA. Es ist ein weißer Gürtel mit einem goldenen Adler und roten Glitzersteinen aus Plastik.
Sidon zahlte 20 Dollar, um eine Woche lang in Johnny Tocco's Gym trainieren zu dürfen. Mehrere Weltmeister trainierten dort in der Vergangenheit, jetzt boxen im Gym vor allem junge, leichte Boxer, neben denen Sidon mit seinem massigen Oberkörper und den kurzen Armen aussieht wie ein Tyrannosaurus Rex, der auf wundersame Weise überlebt hat.
Die Boxer im Johnny Tocco's ignorierten ihn. Nur ein Trainer beobachtete Sidon, es war ein schwarzer Mann, 60 Jahre alt, dem ein einziger Zahn im Unterkiefer steckte und der sich "The Great Willie Joe" nennt. Er stand neben Sidon und lauschte dem Geräusch der Schwinger, die in den Boxsack einschlugen.
"Looking good", sagte Willie Joe.
"I am the Champ", sagte Sidon.
"Me too", sagte Willie Joe.
An einem Abend in Las Vegas legte sich Sidon den Weltmeistergürtel über die Schulter und ging in ein Casino. "What kind of belt is that?", fragten die Amerikaner. Sidon sagte: "Heavyweight champion of the world." Eine Frau streichelte seinen Bizeps.
Sidon lachte viel auf seiner Reise. Nur einmal haute er mit der Faust auf den Tisch in seinem Hotelzimmer, dass die Müslischale wackelte, das war, als der Name Walter Wagner fiel.
"Andreas ist ja im Prinzip ein angenehmer Zeitgenosse", sagt Walter Wagner an einem Morgen Ende März. Er rollt auf seinem Schreibtischstuhl vor und zurück durch sein Büro im Klinikum Bayreuth, aus einer Kiste hinter ihm ragt ein Oberschenkelknochen. Walter Wagner, 62 Jahre alt, ist Chefarzt. Tagsüber arbeitet er als Unfallchirurg, abends sitzt er als Arzt am Boxring. Er ist der Verbandsarzt des Bundes Deutscher Berufsboxer. Für den Verband untersucht er Profiboxer darauf, ob sie tauglich sind fürs Boxen. Am Ring ist es seine Aufgabe, dem Ringrichter zu sagen, dass er den Kampf abbrechen soll, falls die Gesundheit eines Boxers in Gefahr ist.
Wagner untersuchte Sidon vor sechs Jahren und empfahl dem Bund Deutscher Berufsboxer, Sidon die Lizenz zu entziehen. Wagner sagt: "Wenn sich die Kalkschale in Andreas' Arteria carotis interna durch einen Schlag querlegt oder löst, hat er im Idealfall nur einen Schlaganfall, er kann aber auch tot sein."
Sidon sagt: "Wagner ist einer der größten Verbrecher im deutschen Boxsport." Er glaubt, dass der Verband ihn loswerden wolle, um Platz für jüngere Boxer zu machen. Er ging zu einem Arzt an der Uni-Klinik Gießen und ließ sich erneut untersuchen. Der Arzt sagte, dass Sidon ohne Risiko boxen könne. Sidon erstritt sich per einstweiliger Verfügung das Recht zu boxen und klagte gegen den Lizenzentzug.
Walter Wagner sagt, er respektiere Sidon für seinen Mut, aber es sei nicht nur die Verkalkung, sondern auch ein drei Seiten langes neuropsychologisches Gutachten, das ihm Sorgen bereite.
Im Gutachten steht: "Die neuropsychologische Leistungsabklärung zeigte für Herrn S. leichte bis mittelschwere Beeinträchtigungen im verbalen Gedächtnis. Hiervon betroffen sind sowohl das Kurzzeitgedächtnis, das Langzeitgedächtnis, die Lernfähigkeit als auch die Einspeicherfähigkeit. Unter Berücksichtigung der Boxerkarriere von Herrn S. müssen diese vorgefundenen Leistungsdefizite als Hinweise eines erlittenen soge. ,minor traumatic brain injury' gewertet werden."
20 Minuten vor dem Knockout legt sein Trainer einen schwarzen Mantel um Sidons Schultern. Der persische Magier trägt eine deutsche Flagge an einem Stab. Mandana trägt den Gürtel mit den roten Plastiksteinen. An einem Tisch vor der Kabine sitzen fünf Sanitäter.
Sidon fragt: "Wie wollt ihr bezahlt werden?"
Ein Sanitäter sagt: "Wer ist denn der Veranstalter?"
Sidon sagt: "Ich."
Er ist wahrscheinlich der einzige Weltmeister der Welt, der seine eigenen Kämpfe organisiert. Wie er das finanziert, sagt er nicht. Sidon lebt von Hartz IV. Sobald er Geld verdient, muss er das Amt darüber informieren.
Er wippt hin und her und schlägt sich selbst die Handschuhe gegen den Kopf. Wie bezahlt er die Rettungssanitäter? Wie verhindert er, dass der Kanadier ihn wieder zusammenschlägt? Stirbt er heute Abend durch einen Schlaganfall?
Der Hallensprecher ruft: "Andreaaas Siidoon." Sidon läuft in die Halle. Auf der Treppe vor dem Ring sinkt er auf ein Knie, für ein paar Sekunden verharrt er und wirkt, als würde er beten. Dann steigt er in den Ring, der Kanadier ist schon da, Sheldon Hinton, er hat den Körper voller Tätowierungen und sieht aus wie ein Killer. Die Nationalhymnen erklingen. Der Ringrichter sagt: "Boxen."
Sidon und Hinton umkreisen sich, 27 Sekunden lang, keiner schlägt. Hinton deutet dreimal die Linke an. Sidon verkrampft das Gesicht bei jeder Finte.
Es ist still in der Halle, niemand klatscht, jeder hält die Luft an, weil er wissen will, wer das Opfer sein wird. Dann schlägt Sidon zu.
Ein Boxkampf ist ein Ereignis, das die Menschen oft zu etwas Größerem machen als zu einem Boxkampf. Vitali Klitschko läuft begleitet von Feuerwerk in den Ring, Arthur Abraham lässt sich mit einer Krone auf dem Kopf fotografieren. Die Boxer nennen sich Dr. Eisenfaust, Iron Mike oder The Greatest. Andreas Sidon nennt sich Andreas Sidon.
Für ihn ist Boxen keine Metapher. Für ihn ist Boxen das Leben. Nach zwei Minuten und 48 Sekunden in der ersten Runde schlägt er Hinton mit einem rechten Haken zu Boden.
Außerhalb des Rings ist Sidon ein Mensch, der keinen Termin einhält, der immer gestresst wirkt und sich im Alltag verirrt. Im Ring beherrscht er die Welt. Im Ring beherrscht die Welt auch ihn, weil sie ihm Regeln setzt.
Hinton steht wieder auf, die Runde ist vorbei. Sidon setzt sich auf den Hocker in seine Ecke, sein Trainer springt vor ihm auf und ab und schreit ihm ins Gesicht: "Der wackelt, aber du bleibst ruhig, ich tret dir in den Arsch, wenn du jetzt Scheiße baust." Sidon schaut seinen Trainer an wie einen Fremden.
Später wird ein Freund sagen, dass er Sidon niemals so gut hat boxen sehen wie in der zweiten Runde. Schnell, locker, seine Füße bewegen sich in leichten Schritten. Es ist wie damals beim Schachspielen in Thailand. Es gibt niemanden mehr in der Halle, der sich Gedanken um Verkalkungen macht.
In der Kampfpause sitzt Sidon still in der Ringecke. Auf seinem Körper glitzert der Schweiß wie eine Rüstung aus Diamanten. Sidon sitzt auf dem Hocker wie auf einem Thron. In diesem Moment ist er unsterblich.
Er schaut einer jungen, blonden Frau hinterher, die mit einem Schild, auf dem eine 3 steht, durch den Ring geht, dann lächelt er. "Guck mal, meine Tochter", sagt er. Sein Trainer redet auf ihn ein, aber Sidon sieht nicht so aus, als würde er ihn hören. Er sagt: "Jetzt sehe ich alles ganz klar vor mir."
Er erhebt sich, er hat noch ein leichtes Lächeln auf den Lippen. Er tänzelt ein wenig, dann schlägt er einen rechten Schwinger und trifft Hinton am Kinn. Hinton fällt um, steht wieder auf, stolpert, der Ringrichter zählt, acht, neun, zehn, aus. Sidon hat gewonnen.
Er umarmt seinen Trainer, seine Tochter. Er umarmt Hinton. Er ruft in die Mikrofone der Journalisten der Lokalradios, dass man noch mit sechzig gut boxen könne.
Kein Bundesgerichtshof, kein Verband wird ihn dazu zwingen können aufzuhören. In Las Vegas, als er auf dem Bett seines Hotelzimmers saß, sagte er, im Ring fühle er eine Ruhe, die sonst nie da sei. Er sagte: "Ich lebe in einem ständigen Kampf gegen mich selbst." Er kämpft gegen die Trauer, die Wut, das Chaos, das Alter. Vielleicht muss er sterben, um diesen Kampf zu gewinnen.
Er hat jeden umarmt, den er zu fassen bekam. Viele Stunden später, als niemand mehr da ist, den er drücken kann, sagt er, was er dachte, als er vor dem Kampf aufs Knie sank. Es war nur ein Satz: "Mama und Papa, danke, dass ich die Kraft habe zu leben." Der Ring war abgebaut, die Stühle waren gestapelt, und Sidon stand noch lange in der Halle.
Von Takis Würger

DER SPIEGEL 16/2013
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