15.04.2013

UMWELTBier ohne Heimat

Umweltminister Peter Altmaier will, dass die Verbraucher Mehrwegflaschen kaufen. Die gelten als ökologisch korrekt. Doch das stimmt selten.
Im Supermarkt soll es bald eine Schmuddelecke geben, die mit Warnhinweisen markiert ist: die Einweg-Abteilung. Über dem Regal mit den schlaffen Plastikflaschen werden Schilder mit der Aufschrift "EINWEG" hängen. Die Buchstaben müssen "in Gestalt und Schriftgröße" mindestens "der üblichen Auszeichnung des Endpreises entsprechen"; so regelt es Paragraf drei einer Verordnung, die Umweltminister Peter Altmaier (CDU) in den nächsten Tagen durch den Bundesrat bringen will.
Die Warntafeln sollen die Verbraucher dazu bringen, statt Einweg- künftig wieder Mehrwegflaschen zu kaufen. Bei Umfragen im Auftrag des Umweltministeriums kam heraus, dass viele Kunden seit der Einführung des Dosenpfands vor zehn Jahren den Überblick verloren haben, welche Flasche gut für die Umwelt ist und welche schlecht. Aufklärung tut not, findet Altmaier.
Die Frage ist freilich, ob Mehrweg wirklich besser für die Umwelt ist. In einer Untersuchung für das Umweltbundesamt sind Wissenschaftler mehrerer Institute derzeit dabei, für alle Getränkeverpackungen neue Ökobilanzen aufzustellen. Die Details der Studie sollen erst im nächsten Jahr vorgestellt werden, doch eine Überraschung deutet sich bereits an: Die gute alte Mehrwegflasche ist schlechter für die Umwelt als bislang geglaubt. "Unter Öko-Gesichtspunkten wäre es mitunter womöglich sogar besser, das Bier wieder aus der Dose zu trinken als aus der Mehrwegflasche", sagt ein Wissenschaftler.
Dosenbier schlägt Flaschenbier? Bislang galt es als ökologische Gewissheit, dass Mehrweg besser sei als Einweg. Doch die Trinkgewohnheiten der Deutschen haben sich in den letzten Jahren verändert - und damit auch die Ökobilanzen in der Getränkeindustrie.
Früher trank man das Bier aus der Heimatregion, heute das aus der TV-Werbung. Die Transportwege zwischen Brauereien, Biertrinkern und Leergut-Sortieranlagen wurden dadurch länger, die Flaschen seltener wiederbefüllt.
Ein Bericht der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung kam Ende 2011 zu dem Ergebnis, dass nur noch etwa jede vierte Mehrweg-Bierflasche im Brauerei-Umkreis von bis zu 50 Kilometern geleert wird. Lieferwege von über 400 Kilometern seien keine Seltenheit. Im Durchschnitt lägen Abfüllort und Konsument 216 Kilometer auseinander. In älteren Studien ging das Umweltbundesamt noch von durchschnittlich 100 Kilometern aus.
Durch den längeren Transport, in der Regel per Lkw, verschlechtert sich die Umweltbilanz der Mehrweg-Glasflasche: Sie ist schwerer als die Plastikflasche und sperriger als die Dose, und immer häufiger muss sie den ganzen weiten Weg zweimal machen.
Früher bedienten sich die deutschen Brauereien genormter Flaschen. Geleerte Kästen gingen an die jeweils nächstgelegene Brauerei. Dort wurden die Flaschen gereinigt, frisch etikettiert und neu befüllt, insgesamt bis zu 50-mal.
Doch im Jahr 2007 brachte der Oetker-Konzern sein Radeberger-Bier in einer eigenen Designflasche auf den Markt. Viele Brauereien sind diesem Beispiel gefolgt. Es gibt Flaschen mit Markenrelief (Veltins) und sechseckigem Flaschenhals (Hasseröder), mit Taille (Bitburger) und mit Klumpfuß (Sion). Manche sind grün, andere braun. Es gibt die "Longneck"-Flasche mit langem Hals und die abgewandelte "Stubbi"-Flasche mit wulstigem Stiernacken.
Experten an der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin schätzen, dass der Anteil der sogenannten Individualflaschen schon bei einem Drittel liegt. Auf dem hart umkämpften Biermarkt wollen sich vor allem die Hersteller der Premiummarken optisch von der Billigkonkurrenz abgrenzen.
Und so kommt es beim Leergut zu einem großen Durcheinander. Sechseck- steckt neben Klumpfußflasche, Langhals- neben Stiernackenflasche. Nach Branchenschätzungen enthalten Bierkästen bei der Rückgabe inzwischen zu einem gut Teil Fremdflaschen, die mühsam aussortiert und teils über beträchtliche Distanzen an ihren Ursprungsort zurückgebracht werden müssen. Das sei ein "ökologischer Wahnsinn", kritisiert Steffen Dittmar, Chef der Löbauer Bergquell Brauerei und Präsident des Sächsischen Brauerbundes.
Ein weiteres Problem ist, dass die Bierflaschen heutzutage offenbar nicht sehr lange halten. Früher wurden sie bis zu 50-mal wiederbefüllt. Nun aber gibt die Paulaner Brauerei im Fachblatt "Brauwelt" offen zu, ihre Flasche sei nur noch "für etwa acht Umläufe konzipiert", mehr lohne sich nicht.
Einige Brauereien verzichten deshalb inzwischen darauf, ihre Flaschen untereinander auszutauschen, und entschieden sich für eine pragmatischere Lösung: Sie werfen die Flasche einfach in den Altglascontainer.
Von Alexander Neubacher

DER SPIEGEL 16/2013
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