15.04.2013

RUSSLANDWladimir Guttenberg

Wissenschaftler nehmen Präsident Putin und seine Vertrauten ins Visier. Sie haben in ihren Doktorarbeiten abgeschrieben.
Der Mann, den Russlands Politiker zurzeit besonders fürchten müssen, forscht eigentlich an Teilchenbeschleunigern am Alichanow-Institut in Moskau. Besuchern verwehren Wachen dort den Zutritt. Wer den Physiker Andrej Rostowzew trotzdem treffen will, geht also am besten nach Dienstschluss in einen Schnellimbiss nahe seiner Wohnung, wo das Bier aus Plastikbechern getrunken wird.
Rostowzew klappt dort seinen Laptop auf. Er hat in seiner Freizeit ein Programm geschrieben, das er "Dissertations-Häcksler" nennt. Es erkennt Plagiate in kyrillischer Schrift - und Rostowzew lässt die Software jetzt vorzugsweise über die Doktorarbeiten russischer Prominenter laufen. Der Wissenschaftler ist nicht allein, er kooperiert seit Wochen mit Kollegen und Oppositionellen. Und jetzt lassen sie reihenweise Vertraute von Wladimir Putin auffliegen, die ihre akademischen Arbeiten ganz oder teilweise abgeschrieben haben.
Es ist die nächste Front, die Putin-Gegner eröffnen, nachdem sie wichtige Wahlen unter dem Druck der Kreml-Propaganda verloren haben und auch die Massenproteste verebbt sind. Rostowzew hat sich bei einem Forschungsaufenthalt in Hamburg im vergangenen Jahr dazu inspirieren lassen. Damals hatten Plagiatjäger im Internet Bundesbildungsministerin Annette Schavan ins Visier genommen, zuvor schon hatte es CSU-Mann Karl-Theodor zu Guttenberg erwischt. Rostowzew dachte sich, man müsste mal nach Guttenbergs an der Moskwa suchen: "Der Fall Schavan hat uns angespornt."
Er lädt die Habilitationsschrift eines Absolventen der Hochschule des sowjetischen Geheimdienstes hoch. Der Autor hat vor Monaten für Putin eine schmutzige Kampagne mitinszeniert: Nach angeblichen Misshandlungen russischer Waisen in den USA verbot Moskau Adoptionen durch Amerikaner. In Wahrheit war das Gesetz ein Werkzeug der Rache, weil Washington korrupten russischen Beamten die Einreise verweigert.
Rostowzews Häcksler-Software zerlegt die Habilitation des Mannes in Textbausteine und prüft sie mit Hilfe von Internetdateien auf Übereinstimmung mit anderen Schriften. Das Ergebnis: 2881 Treffer auf 420 Seiten. Putins Vertrauter hat über ein Viertel des Textes aus seiner eigenen Dissertation übernommen - die er schon zu großen Teilen aus Arbeiten anderer Autoren kopiert hatte. Selbst die Schlussfolgerungen bestehen aus zusammengeklaubten Passagen, groß "wie Blöcke der Cheopspyramide", spottet ein Bekannter Rostowzews.
Unter den Plagiatoren sind zahlreiche Vorkämpfer von Putins neuem patriotischem Kurs: Zuerst flog ein Führungskader seiner "Volksfront" auf, des Sammelbeckens kremltreuer Vereine und Verbände. Dann traf es ein halbes Dutzend Abgeordnete der Staatsduma, darunter Igor Lebedew, Sohn des Nationalistenführers Wladimir Schirinowski, sowie die Parlamentarierin Olga Batalina, die den Adoptionsstreit mit den USA angeheizt hatte. Sie alle bestreiten die Vorwürfe.
Neben Wissenschaftlern wie Rostowzew beteiligen sich Kreml-Gegner wie der Journalist Sergej Parchomenko, im vorigen Jahr Mitorganisator der Massendemonstrationen gegen Wahlfälschungen, an der Jagd. Sie bilden ein neues Zentrum der Opposition. "Wir kämpfen gegen die Lügen des Kreml", sagt er. Wer einmal als Scharlatan überführt sei, dem würden Wähler nicht mehr glauben, hofft Parchomenko.
Ein Abgeordneter der Putin-Partei Einiges Russland etwa hat für seine Arbeit über die Lebensmittelindustrie eine Dis-
sertation zu Problemen der Konditoreibranche fast komplett abgeschrieben. Immerhin ersetzte er etwa den Begriff "dunkle Schokolade" durch "Rindfleisch".
Mehr als 200 der 450 russischen Parlamentarier sind Doktoren oder Professoren. Beamte und Politiker "versuchen so, ihre Beschränktheit zu verschleiern", höhnt der Ökonom Wladislaw Inosemzew. Der Doktortitel sei "ein Statussymbol wie der Benz oder die Blondine, nur billiger", spottet Parchomenko.
Die Nachfrage schafft das Angebot: Zu Hunderten bieten Ghostwriter im russischen Internet "schlüsselfertige Dissertationen" an, die meist mit leichten Änderungen abgekupfert werden. Der Preis liegt bei umgerechnet 10 000 Euro.
Das lockt auch Kriminelle, die ihre Defizite an Seriosität mit einem Titel wettmachen wollen. Der Anführer einer Bande etwa, die 2010 ein Provinzstädtchen terrorisierte und acht Erwachsene sowie vier Kinder massakrierte, ist Doktor der Soziologie. Nach seiner zusammenkopierten Dissertation ist er Experte für "Wertvorstellungen der Landbevölkerung".
Milde sind Russlands Plagiatjäger nur mit dem Präsidenten. Putin wurde 1997 über "strategische Planung" im Rohstoffsektor promoviert und hat dabei 16 Seiten aus einem Ökonomielehrbuch abgeschrieben, samt Tabellen und Diagrammen. "Nicht so wichtig" findet das der Kreml-Gegner Parchomenko, weil das Kapitel nur einen Randaspekt von Dr. Putins Arbeit betreffe. Bedenklicher sei, "dass die ganze Dissertation schlecht ist".
(*) Bei einer Feier an der Universität St. Petersburg im Jahr 2000.
Von Benjamin Bidder

DER SPIEGEL 16/2013
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