15.04.2013

HOLLYWOODSei ein Mann!

Der Schriftsteller Bret Easton Ellis hat weltberühmte Romane geschrieben. Heute twittert er durchgeknallte Miniaturen und macht einen nihilistischen Film über die Stadt, in der er lebt und die so kaputt ist wie er: Los Angeles.
Irgendwann Mitte Januar, in der Trockenheit von Palm Springs, kam die Angst zurück, und Bret Easton Ellis konnte nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Er war mit einer alten Freundin und seinem Lebensgefährten für eine Woche in ein Haus in der kalifornischen Wüste gefahren. Es gab viel Streit mit der Freundin, die in einer Lebenskrise steckte, und außerdem musste Ellis ein Drehbuch für eine Fernsehserie umschreiben und hing nur am Telefon.
"Plötzlich kam die Angst vor der Zukunft, Reue über die Vergangenheit. Scham und Selbstmitleid", sagt Ellis heute, zwei Monate später. "Mein Ego, von dem ich glaubte, ich habe es im Griff, machte nur noch wah, wah, wah!"
Bret Easton Ellis, der zwei der einflussreichsten Bücher des späten 20. Jahrhunderts verfasst hat, befürchtete, nie wieder einen Roman schreiben zu können. In den vergangenen Jahren hatte er sich versucht einzureden, dass er literarisch alles gesagt habe; dass ihn so etwas Altmodisches wie ein Buch nicht mehr interessiere in Zeiten, in denen man auf dem iPhone einen Film drehen und mit einer Twitter-Meldung einen Skandal produzieren kann.
Doch jetzt in der Wüste dachte er an seine Twitter-Botschaften, über die seine Freunde ihm sagten, sie wirkten verrückt. Und er dachte an den Film "The Canyons", den er geschrieben und zusammen mit dem Regisseur Paul Schrader gedreht hatte, einen Noir-Thriller mit dem Skandalmädchen Lindsay Lohan sowie einem Pornostar in den Hauptrollen. In einer Titelgeschichte des "New York Times Magazine" hatte Ellis gerade lesen müssen, dass Schrader, Lohan und Ellis nur ein Haufen Gestriger seien, die verzweifelt nach Aufmerksamkeit schrien.
Außerdem nahm Ellis kein Xanax mehr, ein Angstlöser, von dem er 20 Jahre lang abhängig gewesen war. Bret Easton Elllis versuchte sich also zu erinnern, was sein Psychiater für solche Situationen geraten hatte: Arbeite dich durch die Depression hindurch. So begann Bret Easton Ellis an den letzten Tagen in Palm Springs wieder Notizen zu machen für einen neuen Roman.
Mit 49 Jahren ist Ellis bereits ein legendärer Schriftsteller. Das liegt daran, dass er große Literatur geschrieben hat. Es liegt aber auch daran, dass das schon so unvorstellbar lange her ist. 1985 erschien "Less Than Zero", das Ellis 20-jährig in wenigen Wochen geschrieben hatte. Das Buch beschreibt das hohle Leben wohlhabender Jugendlicher in Los Angeles und begründete einen literarischen Stil, der bis heute fortwirkt und vielfach kopiert wurde. Dabei ging es vermeintlich um die Beschreibung von Oberflächen, von Marken, Autos, Kokain und Sex, in Wirklichkeit aber um den gefühlstoten Schlamm, der darunterlag und die Menschen zerstörte. Nach den großen psycho-sozialen, am Ende aber versöhnlichen Erzählungen der siebziger Jahre von John Updike oder Philip Roth schockierte Ellis mit seinem kalten Blick auf die libertär-kapitalistische Gesellschaft.
Sein dritter Roman "American Psycho" über einen New Yorker Banker, der nachts Frauen quält und tötet, machte Ellis zum Star. Das Buch wurde in einigen Ländern zeitweilig verboten, und tatsächlich sind einige Stellen so krank, dass sie bis heute schwer zu ertragen sind.
Auf einmal, in den frühen Neunzigern, trugen Mittzwanziger Anzug und Krawatte, sie begannen, Konsum und Marken kulturell zu überhöhen und Zynismus als geistige Grundhaltung zu zelebrieren - und wer heute an diese Zeit zurückdenkt, dem fallen diese beiden Bücher von Ellis ein. Das ist auch ein Fluch.
Deswegen hatte Ellis in den vergangenen Jahren ein Projekt. Er litt immer noch an der modernen Welt. Aber er hielt Literatur nicht mehr für geeignet, dies zu vermitteln. Er suchte nach anderen Wegen, begann Drehbücher für TV-Serien zu schreiben, drehte den Film mit Paul Schrader und kommentierte die Welt mit literarischen Miniaturen auf Twitter. Kunst, sagte er, könne nicht mehr darin bestehen, Bücher auf Lesungen zu signieren.
Zurück aus der Wüste, fuhr Ellis zu seinem Psychiater. Der erzählte ihm, er habe viele Patienten wie ihn. Die meisten kämen aus der Filmindustrie, er nenne sie Boy-Men: Männer um die fünfzig, die immer noch mit dem Gehirn eines 17- oder 18-Jährigen durch die Gegend laufen, "weinerliche, narzisstische Männer".
Der Psychiater wollte nichts über Ellis' Vergangenheit hören: dass er viel zu früh Superstar geworden war; dass sein Vater, ein Finanzmakler in Los Angeles, ihn misshandelt und die Mutter sich nie für ihn interessiert hatte; dass ihn kranke Gewaltphantasien befielen, die er in seinem Roman "American Psycho" ausgelebt hat. Der Psychiater sagte, er wolle nicht gelangweilt werden. Es sei zu spät, diese Probleme zu lösen.
"Stattdessen", sagt Ellis, "riet er mir: ,Beenden Sie Ihr Drehbuch, und beginnen Sie den Roman. Arbeiten Sie hart, und lesen Sie nicht 80-mal pro Tag Twitter. Vor allem: Man up! Sei ein Mann!'"
Das alles ist vier Wochen her, und Ellis hat sich weiterhin Notizen für einen Roman gemacht, aber noch niemandem von seinem Plan erzählt. Es ist der Montag nach der Oscar-Nacht, Ellis hat einen Kater, drei Flaschen Champagner auf dem "Vanity Fair"-Dinner. Dort saß er neben Joan und Jackie Collins und hatte Angst, Menschen zu begegnen, die er schon mal auf Twitter beleidigt hatte.
Er trägt eine Jogginghose und ein Lacoste-Shirt. Todd Michael Schultz, Ellis' Lebensgefährte, den er meist nur "the 26-year-old" nennt, sitzt vor einem Keyboard im Wohnzimmer und singt eine selbstkomponierte sentimentale Melodie.
Schultz ist Komponist und Tee-Blogger. Seitdem er und Ellis vor einem Jahr mit dem Kokain aufgehört haben, zumindest meistens, schreibt er auf seinem Blog "Todd and Tea" über die heilende Wirkung verschiedener Teesorten. Er hat überall in der Wohnung kleine Klarsichttütchen mit "Medical Marihuana" verteilt.
Medical? Wogegen hilft das? Schultz überlegt einen Moment: "Langeweile."
Ellis' Apartment war mal eine Musterwohnung, er hat die Mustermöbel einfach drin stehen lassen. Sie liegt im elften Stock, draußen zieht das L. A.-Wetter vorbei, man sieht West Hollywood und Beverly Hills und am Horizont das Meer. Unten im Garten schimmert ein Pool.
Man kann sich hier oben sehr allein vorkommen, mit dieser Stadt dort unten, in der es kaum öffentliche Plätze gibt, stattdessen Freeways, auf denen 50-jährige Männer zu ihren Psychiatern fahren.
Und natürlich kann L. A. ein befremdlicher Ort sein, mit seinen Filmstudios, Agenten, Personaltrainern, Pornostars und halbberühmten Partygängern im Chateau Marmont, aber Ellis reizt dieses kalte, entfremdete L. A. Für ihn ist es eine Art Labor, in dem er herausfinden will, was solch ein Ort aus Menschen macht. Auch aus ihm selbst.
Von dieser Stadt mit ihren gefühlstoten Menschen handelt auch "The Canyons", Ellis' L. A.-Noir-Film, für den er neben Regisseur Schrader und Schauspielerin Lindsay Lohan noch James Deen, einen Pornostar, gewann. Schrader hat vor fast 40 Jahren das Drehbuch für den Film "Taxi Driver" geschrieben, und Lohan und Deen sind perfekte Vertreter von Ellis' L. A.: Lohan, ein gefallener Kinderstar mit Drogenproblemen, eine Figur direkt aus einem Ellis-Roman; Deen, ein Gesandter von Hollywoods böser Schwester, der Pornoindustrie jenseits der Hills.
Ellis nennt diese Welt das Post-Empire, eine Gesellschaft, die entstanden ist nach dem Fall des anglokapitalistischen Imperiums, eine Kultur der Krise, in der alles alles ist und die nicht mehr von oben diktiert wird. Twitter, ein Pornostar, Lindsay Lohan, ein Noir-Film mit einem Kleinstbudget - alles Post-Empire.
Schultz möchte nun, dass Ellis mit ihm Yoga vorm Fernseher macht. "Come on! Das tut einem gut, wenn man alt und deprimiert ist." Als Ellis nicht reagiert, sagt Schultz: "Es tut einem gut, wenn man Bret Easton Ellis ist!"
Ellis steht auf dem Balkon. In der Sonne funkelt sein Haar in künstlichem Orange. Elf Stockwerke weiter unten, an der Kreuzung Doheny Drive und Elevado Avenue, hat ein schwarzer Mercedes-Geländewagen einen Elektro-Toyota gerammt. "This is so L. A.", sagt Ellis und macht sich Notizen.
Am Abend wartet Ellis in der Tiefgarage des Soho House auf James Deen, den Pornostar. Das Soho House ist ein Mitgliederclub, in den die Boy-Men ihre 15 Jahre jüngeren und 15 Zentimeter größeren Frauen ausführen. Vor der Tiefgarage stauen sich die Autos bis auf den Sunset Boulevard. Auch Deen steht mit seinem Auto in der Schlange, einem weißen raketenartigen Sportwagen, der ein Lamborghini sein könnte, aber ein Nissan ist. Post-Empire eben. Auf dem Beifahrersitz sitzt Deens Freundin, die ebenfalls in Pornos mitspielt und sich Stoya nennt. Ellis sagt, sie sei der erste "intellektuelle Pornostar".
Er geht gern mit Deen und Stoya essen. Sie sind Mitte zwanzig, sehen gut aus, wirken klug. Als "Less Than Zero" herauskam, waren beide noch nicht geboren. Sie behaupten, den Roman zu kennen, Ellis hat da seine Zweifel. Schultz, der auch mitgekommen ist, sagt, er habe erst angefangen, Ellis zu lesen, als er mit ihm zusammengekommen sei. Er habe dann auf dem Bett gelegen, dieses Buch aus ferner Zeit gelesen, sich manchmal zu seinem Freund umgedreht: "Was bist du für ein Psycho."
Während sich die jungen Leute über seine Bücher unterhalten, kippt Ellis an der Bar schnell zwei Gin Tonics hinunter. Er würde sich nicht als Alkoholiker bezeichnen, höchstens als "funktionierenden Abhängigen". Ellis kannte Deen von diversen Pornoseiten im Internet und begriff sofort, dass er es hier mit einem neuen Typ Pornostar zu tun hatte. Deen hat kaum Brustbehaarung, er ist ein Junge und kein Mann. Er hat große warme Augen und eine Frisur wie, nun, James Dean. Er hat weibliche Fanclubs, er hat bei einer Kunstaktion des Schauspielers James Franco mitgemacht und hält Vorträge an Universitäten über Gleichstellung und Sexualität. Er redet nie von Porno, sondern immer von "Adult Industry". Zusammen mit seiner Freundin Stoya engagiert er sich gegen die Zwangseinführung von Kondomen an Pornosets. "Sieht nicht gut aus, zu schmerzhaft für die Frauen bei langen Szenen, führt zu laxeren HIV-Test-Bestimmungen."
Dank Ellis hat er jetzt die ersten Sexszenen mit einer Amateurin gedreht, eben mit Lindsay Lohan, was sich als komplizierter herausstellte, als er gedacht hatte. Deen hat sonst nie Sex mit Amateuren, nicht einmal privat. Lindsay Lohan war es etwas peinlich, sich auszuziehen, während Deen schon nackt im Bett lag. Er hatte vollstes Verständnis.
Für Ellis und seine ständige Suche nach Gegenwärtigkeit steht "The Canyons" am Anfang eines neuen Filmzeitalters. Natürlich wollte kein Studio einen gewalttätigen und halbpornografischen Thriller finanzieren, Schrader und Ellis sammelten im Internet Geld, und den Rest gaben sie privat dazu. Insgesamt sind es rund 270 000 Dollar, ungefähr ein Hundertstel einer kleineren Hollywood-Produktion.
Die Werbung für den Film, für die die Studios normalerweise mehr als die Hälfte des Budgets ausgeben, läuft über Facebook und Twitter und kostet nichts. Dennoch wurde selten über einen Film schon vorab so viel geredet. Es gibt einen Trailer im Internet und ansonsten viel Spekulation. Deen und Lohan spielen ein gelangweiltes Paar, ziemlich am Anfang gibt es eine Szene, in der sie Kokain nehmen und sich einen jungen Mann zum Sex einladen.
"Als ich das zum ersten Mal sah", sagt Schultz, "dachte ich: Wahnsinn. Genau wie Bret und ich noch vor einem Jahr."
Am Ende des Films treibt die Handlung Richtung Gewalt und Psychose. Es sind modern wirkende Bilder, die Ellis und Schrader gefunden haben, ungeschönte, eiskalte Beobachtungen unserer Zeit, Ellis' Dialoge bilden Leere in schärfster Präzision ab. Vor kurzem twitterte er: "Wenn Leute beanstanden, ein Film sei völlig frei von jeglicher Gefühlsregung, können die nicht verstehen, dass Taubheit auch ein legitimes Gefühl ist?"
Es gab eine Zeit, da hat Ellis das Empfinden einer ganzen Generation getroffen. Heute scheinen die Menschen andere Sorgen zu haben als ihre Taubheit. Deswegen lesen sie lieber Bücher von Schriftstellern wie Dave Eggers oder Jonathan Franzen, Bücher, die von Familien, Beruf und Liebe erzählen, Ellis nennt das die "neue Ernsthaftigkeit". Er glaubt nicht daran, dass der Künstler in der Mitte der Gesellschaft stehen sollte. Ellis ist lieber der einsame Nihilist, der oben in seinem Glashaus wacht und versucht, seinen moralistisch-pessimistischen Blick auf die Welt in die neue Zeit zu retten.
"Warum musst du immer so negativ sein", fragt Schultz seinen Freund.
Ellis sagt "oh-kay". Das Familienoberhaupt hat etwas zu sagen. "Jeder ist also nett zu jedem. Jeder bekommt eine Eins. In einer perfekten Welt wäre das großartig. Aber leider leben wir nicht in dieser Welt. Wenn du nicht begreifst, dass die Widrigkeiten des Lebens dir ab und zu in die Fresse schlagen, wirst du irgendwann Selbstmord begehen. Härte dich besser ein bisschen ab. Gewöhne dich daran, dass die Welt nervt."
Am Tisch ist es still geworden. Das Pornopärchen nickt.
Ellis sagt: "Ich weiß. Ich bin alt. Ich klinge wie ein alter Mann."
Dann solle er sich auch wie einer benehmen, sagen ihm viele seiner Freunde. Auf der Oscar-Party hat ihn eine Freundin gefragt, ob er sich nicht schäme. Er solle endlich mit Twitter aufhören. "Leute halten dich für verrückt."
399 000 Menschen folgen Ellis auf Twitter. Entweder spätnachts (keine gute Idee wegen Alkohol) oder gleich morgens (keine gute Idee wegen Morgenverstimmung) setzt er kleine Botschaften ab: apodiktische Urteile über den Zustand der Popkultur, L.-A.-Miniaturen, künstlerische Selbstbespiegelungen - aber auch furiose Angriffe auf Schauspieler, Regisseure, Schriftsteller. Viele seiner Tweets werden von der Presse aufgenommen, manchmal entstehen kleine Skandale. Früher musste er einen ganzen Roman dafür schreiben.
In den Tweets kommen neben dem Ich-Erzähler regelmäßig andere Figuren vor. Da ist der "26-year-old", also sein Lebensgefährte, er steht für das Naive und Gute in der Welt. Und da ist "the trainer", Ellis' Fitnesscoach, dem die Welt nichts anhaben kann, weil er zu dumm für sie ist, Ellis scheint ihn darum zu beneiden.
Der Essayist David Shields nannte neulich Ellis' Twitter-Projekt "schlicht brillant". Es sei vielleicht besser als seine Bücher. "Er versucht in seinen Tweets, mit aller Kraft zu erforschen, wie man lebt, wie man denkt und wie man fühlt in der Kultur des Post-Empire."
Ein typischer Ellis-Tweet lautet so: "Zur allgemeinen Information: Es. wird. kein. neuer. Roman. geschrieben. Außer vielleicht The James Deen Story und etwas, das heißt ,Komm vorbei und bring sofort Koks mit'."
Da ist alles drin, was Ellis derzeit beschäftigt. Er hat diese Zeilen in einer Nacht Anfang Dezember gesendet. Schultz war ausgegangen, Ellis hatte Tequila getrunken und eine Dokumentation über die Rolling Stones geguckt. Viel Kokain gab es da, was Ellis animierte. Doch der einzige Dealer, den er noch kannte, war inzwischen Drehbuchschreiber. Wieder so eine L.-A.-Karriere, dachte Ellis und nahm eine Xanax. Kurz bevor er ohnmächtig wurde, wollte er eigentlich eine SMS an Schultz schreiben, doch er landete bei Twitter: "Come over and do bring coke now". Am nächsten Tag stand auf allen Celebrity-Seiten im Internet: "Bret Easton Ellis hat versucht, Koks über Twitter zu bestellen". Einer seiner Fans fragte: "Is Bret Easton Ellis dead inside?"
Ellis ist nicht tot, aber manchmal ziemlich betäubt. Manchmal hat er keine Lust, das zu fühlen, was er fühlt.
Am nächsten Tag möchte Ellis ins Kino gehen. Er tauscht die Jogginghose gegen eine 290-Dollar-Jeans, dazu Lacoste-Shirt, Windjacke und Joggingschuhe (seine tägliche Uniform) und holt seinen schwarzen BMW 528i aus der Garage, "das universelle L.-A.-Dude-Car", wie er sagt.
Manchmal wirkt es, als wäre diese Figur Bret Easton Ellis, die sich hier durch L. A. bewegt, mit einer Fernsteuerung gelenkt. Seine Stimme klingt so künstlich wie eine Synchronstimme. Im Umgang mit anderen Menschen verfehlt er immer knapp das sozial Erwartete. Alles, was Ellis sagt, scheint er mindestens zehnmal vorher gefiltert zu haben.
Gegenüber vom Hotel Chateau Marmont, in dem auch "The Canyons" beginnt, biegt Ellis in eine Tiefgarage. Das Kino liegt in der Sunset Plaza Mall, einem grauenhaften Ort, Rolltreppen, Springbrunnen, Fitnesscenter und Joghurtläden. Ellis blüht hier auf. Vor dem Starbucks-Laden trifft er einen Freund aus alten New Yorker Tagen, einen Internetmillionär. Sie reden über die Partys Ende der Neunziger, die Ellis in seiner Wohnung am Union Square gegeben hat. Gegen Mitternacht verließ Ellis stets seine eigene Party, um woanders weiterzufeiern mit Leuten, die er wirklich mochte. Danach zog er in ein Hotel, blieb dort drei Tage, und als er zurückkam in seine Wohnung, waren alle Spuren der Party beseitigt.
Der Freund stutzt einen Moment: "Haben wir da neulich schon einmal drüber geredet, oder hast du das getwittert? Ich kann das nicht mehr auseinanderhalten."
Es geht dann um die Unbeschwertheit von damals und um Drogenmengen. Ellis lacht: "Ist es nicht großartig, dass wir in dieser Mall vor Starbucks sitzen und Kokain-Gags machen?"
Er hat einen nun vier Tage lang an seinem Leben teilnehmen lassen. Er sagt: "Ich bin einsam. Ich lasse jeden sofort in mein Leben." In seinem Gesicht liegt jetzt eine gewisse Güte. Am nächsten Tag möchte er mit dem Man-up-Programm beginnen. Dann verschwindet er im Kino.
Tags darauf kündigt Ellis auf einer Blog-Seite für Autoren seinen neuen Roman an. Er erzählt von Palm Springs und davon, dass es ihm nicht gutging und wie ihm klarwurde, einen neuen Roman schreiben zu müssen. Er soll mit einem Autounfall an einer Ecke in West-Hollywood beginnen. ◆
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 16/2013
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