15.04.2013

TV-SENDERSchaltet! Nicht! Ab!

Fast alle großen RTL-Shows verlieren an Zugkraft - zur denkbar schlechtesten Zeit, denn der Eigentümer des Kanals, der Medienkonzern Bertelsmann, will an der Börse Kasse machen.
Wenn die Verantwortlichen von RTL eines Tages feststellen, dass "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS") nicht mehr zu retten ist, werden sie sich zumindest nicht vorwerfen müssen, an Feuerwerk gespart zu haben. Jeden Samstag eröffnet der Sender sein Hauptabendprogramm mit einer Leistungsschau der pyrotechnischen Unterhaltungsindustrie. Auf die unsubtile Art, die dem Sender und dieser Casting-Show zu eigen ist, scheint jede einzelne Explosion an die Zuschauer zu appellieren: Schaltet! Nicht! Ab! Das wird ganz groß! Hier wird an nichts gespart! Bleibt!
Es hat alles nichts geholfen. Die erste Motto-Show sahen 3,7 Millionen Zuschauer - vor zwei Jahren waren es noch mehr als doppelt so viele. Die Quoten bewegen sich immer noch auf einem Niveau, um das die anderen Sender RTL beneiden. Aber sie bewegen sich nach unten, anscheinend unaufhaltsam.
Und es ist nicht nur "DSDS". Das Programm von RTL ist voll von Erfolgssendungen, die ihre beste Zeit hinter sich haben: "Wer wird Millionär?", "Rach, der Restauranttester", "Raus aus den Schulden", "Gute Zeiten, schlechte Zeiten", "Das Supertalent". Nur die Dschungelshow "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus" widersteht dem Trend bislang.
Gerade mal 11,2 Prozent Marktanteil erreichte RTL im März, ein Minus von 2,2 Prozentpunkten zum Vorjahr; bei den jüngeren Zuschauern ist der Abstieg noch rasanter. Als ZDF-Intendant Thomas Bellut neulich beschuldigt wurde, zu sehr auf hohe Quoten zu achten, rechtfertigte er den Erfolg seines Senders mit den Worten, man sei bloß "aus Versehen" Marktführer geworden, weil die Kölner so schwach seien. Das sind Pointen, die RTL ungern dem Zweiten schenkt.
Der Privatsender verweist schon seit einiger Zeit darauf, mit welchem Schwung der Rundfunkempfang gerade digitalisiert wird und wie sehr kleine und kleinste Sender auf Kosten der großen davon profitieren. Das stimmt, erklärt aber nicht, warum der Sender so überproportional leidet. Rückwirkend werden auch die Boomjahre zu einer Anomalie verklärt, der Abrutsch wird zur Rückkehr auf Normalniveau umgedeutet. Das ändert nichts daran, dass der Sender im ersten Quartal 2013 fast neun Prozent weniger Werbeerlöse verbuchen konnte als im Vorjahr. Und es ist kein guter Zeitpunkt für eine solche Talfahrt: Mutterkonzern Bertelsmann will spätestens im Sommer ein größeres Aktienpaket der RTL Group an die Börse bringen.
Was bleibt, ist die Tatsache, dass sich gerade viele Formate gleichzeitig dem Ende ihres natürlichen Lebenszyklus nähern. RTL ist schlecht darauf vorbereitet. Der Sender hat unbestreitbar großes Talent darin, internationale Erfolgsformate gut für den deutschen Markt zu adaptieren und ihre Lebensdauer mit fortlaufenden behutsamen Änderungen auszudehnen. Verlernt hat er darüber weitgehend, was ihn ursprünglich groß gemacht hat: neue eigene Sendungen zu entwickeln und sie auch auszuprobieren.
23 Hauptabendtermine füllt RTL mit der aktuellen Staffel "Deutschland sucht den Superstar"; 14 Ausgaben lang haben sie zuletzt "Das Supertalent" gesucht. Allein mit diesen beiden Sendungen deckt RTL mehr als einen Halbjahresbedarf an Samstagabendshows. Es ist ein Sendertraum - solange die Leute das sehen wollen.
So groß das Glück war, so groß ist nun die Not. Die Zuschauer verlieren das Interesse. Irgendwann haben sie einfach oft genug gesehen, wie ein grundlos hoffnungsfroher junger Mensch vor Dieter Bohlen vorsingt.
"Ich glaube überhaupt nicht, dass sich die Idee der Casting-Shows, die ,15 Minuten Ruhm', erschöpft hat", sagt RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger. Aber er räumt ein: "Aufgrund des Lebenszyklus des Formates reicht es nach zehn Jahren nicht mehr, an kleinen Rädchen zu drehen. Wir müssen drastischer sein, am großen Rad drehen." Die Casting-Show brauche in Zukunft einen neuen Ablauf: Das einfache Prinzip "Auftritt, Anruf, Abschied", bei dem jede Woche jemand rausfliegt, habe sich überlebt.
Er spricht sogar von "Reaktanz", einem Überdruss, den die bekannten Formen nach der Schwemme von Casting-Shows bei Zuschauern auslösen - scheint damit aber leider nicht die Allgegenwart von Dieter Bohlen zu meinen.
Schon wieder ruft der Sender auf zur Bewerbung für eine neue Staffel "DSDS", aber wie die aussehen wird, ist angeblich noch völlig offen: Sänger will prüfen, was für Änderungen innerhalb des internationalen Formats möglich seien, und er schließt nicht aus, dass es am Ende eine ganz neue Dramaturgie oder sogar ein neues Format werden könnte. "Ich bin kein Alarmist, aber wir führen sehr ernste Gespräche mit allen Partnern."
Auch "Das Supertalent" soll überarbeitet werden, stärkeren Casting-Charakter bekommen, die Kandidaten mehr in den Mittelpunkt stellen und auf einheimische statt auf internationale Künstler setzen.
Im Februar und März hat RTL schon drei neue Game-Shows getestet, für die nächsten Monate verspricht Sänger eine "Entwicklungsoffensive": RTL investiere im kommenden Sommer und Herbst so viel in Ideen wie lange nicht.
Er gibt sich Mühe, nicht den Eindruck von Hektik oder Verzweiflung zu machen: "Die Lage ist nicht dramatisch. Aber die Lernkurve muss wieder steiler werden. Wir müssen mutiger, risikofreudiger, schneller werden."
Das würden viele Produzenten unterschreiben. Sie klagen, dass der Sender sehr ängstlich und langsam geworden sei. Manche zweifeln, dass im Haus die Notwendigkeit radikaler Änderungen wirklich schon erkannt sei. Vielleicht fehlen auch die Leute, die sich jenseits der täglichen Routine um Neues kümmern können. Den Mitarbeiter für strategische Programmentwicklung hat RTL vor Jahren abgeschafft - der macht das nun für ProSiebenSat.1.
Die Hoffnungen ruhen nun auf dem neuen Geschäftsführer Frank Hoffmann, der vor zwei Monaten von Vox kam. Er gilt nicht unbedingt als leidenschaftlicher Kreativer, aber immerhin als entschlussfreudiger Stratege. Er will sich im Moment noch nicht zu seinen Plänen äußern.
Was dem Sender fehlt, ist Relevanz. Die Welle der Coaching-Sendungen, die im Gefolge der "Super Nanny" ins Programm schwappten, plätschert auch ihrem Ende entgegen - dass RTL auf diesem Platz versuchte, mit merkwürdigen importierten Reihen wie "7 Tage Sex" und "Die Zuschauer" zu punkten, spricht nicht gerade für ein gutes Gespür der Verantwortlichen.
Doch darauf ist der Sender bei der Suche nach Ersatz für auslaufende Erfolgsformate angewiesen. Aus dem internationalen Markt gibt es derzeit weder ein Nachfolgeformat für die Casting-Shows (den jüngsten Erfolg, "The Voice", hat RTL der Konkurrenz ProSiebenSat.1 überlassen) noch vielversprechende Serien.
Zum Versuch, neue Hits zu finden, gehört das Prinzip von Versuch und Irrtum. Die Liste der Irrtümer ist im Serienbereich schon eindrucksvoll: "Die Draufgänger", "Countdown", "World Express", "Lasko", "Transporter", "Turbo & Tacho", "IK1". Immerhin läuft "Alarm für Cobra 11" auch im 18. Jahr noch mit ordentlichen Quoten - die Gesetze der Sendungsmortalität gelten hier offenbar so wenig wie die der Logik und Physik.
"Erfolgreiches Fernsehen besteht aus einer Mischung aus Regelmäßigkeit und Überraschung. Unsere Stärke ist die Verlässlichkeit", sagt Tom Sänger. "Die Gefahr ist, dass sie zur Erwartbarkeit wird." Das mit der Überraschung muss RTL erst wieder lernen.
Von Stefan Niggemeier

DER SPIEGEL 16/2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 16/2013
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

TV-SENDER:
Schaltet! Nicht! Ab!

Video 01:12

Dashcam-Video Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch

  • Video "Anklage eines Fahrlehrers: Zur Unselbstständigkeit erzogen" Video 04:22
    Anklage eines Fahrlehrers: "Zur Unselbstständigkeit erzogen"
  • Video "Streit um Grenzmauer: Das muss gestoppt werden" Video 02:27
    Streit um Grenzmauer: "Das muss gestoppt werden"
  • Video "Endlich verständlich: Wann kann in den USA der Notstand ausgerufen werden?" Video 01:46
    Endlich verständlich: Wann kann in den USA der Notstand ausgerufen werden?
  • Video "Feuerwehreinsätze in Berlin: Alarm rund um die Uhr" Video 48:27
    Feuerwehreinsätze in Berlin: Alarm rund um die Uhr
  • Video "Twitter-Beef zwischen Kevin Kühnert und Herrn Wang: Arroganter Politikerschnösel!" Video 02:21
    Twitter-Beef zwischen Kevin Kühnert und Herrn Wang: "Arroganter Politikerschnösel!"
  • Video "Wladimir Putin: Malheur beim Judo" Video 00:44
    Wladimir Putin: Malheur beim Judo
  • Video "Amateurvideo: Kreuzfahrtschiff rammt Anleger" Video 01:17
    Amateurvideo: Kreuzfahrtschiff rammt Anleger
  • Video "Grenze USA-Mexiko: Lebensgefährliche Flucht" Video 01:47
    Grenze USA-Mexiko: Lebensgefährliche Flucht
  • Video "Airbus  A380: Scheitern eines Giganten" Video 02:33
    Airbus A380: Scheitern eines Giganten
  • Video "Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen" Video 01:14
    Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen
  • Video "Syrerin heiratet Deutschen: Wenn Liebe Grenzen überwindet" Video 05:09
    Syrerin heiratet Deutschen: Wenn Liebe Grenzen überwindet
  • Video "Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen" Video 01:14
    Video aus Delta-Airlines-Maschine: Verletzte nach Turbulenzen
  • Video "Hohe Durchfallquote: Woran Fahrschüler scheitern" Video 02:25
    Hohe Durchfallquote: Woran Fahrschüler scheitern
  • Video "Auftragsflaute: Airbus stellt Produktion des A380 ein" Video 00:35
    Auftragsflaute: Airbus stellt Produktion des A380 ein
  • Video "Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch" Video 01:12
    Dashcam-Video: Fahrt auf zugefrorenem See endet dramatisch