21.08.1995

. . . und es muß gesagt werden

Mein lieber Günter Grass, es gehöre "zu den schwierigsten und peinlichsten Aufgaben des Métiers" - meinte Fontane -, "oft auch Berühmtheiten, ja, was schlimmer ist, auch solchen, die einem selber als Größen und Berühmtheiten gelten, unwillkommene Sachen sagen zu müssen". Aber - fuhr er fort - "schlecht ist schlecht, und es muß gesagt werden. Hinterher können dann andere mit den Erklärungen und Milderungen kommen". Das ist, ziemlich genau, meine Situation.
Ich halte Sie für einen außerordentlichen Schriftsteller, mehr noch: Ich bewundere Sie - nach wie vor. Doch muß ich sagen, was ich nicht verheimlichen kann: daß ich Ihren Roman "Ein weites Feld" ganz und gar mißraten finde. Das ist, Sie können es mir glauben, auch für mich sehr schmerzhaft. Sie haben ja in dieses Buch mehrere Jahre schwerer und gewiß auch qualvoller Arbeit investiert. Sie haben, das ist unverkennbar, alles aufs Spiel gesetzt: Es ist das umfangreichste Werk Ihres Lebens geworden. Was soll ich also tun? Den totalen Fehlschlag nur andeuten und Sie schonen, Sie also wie einen "matten Pilger" (auch ein Fontane-Wort!) behandeln? Nein, das nun doch nicht. Nur eins verspreche ich Ihnen: Wer hier auf boshafte Witze und auf hämische Seitenhiebe wartet, der soll nicht auf seine Rechnung kommen. Denn schließlich geht es um eine todernste Sache - jedenfalls für Sie.
Wollten Sie einen Roman über Fontane schreiben? Wohl kaum. Sie wissen doch, daß es längst einen solchen Roman gibt und daß ein Konkurrenzkampf mit jenem, der ihn verfaßt hat, leichtsinnig, wenn nicht aussichtslos wäre. Und das ist kein anderer als Fontane selber: Aus seinen Briefen und Erinnerungen, Tage- und Reisebüchern, auch aus seinen Kritiken und nicht zuletzt aus seinen Romanen und Novellen ergibt sich ein Autoporträt, dem sich beides entnehmen läßt - wie er war und wie er gesehen werden wollte. Nein, nicht über Fontane, vermute ich, wollten Sie schreiben, sondern zunächst und vor allem über Deutschland und Berlin in den Jahren des Untergangs der DDR und also der Wiedervereinigung.
Wie beinahe alle erfolgreichen Autoren gelten auch Sie - diesen Ruf verdanken Sie natürlich Ihren Kollegen - als größenwahnsinnig. Ich bin da ganz anderer Ansicht. Nicht Größenwahn, so will es mir scheinen, hat Ihre literarische Produktionskraft in den achtziger und in unseren neunziger Jahren stark beeinträchtigt, sondern eher Unsicherheit, genauer: mangelndes Selbstvertrauen. Fast habe ich den Verdacht, daß Sie jetzt mehr an Ihr Talent als Zeichner und Graphiker glauben denn als Erzähler, als Romancier. Kritik und Publikum haben Ihre "Rättin" und Ihre "Unkenrufe" und auch zwei oder drei kleinere Bücher mit großer Entschiedenheit und meist auch sehr schroff abgelehnt. Das mag einer der Gründe Ihrer Krise sein. Ein anderer hat wohl mit der Politik zu tun.
In den sechziger Jahren (nicht etwa früher!) wurden Sie aus einem im Grunde apolitischen Künstler ein leidenschaftlicher Amateurpolitiker. Diese Vokabel sollte Sie nicht kränken: Schriftsteller, die sich der Politik zuwenden, agieren so gut wie immer als Amateure - und wenn Sie Berufspolitiker werden, dann schaden Sie der Literatur, ohne der Politik zu nützen. Nein, Ihren Beruf wollten Sie im Ernst nie wechseln, aber an der Anerkennung als Politiker war Ihnen doch sehr gelegen. In der Tat: Willy Brandt suchte Ihren Ratschlag - und hat Sie bald bitter enttäuscht. Denn er brauchte Sie, solange er um die Macht kämpfte - und als er Bundeskanzler war, wollte er von Ihnen nichts mehr wissen. Irre ich mich, wenn ich vermute, Sie hätten dies nie ganz verwunden?
Es waren auch nur Enttäuschungen, die Ihnen die deutsche Politik danach bereitet hat - zumal in der Zeit um 1990. Alles veränderte sich, und zwar viel schneller, als wir es uns je haben vorstellen können. Sie standen nicht abseits, Sie nahmen an den Geschehnissen teil - als Redner und Publizist. Einladungen zu Interviews und Diskussionen lehnten Sie nicht ab. Das ehrt Sie. Allerdings vertraten Sie Anschauungen, für die die Mehrheit kein Verständnis hatte. Sie blieben allein. Das spricht noch nicht gegen Sie. Aber das hat Ihnen einen Schmerz zugefügt, mit dem Sie nicht zu Rande kommen konnten. Und haben Sie nicht gerade damals mit der Arbeit an Ihrem Roman "Ein weites Feld" begonnen? Man hüte sich, schrieb Schiller, "mitten im Schmerz den Schmerz zu besingen".
Wie auch immer: Sie waren offensichtlich Ihrer literarischen Mittel nicht sicher genug, um das, was sich vor allem in Berlin abgespielt hat, ohne viele Umstände zum Hintergrund einer Geschichte zu machen: Ihnen haben - und wer dürfte Ihnen das verübeln? - Kraft und Mut gefehlt und jene Risikobereitschaft, die nötig ist, wenn man vor einem leeren Blatt Papier sitzt und erzählen möchte. Erzählen ist doch - davon bin ich überzeugt - die Gegenwart erleben und das Erlebte vergegenwärtigen. Aber wem sage ich das?
Sie, mein lieber Günter Grass, meinten, Sie seien, um das Erlebte vergegenwärtigen zu können, auf einen zentralen, auf einen möglichst originellen, wenn nicht gar skurrilen Einfall angewiesen, einen Einfall, der Ihren Roman tragen und zusammenhalten sollte. Statt alle Skrupel und Hemmungen zu überwinden (ich weiß schon: solche Skrupel und Hemmungen sind bei einem weltberühmten Autor, der nicht mehr der Jüngste ist, besonders groß) und über Personen, Schauplätze und Begebenheiten so direkt und deftig, so süffig und saftig zu schreiben, wie nur Sie es können, statt sich also für die Flucht nach vorn zu entscheiden, hielten Sie einen weiten Umweg für nötig. Und jetzt sind wir wieder bei Fontane.
Sie lieben Fontane. Wer liebt ihn nicht? Zugleich imponiert er Ihnen als Kollege vom Fach. Weil er ein ganz großer Könner ist, einer, der sein Handwerk scheinbar spielend beherrscht? Gewiß, aber da ist noch etwas anderes. Der alte Stechlin - sagt Pastor Lorenzen in seiner Totenrede - sei das Beste gewesen, was wir sein können: "ein Mann und ein Kind". Man hat diese Worte oft auf Fontane selber bezogen und zu Recht. Was bedeuten sie, wenn wir an seine Schriftstellerei denken? Daß er beides auf einmal war: kritisch und naiv. Und beides in höchstem Maße. Die Synthese aus Kritizismus und Naivität ist das Geheimnis seiner Unmittelbarkeit und Gelassenheit, seiner Unbekümmertheit und Souveränität - und damit zugleich das Geheimnis seines Erzählens.
In einigen Kapiteln Ihrer "Blechtrommel" und in "Katz und Maus" ist diese Naivität sehr wohl zu spüren. Später verkümmerte sie und kam Ihnen schließlich abhanden - und das ist, vielleicht, die Krux Ihrer Epik. Fontane, mögen Sie gedacht haben, wäre Ihrem Thema schon gerecht geworden, etwa mit der Geschichte einer Berliner Familie so zwischen 1987 und 1992. Doch er und sein Werk - sie sind in jeder Hinsicht Produkte des 19. Jahrhunderts. Auch in der Phantasie lassen sie sich nicht in unsere Zeit übertragen. Aber solche Gedankenspiele haben Sie möglicherweise auf die Idee gebracht, den Schwierigkeiten zum Trotz Fontane zu Hilfe zu rufen.
Sie haben alles getan, was in Ihrer Macht war, um aus Ihrem Theo Wuttke, der Fonty genannt wird, nun nicht gerade eine Wiedergeburt, doch immerhin eine Art Doppelgänger unseres Fontane zu machen: Wie sein Vorbild ist Fonty in Neuruppin geboren und sogar am gleichen Tag, wenn auch hundert Jahre später. Seine Ehefrau und seine Kinder erinnern an jene Fontanes, wenn sie ihnen nicht gleichen. Er ist Bürobote in der Treuhandanstalt, dennoch kleidet er sich wie Fontane und wird ihm mit der Zeit immer ähnlicher. Er identifiziert sich mit ihm auf so ungewöhnliche Weise, daß er von dessen Romanen oder Balladen spricht, als seien es seine eigenen Arbeiten. Während einer Krankheit entwirft er in Fieberdelirien neue Schlüsse zu mehreren Romanen Fontanes. Was soll das? Wollten Sie uns etwa beweisen, daß Sie es nicht besser machen können als Fontane? Da hatten wir ohnehin keine Zweifel.
Mit seiner Besserwisserei in Sachen Fontane und mit der ewigen Zitiererei geht der Bürobote Fonty allen auf die Nerven - wie jetzt ich Ihnen, mein lieber Grass. Dagegen läßt sich nichts machen. Weil ich ein professioneller Besserwisser bin? Nicht nur. Sie können ja beinahe alles besser als ich. Doch gibt es etwas, was ich mit Sicherheit besser kann als Sie - nämlich Ihr Buch beurteilen. Der Grund ist sehr einfach: Ich habe es nicht geschrieben. Sie wissen ungefähr oder vielleicht sogar genau, worauf Sie es abgesehen haben; und Sie können nicht vergessen, wie das Ganze in jahrelanger Arbeit entstanden ist. Dieses Wissen aber muß Ihre Sicht einschränken, es trübt Ihren Blick auf das in 781 Seiten vorliegende Ergebnis.
Ich denke nicht daran, Ihnen zu unterstellen, Ihr betagter Bote sei ein leibhaftiger Anachronismus nur infolge eines schriftstellerischen Betriebsunfalls geworden. Nein, so haben Sie ihn gewollt. Sie lassen ja über ihn sagen: "Im Prinzip lebt Vater alles noch mal durch, was längst schon verschütt ist." Und: "Man denkt, draußen kutschieren se noch mit ner Pferdebahn. Und nur Petroleumfunzeln gibt's, kein bißchen Elektrisch." Aber ist Ihnen nicht aufgefallen, daß dieser Bote, der seit vielen Jahren im selben Gebäude arbeitet (wo einst das Reichsluftfahrtministerium war, in DDR-Zeiten das Haus der Ministerien und dann die Treuhandanstalt), der das Bleibende verkörpern soll und die Tradition, daß er nichts anderes als eine mühselige Konstruktion ist? Bei Lichte betrachtet, gibt es eine Figur namens Fonty in dem Roman "Ein weites Feld" überhaupt nicht. Nur diesen Namen gibt es.
Indes: Ein Schweißfuß - diese Volksweisheit, die ich aus einem Stück von Brecht kenne, wird Ihnen zusagen -, ein Schweißfuß kommt selten allein. Da in Ihrem Roman sehr wenig geschieht und Sie Hunderte von Seiten mit Reflexionen und Mitteilungen, mit Diskussionen und Briefen füllen, brauchten Sie für Ihren Fontane-Narr Fonty einen ständigen Begleiter, einen Gesprächspartner. Um hoch zu greifen: Ihrem Miniatur-Faust wollten Sie einen kleinen Mephisto an die Seite stellen. Den haben Sie aber nicht erfinden wollen, vielmehr haben Sie sich ihn aus dem 1986 erschienenen Roman "Tallhover" des Kollegen Hans Joachim Schädlich geholt.
Dessen unverwüstlicher, nämlich schon 1819 geborener Titelheld personifiziert die politische Polizei, die der jeweiligen Staatsmacht treu dient, die sie beschützt - vom alten Preußen über das Kaiserreich und das nationalsozialistische Deutschland bis zur DDR. Eine Märchenfigur also und wiederum eine Konstruktion. Nur hat dieser Tallhover bei Schädlich einen guten Sinn, eine klare Funktion. Mit seiner Hilfe verbindet Schädlich auf einleuchtende Weise Episoden, die in verschiedenen Epochen spielen.
In Ihrem Buch jedoch kann Tallhover, den Sie "Hoftaller" nennen, diese übergreifende Funktion nicht haben. Bei Ihnen fungiert er als Fontys "Schrittmacher und Aufpasser", er ist sein "Tagundnachtschatten". Gewiß hat Schädlich Ihnen die Verwendung seiner nicht unoriginellen Figur (gern oder ungern) gestattet. Mit Verlaub: Wie hätten Sie wohl reagiert, wenn ein deutscher Schriftsteller gewünscht hätte, zum Helden seines Romans den Oskar Matzerath aus Ihrer "Blechtrommel" zu machen - vielleicht unter dem Namen "Ratzemath"?
Jedenfalls war es eine fatale Idee, neben das künstliche Geschöpf im Mittelpunkt, neben Fonty also, noch eine Marionette hinzustellen. Das Unglück, das schon geschehen war, wurde verdoppelt. Ein so sorgfältig kalkulierender Artist wie Sie, Günter Grass, mußte irgendwann die Fragwürdigkeit, ja die Unmöglichkeit dieser Konzeption schon merken. Sie schreiben: "War Fonty ohne seinen Tagundnachtschatten vorstellbar? Hätte dessen Abwesenheit nicht sogleich eine Geschichte beendet, deren Pointen vom Echo lebten und, mehr oder weniger mißtönend, zweistimmig gesungen sein wollten? Was bleibt übrig, fragten wir uns, wenn Hoftaller wegfällt?" Und etwas weiter: "Hoftaller war nicht sterblich!" - sehr richtig: Was nicht lebt, kann nicht sterben. Und daß die Geschichte zweistimmig gesungen sein wollte, stimmt nicht. Denn eine Geschichte gibt es hier eben nicht, leider.
Vor bald 30 Jahren meinte ich, im Grunde seien Sie, obwohl es ein Roman war, der Sie berühmt gemacht hat, doch vor allem ein Geschichtenerzähler. Früher habe ich es bedauert, daß Ihnen in Ihren Romanen (anders als in Ihren glänzenden Erzählungen "Katz und Maus" und "Das Treffen in Telgte") keine Ganzheit gelingen will, daß Sie meist nur Bilder, Szenen und Episoden aneinanderreihen. Jetzt bedauere ich, daß wir in dem "Weiten Feld" derartige in sich geschlossene Abschnitte vergeblich suchen.
Ihr Fonty, lesen wir, vertraute dem Ich-Erzähler an, "daß er sich leergeschrieben habe". Um Gottes willen, sollte das für Sie selber gelten? Fonty gesteht knapp: "Mein Wörtersack ist leer . . . Kein Funke will springen." Aber nein: Ihr Wörtersack ist nicht leer, er ist sogar prallvoll, sein Inhalt purzelt ununterbrochen heraus. Doch in der Tat will kein Funke springen. Bescheidener ausgedrückt: Meist ergeben die klangvollen Wörter und Wendungen erstaunlich wenig oder gar nichts. Deshalb müssen wir, Ihre mittlerweile leidgeprüften Leser, stöhnend in Kauf nehmen, daß Sie sich ständig wiederholen.
Darstellungen werden uns vorenthalten, mit Feststellungen werden wir überhäuft. Wie oft kann man uns mit der Auskunft belästigen, daß die gute Stube in Fontys Familie der "Poggenpuhlsche Salon" genannt wird? Mit der weltbewegenden Frage, ob der Paternoster im Haus der Treuhand abgeschafft oder, wie Fonty meint, doch erhalten werden müsse, langweilt er die Menschen seiner Umgebung. Warum müssen auch wir darunter leiden? Wozu nennen Sie beinahe alle bekannten DDR-Schriftsteller, wenn Sie über selbige, ob es nun Becher ist oder die Seghers oder Bredel, Bobrowski, Fühmann oder Hacks, wortwörtlich nichts zu sagen haben, wenn wir mit solchen Mitteilungen abgespeist werden wie: "die noch kürzlich vom Parteikollektiv gerügte Wolf"? Nur über Heiner Müller finden sich einige (wenn auch nicht unbedingt gerechte) Sätze.
Rundheraus gesagt: Sie überfordern die Geduld selbst Ihrer gutwilligsten Leser. Und ganz schlimm wird es, weil Ihr möglicherweise etwas seniler Oberlangweiler Fonty nicht aufhören kann, über die Romane und Novellen des von ihm so geliebten Fontane zu sprechen, richtiger: zu plappern. Er kennt sie alle, er informiert uns, die wir diese Romane ebenfalls und meist schon in unserer Jugend gelesen haben, über einzelne Figuren und Motive. Aber, mein lieber Günter Grass, ich kann es einfach nicht fassen: In Ihrem "Weiten Feld" finden sich Tausende von Sätzen über Fontanes Epik - und darunter, sage und schreibe, kein einziger, der originell oder geistreich wäre. Wie ist das möglich? Ich gebe zu, ich bin ratlos, ich habe keine Antwort auf diese Frage.
Natürlich zitieren Sie Fontane ausgiebig - und so, wie die Dinge liegen, muß ich sagen: Je mehr in Ihrem Buch von ihm stammt, desto besser für uns und für Sie. Die Sache ist aber die, daß Sie die entliehenen Texte, woher Sie sie auch genommen haben (am häufigsten wohl aus seiner Korrespondenz), meist nicht kenntlich machen. Ihr Fonty verfaßt also viele und lange Briefe, die in Wirklichkeit von zwei Autoren geschrieben wurden - von Ihnen und von Fontane. Aber wer hat was geschrieben? Ein Fontane-Forscher kann das vielleicht erkennen, ich kann es nicht immer. Denn, erstens, umfaßt das Werk Fontanes Zehntausende von Seiten, und, zweitens, imitieren Sie seinen Stil, zumal den Plauderton, gar nicht übel.
Wahrscheinlich sind Sie auf diese Leistung besonders stolz, ich hingegen würde auf sie gern verzichten. Seit bald 40 Jahren habe ich eine Schwäche für Ihre hämmernde, Ihre unverwechselbare Diktion in der Prosa und auch in der Lyrik, und es tut mir leid, daß es Ihnen jetzt offenbar Spaß macht, bisweilen mit verstellter Stimme zu sprechen. Überdies entsteht durch diese Textmischung ein etwas riskantes Durcheinander. Ich will Ihnen ein Beispiel geben. In einem Brief Ihres Fonty heißt es: "Alles, was sich deutsch nennt, wird vom Mittelmaß beherrscht." Das ist dumm und ärgerlich.
Nun bin ich in dieser Hinsicht besonders empfindlich: Seit mir zum ersten Mal ein antisemitischer Satz an den Kopf geschmissen wurde - ich war noch ein Kind, und es war in einer deutschen Schule -, fürchte ich nationale und ähnliche Verallgemeinerungen. Wir wissen ja, wohin das geführt hat. Jetzt, mein lieber Günter Grass, werden Sie vielleicht triumphieren: Ätsch, ätsch - reingefallen. Denn dieser Satz über die deutsche Mittelmäßigkeit, werden Sie eventuell sagen, ist gar nicht von mir, sondern von unserem großen Fontane. Mag ja sein, ich bin da nicht sicher. Nur: Unsinn bleibt Unsinn.
Fontane war ein Schnellschreiber, dem (gar nicht so selten) auch ein törichtes Wort aus der Feder geflossen ist, zumal in seinen zahllosen Briefen. Mit Fontane-Zitaten hat man schon viel Unheil angerichtet, übrigens auch im Dritten Reich. Kurz und gut: Es wäre besser, Sie spielten mit offenen Karten, dann könnten wir nie auf die unangenehme Idee kommen, Sie wollten uns, sich bei Fontane reichlich bedienend, ein wenig übers Ohr hauen. Freilich könnten Sie sich auf Thomas Mann berufen: Er habe in seiner "Lotte in Weimar" authentische Äußerungen Goethes mit eigenen verbunden, ohne dies je erkennbar zu machen. Schon wahr, nur lautete meine Antwort: Leider, leider. Denn auch Thomas Mann hat mit dieser allzu bequemen Methode zur Verwirrung beigetragen.
Das Unglück Ihres Romans besteht wohl darin, daß Sie sich zwar unentwegt auf Fontane berufen, daß Sie ihn zitieren und imitieren und mitunter auch plündern, daß es Ihnen aber nicht gelingen will, das, worauf es hier ankommt und was gerade er wie kaum ein anderer deutscher Schriftsteller gekonnt hat, von ihm zu lernen - nämlich: Gedankliches ins Sinnliche zu übertragen, Geistiges also sichtbar und anschaulich zu machen.
Das heutige Deutschland, das Ihnen ganz und gar mißfällt, sei zur Einheit unfähig, der alten DDR weinen Sie eine kleine Träne nach, die Zukunft der Nation sehen Sie in düstersten Farben. Schon gut. Aber alles wird nur behauptet und nicht erzählt, nur verkündet und nicht gezeigt. Von wem? Sie selber sagen über diese und ähnliche Themen nichts - und wie sollten Sie es, da Sie ja in dem Roman nicht vorkommen und niemand den Erzähler im Buch mit Ihnen verwechseln wird. Sie lassen den alten Büroboten Fonty reden und den ewigen Spitzel Hoftaller, der (unter anderem) für das Reichssicherheitshauptamt gearbeitet hat und dann ein Mann des Staatssicherheitsdiensts war - und der zu verstehen gibt, es irgendwie weiterhin zu sein. Jedenfalls sei er, sagt uns Fonty, "kolossal auf dem laufenden" und habe den "richtigen Riecher".
Warum also ist die DDR zusammengebrochen? Hoftaller erklärt es: "Die drüben haben uns fix und fertig gemacht. Kein Wunder! Die gaben das Tempo an, wir mußten Schritt halten . . . Wettlaufen, wettrüsten, bis wir außer Puste, ausgelaugt, leergeschrappt waren. Nun ist das ganze schöne Volkseigentum für die Katz . . ." Und die Maueröffnung? Die sei von der Stasi längst geplant gewesen, aber die Greise in Wandlitz wollten nichts davon hören. Was soll der Blödsinn? Sollte damit etwa die Mentalität der Staatssicherheitsleute charakterisiert werden?
Der andere Zeitkritiker in Ihrem Roman, der alte Fonty, redet nicht vernünftiger, beispielsweise: "War siebzig-einundsiebzig nicht anders. Deutsche Einheit ist immer die Einheit der Raffkes und Schofelinskis." Hier spätestens weiß man, daß der alte Fonty ein hoffnungsloser Wirrkopf ist, der von der historischen Entwicklung in den letzten zehn Jahren nichts kapiert hat. Die Treuhand hält er für ein Gesamtkunstwerk, ein Gegenstück zu Bayreuth, das "Götterdämmerung en suite im Programm" habe. Wer in den Mittelpunkt eines Romans einen dummen Menschen stellt, muß damit rechnen, daß dessen Dummheit sich ausbreitet und das Ganze infiziert.
Eine knappe Beurteilung der DDR kann man im "Weiten Feld" ebenfalls finden: "Was heißt hier Unrechtsstaat! Innerhalb dieser Welt der Mängel lebten wir in einer kommoden Diktatur." Auch dies sagt Fonty. Niemand widersetzt sich seiner Ansicht, nirgends wird sie korrigiert. Im Gegenteil, in diesem Roman gibt es zahlreiche, mehr oder weniger beiläufige Äußerungen über die DDR, und sie sind stets von diesem Geist, etwa: So schlimm war es ja wieder nicht, die Leistungen sollte man nicht übersehen, und auch in Wuppertal oder Bonn wird nur mit Wasser gekocht.
Mein lieber Günter Grass: Ich möchte nicht mit Ihnen über Ihre politischen Ansichten, die ich, verzeihen Sie, nicht immer ganz ernst nehmen kann, hier diskutieren. Es ist nicht meine Sache, Sie über die DDR zu belehren. Aber es ist mein Recht, mich zu wundern. Sie wissen so gut wie ich, daß das SED-Regime Millionen Menschen unglücklich gemacht, daß es Unzähligen, darunter, beispielsweise, unseren Kollegen Walter Kempowski und Erich Loest, Jahre ihres Lebens geraubt hat. Sie wissen, besser als ich, daß und wie die Literatur in diesem Land unterdrückt wurde. Sie wissen sehr wohl, daß die DDR ein schrecklicher Staat war, daß hier nichts zu beschönigen ist. Doch Ihr Roman kennt keine Wut und keine Bitterkeit, keinen Zorn und keine Empörung. Ich gebe zu, ich kann das nicht begreifen, es verschlägt mir den Atem.
Und ich kann es um so weniger begreifen, als Sie zur generellen und, wie ich meine, ungeheuerlichen Verurteilung der Bundesrepublik nach der Wiedervereinigung sehr wohl fähig sind. Zu Fontys Bekanntenkreis gehört ein Jude namens Freundlich, ein Professor, der in DDR-Zeiten Ärger mit der Partei hatte und dem nun westliche Professoren Kummer bereiten, weil sie "sich anmaßen, seinen wissenschaftlichen Rang zu evaluieren". Er glaubt, es handle sich um antisemitische Schikanen, er verübt Selbstmord, denn: "Für Juden ist hier kein Platz." Seiner Frau empfiehlt er, nach Israel zu emigrieren. Lieber Günter Grass, haben Sie keine Ahnung, wie es den Juden in der DDR ergangen ist, haben Sie nicht gehört, daß Tausende von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion (und auch aus anderen Ländern) in den letzten Jahren in der Bundesrepublik Asyl gefunden haben? Ich habe keine Lust, mich hier über dieses Thema zu verbreiten, nur eines ist für mich sicher: Sie wissen nicht, wovon Sie reden.
Doch kommt es noch schlimmer in Ihrem Roman: Ähnlich wie Freundlich will auch Fonty nach der Wiedervereinigung nicht mehr in Deutschland leben. Seiner Enkeltochter schreibt er: "Alles sagt mir: Nichts wie raus aus dem Land, in dem für alle Zeit Buchenwald nahe Weimar liegt, das nicht mehr meines ist oder sein darf." Ganz abgesehen davon, daß Buchenwald auch zu DDR-Zeiten nicht weit von Weimar lag, kommt mir das bekannt vor. Haben Sie nicht, lieber Günter Grass, vor einigen Jahren, als eines Ihrer Bücher von bösen Kritikern verworfen wurde, lauthals erklärt: Jetzt nichts wie raus - und sind nach Indien geflogen? Und werden Sie sich jetzt wieder einmal von Deutschland abwenden wollen?
Aber daß ich es nicht vergesse. Da gibt es in Ihrem Buch eine Episode, die völlig aus dem Rahmen fällt. Sie schildern ein Treffen mit Uwe Johnson. Sie schildern es wunderbar. Das kann keiner besser als Sie. Aber es sind nur fünf Seiten von 781.
Es grüßt Sie in alter Herzlichkeit
Ihr Marcel Reich-Ranicki
Von Marcel Reich-Ranicki

DER SPIEGEL 34/1995
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