28.08.1995

Konzerne„Glaubt den Narren nicht“

Die deutsche Industrie unterwandert die Umweltbewegung. Scheinbar unabhängige Bürgerinitiativen und Ökoverbände, finanziert aus Konzernkassen, machen Stimmung für Verpackungsindustrie, PVC-Produktion, Tierimporte und werben für die Müllverbrennung. Die Arbeit der echten Umweltorganisationen wird massiv behindert.
Eigentlich wollte Olaf Bandt einen Sieg über die Wegwerfgesellschaft feiern. Der Abfallexperte vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hatte ins Bonner Haus der Geschichte eingeladen, um ausnahmsweise gute Nachrichten zu verkünden: weniger Hausmüll, mehr Recycling, schwindende Chancen für die Müllverbrennung.
Der Umweltschützer kam kaum zu Wort. Verkleidet in bunte Narrenkostüme und ausgerüstet mit Flugblättern und Plakaten ("Glaube allein versetzt keine Müllberge") sprengten Vertreter einer Vereinigung, die sich Waste Watchers nennt, die Veranstaltung. Alles sei Lüge, erfunden, längst widerlegt, brüllten die Umweltschützer der anderen Art. Immer wieder tönte es: "Glaubt den Narren kein Wort."
Sich selbst präsentierten sie als wahre Vorkämpfer für Umwelt und Verbraucher mit dem Slogan: "Waste Watchers - die Anwälte der Umwelt klagen an".
Die lärmenden "Beobachter" sind reichlich fragwürdige Anwälte. Geschäftsführer Manfred Geisler-Hansson arbeitete bis zur Vereinsgründung für den Verpackungsriesen Tetra Pak. Auch Mitbegründer Robert Polster erhielt immer wieder Aufträge von der PR-Abteilung des Konzerns. Das schwedische Unternehmen produziert 90 Prozent der Einweg-Getränkeverpackungen in Westeuropa.
Die Methoden der Müllwächter gleichen denen der radikalen Ökogruppen, die Botschaften aber sind gegen die Umweltbewegung gerichtet. Auch andere Unternehmen und Wirtschaftsverbände setzen, obgleich mit sanfteren Methoden, auf Ökomimikry: Scheinbar unabhängige Foren und Vereine verschleiern ihre Auftraggeber und tummeln sich in der Ökoszene, als gehörten sie dazu. In Wahrheit erledigen sie _(* Die Figurengruppe "Matthiessen, ) _(Töpfer und Theo Müller kokeln ) _(Joghurtbecher" des Münchner Künstlers ) _(Axel Bahro überreichte der BUND dem ) _(Bonner Haus der Geschichte. )
subversiv und listig die Geschäfte mancher Hersteller.
Deutschlands Wirtschaft reagiert damit auf massiven Druck von unten. Rund 25 Jahre nach der Entstehung der Ökologiebewegung sehen sich die großen Umweltverschmutzer aus Chemie und Verpackungsindustrie, aus Energiebranche und Fahrzeugbau in die Defensive gedrängt.
Die scheinbar unabhängigen Verbände leisten, was Firmen und klassischen Lobbys nicht gelingen kann: Sie erreichen Verbraucher, die sonst den Unternehmen nicht glauben würden. Sie verunsichern die Ökoszene, sie schwächen die Umweltverbände, weil die Grenzen zwischen Original und Plagiat verschwimmen.
Der Titel der "Fördergemeinschaft Integrierter Pflanzenbau" (FIP) erinnert an die Vorkämpfer für Bioanbau, die in der "Fördergemeinschaft organisch-biologischer Landbau" (Bioland) zusammengeschlossen sind. Tatsächlich wird die FIP (Jahresetat: knapp zwei Millionen Mark) von Chemieunternehmen wie Bayer, BASF, Hoechst und Schering finanziert und treibt den Pestizidabsatz voran.
Der "Bundesverband für fachgerechten Natur- und Artenschutz" präsentiert sich als "eine der größten deutschen Umweltorganisationen" mit 130 000 Mitgliedern. Tatsächlich kämpft der Verein (Jahresetat: 500 000 Mark) dafür, daß möglichst viele exotische Tierarten nach Deutschland importiert werden können. Die zahlreichen Mitglieder rekrutieren sich aus 250 Einzelverbänden, die an der privaten und gewerblichen Tierhaltung verdienen.
Die Zahl der industriegesponserten Organisationen mit Ökolabel wächst. "Da kommt kein Verbraucher mehr mit", fürchtet BUND-Geschäftsführer Onno Poppinga, "sogar unsere eigenen Leute verlieren den Überblick."
Genau das ist wohl erwünscht. "Die Industrie will die Umweltbewegung mit den eigenen Waffen schlagen", sagt Andy Rowell. Der britische Greenpeace-Mitarbeiter recherchiert seit zwei Jahren, mit welchen Tricks sich Konzerne in aller Welt gegen die Umweltbewegung zur Wehr setzen.
Am weitesten fortgeschritten ist die Entwicklung in den Vereinigten Staaten und in Kanada. Dort hat Greenpeace in einem Führer aufgereiht, welche Vereine zur neuen Anti-Bewegung der Industrie gehören*.
Besonders erfolgreich wandte die British Columbia Forest Alliance die neue Verschleierungstaktik an. Sie nahm gezielt kleine lokale Bürgerinitiativen auf und warb mit viel Geld den prominenten Greenpeace-Veteranen Patrick Moore ab, der den Umweltverband in Kanada mitbegründet hatte. So kann die Holzlobby die Rodung nordamerikanischer Wälder als ökologische Wohltat verkaufen. "Als die uns als radikale und gefährliche Einrichtung diffamierten, waren wir ziemlich hilflos" erinnert sich Greenpeace-Sprecher Rowell. "Viele dachten, ehemalige Greenpeace-Leute müssen es ja wissen."
Nach den Erfolgen im eigenen Land suchen die Profitäuscher von der Forest Alliance nun Verbündete in der Welt - zur Zeit auf einer Tour durch Neuseeland und Australien, zuvor in Deutschland und Skandinavien.
Gerade für grenzüberschreitende Gefahren wie die drohende Klimakatastrophe sind längst auch globale Mogelorganisationen der Industrie entstanden. So schlossen sich große Ölfirmen wie Exxon, Texaco, Shell und BP in der "International Climate Change Partnership" (ICCP) zusammen. Der Name ist mit Bedacht gewählt: Laien können die Industrielobby kaum unterscheiden vom renommiertesten amerikanischen Expertengremium, das in den USA den Treibhauseffekt erforscht und unter dem Kürzel IPCC bekannt ist.
Genauso macht es nun auch die deutsche Industrie. "Ganze Branchen schaffen sich mittlerweile ihre Vorfeldorganisationen", weiß Claudia Peter, die mit ihrem Kollegen Hans-Joachim Kursawa-Stucke ein Buch über die arglistigen Täuschungsmanöver geschrieben hat**.
Die Hamburger Waste Watchers gaben einen Branchendienst voller Schmähungen über Umweltthemen und -politiker ("Mit Monika Griefahn zurück in die Steinzeit") heraus. Die Schriften tragen das Kürzel "bund", ganz wie der angesehene Ökoverband. Erst als der richtige BUND die Plagiatoren verklagte, wurde das Blatt in "und" umbenannt.
Vor der Branchenmesse Entsorga klebten die Waste Watchers an Rhein und Ruhr Plakate, auf denen die Aktionen echter Umweltverbände diffamiert wurden. "Alle reden über Mülltourismus - wir fördern ihn" stand auf knallrosa Untergrund, darunter prangten die Logos der größten deutschen Ökovereinigungen.
Wegen solcher Praktiken gelten die Waste Watchers selbst in der Verpackungsbranche mittlerweile als Schmuddelkinder, die offiziellen Vertreter haben sich längst von ihren Methoden distanziert. Der Verpackungskonzern Tetra Pak läßt wissen, die Hamburger nie gefördert zu haben.
Andere, weniger spektakuläre Industrieorganisationen sind für die Umweltverbände heikler. So gründete der Stromkonzern Viag, der auch in der Verpackungsindustrie aktiv ist, mit Partnern wie den Nahrungsmittelmultis Coca-Cola und Nestle sowie dem Warenhauskonzern ** Claudia Peter, Hans-Joachim Kursawa-Stucke: _("Deckmantel Ökologie. ) _(Tarnorganisationen der Industrie ) _(mißbrauchen das Umweltbewußtsein der ) _(Bürger". Knaur Taschenbuchverlag, ) _(München; 208 Seiten; 14,90 Mark. ) _(* Carl Deal: "The Greenpeace Guide ) _(to Anti-environmental Organizations". ) _(Odonian Press, Berkeley; 112 Seiten; 5 ) _(Dollar. )
Horten eine "Arbeitsgemeinschaft Verpackung und Umwelt", die in Bonn traditionelle Lobbyarbeit macht. Zusätzlich wurde ein sogenannter Deutscher Verpackungsrat gegründet. Der sollte als Expertengremium für Umwelt- und Verpackungsfragen gelten, er legt größten Wert auf seine Unabhängigkeit.
Für die Ökovertreter von BUND bis Greenpeace wird es zunehmend schwieriger zu entscheiden, ob sie in solchen Gremien mitmachen sollen: Bietet sich ein echtes Diskussionsforum oder werden sie als Feigenblatt mißbraucht? "Anfragen gibt es genug", sagt BUND-Geschäftsführer Poppinga.
Besonders erfolgreich war die jahrelang von Umweltverbänden heftig attackierte PVC-Branche. Zwar bescheinigt das Umweltbundesamt dem Kunststoff noch immer "eine große Zahl ökologisch kritischer Eigenschaften", und das Basler Prognos-Institut kam bei einer Untersuchung zahlreicher Kunststoffe zum Ergebnis, daß PVC "das größte Risikopotential" berge.
Doch die Diskussion hat sich verändert. Erfolgreich feilt eine Bonner Arbeitsgemeinschaft PVC und Umwelt am neuen, umweltverträglichen Image für den "Giftstoff" (Greenpeace). "Brennendes Problem geklärt: Dioxin-Entwarnung für PVC", tönt die Arbeitsgemeinschaft in einer Anzeigenkampagne.
Das Vorgehen ist typisch für die Ökosimulanten. Die Arbeitsgemeinschaft, die vor allem von Branchenriesen wie Hoechst, BASF und Schering finanziert wird, stellt sich als "Umweltinitiative aus Wirtschaft und Wissenschaft" vor, der neben Unternehmen auch "Facharbeiter, Lehrer und Pensionäre" angehören.
Die Täuschungsmanöver der Frankfurter irritieren selbst Experten. Kürzlich gewannen die Werbeprofis den renommierten Wuppertaler Ökologen Ernst Ulrich von Weizsäcker als Autor für eine PVC-Werbebroschüre. Später erklärte der, ihm sei nicht klar gewesen, für wen er da schreibe.
Auch die Bonner Ministerialbürokratie ist gegen die Tricks der Täuscher nicht gefeit. Als die Waste Watchers verbreiteten, sogar BUND-Abfallmann Bandt sei neuerdings für mehr Müllverbrennung, nahmen Beamte des Umweltministeriums das für bare Münze.
Bandt war sprachlos, die neue Dreistigkeit hatte den BUND-Funktionär verblüfft. Nur weil ein Beamter sich Wochen später beiläufig nach dem Sinneswandel erkundigte, erfuhr Bandt von der gezielten Desinformation. Y
Die Ökosimulanten können selbst Experten täuschen
* Die Figurengruppe "Matthiessen, Töpfer und Theo Müller kokeln Joghurtbecher" des Münchner Künstlers Axel Bahro überreichte der BUND dem Bonner Haus der Geschichte. ** Claudia Peter, Hans-Joachim Kursawa-Stucke: "Deckmantel Ökologie. Tarnorganisationen der Industrie mißbrauchen das Umweltbewußtsein der Bürger". Knaur Taschenbuchverlag, München; 208 Seiten; 14,90 Mark. * Carl Deal: "The Greenpeace Guide to Anti-environmental Organizations". Odonian Press, Berkeley; 112 Seiten; 5 Dollar.

DER SPIEGEL 35/1995
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