28.08.1995

ArgentinienSanta Evita

Totenkult um eine Volksheldin: Ein Bestseller beschreibt die Odyssee der Leiche von Evita Peron.
Oberst Carlos Moori König, Militärattache an der argentinischen Botschaft in Bonn, ging auf eine makabre Jagd. Bei der Zollabfertigung des Hamburger Hafens hatte er vergebens die Herausgabe eines einbalsamierten Leichnams reklamiert, der mit dem Frachter "Cap Frio" aus Buenos Aires gekommen war. Unbekannte waren ihm zuvorgekommen und mit dem Sarg verschwunden.
Mit gezückter Pistole drang der Offizier auf St. Pauli in die Herbertstraße ein und bedrohte mehrere Prostituierte. In einem Hinterhof wurde er fündig und brachte den Sarg in einem als Krankenwagen getarnten Kombi nach Bonn. Dort versteckte er seine Beute in einer Dachstube der Botschaft an der Koblenzer Straße. Das war 1957.
Moori König frohlockte. Er glaubte, Argentiniens berühmtesten Leichnam sichergestellt zu haben: den einbalsamierten Körper des Armen-Idols Evita Peron. Die Präsidentengattin war zu diesem Zeitpunkt schon seit fünf Jahren tot, aber die "descamisados", die "Hemdlosen" aus den Elendsvierteln, verehrten sie inniger denn je.
Doch die schöne Leich', die Moori König in St. Pauli gefunden hatte, war nur eine wächserne Kopie. Die echte Evita hatten argentinische Geheimdienstagenten nach Italien geschafft und unter dem Namen MarIa Maggi de Magistris auf einem Mailänder Friedhof begraben.
Moori König wollte den Schwindel nicht wahrhaben. Vor seiner Versetzung nach Deutschland hatte er in Buenos Aires eine Zeitlang die echte Tote bewacht und dabei offenbar eine makabre Leidenschaft für Evita entwickelt. Er setzte den Sarg mit der Kopie im Altmühltal bei, der Heimat seiner deutschen Vorfahren. Seine Witwe schwört bis heute, daß sie die wahre Evita in Bonn gesehen habe.
Die alte Dame ist eine der Quellen für das Buch "Santa Evita", das zur Zeit in Argentinien die Bestsellerliste anführt. Das Werk zeichnet den seltsamen Kult um die jung gestorbene Frau nach, die mit ihrem Einsatz zugunsten der Mittellosen zur Volksheldin aufgestiegen war.
"Nach ihrem Tod wurde Evitas Körper zu einer politischen Waffe", sagt der Autor Domas Eloy MartInez, der die Abteilung für Lateinamerika-Studien an der Rutgers University in New Jersey leitet. "Der Leichnam erlangte mehr Bedeutung, als Evita zu Lebzeiten je hatte."
Den Anstoß zu seinen Recherchen gaben einige Offiziere, die den Schriftsteller vor einigen Jahren in ein Cafe in Buenos Aires einluden. Im Beisein von MartInez' Anwalt, der am Nebentisch lauschte, verrieten sie ihm die Odyssee des Leichnams. Die Militärs, die den Diktator Juan Domingo Peron 1955 gestürzt hatten, fürchteten die Ausstrahlung, die Evita noch als Tote zu einer Gefahr für das neue Regime machte. Sie wollten den Leichnam beseitigen, wagten aber nicht, ihn zu vernichten. Die Folge war ein makabres Versteckspiel.
Der Mißbrauch Evitas hatte bereits zu Lebzeiten begonnen. Präsident Peron ließ wenige Wochen vor dem Tod seiner Frau 1952 den bekannten spanischen Pathologen Pedro Ara kommen, um die Kranke in Augenschein zu nehmen. Evita, erst 33 Jahre alt, litt an Krebs, sie machte sich über ihre Heilungschancen keine Illusionen. Vergebens drängte sie ihren Mann, auf die Einbalsamierung zu verzichten: "Niemand soll meinen nackten toten Körper berühren."
Doch der alte Fuchs Peron wußte, welchen Ruhm seine schöne Frau bei den Armen genoß. Die Einbalsamierung, so hoffte er, würde ihr Andenken verewigen und den Peronismus auf Generationen hinaus stärken.
Drei Jahre lang werkelte Pedro Ara an der Konservierung. Er widmete der Toten soviel Sorgfalt wie keiner Leiche zuvor: "Ara war ihr verfallen", sagt Autor MartInez. "Er wollte ewig an ihr arbeiten."
Als die Militärs 1955 die Macht übernahmen, beauftragten sie Moori König, dem schrulligen Spanier den Leichnam zu entwinden. Er sollte die tote Evita verwahren, bis die Generäle über ihr Schicksal entschieden hatten.
Ara hatte vorsorglich drei Wachskopien angefertigt, um mögliche Leichenräuber zu verwirren. Den echten Körper, der bis 1955 im Zentralgebäude des peronistischen Gewerkschaftsbundes CGT aufgebahrt war, verbargen die Militärs zunächst hinter einer Kinoleinwand im Stadtteil Palermo. Als dieser Aufenthaltsort zu unsicher wurde, karrten sie den Leichnam tagelang in einem Lastwagen durch Buenos Aires und brachten ihn schließlich in ein Militärdepot.
Major Eduardo Arancibia, ein Offizier, der unter dem Spitznamen "Der Verrückte" bekannt war, bemächtigte sich dort der Toten und verstaute sie in einem Hinterzimmer seines Hauses. Als seine schwangere Frau dem Geheimnis auf die Spur kam, brachte Arancibia sie in einem Anfall von Panik um.
Im Jahr 1956 entschieden die Militärs, Evita anonym auf dem Friedhof Monte Grande bei Buenos Aires zu bestatten. Doch der Lastwagen mit dem Sarg verunglückte, die Soldaten brachten den Körper im Gebäude des Heeresgeheimdienstes in Sicherheit. 1957 wurde Evita schließlich inkognito nach Italien verschifft. In Mailand ruhte sie 14 Jahre, dann ließ Ex-Diktator Peron sie in sein Exil nach Madrid überführen. Die einbalsamierte Evita wurde im Eßzimmer seines Hauses aufgebahrt.
Perons Privatsekretär Jose Lopez Rega, von seinem Chef wegen angeblich übersinnlicher Fähigkeiten geschätzt, trieb mit dem Körper Hokuspokus. Er legte die tote Evita in ein Bett, Perons dritte Frau Isabel mußte sich neben ihr ausstrecken. Mit spiritistischen Ritualen versuchte Lopez Rega, Evitas Seele auf Isabel zu übertragen.
Nach seiner Rückkehr aus dem Exil 1973 ließ der erneut zum Präsidenten gewählte Peron die Unvergessene nach Buenos Aires holen. Sie wurde in der Präsidentschaftsresidenz Olivos bestattet. Aber erst zwei Jahre nach Perons Tod 1974 fand Evita ihre letzte Ruhestätte: Die Militärjunta, die 1976 gegen Perons Witwe Isabel geputscht hatte, fürchtete, daß sich linksperonistische Guerrilleros der Toten bemächtigen könnten. Evita wurde auf den Friedhof La Recoleta verlegt, wo Argentiniens reiche Familien ihre Angehörigen zu bestatten pflegen.
Dort ruht der Leichnam hinter drei Stahlplatten in einer mehrere Meter tiefen Gruft. Noch heute suchen jeden Tag Verehrer das Grab auf, legen Blumen und Heiligenbildchen für die Angebetete nieder. Im Landesinneren haben viele Familien neben dem Jesusbild auf dem Hausaltar ein Foto Evitas aufgestellt.
"Nekrophilie ist ein Teil des argentinischen Nationalcharakters", sagt Autor MartInez. Der Totenkult lockt immer wieder Grabschänder an. Auch Juan Domingo Peron entging den Reliquienjägern nicht: 1987 brachen Diebe in sein Mausoleum ein und trennten die Hände vom Leichnam ab. 50 000 Menschen protestierten im Zentrum von Buenos Aires gegen die Vandalen; die Hände sind bis heute verschwunden.
Evita, so fand MartInez heraus, mußte noch Schlimmeres über sich ergehen lassen: Einer der Offiziere, die den Leichnam bewachten, befahl seinen Soldaten, sich an der Toten zu vergehen. Die Schändung scheiterte, weil der einbalsamierte Körper völlig steif war. Y

DER SPIEGEL 35/1995
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