28.08.1995

PsychologieAlte Hüte

Die von deutschen Psychologen benutzten Psychotests taugen nicht viel: Zu diesem Ergebnis kommt eine kürzlich erschienene Studie.
Blitzschnell klickt Ralf Horn mit der Computermaus auf dem Bildschirm erscheinende Symbole an - Rechtecke, Ringe oder Kreuze. Die muß er einem Satz verschiedenfarbiger Sterne zuordnen.
Doch der Rechner ist schneller und präsentiert ihm eine neue Aufgabe. Flink wachsende Balken auf dem Monitor zeigen, wie viele Symbole der Proband richtig einsortiert und wieviel Zeit er dafür gebraucht hat.
Horn ist kein Video-Kid im Elektronikrausch. Er führt vielmehr einen neuen psychologischen Test vor, der bei der Frankfurter Firma Swets Test Services entwickelt wird. Mit diesem Programm kann die Geduld und Belastbarkeit eines Kandidaten geprüft werden - etwa eines Stellenbewerbers, der die Nervenprobe mit stoischer Ruhe absolvieren soll.
Psycho-Tests im Stil von Videospielen kommen in der alltäglichen deutschen Testpraxis bislang kaum vor. Deutsche Psychologen traktieren ihre Klientel durchweg mit veralteten Methoden, die dem Stand der Wissenschaft längst nicht mehr entsprechen: Zu diesem Ergebnis kam eine Umfrage unter mehr als 700 Praktikern, die Angela Schorr, Psychologin an der Universität Eichstätt, vor kurzem veröffentlichte.
Ob Kinder Schulprobleme haben, Teenager nicht wissen, was sie werden wollen, oder langjährigen Alkoholikern das Gedächtnis schwindet - stets warten Fachleute in Beratungsstellen, Arbeitsämtern oder Kliniken mit einem von über 500 lieferbaren Tests auf.
Jedes Jahr müssen sich nach Expertenschätzungen auch Hunderttausende von Job-Kandidaten Psycho-Prüfungen stellen, vom aufstiegswilligen Trainee bis zum angehenden Agenten beim Bundesnachrichtendienst. Tests können über Berufskarrieren entscheiden wie über die Frage, ob Kinder nach einer Scheidung der Eltern zur Mutter oder zum Vater kommen. Falsche Ergebnisse aufgrund wissenschaftlich unsolider Testverfahren haben für die Betroffenen mitunter fatale Folgen.
Der mit Abstand am meisten eingesetzte Test ist das "Freiburger Persönlichkeitsinventar", das in den sechziger Jahren entwickelt wurde. Das ehrwürdige Verfahren soll den Charakter nach allen Regeln der Kunst vermessen: Ist jemand seelisch labil, neigt er zu Trübsinn, findet er leicht Kontakt zu seinen Mitmenschen? Die Freiburger Methode bringt es angeblich ans Licht.
Schon Anfang der achtziger Jahre hatten die Erfinder erkannt, daß ihr Test in die Jahre gekommen war, weil sich die Deutschen in der Zwischenzeit verändert hatten. "Heute", so gestehen die Testentwickler, "ist man ungezwungener im Umgang mit anderen Menschen, spricht andere eher an, schließt leichter Freundschaften und ist überhaupt weniger gehemmt."
Untersuchungen ergaben, daß bis zu 30 Prozent der Testergebnisse schwer danebenlagen, weil die Vergleichswerte nicht mehr stimmten. Überdurchschnittlich aggressive Personen etwa, die der Test eigentlich kenntlich machen müßte, gingen als umgängliche Zeitgenossen durch.
Deshalb kam 1984 eine neue Fassung des "Freiburger Persönlichkeitsinventars" auf den Markt; doch fast 90 Prozent der Psychologen arbeiten weiter mit der alten Version, meist aus reiner Trägheit. Eine Frankfurter Psychologin benutzt sie, "seit ich meine Ausbildung gemacht habe". Die inzwischen auch schon wieder elf Jahre alte Neufassung gibt es in ihrer Beratungsstelle bis heute nicht.
Die ursprünglichen Testbögen sind immer noch lieferbar, denn die deutsche Testzentrale in Göttingen, Hauptlieferant des Prüfzubehörs, traut sich selten, angejahrte Ankreuzblätter aus dem Angebot zu streichen. Geschäftsführer Jürgen Hogrefe klagt, in solchen Fällen gebe es "schnoddrige Beschwerden" der Psychologen: "Da kopieren wir halt weiter."
Auch bei Messungen der Verstandeskräfte dominieren Uraltverfahren, etwa der besonders bei Firmen beliebte IST-70. Er heißt so, weil er 1970 zum letzten Mal überarbeitet wurde; er erkundigt sich unter anderem nach der Küstenlänge Jugoslawiens. Bei einer Überprüfung stellt sich heraus, daß einige Fragen absurde Ergebnisse liefern: Gerade besonders kluge Köpfe kreuzen andere Antworten an als jene, die Testautor Rudolf Amthauer seinerzeit für Intelligenznachweise hielt.
Schulkindern rücken die Tester gern mit dem alten "Hawik" zu Leibe. Der fragt Großmutters Wissen ab. Die Kleinen sollen unter anderem erklären, was ein Knicks ist, oder erkennen, daß einem abgebildeten Hut das Hutband fehlt. Viele Psychologen versuchen, die mit den alten Hüten ermittelten Testergebnisse nach ihren Erfahrungen zu korrigieren. Doch gerade um derlei eigenmächtige Flickschusterei zu vermeiden, waren Tests mit standardisierten Aufgaben und Auswertungsvorschriften entwickelt worden.
Die Geschichte der Tests begann Anfang des Jahrhunderts, als der Psychologe Alfred Binet im Auftrag des französischen Unterrichtsministeriums den ersten Intelligenztest schuf. Er sollte Schüler, die nicht lernen konnten, von solchen unterscheiden helfen, die nicht lernen wollten. Im Ersten Weltkrieg untersuchte die US-Armee mit eigenen Intelligenztests fast zwei Millionen Rekruten. Wer des Englischen nicht mächtig war, bekam die Aufgaben pantomimisch erklärt.
Fast zeitgleich versuchte der Schweizer Psychiater Hermann Rorschach, den Geheimnissen der Seele mit Hilfe von Tintenklecksen auf die Spur zu kommen. Sein 1921 erschienenes Verfahren besteht aus zehn Klecksbildern, in denen der Proband etwas Gegenständliches erkennen soll; die Antworten des meist angestrengt phantasierenden Klienten werden anschließend vom Untersucher gedeutet und als Hinweise auf verborgene Seelenknoten interpretiert.
Vor allem Psychoanalytiker verwenden Rorschachs Tintenspritzer bis heute. Sie stehen auf Platz zwölf der aktuellen Testhitliste, sind aber nach wie vor äußerst umstritten. Rorschach-Experte Mario Muck, Psychoanalytiker aus Frankfurt, berichtet von einem Patienten, der in den Klecksen einen in einzelne Körperteile zerlegten Menschen sah. Der Mann wurde gleich zum Psychiater geschickt und einen Monat später als schizophren diagnostiziert.
Kritiker halten solche Erfolge für Zufall und verweisen auf mittlerweile Tausende von Untersuchungen, die zu einem überwiegend negativen Urteil kamen: Meist stimmten die Diagnosen der Rorschach-Deuter weder mit denen von Kollegen noch mit anderen Erkenntnissen über die Patienten überein.
Trotzdem wird das Verfahren selbst für so heikle Aufgaben wie Gerichtsgutachten benutzt, bei denen es etwa um die Frage geht, ob der Angeklagte in den Knast muß oder nicht. Deutungen wie: "Wer in den Klecksen Blut sieht, hat seine Aggressionen nicht unter Kontrolle", lassen sich "nicht psychologisch rechtfertigen", warnt der Psychologe Paul Walter.
Viele Prüflinge wissen inzwischen, daß der Rorschach ihre Seele preisgeben soll. Deshalb versuchen Straftäter oft, möglichst harmlose Antworten zu geben. So sehen sie, nach Erfahrungen des Gerichtspsychologen Georges Hengesch von der Universität des Saarlandes, in den Klecksbildern besonders gern vermeintlich unverfängliche Tiere wie Vögel oder Schmetterlinge. Diese Strategie ist allerdings riskant, weil Hengesch soviel Raffinesse als Indiz für "gesunde geistige Funktionen" und somit für die Schuldfähigkeit des Angeklagten wertet. Völlig auf die eigene Deutungskunst verlassen sich die Psychologen, wenn sie - wie jeder achte in der Branche - den Sceno-Test einsetzen: Eine aus dem Jahr 1938 stammende Sammlung von Puppen oder Tierfiguren soll Kinder dazu bringen, im Spiel ihre Probleme und Ängste zu offenbaren, wobei etwa eine große Kuh als "Mutterimago" angeblich eine "fordernde und erdrückende Macht" symbolisiert.
Auch nach über 50 Jahren ist die Tauglichkeit des Puppenspiels gänzlich unbewiesen. Dennoch wird es beispielsweise eingesetzt, wenn in Sorgerechtsverfahren geklärt werden soll, bei welchem Elternteil die Kinder besser aufgehoben sind. Fachleute wie Professor Reinhold Jäger von der Universität Koblenz-Landau warnen davor, den Sceno-Test bei derart schwierigen Entscheidungen zu benutzen.
Trotz wachsender Kritik aus den eigenen Reihen arbeiten viele Psychologen unverdrossen mit selbstgezimmerten Testmodellen. Sie denken sich Aufgaben aus und interpretieren die Ergebnisse, wie es ihnen plausibel erscheint. Die Entwicklung eines halbwegs seriösen Tests ist teuer, er muß an Hunderten von Personen erprobt und mathematisch abgesichert werden.
Gleichwohl verläßt sich gut die Hälfte der von Angela Schorr befragten Psychologen auf Eigenbauprodukte. Viele versuchen sich gar an Intelligenztests, was besonders bedenklich stimmt, wie die Eichstätter Psychologin in der Auswertung ihrer Umfrage notiert.
So wird das Mißtrauen auch gegen die in vielen Unternehmen gebräuchlichen Auswahltests geschürt. Die allerdings sind oft besser als ihr Ruf, wie Rüdiger Hossiep, früher Betriebspsychologe bei der Deutschen Bank, in einer soeben erschienenen Studie nachweist.
Hossiep fand heraus, daß im Kreditgewerbe eine aufwendig konzipierte hauseigene Testbatterie mit einiger Treffsicherheit prognostizieren kann, welche Position in der Unternehmenshierarchie der Kandidat viele Jahre später erreichen wird.
Das Urteil von Personalchefs, die sich auf ihre Menschenkenntnis verlassen, ist dagegen praktisch wertlos. Y
Zweifelhafte Tests entscheiden, ob jemand in den Knast muß

DER SPIEGEL 35/1995
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