28.08.1995

Kunst„Alles ist lebend tot“

Mit dem morbiden Sex seiner Bilder und seinem exzessiven Hang zur Selbstdarstellung wirkt der jung verstorbene Expressionist Egon Schiele überraschend aktuell. Jetzt schickt der bedeutendste Schiele-Sammler der Welt seine Schätze auf Ausstellungstournee durch Deutschland - der Provokateur von einst wird immer populärer.
Wenn er wiederkehren dürfte, dieser viel zu jung Gestorbene, wenn er nur für einen einzigen Tag aus dem Reich der Toten auferstehen dürfte: Egon Schiele würde sich verdammt wundern.
Vielleicht würde er durch die Straßen jener Stadt bummeln, in der er fast sein ganzes Erwachsenenleben verbrachte und über die er einst wütete: "Wien ist Schatten, die Stadt ist schwarz." Ein junger, ausgemergelter Spund mit wildem Struwwelpeterschopf, fiele Schiele heute gar nicht mehr auf zwischen all den Punkern und Streunern der Metropole.
Vielleicht würde er, der ewige Kettenraucher, auch Zigaretten kaufen, obgleich es die ihm vertrauten Marken nicht mehr gibt, dabei ein paar Zeitschriften durchblättern und auf Fotografien stoßen, deren aggressiver Körperkult ihm vertraut vorkäme.
Etwa auf eine blasse, magere Kindfrau mit schwer zu deutendem Gesichtsausdruck, die entblößt auf einer Couch liegt. Auf zwei nackte Körper, die sich auf einer Schaukel eng umschlungen halten. Oder auf dieselbe junge Frau, die sich mit ihren Schenkeln lustvoll an einen muskelbepackten Kerl klammert.
Für zweideutige Tagträume dieser Art war Schiele noch in die Zelle gesteckt worden, wegen "Verbreitung unsittlicher Zeichnungen". Der Richter verbrannte damals, als symbolischen Akt der Mißbilligung, gar ein Blatt Schieles in einer Kerzenflamme. Doch jetzt, gut 80 Jahre danach, ist die Welt voll von Bildern, die sich jeden erotischen Reiz zunutze machen, den Schiele je mit dem Zeichenstift festzuhalten gewagt hat.
Vielleicht würde er sich entsetzen über dieses Bombardement der Nacktheit, wie Calvin Klein und andere es in ihren Werbekampagnen betreiben. Wahrscheinlich aber würde Egon Schiele jubeln: Endlich hat ihn die Zeit eingeholt. Er hat recht behalten.
Wenn er dann auf die Suche nach eigenen Werken ginge, würde er an unerwarteten Orten fündig werden: nicht nur in den Museen und Galerien, sondern in jeder Buchhandlung, in jedem besseren Papierwarenladen. Dort werden Schiele-Werke verkauft als Postkarten, Plakate, Kalender.
Und das würde ihm, der nie unter einem Mangel an Eitelkeit litt, fast noch besser gefallen als die Erfüllung jenes allerletzten Wunsches, den er 1918 auf dem Sterbebett aussprach: "Meine Bilder soll man ausstellen in der ganzen Welt."
Zu einer Ausstellungstour durch Deutschland bricht gerade eine Auswahl von etwa 150 Gemälden, Aquarellen, Gouachen und Zeichnungen auf*. Die Arbeiten stammen aus den umfangreichen Beständen des Wiener Augenarztes und Sammlers Rudolf Leopold, 70, der zu Recht stolz darauf ist, daß er mit seinem Schiele-Konvolut alle Museen der Welt zusammengenommen übertreffen kann.
Es ist eine von zahlreichen Schiele-Ausstellungen der letzten Zeit, jedoch eine herausragende, mit eindrucksvollen Blättern aus allen Entwicklungsstufen Schieles und mit Hauptwerken wie "Eremiten" und "Die Selbstseher". Der Zuspruch des Publikums ist ihr so gut wie sicher: Schon vor sechs Jahren hatte eine Schau aus Leopolds Bestand, die in verschiedenen Kunsthallen Europas gastierte, mehrere hunderttausend Besucher angezogen.
Seither ist Schiele noch bekannter geworden, sein Werk hat Klassiker-Nimbus. Als Frühvollendeter genießt er, der mit 28 Jahren starb, einen Genie-Status irgendwo zwischen Georg Büchner und James Dean. Im vorigen Winter erreichte eine kleine, aber wichtige Zeichnung von der Hand des Jungkönners einen Auktionszuschlag von 6,5 Millionen Schilling: ein selbst von Fachleuten nicht erwarteter Quantensprung seines finanziellen Werts.
Im Jahr zuvor war ein Schiele-Haus in der böhmischen Renaissancestadt Krumau eingeweiht worden, die er geliebt und in vielen Bildern festgehalten hatte; und erst vor wenigen Monaten wurde Schieles Geburtszimmer im niederösterreichischen Ort Tulln, wo er 1890 als einziger Sohn des Bahnhofsvorstehers zur Welt gekommen war, zum weihevollen Gedenkraum umdekoriert.
Kein Zweifel: Schiele boomt. Doch weshalb jetzt? Welchen Nerv der Betrachter an der Jahrtausendwende trifft er? Welchen Anspruch erfüllt, welchen Bedarf deckt sein Werk?
Daß er einer der wirklich großen Zeichner der Kunstgeschichte war, der seinen Figuren durch wenige, schnell hingeworfene Linien Leben, Charakter und Ausstrahlung einflößen konnte, begründet seinen Erfolg nicht allein. Denn in den vier Jahrzehnten, nachdem ihn eine Grippeepidemie in Wien dahingerafft hatte, war Schiele trotz seines atemberaubenden Talents fast in Vergessenheit geraten.
Und das, obwohl er zu Lebzeiten beachtliche Anerkennung gefunden hatte. Es gab diverse Sammler, die seine Werke kauften; kurz vor seinem Tod gelang ihm gar ein spektakulärer Durchbruch bei einer Wiener Werkschau. Schieles treuester Fan war der Autor Arthur Roessler. "Seine Bilder entstanden und entstehen aus Trieb und Drang, ohne Pose, ohne Verbitterung, völlig hoffnungslos", schrieb Roessler bewundernd über Schiele, räumte allerdings ein, daß der Maler "nicht dem bleichsüchtigen Moralideal vom ,guten Menschen'' entspricht", sondern "vielmehr unbescheiden, unmäßig, rücksichtslos wirkt". Damit protestiere Schiele gegen "die Gleichgewichtigen, die Würdeprotzen, die sich gesund und vernünftig und gerecht Dünkenden".
Nicht nur das läßt Schiele heute überraschend zeitgenössisch erscheinen. "Dein Körper ist ein Schlachtfeld", der Slogan aus der jüngsten Konzeptkunst, trifft Schieles Befindlichkeit wie die kaum eines anderen. Der in der Epoche der gerade heranreifenden Psychoanalyse lebende Zeichner hat, unmittelbar von Freuds Lehren zehrend, den nackten Leib immer _(* "Egon Schiele. Sammlung Leopold, ) _(Wien" ist vom 2. September bis 10. ) _(Dezember in der Kunsthalle Tübingen zu ) _(sehen, anschließend vom 21. Dezember bis ) _(10. März 1996 in der Kunstsammlung ) _(Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und ) _(vom 22. März bis 16. Juni in der ) _(Kunsthalle Hamburg. Der Katalog kostet ) _(98 (in der Ausstellung 39) Mark. )
wieder wie einen Kriegsschauplatz der Emotionen begriffen und inszeniert.
Als junger Wilder profilierte sich Schiele bereits an der Wiener Kunstakademie, in die er als 16jähriger aufgenommen worden war. Er rebellierte so ausdauernd gegen seinen altmodischen Malereiprofessor, daß der den Studenten angeschrien haben soll: "Sie hat der Deubel in meine Schule gekackt."
Den Ausweg aus dem biederen Pomp der Akademie-Malerei wies Schiele zunächst der elegant-dekorative Jugendstil, dem er einige Jahre lang anhing. Er verehrte Gustav Klimt, der ihm zum lebenslangen Freund und Mentor wurde, und imitierte dessen Bildwelten. Doch schon mit knapp 20 Jahren, 1910, brach er aus dem Reich der Ornamentik aus. Aus der Bel Etage wagt Schiele den Abstieg in die Hölle.
Den gepflegten Salonduft des Jugendstils vertreibt er mit beißendem Schwefelgestank. Er verzichtet auf den dekorativen Goldflimmer, treibt die Damen Klimts in ganz undamenhafte Bewegungen und Posen, reißt ihnen den perfekten Faltenwurf ab, um darunter mit fetischistischer Genauigkeit ihr Schamhaar, ihr Geschlecht, ihre Haut, ihre Falten zu entdecken. Ein Flaneur des verbotenen Blicks.
In seinen expressivsten Jahren, von 1910 bis 1915, unterwirft sich Schiele einem unbedingten Willen zum Extrem, weil er nur durch die ungebärdige Form auch seine extremen inneren Erschütterungen, die Grenzerfahrungen, wiedergeben kann.
Immer herrscht Hochspannung in den Aktbildern, auch eine lauernde Gewalttätigkeit, eine obsessive Fixierung auf das Geschlechtsteil, das er immer und immer wieder darbietet wie eine überreife, pralle Frucht. Der nackte Körper birgt in Schieles Werk allen Schrecken der Welt, alle Qual, aber auch alles Begehren. Und nie ist das eine ohne das andere zu haben. Der Körper schwankt zwischen beiden, immer in Bewegung, verletzlich, vital, halb irrwitzig vor Verlangen und doch vom Ende gezeichnet. "Alles ist lebend tot", notiert bereits der Jugendliche.
Er skizziert mit kalter Hitze, knapp kalkuliert, vor einem leeren Hintergrund scheinen die Körper ins Nichts zu taumeln. Er verdreht, verzerrt und verspannt die menschliche Form, erniedrigt sie zum Fragment.
Dann wieder spreizt und streckt er den Körper ins schmerzhaft Dünne, läßt ihn gnadenlos häßlich wirken: eckig, knochig, kantig, mit viel zu großen Händen und scharfen, fratzenhaften Gesichtslinien.
In seiner Besessenheit hat sich Schiele auch selbst nicht geschont. Mit einem sendungsbewußten Narzißmus, der bis an den Rand der Quälerei reicht, verrät er auf Papier und Leinwand jede seiner Regungen, ob heftige Verzweiflung, Melancholie oder schiere Einsamkeit, aber auch jede neue Pose, in der er sich gefällt. Als gemarterten Heiligen stellt er sich dar, als Aktfigur mit erigiertem Glied, als Gefangenen, Dandy, Denker und immer wieder als Doppelgänger seiner selbst.
Es ist gerade diese absolute Enthemmtheit, mit der Schiele gegenwärtig einen Nerv trifft.
Der Monomane schaffte den Zeitsprung in die neue Ära, weil er all das bietet, was die durch Werbung, Videoclip-Kultur und Popheldentum geprägten Betrachter, gerade die jungen also, von einem Kunstwerk zu erwarten gelernt haben: einen extremen emotionalen Ausdruck, den aggressiven Umgang mit sexuellen Gesten, einen Hauch von Dekadenz und Fin de siecle, das Talent zur theatralischen Selbstdarstellung.
Schiele schockt nicht mehr, er bricht auch keine Tabus mehr. Schiele ist cool. Er paßt perfekt ins Programm der postmodernen Popkultur. Das macht nicht den ästhetischen Wert seiner Arbeiten aus. Aber das erklärt seinen frappierenden Erfolg.
Wenn er wiederkehren dürfte aus dem Totenreich, wäre er bald ein Fernsehstar, ein Talkshow-Gast, ein Michael Jackson der Malerei. Und sein bevorzugtes Modell wäre das morbid hagere Mannequin Kate Moss.
* "Egon Schiele. Sammlung Leopold, Wien" ist vom 2. September bis 10. Dezember in der Kunsthalle Tübingen zu sehen, anschließend vom 21. Dezember bis 10. März 1996 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf und vom 22. März bis 16. Juni in der Kunsthalle Hamburg. Der Katalog kostet 98 (in der Ausstellung 39) Mark.

DER SPIEGEL 35/1995
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