15.04.2013

ESSAYEntflechtet euch!

Eine unheilige Allianz von Bankern und Politikern hat die westlichen Marktwirtschaften verformt. Von Gabor Steingart
Das aufdringlichste Wort dieser Tage heißt "Krise". Schade, dass man ein Wort nicht wegen Stalkings verklagen kann. Überall lauert es einem mittlerweile auf. In den Nachrichtensendungen überfällt es die Zuschauer zu jeder vollen Stunde: Immobilienkrise, Bankenkrise, Staatsschuldenkrise, Dollar- und Euro-Krise.
Und immer, wenn wir glauben, eine Krise sei vorüber, springt uns schon die nächste an. Das neue Griechenland heißt Zypern, das nächste Europa wird womöglich Japan, und um die Ecke warten bereits die Vereinigten Staaten von Amerika auf ihre Heimsuchung.
Von den großen Denkschulen der Wirtschaftswissenschaft haben die Legionen der Besorgten keine Hilfe zu erwarten. Beiden großen Richtungen - der sozialistischen wie der liberalen - will schon die Standortbestimmung nicht gelingen. Wo stehen wir? Wo müssen wir hin? Die Kompassnadel spinnt, und das schon seit längerem.
Das kapitalistische System fuhr entgegen den Weissagungen von Karl Marx nicht in die Hölle der Verelendung. Es gibt keinen tendenziellen Fall der Profitrate, und der Unternehmer, jene Spezies, die in echten Fabriken echte Waren herstellt, ist nicht der "Totengräber" des Systems, sondern womöglich sein Retter.
Adam Smith, dem geistigen Gegenspieler von Marx, ist es nicht besser ergangen. Der Glaube an die "unsichtbare Hand", die unser Wirtschaftssystem einer natürlichen Balance zuführen werde, erwies sich als falsch. Nur die "eiserne Hand" des Staates konnte die Welt nach der Implosion des New Yorker Bankhauses Lehman Brothers vor Massenarbeitslosigkeit bewahren.
Um die Welt der Ökonomie zu verstehen, sind wir derzeit mit dem Ideensortiment des Naturforschers Charles Darwin besser bedient. Die von ihm entdeckten Prinzipien von Adaption, Variation und natürlicher Selektion kennzeichnen nicht nur die Entwicklung von Pflanzen-, Tier- und Menschenwelt, sondern auch die Art und Weise, wie unser Wirtschaftsorganismus sich fortentwickelt.
Bleibt das Umfeld stabil, verharrt das Wirtschaftssystem nahezu bewegungslos in seinem Zustand. Das traf auf die westlichen Nachkriegsgesellschaften zu. Hohe Wachstumsraten und die konservierende Wirkung der Blockkonfrontation zwischen Ost und West gaben dem System für Jahrzehnte seinen Halt. Der autofreie Sonntag während der Ölpreiskrise war die schwerste wirtschaftliche Erschütterung, die uns Deutsche damals ereilte.
20 Jahre später kam es weltweit zum Tempowechsel. Mit dem Ende der Sowjetunion, dem Aufstieg Chinas und dem Abflachen der westlichen Wachstumsraten begann eine Zeit großer evolutionärer Dynamik. Der oft wiederholte Satz, "Nach dem Ende der Planwirtschaft fehlt dem Kapitalismus die Systemalternative", wog uns in falscher Sicherheit.
In Wahrheit haben wir es seither global mit einer nie dagewesenen Artenvielfalt der wirtschaftlichen Systeme zu tun. Von Putins Oligarchen-Wirtschaft über den Öl-Kapitalismus im Nahen Osten und in Venezuela bis zu den verschiedenen asiatischen Modellen einer dirigistischen Marktwirtschaft streut die ökonomische Variation.
Der sozialen Marktwirtschaft deutscher Abstammung ist die neue Zeit nicht gut bekommen. Unter dem Druck der Ereignisse wurde sie bis zur Unkenntlichkeit verformt. Im Innersten unseres Wirtschaftssystems kam es zu einer Wesensveränderung.
Früher war der Staat für die Schwachen da. Heute rettet er die Banken. Es fällt schwer, dem Philosophen Peter Sloterdijk zu widersprechen, wenn er feststellt: "Der Staat bietet Sozialismus für die Großen." Verantwortung und Risiko wurden für die Hochfinanz voneinander entkoppelt.
Die unabhängige Notenbank soll die Stabilität des Geldes garantieren, so steht es noch immer in den Statuten der Europäischen Zentralbank. Doch die sind so gültig wie ein abgelaufener Fahrausweis. Aufkäufe von ansonsten unverkäuflichen Staatsanleihen und die Bereitstellung unbegrenzter Liquidität für in Not geratene Geldhäuser zählen zu den neuen Selbstverständlichkeiten. Der Gen-Code der Notenbanken wurde umprogrammiert.
Überall im Westen kam es zur Neudefinition dessen, was wir unter Wirtschaftswachstum verstehen. Früher war der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts gleichbedeutend mit einem Zuwachs an Wohlstand. Heute bedeutet er vor allem einen Zuwachs an Schulden.
Wer vom deutschen Bruttoinlandsprodukt der Jahre 2000 bis 2012 die staatliche Kreditfinanzierung abzieht, erhält die ungeschminkte Wachstumszahl: Kaum rechnet man die Kreditinjektionen heraus, sinkt die durchschnittliche Wachstumsrate dieses Zeitraums von 1,3 Prozent auf nur noch 0,1 Prozent.
Nur ein Narr würde ein Darlehen von 10 000 Dollar aufnehmen und anschließend behaupten, er wäre um 10 000 Dollar reicher, sagt der ehemalige Wirtschaftsberater von Václav Havel, Tomáŝ Sedláček. Aber genau diese Narretei begehen die Regierungen mittlerweile jeden Tag. Sie kaufen Wohlstand am Kapitalmarkt dazu, mit dem Ergebnis, dass die Wirklichkeit, die uns umgibt, synthetisch erzeugt wird. Der Schein triumphiert über das Sein.
Wirtschaftswundermann Ludwig Erhard glaubte noch: "Die Menschen haben zwar zuwege gebracht, das Atom zu spalten, aber nimmermehr würde es ihnen gelingen, jenes eherne Gesetz aufzusprengen, das uns verbietet, mehr zu verbrauchen, als wir erzeugen." Doch genau das wird heute mit großem Krafteinsatz versucht. Die Spaltarbeiten sind weit fortgeschritten.
Nun sollten wir nicht so tun, als hätte die neue Zeit nur Verlierer produziert. Das hat sie nicht. Kaum treten wir aus dem Schatten der staatlichen Schuldenberge heraus, sehen wir die Sonne, die auf die Hochhäuser der Banken scheint. Dem Finanzsektor ist die staatliche Kreditsucht gut bekommen. Die Banken schauen zurück auf eine Periode historisch einmaliger Prosperität.
Märchenhafte Gewinne wurden eingefahren. Die Deutsche Bank erwirtschaftete unter den sechs Vorgängern von Josef Ackermann einen Gesamtgewinn von rund 30 Milliarden Euro. Ackermann allein schaffte in einem Drittel der Zeit die gleiche Summe.
Die XXL-Bezahlung selbst unterer Dienstgrade weist alle Merkmale einer ökonomischen Entartung auf. Dass ein einziger Zinshändler der Deutschen Bank, Christian Bittar sein Name, im Jahr 2008 mehr verdiente als die Konzernchefs von VW, BMW, Daimler, Toyota und General Motors zusammen, zeigt eine Absurdität, die sich zur Normalität aufgeschwungen hat.
Das Superwachstum von Gewinnen und Gehältern ist dabei nicht Ausdruck besonderer Leistungen, sondern Ausdruck besonderer Umstände. Ausgerechnet im zentralen Sicherheitsbereich unserer Marktwirtschaft ist es zu einer Mutation gekommen. Der Staat, ursprünglich für die Rahmensetzung zuständig, und die Banken, traditionell mit der Geldversorgung der Realwirtschaft beauftragt, gingen von der Kooperation zur Kopulation über. Aus hybriden Verhältnissen schlüpfte ein Bastard - halb Markt- und halb Staatswirtschaft -, der in der klassischen Volkswirtschaftslehre so nicht vorgesehen ist.
In dieser Bastardökonomie ist die Regierung nicht mehr der neutrale Schiedsrichter, als der sie sich ausgibt. Sie ist heute ein Doppelwesen, das tagsüber auf dem roten Teppich wandelt, um sich des Nachts im Schattenreich der globalen Finanzmärkte seinen Geldnachschub zu besorgen. Der kreditsüchtige Politiker ist von den Geldhändlern mindestens so abhängig wie von seinen Wählern.
Die Magier der Finanzmärkte erklären ihm bereitwillig die modernen Finanzmarktprodukte: das Leasing der Müllfahrzeuge, das Sale-and-lease-Back der Sportplätze, die Kreditausfallversicherungen, das Hebeln von Staatsanleihen und die Devisenspekulation auf Optionsschein. Noch im kleinsten Rathaus der Republik kommen diese riskanten Instrumente längst zum Einsatz.
So konnten die Politiker in ihren Wahlkämpfen Gelder verteilen, die zuvor niemand erwirtschaftet hatte. Politische Erfolge gegen wirtschaftliche Sonderstellung, das war das Tauschgeschäft, auf dem dieses historisch einmalige und in keiner Verfassung vorgesehene Zusammenspiel von Staat und Finanzindustrie beruht.
Aus dem einstigen Unterstellungsverhältnis wurde eine Lebens- und Überlebenspartnerschaft. Der Primat der Politik galt damit als suspendiert. Der Staat war sekundär geworden.
Marktversagen, rufen seither die Linken. Staatsversagen, behaupten die Konservativen. In Wahrheit müssen Markt- und Staatsversagen heute zusammen gedacht werden. Regierungen und Bankiers haben die Zustände, unter denen der Westen leidet, gemeinsam herbeigeführt. Der eine war der Komplize des anderen. Der Staat öffnete die Tür, durch die das Geldgewerbe in den öffentlichen Raum drängte.
Richtig ist, wenn die Linke sagt: Der Bankensektor wurde zum Casino umgebaut. Aber genauso richtig ist: Die Lizenz zum Umbau und die Jetons für den laufenden Spielbetrieb kamen vom Staat. Staat und Finanzgewerbe haben die Grundlagen der sozialen Marktwirtschaft gemeinsam verraten.
Die dem Gemeinwohl verpflichteten Politiker und die auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Banken bilden heute eine Zugewinngemeinschaft mit angeschlossener Rückversicherung. Deshalb rettet der Staat die Banken, und die Banken retten den Staat. Und wenn beide nicht mehr weiterwissen, bestellen sie Nachschub bei der Notenbank in Frankfurt. Wer sich im Krisengetöse unserer Tage eine Restsensibilität bewahrt hat, hört nachts die Notenpresse rattern.
Ohne die Notenbank geht mittlerweile nichts mehr. Denn die Bastardökonomie neigt dazu, sich doppelt zu überschätzen. Sie produziert eine Staatsschuldenkrise, weil Regierungen sich mit Kredit vollstopfen. Und sie produziert bei den Banken eine Liquiditätskrise, weil diese mehr Kredit ausreichen, als ihrer Bilanz guttut. Die Staaten haben am Ende zu viele Schulden und die Banken zu wenig Eigenkapital, um sich ihren gemeinsamen Exzess weiter leisten zu können.
In einer Welt des großen Bluffs, in der die Überschuldung von Staaten und die Unterdeckung von Banken einander geradezu bedingen, ist die Notenbank die letzte Instanz mit transzendenter Kraft. Sie vergibt Schuld, indem sie Schulden übernimmt. Sie spendet Leben, indem sie Liquidität gewährt.
Der Wohlstand aller westlichen Staaten wurde durch die Bastardökonomie geschmälert und die Hypothek gegenüber künftigen Generationen vergrößert. Das währungspolitische Kartenhaus Europa, an dem Kanzlerin Angela Merkel, wenn auch erkennbar widerwillig, mitbaut, ist keine Behausung, die Vertrauen erweckt.
Spürbar ist, dass der Furor gegen die Marktwirtschaft wächst. Auch wenn sie für etwas angeklagt wird, was sie selbst nicht zu verantworten hat, sollten wir den Zorn der Bürger als das verstehen, was er auch ist: ein Auftrag zur Aufarbeitung der Ereignisse. Die Gesellschaft hat ein Recht darauf, dass dieser Auftrag angenommen wird. Die Eliten sind angesichts der Endlosserie von Krisen erklärungspflichtig.
Zu viele Fragen sind offen, als dass man zur Tagespolitik übergehen dürfte: Wie konnte es sein, dass Zinssätze wie der Euribor und der Libor, die für Millionen von Finanzprodukten, darunter auch den normalen Hauskredit, als Richtgröße gelten, über Jahre manipuliert wurden? Warum haben die Vorgesetzten der Manipulateure nichts gemerkt? Und wo war der Staat mit seinen Überwachungsinstanzen?
Wieso durften normale Händler überhaupt Milliardenrisiken eingehen, und wenn sie es nicht durften, wie konnten dann die Sicherheitssysteme so kläglich versagen? Warum muss jeder Autohersteller gegenüber seinen Kunden Garantieansprüche übernehmen, derweil die emittierenden Banken mit einem Schulterzucken davonkommen? Die wichtigste Aufgabe für die Politik der kommenden Jahre wird die Entflechtung von Staat und Finanzsektor sein. Die bastardisierte Marktwirtschaft hat sich als Sackgasse der ökonomischen Evolution erwiesen. Beim Zusammenspiel der ungleichen Partner wurden auf beiden Seiten Kontrollfunktionen durch Abhängigkeitsbeziehungen ersetzt.
Diese symbiotische Beziehung von Staat und Finanzwesen sollte beendet werden. Die Marktwirtschaft braucht beide - die Ordnungsmacht Staat und ein Finanzsystem, das die Brücke schlägt zwischen Geldbesitzern und Ideenbesitzern, das Investitionen ermöglicht, Spargelder verzinst und gegen Währungsrisiken absichert. Aber sie braucht beide in getrennter Formation. Nicht der Staat und die Banken sind von Übel, sondern ihre intime Form der Zusammenarbeit.
Um den Rückzug des Staats aus der Geldwirtschaft und den Rückzug der Geldwirtschaft aus dem Gemeinwesen zu organisieren, würde ein Entflechtungsgesetz gute Dienste leisten. Die Alliierten des Zweiten Weltkriegs haben nach ihrem militärischen Sieg die segensreichen Wirkungen einer Entflechtungspolitik vorgeführt. Ihnen ging es darum, den im "Dritten Reich" eingeschlagenen Entwicklungspfad, der vom "Capitalism" zum "Cartelism", vom Kapitalismus zum Kartellismus, geführt hatte, wieder rückgängig zu machen.
Im Potsdamer Abkommen wurde festgeschrieben, dass die Konzentration von wirtschaftlicher Macht, die Ausschaltung der Marktwirtschaft, die Organisation der Wirtschaft in Kartellen und Syndikaten, dem Wohlstand und der Demokratie nicht bekömmlich waren und daher rückabgewickelt gehörten. Auf dieser Basis wurden die Voraussetzungen für die spätere soziale Marktwirtschaft des Ludwig Erhard überhaupt erst geschaffen.
Im Fall der Bastardökonomie geht es nicht um die Entflechtung einer Branche, sondern einer Beziehung. Das macht die Angelegenheit nicht leichter. Derzeit befinden sich 43 Prozent der Bilanzsumme deutscher Banken unter öffentlicher Kontrolle. Und die gesamte Staatlichkeit in Europa hängt vom Wohlwollen der Finanzmärkte ab.
Allein werden die Beteiligten es nicht schaffen, voneinander loszukommen. Zuletzt bei der Einführung des Euro hatte man versucht, Obergrenzen für die Verschuldung zu ziehen. Das Ergebnis dieses Selbstversuchs ist bekannt: Zwei Drittel aller Euro-Staaten verletzten die Stabilitätskriterien. Der Rechtsbruch ist mittlerweile notorisch; und weil das so ist, wird auf Bestrafung, die der Vertrag von Maastricht ausdrücklich vorsah, verzichtet. Die Schwere der Tat begründet in diesem Fall den Freispruch.
Eine parteiübergreifende Unempfindlichkeit hat sich über die Schulden-Jahrzehnte herausgebildet. Der gewöhnliche Abgeordnete zweifelt die Regierung nicht an, sondern hält ihr den Steigbügel. Der Souverän ist frei nur darin zu entscheiden, ob die Abgeordneten der Regierung den Bügel von links oder von rechts halten.
Appelle an die Vernunft der Abgeordneten hat es reichlich gegeben. Sie wurden gehört, aber nicht verstanden. Was uns zu dem radikalen, aber in seiner Konsequenz logischen Schritt führt, den Abgeordneten das Edelste ihrer Rechte, das Budgetrecht, wieder zu entreißen. Sie haben es durch ihr Tun ohnehin verwirkt.
Das Budgetrecht war einst als das entscheidende Instrument gegen staatliche Willkür gedacht. Die Engländer setzten es 1689 in ihrer "Glorious Revolution" durch. In der "Bill of Rights" rangen sie König William das Zugeständnis ab, dass künftig die Parlamentarier das letzte Wort haben sollten, wenn es um die Staatsfinanzen geht. Auch in der US-Verfassung fand das Budgetrecht seinen prominenten Niederschlag: "No taxation without representation" - keine Besteuerung ohne Zustimmung der Volksvertreter, so der Wahlspruch der Revolutionäre.
In Deutschland war das Budgetrecht erst zu Bismarcks Zeiten eingeführt worden. Heute manifestiert sich dieses Recht in Artikel 110 des Grundgesetzes.
Die Abgeordneten können sich die Empörung über den Vorschlag, ihnen das Budgetrecht zu entreißen, sparen. In Wahrheit haben sie es durch ihr Finanzgebaren der letzten Dekaden, als kein Steuerrekord hoch genug ausfiel, um nicht doch einen neuen Kredit zu bestellen, selbst zur Disposition gestellt. Der Horizont der Abgeordneten war systematisch zu kurz gespannt. Sie dachten an die kommende Wahl, wo sie an das Wohl des Landes hätten denken sollen.
Das darf nicht folgenlos bleiben. Denn das Budgetrecht enthält, wie alle anderen Rechte, eine eingebaute Pflicht. Diese Pflicht hätte darin bestanden, der notorischen Verschuldung Einhalt zu gebieten. Stattdessen wurde jedes politische und ökonomische Ereignis, dessen man habhaft werden konnte, die Ölpreiskrise, die Deutsche Einheit, der Aufbau Europas, die Lehman-Pleite, die Euro-Turbulenz, der tatsächliche wie der nur befürchtete Konjunktureinbruch, zum Anlass genommen, bei den Banken Nachschub zu bestellen.
In den Flachbauten der Parteipolitik sind heute nur zwei Sorten von Schuldenmachern zu besichtigen: Die einen tun es lustvoll und aus Prinzip, die anderen schamvoll und mit schlechtem Gewissen. Den roten Zahlen sieht man diese Charakterunterschiede später nicht an.
Bleibt noch die Frage zu klären: Wenn die Abgeordneten das letzte Entscheidungsrecht über die Staatsfinanzen verlieren sollen, wer wird es dann an ihrer Stelle wahrnehmen?
Die Regierung scheidet aus den bekannten Gründen aus. Sie kann und darf sich nicht selbst kontrollieren.
Die Bundesbank besitzt die fachliche Eignung, aber nicht die demokratische Legitimation.
Auch ein neues Gremium der weisen Männer ist nicht zu empfehlen, da die Parteipolitik sich binnen kürzester Zeit seiner bemächtigen würde.
Nur einer kommt in Frage, der mit seiner praktischen Vernunft die Kraft besitzt, hier ordnend einzuschreiten: der Souverän selbst. Er verfügt - das Nachbarland Schweiz mit seiner direkten Demokratie beweist es uns ein ums andere Mal - über die nötige Autorität und Reife. Und er ist es gewohnt, in Dekaden zu denken. Sein Ziel ist nicht die Wiederwahl, sondern die Stabilität der Verhältnisse. In einem Meer der Augenblicksinteressen ist der Bürger der Festlandsockel, der nicht schwankt und nicht nachgibt.
Man hört die deutschen Abgeordneten sogleich knurren, die hier geäußerten Vorstellungen seien "nicht hilfreich", da das Volk mit der Aufstellung von Haushaltsplänen überfordert sei, dass es der parlamentarischen Expertise bedürfe, um einen Jahresetat zu verabschieden.
Der Abgeordnete vergisst gern, dass er der Vertreter der Bürger ist, nicht ihr Vormund. Die Bürger, die Deutschen zumal, haben in den vergangenen Jahrzehnten bewiesen, dass sie in eigener Sache sehr wohl mit Geld umgehen können, und zwar besser als jene Körperschaften, die sich ihnen überlegen fühlen. Er beherrscht die vier Grundrechenarten. Er weiß zwischen brutto und netto zu unterscheiden. Und zu den kreditgebenden Banken steht er in einer angeborenen Distanz.
Würde der Finanzminister so wirtschaften wie der durchschnittliche Deutsche, hätte er Jahr für Jahr Überschüsse zu melden und nicht Rekordschulden. Selbst in konjunkturell schwieriger Zeit halten die Deutschen ihre Sparquote hoch. In keinem einzigen Jahr seit Bestehen der Bundesrepublik befanden sich die Deutschen in der Schuld ihrer Banken. Wenn es in der Finanzkrise einen stabilisierenden Faktor gab, dann den deutschen Sparer.
Nun kann der Bürger in der Tat nicht alle Haushalte von Bund, Land und Kommunen selbst aufstellen. Aber das muss er auch nicht. Die Pflicht zur Budgetaufstellung liegt auch heute bei der Verwaltung. Worum es geht, ist nicht die Ausarbeitung der Pläne, die ja auch der Abgeordnete heute nicht selbst erstellt, sondern die Festlegung von Leitlinien für die Verabschiedung in den Parlamenten.
Es geht um das berühmte letzte Wort. Die finalen Fragen nach der verantwortbaren Höhe des Kreditbedarfs, der richtigen Besteuerung der Arbeitnehmer und Angestellten, das Maß an ausgereichten Subventionen und dem notwendigen Betrag, der für Investitionen in die Zukunft gebraucht wird, kann der mündige Bürger sehr wohl entscheiden. Zumal das Internet hier neue Möglichkeiten der Information und der Mitsprache bietet.
Es geht um mehr als um die eine große Volksabstimmung. Eine Politik, die den mündigen Bürger zum Ausgangs- und Endpunkt der finanziellen Entscheidungsprozesse macht, muss ihn deutlich anders informieren als heute. Ein erster Schritt könnte darin bestehen, dass die Regierung ihre Beziehungen zu den Banken offenlegt.
So wie einmal im Jahr der Subventionsbericht vorgelegt wird, wo die Regierung auflisten muss, wen sie alles subventioniert, würde der "Bericht zum Stand der Bankbeziehungen" den Bürger mit der nötigen Klarsicht versorgen. Wir würden wenigstens einmal im Jahr erfahren, welches Geldhaus welchen Privatisierungsauftrag erhielt, wer welche Tranche an Staatsanleihen platziert hat, bei wem der Staat mit welcher Summe im Soll steht - und was der Steuerzahler dafür an wen an Zinsen zahlt.
Die Beziehung von Finanzsektor und Regierung wäre mit einem solchen Report noch nicht entflochten. Aber sie wäre der Heimlichkeit entrissen.
Natürlich wird jeder halbwegs pfiffige Abgeordnete ein Dutzend Gründe vortragen, warum all diese Fragen dem Bürgerlein gefälligst entzogen gehören. Nicht gescheit genug! Diese große Komplexität! Wenn das alle in Europa täten!
Wir sollten nachsichtig sein mit unseren Volksvertretern. Sie sind nicht bösartig, nur verunsichert. Sie haben sich ein anderes Bild von ihrem Volk gemacht.
Sie wollten dem Bürger etwas bieten, und sei es auf seine eigenen Kosten. Aber vielleicht liegt da ja der Denkfehler. Wir sollten unseren Wahlkreisabgeordneten in der nächstbesten Bürgersprechstunde aufsuchen, ihn in den Arm nehmen und beruhigen.
Lieber Volksvertreter, wir erwarten von dir gar keine neuen Haltlosigkeiten. Nun lass uns doch erst mal die bisherigen abbezahlen! Wenn er tief Luft geholt hat, können wir ihm davon erzählen, wie wir Bürger mit Geld umgehen, wie wir emsig sparen, wie wir Lebensversicherungen für die Kinder abschließen und den Hauskredit nicht hebeln, sondern abstottern.
"Maßhalten" war das große Wort des Ludwig Erhard. Es gilt für die Mehrzahl der Deutschen noch immer als Richtwert ihres Handelns. Die meisten Politiker können es nicht mal buchstabieren.
Unser Abgeordneter wird uns nostalgisch nennen und von modernen Zeiten berichten, in denen moderne Finanzmärkte eine moderne Staatsfinanzierung ermöglichen.
Am Himmel hören wir ein Flugzeug. Vielleicht ist es jene Lufthansa-Maschine, die bei der Bundesbank in Frankfurt fünf Milliarden Euro Bargeld geladen hat, um es nach Zypern zu fliegen.
Es gibt Zeiten, da ist das Nostalgische durchaus von visionärer Kraft. In einer solchen Zeit leben wir.
Von Gabor Steingart

DER SPIEGEL 16/2013
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