11.09.1995

Mauermorde„Einfach umgemäht“

An der einstigen innerdeutschen Grenze wurden über 20 Kinder und Jugendliche getötet - die DDR tat alles, um die Vorfälle zu vertuschen. Behördliche Ermittler spüren jetzt den alten Akten nach.
Die leeren Plätze im Klassenzimmer der Neunten fielen auf. Seit Tagen hatten sich, im Dezember 1979, die beiden Schüler Heiko Runge und Uwe Fleischhauer nicht mehr im Unterricht der Polytechnischen Oberschule in Halle-Neustadt blicken lassen. Fragen der Mitschüler nach den beiden Freunden aber blockten die Lehrer barsch ab.
Ihr Schweigen war amtlich dekretiert. Lediglich der Schuldirektor, der Parteisekretär und der Klassenlehrer in der Hallenser Schule hatten vom zuständigen Kreisstaatsanwalt eine Nachricht bekommen. Darin war, militärisch knapp, von einem Unglücksfall im Zusammenhang mit einer Straftat die Rede - strengstes Stillschweigen galt als Staatsräson.
Auch Inge Runge, Mutter des Schülers, wurde zum Schweigen verdonnert. Freunden und Verwandten hatte sie die Geschichte eines tragischen Verkehrsunfalls zu erzählen; Standesbeamte mußten bei der Ausstellung der Sterbeurkunde schummeln - der DDR-Staat setzte alles daran, die Tatsachen zu vertuschen.
Die Wahrheit war: Heiko, damals 15 Jahre alt, hatte einen Fluchtversuch unternommen, am 8. Dezember 1979 erschossen zwei DDR-Grenzposten den Jungen vorm Stacheldrahtzaun bei Wernigerode, obwohl der Schüler längst wieder ins DDR-Gebiet zurücklief.
Eine Staatsanwältin informierte Mutter Runge über den Tod ihres Sohnes. Doch statt Beileid setzte es Vorwürfe: Sie habe "einen Landesverräter" geboren, erinnert sie sich, sei ihr eröffnet worden.
Die Ungeheuerlichkeit, selbst Kinder und Jugendliche an der "Staatsgrenze West" in den Tod zu schicken, war offenbar selbst den Genossen peinlich. Nur in den innersten Zirkeln blieb buchhalterisch genau dokumentiert, was tatsächlich geschah. Doch seit dem Zusammenbruch des DDR-Staats ermitteln Behörden mit Akribie die Zahl der Opfer. Über 20 Fälle von Mauer- und Grenztragödien mit tödlichem Ausgang haben sie bislang festgestellt. Etwa 20 weitere Kinder und Jugendliche müssen bei Fluchtversuchen über die Ostsee oder die damalige CSSR-Westgrenze umgekommen sein, schätzt Bernhard Priesemuth, der im Auftrag des Bundesfamilienministeriums die Fälle ermittelt.
Der letzte Tag im Leben von Heiko Runge hatte im Morgengrauen begonnen. Um 6.47 Uhr war der Junge an jenem 8. Dezember mit seinem Freund Uwe Fleischhauer auf dem Bahnhof Halle in einen Zug der Reichsbahn gestiegen. Die Kumpels, beide 15, beide schlechte Schüler aber sportliche Typen, _(* Bei der Jugendweihe. )
fuhren Richtung Süden bis zum Grenzort Benneckenstein.
Es nieselte, die Schüler stapften durch Wald und Wiesen. Gegen 15.30 Uhr waren die zwei in der Nähe des Örtchens Sorge am Grenzzaun angelangt. Im DDR-Grenzabschnitt "Buchenwaldschlucht" bogen sie am Signalzaun ein Loch zwischen Maschen- und Stacheldraht. Sofort schrillten die Alarmsirenen im Kompaniegebäude des Grenzbataillons, wenige Kilometer entfernt. Alsbald rückten drei Grenzkompanien in Mannschaftswagen an.
Ohne es zu ahnen, waren die Jungen binnen kurzem von den Grenzkommandos eingekesselt.
Gegen 16 Uhr eröffneten die Soldaten der 7. Grenzkompanie, Jürgen Albrecht und Claus Meyer, von einem Erdwall aus das Feuer auf die Jugendlichen. Für die Wachleute galt der Befehl: "Grenzverletzer sind aufzuspüren, festzunehmen, unschädlich zu machen oder zu vernichten" - dazu waren auch Albrecht und Meyer vor den Einsätzen stets vergattert worden.
Von den Schüssen aufgeschreckt, rannte Heiko Runge zurück in das Waldstück, aus dem die beiden Jungen gekommen waren. Sein Freund Uwe warf sich auf den Boden. Postenführer Albrecht feuerte aus seinem Maschinengewehr 26 Schüsse ab, Meyer 25.
Von den 51 Kugeln traf eine Heiko Runge tödlich in den Rücken. Uwe Fleischhauer blieb unverletzt am Boden liegen, er wurde festgenommen und kam in Haft. Auch ihn vergatterte die Stasi zum Lügen: Seinen Mithäftlingen mußte Uwe erzählen, er sitze wegen eines Kfz-Diebstahls ein.
Gegen die beiden Schützen Albrecht und Meyer, damals 20 und 23 Jahre alt, hat die Magdeburger Staatsanwaltschaft jetzt Anklage wegen Totschlags erhoben. Der Fall, zur Verhandlung vor der Jugendstrafkammer vorgesehen, wird eine neue Serie von Mauer- und Grenzschützenprozessen eröffnen. Schreckenstaten, bei denen die Täter oft nicht viel älter waren als ihre Opfer.
Er sei "erst mal aufgeregt" gewesen, sagte der damalige Grenzpostenführer Albrecht zwölf Jahre später. Er habe nicht gewollt, "daß die jetzt da durchkommen und ich dann bestraft werde".
Für den Magdeburger Oberstaatsanwalt Wolfram Klein ist der Tod des Schülers Heiko Runge ein "besonders übler Fall". Aus Kenntnis der Akten berichtet Klein: "Der wurde einfach umgemäht." Bezüglich der "persönlichen Verantwortung" rage der Fall "besonders heraus", weil Heiko im Tatmoment längst umgekehrt war. Klein: "Es ging nicht mehr um Republikflucht."
Die Motive der Jugendlichen, die ausbüxen wollten, hatten mit dem DDR-Staat zumeist wenig zu tun. Schulversagen und Probleme mit den Eltern etwa waren der Grund für Heiko Runge und Uwe Fleischhauer, bei Wernigerode die Flucht in den Westen zu versuchen.
Der 17jährige Lehrling Axel Hannemann aus Berlin, der 1962 beim Durchschwimmen der Spree angeschossen wurde und ertrank, war aus Prüfungsangst losgezogen. Lothar Schleußner und Jörg Hartmann wurden am 14. März 1966 beim Spielen an der Berliner Mauer erwischt - Grenzposten schossen auf die 13 und 10 Jahre alten Jungen.
Die Staatsanwaltschaft am Berliner Kammergericht, die bei der Verfolgung der DDR-Regierungskriminalität zentral die Vorermittlungen leitet, hat mittlerweile in 16 Fällen von Kindertötungen oder schweren Verletzungen an der Mauer Verfahren eingeleitet. Aufgrund der schwierigen Aktenlage ziehen sich die Untersuchungen jedoch vielfach hin. Über Fundstellen im militärischen Zwischenarchiv in Potsdam und mittels Dokumenten aus der Gauck-Behörde tasten sich die Ermittler mühevoll vorwärts - Stück für Stück ergibt sich so ein komplettes Bild des Grenz-Grauens.
Dabei stoßen fast regelmäßig die Staatsanwälte auf bewußt zerstörte oder manipulierte Akten. Sie fanden gefälschte Krematorienbücher, frisierte Obduktionsberichte und falsch ausgestellte Totenscheine. "Die hatten eine unheimliche Angst davor, daß irgend etwas rauskommt", glaubt der Berliner Leitende Oberstaatsanwalt Christoph Schaefgen.
Unterlagen, die Aufschluß über den Hergang der Kindertötungen an der Grenze geben könnten, waren schon lange vor der Wende auf Anordnung vernichtet und gefälscht worden. Es gab komplette Regieanweisungen zur Legendenbildung, um die schrecklichen Taten zu vertuschen.
Nach einem schriftlich verfaßten "Maßnahmeplan" der Stasi-Abteilung IX in Halle wurde beispielsweise der Fall Heiko Runge umgedeutet. In dem Dokument, einer minutiösen Anleitung zum staatlichen Lügen, wird "die Durchführung folgender Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Tode des Straftäters Heiko Runge vorgeschlagen": Der Mutter des Getöteten solle "je nach Reaktion" eine Legende über einen Unglücksfall aufgegeben werden. Bei Nachfragen von Bekannten habe sie abweisend zu reagieren, auch dürfe sie keine Todesanzeige in der Zeitung aufgeben. Gleichzeitig wurde ein Betreuer, "möglichst IM", in ihrer Umgebung sowie in der Schule installiert.
Auch das Begräbnis von Heiko war Staatsangelegenheit. Hauptziel, laut Stasi-Dokument: den "Kreis der Trauernden so klein wie möglich zu halten. Ausschließung der Teilnahme durch Mitschüler". Zur Beisetzung der Urne auf dem Friedhof in Halle schoß die Stasi sicherheitshalber noch an die 20 Observationsfotos.
Die staatlichen Aufpasser fertigten auch Listen darüber an, welche Personen "konkrete Kenntnis vom Todesfall des Heiko Runge" hatten - es waren 35. Eine andere Namensliste lief unter dem Titel "Personen, die einzelne Bemühungen um den Toten kennen, aber keine Kenntnis vom Zusammenhang erhielten". Unter dieser Rubrik wurden beispielsweise die Fahrer geführt, die den zugenagelten Sarg des toten Schülers von der Gerichtsmedizin Magdeburg nach Halle zu transportieren hatten.
Allen Sicherheitsvorkehrungen zum Trotz ging bei der Leitung der Grenzkommandos die Angst um, etwa 100 Angehörige und Mitarbeiter der Grenzeinheiten könnten von dem Vorfall erfahren haben. Deshalb hatten die Grenzer besonderes Stillschweigen zu wahren, ihre Post wurde gefilzt. Akten und Bandaufzeichnungen verschwanden.
In den Mitteilungen, die zu den leitenden Genossen nach Berlin gingen, herrschte hingegen Jubelton vor. Die "gezielte Feuerführung" gegen die beiden Schüler sei "richtig und zweckmäßig" gewesen, schreibt die Stasi-Bezirksverwaltung Magdeburg im Dezember an den "Stellvertreter des Genossen Minister, Genossen Generalleutnant Mittig". In der zynischen Diktion der DDR-Bürokraten waren die Opfer nur "Grenzverletzer" oder "Verbrecher".
Wie bei jeder erfolgreichen "Maßnahme" erhielten auch die Vollstrecker, die beiden Schützen Albrecht und Meyer sowie zwei weitere Grenzer, per Befehl "Nr. 116/79" die "Medaille für vorbildlichen Grenzdienst". Ein Zugführer wurde vorzeitig zum Oberleutnant befördert, für die Befehlsgeber, im Majorsrang, gab es sogar eine Geldprämie. Y
* Bei der Jugendweihe.

DER SPIEGEL 37/1995
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