11.09.1995

EhrungenTrance in Bonn

Der Streit um den Friedenspreis für Annemarie Schimmel eskaliert. Autoren und Verlage protestieren, die Preis-Jury muß nachsitzen.
Reisende tun gut daran, sich kundiger Führung zu bedienen; das öffnet Herzen sowie Türen.
Als, im April dieses Jahres, Bundespräsident Roman Herzog Staatsvisite im islamischen Pakistan machte, da pries er, neben den "starken beiderseitigen Wirtschaftsinteressen", auch einen "Sondergast" in seiner Suite: Annemarie Schimmel, die "führende deutsche Pakistan-Expertin" und "in Ihrem Land wahrlich keine Unbekannte".
Mittlerweile ist die Bonner Orientalistikprofessorin Schimmel, 73, auch in Deutschland ziemlich bekannt geworden; und demnächst will Herzog eine richtig lange Lobrede auf sie halten: am 15. Oktober in der Frankfurter Paulskirche, wenn der Börsenverein des Deutschen Buchhandels ihr offiziell den "Friedenspreis des Deutschen Buchhandels" samt 25 000 Mark überreichen läßt.
Wenn es denn dazu kommt. Denn die schon Monate währende Debatte um die designierte Preisträgerin lief vergangene Woche zur Sturmflut auf. An die hundert Autoren, Prominente, Verlage, Buchhändler wandten sich in einem "offenen Brief" an Roman Herzog - Schlußappell: "Herr Bundespräsident, setzen Sie ein Zeichen für Menschenrechte und Demokratie - und nicht dagegen. Übergeben Sie diesen Preis nicht."
Als Initiatoren der Depesche präsentierten sich Ralph Giordano, Günter Wallraff und Alice Schwarzer, die auch in ihrer Emma mehrere Breitseiten losgelassen hatte. Und den Katalog der Unterzeichner, darunter das westdeutsche PEN-Präsidium, zieren so namhafte Persönlichkeiten wie Jürgen Habermas, Elisabeth Badinter (Paris), Shere Hite, Günter Grass, Jurek Becker und Johannes Mario Simmel. Am vergangenen Donnerstag trat auch noch Christdemokrat Heiner Geißler in die Phalanx.
Brennt Paris? Eine alte Dame, die besser in ihrem Gelehrtenstübchen aufgehoben wäre, ist zum Politikum geworden - durch Äußerungen, die teils dusselig, teils naiv waren, offenbar aber aus einem Weltbild sprossen, das der Geist der Aufklärung nicht durchweht: Allah ist für sie wirklich groß und Mohammed sein Prophet.
"Wie in Trance" sei sie in Bonn herumgelaufen, als ihr, Anfang Mai, der Friedenspreis angetragen worden war; unter ihren Vorgängern sind immerhin Albert Schweitzer und Martin Buber, Ernst Bloch und Astrid Lindgren. Ihre Trance muß sich nicht gelichtet haben, als sie sich danach in ihrem ersten Fernsehauftritt zum Fall Salman Rushdie ausließ.
Rushdie, so sprach sie, habe mit seinen "Satanischen Versen" auf eine "sehr üble Art die Gefühle einer großen Menge von Gläubigen" verletzt, und sie habe darüber Männer "weinen" gesehen.
Und in einem SPIEGEL-Streitgespräch (21/1995) erteilte sie der gleichfalls von Morddrohungen moslemischer Fanatiker bedrohten Autorin Taslima Nasrin schlechte Zensuren ("keine große Schriftstellerin").
In den mehr als 80 Büchern, die Schimmel verfaßte, pflückten Scouts dann Lesefrüchte, die nicht gerade auf dem Baum der Erkenntnis, eher in _(* Annemarie Schimmel: "Meine Seele ) _(ist eine Frau. Das Weibliche im Islam". ) _(Kösel-Verlag, München; 208 Seiten; 38 ) _(Mark. )
den hängenden Gärten verzückter Glaubensseligkeit gewachsen waren: verständnisvolle Äußerungen zur Fatwa, zur Stellung der Frauen im Islam.
Damit spickten die Petenten den offenen Brief an den Bundespräsidenten und rückten Schimmel - zusammen mit ihrem "kritiklosen Verständnis für ihren ,Schützling'' Islam" - ins Lager des "religiösen Fundamentalismus". Flugs erwiderte der Börsenverein, klagte über Manipulationen bei Schimmel-Zitaten. Und die Frankfurter Allgemeine sekundierte; sicher zur Freude des Hauspatrons, des Bundeskanzlers Helmut Kohl.
Längst ist auch in der elfköpfigen Friedenspreis-Jury Dissens ausgebrochen. "Mit ihren unakzeptierbaren Erklärungen", schrieb einer der Juroren empört an die Preisleitung, habe Professor Schimmel "nicht nur den Friedenspreis, sondern auch die Mitglieder des Stiftungsrates desavouiert". Der wird den Fall nun noch einmal beraten, auf einer Sitzung am Montag dieser Woche.
Mitten in die See von Plagen fällt das neue Buch der unermüdlichen Annemarie Schimmel. "Meine Seele ist eine Frau", raunt der Titel dunkel; behandelt werde "Das Weibliche im Islam", und jede halbwegs emanzipierte Frau wird es das Gruseln lehren*.
Vertraut kritiklos, schwärmerisch devot berichtet sie etwa von "Gesangssklavinnen" ("das war die teuerste Gruppe von Sklavinnen"), die freigelassen wurden, "weil sie den Koran so herzbewegend schön rezitierten"; von den Wundern islamischer Heiliger, die "neugeborene Mädchen in Knaben" verwandelten; und vom Wissen der Mystiker, "daß eine Frau, die auf dem Wege Gottes wandelt, kein Weib ist, sondern ein ,Mann''".
Der Prophet, so ist zu erfahren, habe seine vielen Frauen "nicht aus naturhaften Gründen geliebt", nein, "er liebte sie, weil Gott sie ihm liebenswert gemacht hatte". Und die vom Koran gewährte Erlaubnis, vier legitime Ehefrauen zu haben, sei "als Zugeständnis an die vier Naturen oder Temperamente" auszulegen.
Ist dies die "Duldung, Poesie und Denkkultur" (Jury-Begründung), die Annemarie Schimmel preiswürdig machte? Y
Islamische Heilige verwandeln neugeborene Mädchen in Knaben
* Annemarie Schimmel: "Meine Seele ist eine Frau. Das Weibliche im Islam". Kösel-Verlag, München; 208 Seiten; 38 Mark.

DER SPIEGEL 37/1995
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