18.09.1995

Zeitgeschichte„Ausgesprochene Gauner“

Bisher unveröffentlichte Dokumente über Herbert Wehners schwedisches Exil belegen, daß der spätere SPD-Politiker im Juli 1944 keineswegs eine „reinliche Scheidung“ von der KPD anstrebte. Erst Enttäuschung über die deutschen Kommunisten nach Kriegsende führte endgültig zum Bruch.
Als die Polizei kam, lag Herbert Wehner unter dem Bett. Geholfen hat es nicht. Am 18. Februar 1942, kurz vor 11 Uhr, nahm ihn die schwedische Kripo fest, der deutsche Spitzenkommunist konnte sich nicht ausweisen.
Illegal und ohne Papiere hatte Wehner versucht, im Auftrag der Moskauer KPD-Exilführung von Stockholm aus den Widerstand gegen Nazi-Deutschland zu reorganisieren. Nun, mitten im Zweiten Weltkrieg, warfen ihm die schwedischen Behörden Spionage vor. Das brachte ihm ein Jahr Gefängnis ein.
Was Wehner, die Ikone der Nachkriegs-SPD, der gestapofreundlichen schwedischen Sicherheitspolizei erzählte, war umstritten. Hat er ihr deutsche Widerstandskämpfer preisgegeben und so den Nazis ans Messer geliefert? Bisher unveröffentlichte Dokumente aus schwedischen und deutschen Archiven, die der Greifswalder Historiker Michael Scholz aufgespürt hat, räumen nun den Verdacht aus**. Wehner-Biograph Hartmut Soell jubelte in der Zeit: Endlich sei der "Nachweis gelungen, daß dieser Vorwurf unbegründet war".
Nur am Rande geht der Wehner-Apologet indes auf eine andere Erkenntnis des Historiker-Kollegen ein: Wehners Abkehr vom Kommunismus vollzog sich komplizierter, als er es hinterher darstellte. Keineswegs strebte er nach der Entlassung aus der Internierung im Juli 1944 eine "reinliche Scheidung" (so Wehners "Notizen" 1946) wohl von der KPD an. Vielmehr hätte er gern seine Parteikarriere fortgesetzt, wie auch Recherchen des SPIEGEL ergaben.
Seit 1927 KPD-Mitglied, hatte es Wehner bis zum Kandidaten für das Politbüro gebracht. Der Preis war hoch: Vier Jahre, von 1937 bis 1941, intrigierte Wehner in Stalins Terror-Moskau um sein Leben (SPIEGEL 12 und 13/1993). Als alles vorbei war, beschrieb er die Moskauer Erfahrungen als einen der Hauptgründe für seine Lösung von der KPD.
Davon war in Schweden wenig zu spüren. Zwar kritisierte ** Michael F. Scholz: _("Herbert Wehner in Schweden 1941 - ) _(1946". R. Oldenbourg Verlag, München; ) _(203 Seiten; 35 Mark. ) _(* 1946 mit Stieftochter Greta, ) _(Stiefsohn Jens-Peter und Ehefrau ) _(Charlotte. )
Wehner gegenüber Vertrauten den Personenkult Stalins und "äußerte sich sehr skeptisch zu gewissen Ereignissen in der Moskauer Emigration", wie ein Weggefährte, Kurt Vieweg, 1966 der DDR-Staatssicherheit berichtete. Eine "sowjetfeindliche Einstellung oder etwas dergleichen", so der Mitemigrant Viktor Kunze, konnten seine Freunde jedoch nicht erkennen.
Sie sahen einen Wehner, der vor allem ein Ziel hatte: seinen Erzrivalen Karl Mewis aus dem Feld zu schlagen. Ihm und Wehner hatte die KPD-Führung in Moskau 1939 die operative Auslandsleitung der Partei in Skandinavien übertragen. Der Kaderabteilung schrieb Wehner, Mewis neige zu "Eitelkeit" und "Selbstgefälligkeit" und sei für den neuen Posten "nicht geeignet". Während Wehner vorerst in Moskau blieb, durfte Mewis in Stockholm sofort beginnen. Wehners Skepsis erwies sich als begründet: Mewis schickte fünf schlecht vorbereitete Instrukteure ins "Reich", vier davon liefen der Gestapo in die Arme. Wehner erhielt deshalb den Zusatzauftrag, Mewis'' "Tätigkeit genau zu untersuchen".
Wehner, der 1941 in Schweden eintraf, tat dies gründlich. Der Zentrale berichtete er, das "seelenlose bürokratische Umgehen mit unseren wertvollen Menschen" könne "nicht entschuldigt werden"; es sei "gleichbedeutend mit Mord". Doch bevor Mewis zurückgerufen werden konnte, sprengte die schwedische Sicherheitspolizei den Kreis der kommunistischen Konspirateure. Zuerst wurde Wehner verhaftet, ein halbes Jahr später flog Mewis auf.
Mewis schwärzte seinen Kontrahenten bei den Schweden an. Der wurde denn auch in der zweiten Instanz zu Zwangsarbeit verurteilt und anschließend interniert, Mewis kam ohne Strafe frei und wurde der führende Kopf der KPD-Auslandsleitung. Vergebens versuchte Wehner aus der Haft, den Verrat nach Moskau zu melden.
Was Wehner nicht wußte: Die dortige Exilführung hatte ihn längst wegen "erbärmlicher Feigheit" aus der kommunistischen Glaubensgemeinschaft ausgestoßen. Während die Mewis-Aussage offenbar verborgen blieb, schlug wie eine Bombe ein, was aus Wehners Vernehmungen bekannt wurde. Seine Strategie, zwar Namen und Adressen zu nennen, aber nur, wenn sie der Polizei seiner Meinung nach bereits bekannt waren, fand in Moskau kein Verständnis.
Kaum war Wehner aus der Internierung entlassen, knüpfte er Kontakte zu der Parteigruppe im südschwedischen Boras, wo er als Viskosearbeiter tätig war. Wehner meldete sich nicht offiziell bei der KPD zurück. Doch versuchte er, mit Moskau Verbindung aufzunehmen. Die Unterstützung der KPD-Zentrale war nötig, wenn er sich im Intrigensumpf gegen Mewis behaupten wollte.
Wehner wählte als Kurier Simon Sorkin, der wegen Spionage für die Sowjets verurteilt worden war. Was Wehner ihm an Anklagepunkten gegen Mewis mitgab, trug er auch Genossen vor: Feigheit vor dem Feind, schlampige Widerstandsarbeit, "prinzipienloses Gruppenverhalten" gegen Walter Ulbricht, Verfälschung der politischen Linie und unsauberes Finanzgebaren.
Mewis teilte ebenfalls aus: Weil mehrere Schweden, die mit Wehner zusammengearbeitet hatten, nach dessen Verhaftung ebenfalls inhaftiert worden seien, habe die KPD die Hilfe durch skandinavische Genossen verloren.
Die Parteibasis folgte Mewis. Bei einer Gegenstimme beschloß sie Ostern 1945, eine Entscheidung des Zentralkomitees abzuwarten und Wehner bis dahin von der Parteiarbeit fernzuhalten.
Auch mit Sorkin hatte Wehner kein Glück. Da der Kurier von der schwedischen Sicherheitspolizei überwacht wurde, landete Wehners Bericht nicht in Moskau, sondern bei der Polizei in Stockholm. Besser klappte es da mit Willy Langrock, Finanzjongleur der Komintern in den dreißiger Jahren und ein Mann mit vielen Kontakten. Er fühle sich "sicher und beruhigt", so Wehner Ende 1944 nach einem Bericht dänischer Sozialdemokraten zu Langrock, da dieser ihm "um die Mewis-Clique herum" die Verbindung nach Moskau ermöglicht habe. Freunden wie Feinden erzählte Wehner voller Hoffnung, die KPD-Spitze beurteile seinen Fall anders als der Ableger in Schweden.
Ein Jahr später war der Optimismus verflogen. Die Mewis-Gruppe - "ausgesprochene Gauner" (Wehner) - durfte ins zerstörte Berlin zurück, er selber saß in Schweden fest. Der KP-Führer Walter Ulbricht suchte dringend Genossen, die im Troß der Roten Armee den deutschen Sozialismus aufbauen sollten. Mewis traute er nicht viel zu, der sei vorerst nur "im Bezirksmaßstab geeignet".
In seinen schwedischen Schmollwinkel zog Wehner falsche Schlüsse. Seinem Bekannten Kunze sagte er, daß sich die Partei schon melden werde, wenn sie ihn haben wolle. Doch niemand kam. Wehners Zweifel wuchsen. Einem Freund schrieb er: "Ich habe mich ruhig verhalten . . . in der immer geringer werdenden Hoffnung, daß mir einmal Gelegenheit gegeben werden würde, richtigzustellen, was verdreht worden ist. Eine solche Gelegenheit hat mir niemand geboten, und ich zweifle daran, daß man sie mir bieten wird."
Da täuschte er sich. Um die Jahreswende 1945/46 beauftragte die KPD-Spitze Erich Honecker, bei Herbert Wehner vorzusprechen, falls dieser schon in der britischen Zone sein sollte. Die beiden kannten sich aus den Jahren 1934/35 von der Saar. Doch Wehner erfuhr davon nie.
Abgeschnitten von allen Kontakten, sah er seine Chancen schwinden. Er sei kein "Illusionist, der annimmt, er könne dort Recht . . . erwarten, wo Leute vom Schlage der Mewis . . . sich eingenistet haben", klagte er. Unter diesen "herzlosen politischen Karrieristen" - Ulbricht eingeschlossen - sei für ihn "kein Platz". Wehner gab den Machtkampf verloren. "Jeder weitere Versuch" sei "nur um den Preis persönlicher Korrumpierung und Erniedrigung" zu erkaufen.
Wie Wehner ging es vielen Renegaten. Nicht die Irrlehren von Marx, Lenin oder Stalin, sondern die Enttäuschung über die Genossen trieb sie aus der Partei. Erstaunlich war nur das Tempo: Anfang Juni 1946 rechnete Wehner bereits fest mit der SPD, im Herbst war er schon Mitglied. Y
Die KPD-Spitze beauftragte Honecker, bei Wehner vorzusprechen
** Michael F. Scholz: "Herbert Wehner in Schweden 1941 - 1946". R. Oldenbourg Verlag, München; 203 Seiten; 35 Mark. * 1946 mit Stieftochter Greta, Stiefsohn Jens-Peter und Ehefrau Charlotte.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 38/1995
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