18.09.1995

LegendenSandmann auf Techno

Das ehemalige DDR-Schallplatten-Label Amiga arbeitet wieder mit Gewinn. Jetzt soll der Ost-Rock auch den Westen erobern.
Die Verabredung in der Rankestraße in Berlin-Charlottenburg machte den Plattenmanager Jörg Stempel schon Tage vorher nervös. Es galt, einen Mann zu besuchen, den er schon seit vielen Jahren als Chanson-Interpreten verehrte.
Als es dann soweit war, saß Stempel fünf Stunden lang mit Manfred Krug auf dessen Balkon; sie redeten über Texte, über Musik und einzelne Arrangements. Und als es Nacht wurde und Stempel den TV-Star verließ, war der Besucher sicher: "Das könnte was werden." Der Schauspieler und sein Fan hatten die alten Krug-Chansons angehört. Stempel befand: "Der ist heiß, was Neues zu machen."
Vor fünf Jahren hätte Stempel, 47, den Job, das abgehalfterte DDR-Pop-Label Amiga wiederzubeleben, noch dankend abgelehnt: Neues zu produzieren - darin sah der frühere Ökonom beim "VEB Deutsche Schallplatten" keine Chance.
Heute gehört Amiga zum Musikkonzern BMG Ariola, und Marketingchef Stempel ist mit dem totgeglaubten Musiklabel erfolgreich: Die alten Hits der Puhdys, von Karat und Silly haben sich seit Mai letzten Jahres 310 000mal auf CD, LP oder Kassette verkauft - Ost-Rock und Ost-Schlager starten noch einmal durch.
"Als die Mauer weg war", sagt Stempel, "wollten die Leute endlich die Musik kaufen, die sie all die Jahre nur über den Rias oder NDR 2 hören konnten, die Platten von Springsteen und Westernhagen."
Der DDR-Mainstream-Rock, dessen renitent-sentimentale Botschaft irgendwo zwischen den Wörtern "fliegen", "Freiheit" und "Albatros" versteckt war, rutschte in die letzte Reihe im Plattenschrank. Radiomoderatoren aus dem Osten legten lieber Peter Maffay auf als den Ost-Sänger Holger Biege. Vorbei war die Gier, zwischen den Zeilen zu lesen, vorbei die Notwendigkeit, aus Sätzen wie "Schließ auf die Tür aus Stahl" die Sehnsucht nach Anarchie zu dechiffrieren.
Deutsch, domestiziert und dröge: Für westliche Ohren hatte der Ost-Rock ohnehin nie Weltniveau erreicht. Auch im Osten koberten Staatsrocker wie die Puhdys nicht jeden jungen Wilden: Viele hatten es eher mit den Stones und "Sympathy For The Devil" als mit Karat und deren "Schwanenkönig".
Im Jahre Fünf des neuen Deutschland aber rocken immer mehr Ostler und etliche Kult-Jünger aus dem Westen auf Revival-Partys zu "Alt wie ein Baum" von den Puhdys oder "Am Fenster" von City. Und in Hamburg und Berlin legen Independent-Labels auch die weniger prominenten DDR-Kompositionen neu auf. Republikweit kramen die Fans in Plattenläden nach den Schlaghosen-Covers der Gruppen Renft, Lift und Pankow. Toni Krahl, City-Sänger, fotografiert noch heute bei Konzerten seine Fans: "Für die Zeiten, wenn mal wieder keiner dabeigewesen sein will."
"All das", glaubt Stempel, "hat nichts mit Ostalgie zu tun, das ist einfach ein Stück Jugenderinnerung." Rumknutschen bei den Puhdys, Händchen halten bei Karat: "Einer wird bei ,Yesterday' sentimental, der andere bei ,Über sieben Brücken mußt du gehen'", meint Stempel, der früher auch mal Manager der Puhdys war.
Neben Karat und Konsorten erleben auch die DDR-Kinderfernsehen-Maskottchen Pittiplatsch und Schnatterinchen eine Renaissance: Die beiden Singles der sogenannten Sandmann's Dummies, Techno-Versionen der Lieder und Texte von "Pitti" und "Schnattchen", verkauften sich im letzten Jahr 270 000mal.
Der Erfolg mit dem Musikerbe Ost gefällt der Bertelsmann-Tochter Ariola. "Jetzt will die Company mehr sehen", sagt Stempel. Und weil für ihn zur gesamtdeutschen Allgemeinbildung "nicht nur Schiller und Goethe, sondern auch Silly und Pankow gehören", blasen Jörg Stempel und Wolf-Dietrich Fruck, Produktmanager bei Amiga, von Ende September an zum "Zentralangriff auf die Brüder und Schwestern im Westen".
Mit Aufstellern, Sonderdekorationen, Anzeigen und Sonderheften will die Amiga-Crew die "zehn wichtigsten Best-of-Alben" im West-Markt etablieren. Für den Musikkanal Viva wurde das Special "Ost-Rock - die besten Clips, Live-Konzerte, Interviews" produziert, und bei ost- und westdeutschen Radiosendern hat Stempel eine 15teilige Serie zur Geschichte des Ost-Rocks abgeliefert.
Bislang aber ist die Ost-Musik in viele Wessi-Köpfe noch nicht vorgedrungen. Zur Eröffnungsgala der Internationalen Funkausstellung präsentierte Hitparaden-Senior Dieter Thomas Heck deutsche Schlager aus 50 Jahren. "Musik muß dabeisein", hieß die Show. "Von den Ossis war nur Frank Schöbel dabei", mosert Stempel, "und der hat sich über private Kontakte da hineinkatapultiert." Auf der CD-Box zur Show, pikanterweise produziert von Ariola, fehlt auch Schlagersänger Schöbel. Wie alle anderen Ostler. Y

DER SPIEGEL 38/1995
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