18.09.1995

WünschelrutenKurzes Glück

Ein US-Wissenschaftler widerlegte den „Wünschelruten-Report“, für den Bonn fast eine halbe Million Mark springen ließ.
Für ihre schwierige Aufgabe wußten sich die beiden Physiker wohlgerüstet. 400 000 Mark, drei Jahre Zeit und Hunderte von Wünschelruten hatten sie zur Verfügung, um möglicherweise bösartige Kräfte aus dem Untergrund zu orten - Erdstrahlen.
Auftrag und Geld kamen aus dem Bonner Forschungsministerium, wo Handlungsbedarf erkannt worden war: Es gelte, der "Überfrachtung des Problemkreises mit pseudowissenschaftlichen Erklärungen" entgegenzuwirken. Seriöse Forschungsbemühungen sollten Klarheit schaffen - die Bonner betrauten zwei Münchner Physikprofessoren, Hans-Dieter Betz und Herbert König, mit einer Wünschelrutenstudie, der aufwendigsten, die je unternommen wurde.
Seit einiger Zeit liegen die Ergebnisse auf dem Tisch: In den enormen Datenbergen aus Tausenden von Mutungen glauben die Forscher einen "realen Kern" des Wünschelrutenphänomens ausgemacht zu haben, der als "praktisch nachgewiesen" anzusehen sei.
Jetzt hat sich der amerikanische Verhaltensphysiologe James Enright den Münchner "Wünschelruten-Report" erneut vorgenommen. Seine Schlußfolgerung: "Unrealistische Folklore".
Als Betz und König vor neun Jahren ihre Untersuchungen begannen, schien ihnen ein Ort besonders geeignet, der Kunst des Rutengehens naturwissenschaftlich nachzuspüren: eine Scheune in den nebligen Mooren des Münchner Nordens. Ein solcher Holzbau, erläutert Physiker Betz, lasse die Erdstrahlen ideal aufsteigen.
Negative Vorurteile hegten die Forscher gegenüber ihrem Untersuchungsgegenstand nicht. Schon 1982 hatten die Physiker in der Zeitschrift für Parapsychologie ihr Credo verkündet: Ein grundsätzlicher Zusammenhang zwischen Erdstrahlen und Wünschelrutenzucken lasse sich "keinesfalls" leugnen.
Um solche Beziehungen nachzuweisen, unternahmen die Wissenschaftler allerlei Anstrengungen: 500 Rutengänger, die sich selbst "Radiästhesisten" nennen, mußten in ausführlichen Testserien ihre Feinfühligkeit unter Beweis stellen. Nur 50 von ihnen, die Betz und König für die sensibelsten hielten, durften an den Experimenten in der zweistöckigen Scheune teilnehmen.
Dort galt es, eine "Wasserader" aufzuspüren, ein bewegliches Rohr, das die Radiästhesisten nicht sehen konnten, weil sie sich selbst in der oberen Etage befanden, das Gerinnsel aber im Erdgeschoß. Insgesamt 10 000mal stellten Betz und König die Mutungen ihrer Versuchspersonen auf die Probe.
Die meisten unter den 50 Auserwählten versagten kläglich und landeten kaum einen Treffer. Aber einige Kandidaten trafen ihr Ziel mitunter verblüffend genau - und bestätigten den Forschern, was die immer schon gewußt hatten: Einige wenige Menschen hätten tatsächlich ein Gespür für unsichtbare Kräfte, und zwar "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit".
In der Rutengängergemeinde lösten die Professorenberichte helle Begeisterung aus: An die 100 Millionen Mark, schätzen Experten, investieren die Deutschen jährlich in "Entstörsender" und Bettdecken, die vor Erdstrahlen schützen sollen - möglicherweise doch gut angelegtes Geld?
Auch bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) spürten manche Oberwasser. Seit Jahren läßt die bundeseigene Entwicklungsorganisation Trinkwasservorkommen in Trockengebieten von einem Wünschelrutenprospektor orten. Der Mann, Hans Schröter, zeigte in der Wüste der Halbinsel Sinai und anderswo etliche Glanzleistungen; seither hat er es dem Erdstrahlenforscher Betz besonders angetan.
"Schröter ist ein ungewöhnlich talentierter Prospektor", räumen auch Skeptiker wie der US-Wasserexperte Jay Lehr ein - liefern jedoch gleich eine Erklärung mit, die den Gesetzen der Physik nicht widerspricht: In über 20 Berufsjahren habe der GTZ-Mann eine ungeheure geologische Erfahrung gesammelt, allein die erlaube ihm, selbst dort noch Quellen aufzutun, wo andere versagten.
Auch in der kontrollierten Umgebung von Betz' Scheune war der Star-Rutengänger zu Gast. Was er dort vollbrachte, hat nun Verhaltensforscher Enright untersucht, indem er Betz' Aufzeichnungen akribisch auswertete. Tatsächlich, so stellte sich heraus, hatte Schröter eine erstaunliche Serie von fünf Treffern - aber eben nur eine einzige unter vielen Dutzend Versuchen.
Sobald die kurze Glückssträhne vorüber war, lag Schröter ähnlich daneben wie alle übrigen Rutengänger. Betz freilich habe genau jene Kandidaten zu erdstrahlensensiblen Menschen erklärt, die zufällig eine Erfolgsreihe hatten - ein statistischer Taschenspielertrick. Übers Ganze gesehen, so hat Enright nachgerechnet, wäre Schröters Trefferquote höher gewesen, wenn er sich bei jedem neuen Versuch einfach in die Raummitte gestellt und "Hier!" geschrien hätte.
Wie hätte er die Wasserader auch finden sollen? Betz und König wissen es auch nicht. "Es gibt keine Erdstrahlen im Sinne einer wohldefinierten Strahlungsart", schrieben die Forscher in ihrem Wünschelruten-Report.
Weitere Forschung, bemerkte das US-Innenministerium lakonisch, wäre eine Verschwendung öffentlicher Mittel. Y

DER SPIEGEL 38/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 38/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Wünschelruten:
Kurzes Glück

Video 01:27

Extrem seltene Aufnahmen Taucher begegnet Riesenmaulhai

  • Video "Extrem seltene Aufnahmen: Taucher begegnet Riesenmaulhai" Video 01:27
    Extrem seltene Aufnahmen: Taucher begegnet Riesenmaulhai
  • Video "Überwachungsvideo: Panzerbesatzung versucht vergeblich, Anschlag zu verhindern" Video 00:44
    Überwachungsvideo: Panzerbesatzung versucht vergeblich, Anschlag zu verhindern
  • Video "Dauerregen in Deutschland: Das ist eigentlich der Nomalfall" Video 02:06
    Dauerregen in Deutschland: "Das ist eigentlich der Nomalfall"
  • Video "US-Navyvideo: Patrouillenboot gibt Warnschüsse auf iranisches Schiff ab" Video 00:43
    US-Navyvideo: Patrouillenboot gibt Warnschüsse auf iranisches Schiff ab
  • Video "Trump und die lästige Reporterin: Seien Sie still!" Video 01:01
    Trump und die lästige Reporterin: "Seien Sie still!"
  • Video "Amateurvideo aus Arizona: US-Familie von Wassermassen überrascht" Video 00:57
    Amateurvideo aus Arizona: US-Familie von Wassermassen überrascht
  • Video "Krise in Venezuela: Staatschef missbraucht Sommerhit Despacito" Video 01:20
    Krise in Venezuela: Staatschef missbraucht Sommerhit "Despacito"
  • Video "Amateurvideo aus Burma: Touristenattraktion stürzt in Fluss" Video 00:54
    Amateurvideo aus Burma: Touristenattraktion stürzt in Fluss
  • Video "Trumps neuer Sprecher: Wenn ihr leakt, werfe ich euch alle raus" Video 01:31
    Trumps neuer Sprecher: "Wenn ihr leakt, werfe ich euch alle raus"
  • Video "US-Polizeivideo: Starbucks-Räuber von Kunden überwältigt" Video 01:04
    US-Polizeivideo: Starbucks-Räuber von Kunden überwältigt
  • Video "Sri Lanka: Elefanten in Seenot" Video 00:49
    Sri Lanka: Elefanten in Seenot
  • Video "Fukushima: Roboter taucht in die Reaktor-Ruine" Video 01:17
    Fukushima: Roboter taucht in die Reaktor-Ruine
  • Video "Panorama-Video: Die ultimative Was-passiert-dann-Maschine" Video 02:16
    Panorama-Video: Die ultimative Was-passiert-dann-Maschine
  • Video "Bis zu 2000 Dollar pro Gemälde: Michael Jacksons Affe macht Kunst" Video 01:32
    Bis zu 2000 Dollar pro Gemälde: Michael Jacksons Affe macht Kunst
  • Video "Videobotschaft aus Venezuela: Der Violinen-Mann spielt weiter" Video 02:30
    Videobotschaft aus Venezuela: Der Violinen-Mann spielt weiter