16.10.1995

ImmobilienBegehbare Schränke

Die Deutschen entdecken Holz als Baustoff - für billige Sozialwohnungen und stilechte Amerika-Häuser.
Beim Einkaufen wird die Fotolaborantin Edith Mewitz, 59, oft nach ihrem Zuhause gefragt: "Kann man da denn leben?" Im fränkischen Schwabach (39 000 Einwohner) hat sich schnell herumgesprochen, wer in den "Hasenställen", den 56 hölzernen Sozialwohnungen an der Reichswaisenhausstraße, wohnt.
Zunächst war auch Mewitz "erschrocken", als sie sah, wie die dreigeschossigen Häuser in wenigen Wochen aus Kanthölzern und Sperrholzplatten zusammengebaut wurden - ganz ohne Stein und Mörtel. Aber seit ihrem Einzug vor einem Jahr ist die Skepsis verflogen: "Ich will gar nicht mehr anders wohnen."
Der Sinneswandel von Edith Mewitz ist symptomatisch. War Holz noch vor wenigen Jahren allenfalls als Baustoff für Baracken genehm, schätzen es nun immer mehr Architekten, Wohnungsbaugesellschaften und Häuslebauer als preisgünstige Alternative zu Backstein oder Beton. Die 56 Schwabacher Wohnungen sind Teil des bayerischen Modellprojekts "Mietwohnungen in Holzsystembauweise". Insgesamt 900 Wohnungen an 23 Orten fördert der Freistaat seit 1993 mit 60 Millionen Mark; rund die Hälfte der Bauten steht bereits.
Die Idee für das Projekt entstand Anfang der neunziger Jahre, als für die rapide ansteigende Zahl der nach Bayern kommenden Aussiedler eilends Übergangswohnheime aus schlichten Holzplatten zusammengezimmert werden mußten: Der Preis von 1500 Mark pro Quadratmeter lag rund einen Tausender unter den Kosten beim Sozialwohnungsbau. Mit Hilfe eines Architektenwettbewerbs suchte die oberste Baubehörde nach einer Lösung, um Häuser ohne Keller zu maximal 1800 Mark pro Quadratmeter errichten zu können.
Bayerns Bau-Staatssekretär Alfred Sauter (CSU) ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden: "Wir konnten die Preisentwicklung völlig umdrehen." Die neue Bauweise, hofft Sauter, "kann auch für Anleger auf dem frei finanzierten Wohnungsmarkt interessant sein".
Mieter profitieren ebenfalls vom Holzbau. "Die Wohnungsbaugesellschaften verlangen 40 Pfennig weniger Miete pro Quadratmeter", sagt Martin Daut von der Landeswohnungs- und Städtebaugesellschaft Bayern. Zudem liegen, Daut zufolge, die Heizkosten um 15 Prozent unter denen von massiven Neubauten: Die Holzwände sind zwar dünn, aber sie isolieren gut.
Ein weiteres bayerisches Holzhausprojekt wird wissenschaftlich begleitet von Theodor Hugues, Architektur-Professor der TU München. Er untersucht vor allem die Bautechnik, und bereits jetzt steht für ihn fest, daß "die Holzhäuser einen ebenso guten Standard bieten wie Massivbauten". Selbst die Haltbarkeit sei "vergleichbar".
Während Holzbauten etwa in den USA eine jahrhundertealte Tradition haben, so daß 80 Prozent der Wohnhäuser nur aus Holzstäben, Beplankung und Isolation bestehen, hat sich in Deutschland seit den großen Bränden der hölzernen Innenstädte aus dem Mittelalter die Angst vor dem leicht entzündlichen Baustoff gehalten. "Ohne Begründung", meint Hugues, denn durch die Verkleidung mit Gipsplatten erreichten auch Holzwände die "vorgeschriebenen Brandschutzwerte" - sie halten bis zu eineinhalb Stunden den Flammen stand.
Ungläubigen Baubeamten, die in ihren Vorschriften meist noch, je nach Bundesland, zwei Stockwerke als Höchstgrenze für Holzbauten festgeschrieben haben, will der Hamburger Zimmermeister Siegfried Meyer demnächst einheizen. Unterstützt von seinem Berufsverband will Meyer ein vierstöckiges Holzhaus anzünden. Feuerwehrleute sollen dann am brennenden Objekt die Sicherheit beurteilen.
130 Einfamilienhäuser in der gesamten Republik hat Meyer bereits aus Holz gebaut. "Die Nachfrage steigt enorm", sagt der Geschäftsmann. Er verarbeitet das Holz wie es Amerikaner tun - vorgetrocknet und ohne chemische Holzschutzmittel. Stabilität bekommen die senkrecht stehenden Kanthölzer durch aufgenagelte Sperrholzplatten.
Auch Importeure amerikanischer Bautechnik verzeichnen zunehmende Nachfrage. Andrea Lissner-Espe zum Beispiel, Geschäftsführerin der Firma "Boston Haus" in Berlin, die seit Februar US-Häuser anbietet, mußte bereits Prospekte nachdrucken lassen. "Wir bekommen am Tag zehn Anfragen", freut sich die Hausverkäuferin, die bald in Potsdam ihre ersten sieben Holzwohnungen einweihen will. Weitere fünf Einfamilienhäuser sind bestellt. Bei Preisen von rund 2500 Mark pro Quadratmeter, inklusive Einbauküche und begehbaren Kleiderschränken, sind sie rund ein Drittel billiger als massive Steinhäuser.
Die Liebhaber der US-Holzbauten, die in Deutschland trotz Kunstharz-Putzfassade als Exoten auffallen, schwärmen meist mehr für die großzügige, aus TV-Serien bekannte Architektur als für die ökologischen Qualitäten des Baustoffs Holz.
Darauf aber zielt eine Marketing-Aktion der Westdeutschen Landesbausparkasse. Sie hat ein Öko-Haus entwickeln lassen, das 126 Quadratmeter mißt und inklusive Solaranlage und Regenwasserzisterne rund 300 000 Mark kostet. Fast hundert dieser Öko-Häuser wurden schon gebaut.
Obwohl das Vorurteil gegenüber Bäumen als Baustoff schwindet, halten die deutschen Fertighaushersteller zum neuen Holzbautrend Distanz. 1994 stellten sie immerhin 20 000 Eigenheime auf, bei denen der Grundstoff Holz in den fertig montierten Wänden versteckt ist. Angst vor der preisgünstigen amerikanischen Konkurrenz hätten die Produzenten der schweren deutschen Bauten nicht, sagt Thomas Renner vom Bundesverband Deutscher Fertigbau. Schließlich, so Renner, sei die amerikanische Bauweise "leicht und billig".
Und an preiswertem Wohnungsbau haben die Lieferanten der Fertighäuser offenbar wenig Interesse. Bauoberrätin Katharina Zahn, die das bayerische Modellprojekt betreut, staunt: "Bei uns haben sie nicht einmal die Ausschreibungsunterlagen angefordert." Y
Rund ein Drittel billiger als massive Steinhäuser

DER SPIEGEL 42/1995
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