16.10.1995

USADie Rassenkarte ist Trumpf

Die Leibwächter filzen mit hartem Griff, doch das Lächeln des Ehrenwerten versöhnt jeden Besucher. Es ist sanft und warm und abgeklärt, alles verstehend, alles verzeihend. Selbst Verleumdungen, die der kranken Phantasie der Medien entsprungen sind, können ihn nicht mehr erreichen. Louis Farrakhan steht darüber: hoch oben, vor der Erfüllung seiner Träume.
Mit 62 Jahren immer noch (aber auch immer nur) Führer der "Nation of Islam" zu sein, dieser militant rassenkämpferischen Organisation schwarzer Moslems, konnte Farrakhan in den letzten Jahren nicht mehr befriedigen. Er strebte heraus aus dem Zelt des Sektierers, aus der Ecke der Extremisten, um endlich im Establishment des schwarzen Amerika den ihm angemessenen Platz zu besetzen - an der Spitze.
Zum Greifen nahe erschien vergangene Woche dieses Ziel. Den "Million Man March", den Marsch einer Million schwarzer Männer, der an diesem Montag vor dem Washingtoner Kapitolshügel kulminiert, hatte Farrakhan schon vor mehr als einem Jahr zu organisieren begonnen. Nur hatte damals noch niemand eine Ahnung davon, wie "heiß" in Amerika bis zum 16. Oktober 1995 das Rassenthema sein würde. Eine Spur von Ironie (die sonst bei ihm nicht vorkommt) scheint Farrakhans Lippen zu kräuseln: "Kein schlechtes Timing, was?"
In der Tat, mit geradezu seherischem Zeitgefühl muß er damals für diese schwarze Massendemonstration das Datum gewählt haben, das so kurz nach der Urteilsverkündung im amerikanischen "Prozeß des Jahrhunderts" liegt: nach dem eklatanten Freispruch des (schwarzen) Athleten und Multimillionärs O. J. Simpson von der Anklage, seiner früheren (weißen) Ehefrau den Hals durchgeschnitten und ihren jungen Begleiter erstochen zu haben.
Eine Million schwarzer Männer marschiert auf Washington - 13 Tage nach jenem dramatischen 3. Oktober, an dem das weiße Amerika schockiert feststellen mußte, daß es in einer scharf gespaltenen Nation lebt. Welch eine Chance für Farrakhan, den Veranstalter des Marsches; denn es ist genau diese Spaltung ("one country, two nations"), die er seinen Anhängern schon seit Jahrzehnten einhämmert.
Amerikas zarteste und treueste Seelen, die sich in Gottes eigenem Land keinen zynischen Zweifel am letztendlichen Sieg des Guten gestatten, durften am Ende des Showprozesses von Los Angeles noch eine kalifornische Nacht in frommer Zuversicht verbringen. Am Montag abend vorletzter Woche hatten die zwölf Geschworenen die Amerikaner mit der Mitteilung überrascht, sie seien schon nach wenigen Stunden zu einem einmütigen Urteil gelangt und hätten dieses beim Gericht hinterlegt.
Für Amerikas liberale Geister eine elektrisierende Mitteilung. Sie konnte nach Menschenvernunft nur eines bedeuten: Alle Geschworenen waren standhaft geblieben; ihre schwarze Mehrheit hatte sich nicht von der Rassendemagogie der Verteidiger blenden lassen; es war nicht zu einer "hung jury" gekommen, zu einem Prozeß ohne Ergebnis, der irgendwann eine Neuauflage nötig gemacht hätte. Tiefes, erleichtertes Durchatmen.
Am nächsten Morgen dann, bei der Urteilsverkündung, das kalte Entsetzen. Die Gewißheit vom Vorabend, der Rechtsstaat habe sich trotz widrigster Umstände behaupten können, war als Wunschdenken entlarvt. Die Frage nach Schuld oder Unschuld des Angeklagten war zur Nebensache geworden, als auf dem Spieltisch der Geschworenen die Rassenkarte landete.
"Aus der untersten Schublade", wetterte der verärgerte Simpson-Anwalt Robert Shapiro, habe sein schwarzer Kollege, der Hauptverteidiger Johnnie Cochran, die "Rassenkarte" hervorgeholt. Und wie Cochran diesen Trumpf vor einer mehrheitlich schwarzen Jury ausspielte, war meisterhaft. Es gehe darum, rief er im Plädoyer, der verhaßten Polizei von Los Angeles "eine Botschaft zu senden" - einen Denkzettel zu verpassen.
Auch Cochrans Humor kam aus der untersten Schublade. Bevor Nicole Brown Simpsons Kopf beinah vom Rumpf getrennt wurde, hatte die schöne Frau - noch als Gattin ihres Athleten - schwerste körperliche Mißhandlungen erlitten; O. J. war deshalb vorbestraft. Damit die weiblichen Geschworenen dies ja nicht überschätzten, rief Cochran ihnen augenzwinkernd zu: "Keiner von uns ist vollkommen." Der Appell an die Stammessolidarität war so schamlos wie einst bei den Weißen der Südstaaten.
Entsprechend fielen die Reaktionen auf den Urteilsspruch aus. Jubel, Umarmungen, Freudentänze und schadenfrohes Auftrumpfen mit erhobener Faust bei den Schwarzen; ungläubiges Staunen, dann stumme Bestürzung bei den Weißen. Der schwarze Filmregisseur Spike Lee wird mit der Behauptung zitiert, von einem schwarzen Rassismus könne in Amerika keine Rede sein, solange die Schwarzen eine Minderheit darstellten und zwangsläufig Unterdrückte seien.
Also Schwarz und Weiß als zwei Nationen, wenn nicht gar als verschiedene Planeten, wie Louis Farrakhan behauptet? Auch wenn die Realität komplizierter ist und das Einkommen intakter, schwarzer Familien heute bereits knapp unter dem weißen Durchschnitt liegt, prägt die Animosität der verwahrlosten Unterklasse offenbar die Einstellung der meisten Schwarzen gegenüber den Weißen.
Die Ordnungskräfte von Los Angeles konnten am Dienstag vorletzter Woche beruhigt nach Hause gehen: Nach dem Freispruch für O. J. Simpson waren keine weißen Unruhen zu befürchten - wogegen für den Fall eines Schuldspruchs durchaus mit einer Wiederholung der großen städtischen Gewaltorgie vom Frühjahr 1992 gerechnet worden war.
"O. J. wegen Doppelmords verurteilt": Auf diese Meldung hin hätte in den Slums von South Central L.A. wahrscheinlich wieder ein schwarzes, hispanisches und auch weißes Lumpenproletariat rasch die kleinen Läden koreanischer Einwanderer in Brand gesteckt. Und wie gehabt hätten viele Bürger schwarzer Hautfarbe ihrer Trauer und Betroffenheit dadurch Ausdruck verliehen, daß sie geplünderte Fernsehgeräte mit nach Hause genommen hätten.
Courtland Milloy, schwarzer Kolumnist der Washington Post, will seinen Lesern die ruhige Reaktion der Weißen auf den Freispruch Simpsons erklären. "Haben Sie jemals weiße Leute randalieren gesehen?" fragt er rhetorisch. "Nein, die machen das viel subtiler. Schwarze Portiers in einem Apartmenthaus haben seit dem Freispruch von den Weißen kein Trinkgeld mehr bekommen. Und in Philadelphia hat ein weißer Polizist einer Gruppe schwarzer Frauen, die einen Freudentanz aufführte, den Mittelfinger gezeigt."
Daß solche Art der kulturellen Aufklärung den "Million Man March" negativ beeinflussen, ja gewaltsame Ausschreitungen provozieren könnte, ist unwahrscheinlich. Farrakhan muß zugute gehalten werden, daß seine Veranstaltung unter einem positiven Vorzeichen steht. Der Marsch auf Washington dient der öffentlichen "Buße" - für die Sünden des schwarzen Mannes, der es allgemein an familiärer und sozialer Verantwortung fehlen lasse. 60 Prozent aller schwarzen Haushalte, behauptet Farrakhan, hätten eine Frau zum Oberhaupt.
"Wie kann von Rassenintegration die Rede sein", ruft der Führer der Black Muslims, "wenn die Menschen in unseren schwarzen Ghettos eine Existenz von Wilden führen, ohne die geringste Selbsterkenntnis, auf der Stufe der niedrigsten Tierarten?" Würde ein weißer Politiker sich so über amerikanische Bürger schwarzer Hautfarbe äußern, so könnte er heutzutage weder bei den Demokraten noch bei den Republikanern Aufnahme finden; allenfalls der Ku-Klux-Klan würde ihn nehmen.
Das Vorbild für den Marsch auf Washington hat im August 1963 der Reverend Dr. Martin Luther King Jr. geliefert, der damals vor einer Viertelmillion schwarzer und weißer Bürgerrechtskämpfer seine berühmteste Rede hielt, die in jedem Abschnitt mit den Worten "I have a dream" begann. King träumte öffentlich von einer Gesellschaft ohne Rassenschranken und ohne Vorurteile, in der die Söhne der Sklaven und der Sklavenhalter brüderlich an einem Tisch sitzen würden.
Nicht ausgeschlossen, daß Louis Farrakhan in Washington versuchen wird, sich 32 Jahre später ebenfalls als Versöhner zu profilieren. Ein salbungsvoller Brandstifter ist er ja lang genug gewesen: Seit den siebziger Jahren führt er als Erbe des Ehrenwerten Elijah Muhammad seine Sekte, gestützt auf Zehntausende adretter junger Männer in grünen Anzügen und grünen Schuhen, die bunte Propeller-Krawatten tragen und von den Drogenbanden in den Ghettos gefürchtet werden.
Das schwarze Establishment hat sich stets von Farrakhan distanziert, weil bei der "Nation of Islam" die Rhetorik des Weißenhasses und der antisemitische Tick die Amerikaner abstießen. Daß Farrakhan von seinen fixen Ideen nicht kuriert ist, zeigt sich weiterhin (siehe Gespräch) - und dennoch wird er nun nicht mehr als Extremist gemieden: Jesse Jackson, Veteran der Bürgerrechtskämpfe und mehrmaliger Präsidentschaftsbewerber, unterstützt Farrakhans "Millionenmarsch", ebenso die wichtigsten Schwarzen-Organisationen.
Und Colin Powell, der helle schwarze General, den so viele Weiße als Präsidenten sehen möchten, ist für Farrakhan immerhin telefonisch erreichbar: Die Einladung zum Washingtoner Marsch allerdings lehnte General Powell höflich ab, aus Termingründen; er geht lieber einträglich mit seinem Memoiren-Bestseller hausieren.
Was aber wird aus O. J. Simpson? Auch ihn hat der Ehrenwerte Farrakhan nach Washington geladen, wie den wortmächtigen Anwalt Johnnie Cochran. Doch O. J. wäre vorerst ein Verbündeter von dubiosem Wert: Ein Interview, das er der Fernsehgesellschaft NBC gewähren wollte, mußte in letzter Minute abgesagt werden; der Chefreporter Tom Brokaw wollte ihn nicht nur nach Gefühlen fragen, sondern wissen, was O. J. in der Mordnacht getrieben hat. Simpson, der sich nie einem Lügendetektor unterwerfen wollte und vor Gericht von seinem Recht auf Aussageverweigerung ausführlich Gebrauch machte, ist harten Fragen wohl noch lange nicht gewachsen.
Kein Staatsanwalt, egal welcher Hautfarbe, wird in Kalifornien neue Ermittlungen im Mordfall Nicole Simpson einleiten. Auch für den Polizeichef von Los Angeles, einen Schwarzen, steht der Täter fest, ungeachtet des Freispruchs.
Die Country Clubs seiner weißen Millionärsfreunde dürften dem Golfspieler Simpson kaum noch offenstehen. Und für die Fernsehwerbung der Firma Hertz ist ein Athlet mit der Ausstrahlung des Gurgelabschneiders keine geeignete Identifikationsfigur mehr.
Da bliebe für Orenthal James Simpson tatsächlich die Möglichkeit, sich bei den Bataillonen Louis Farrakhans nützlich zu machen. Für einen Berühmten, der obendrein ein Fitneß-Freak ist, werden die gewiß zu begeistern sein. Und wenn Farrakhan vom schwarzen Establishment auf Dauer akzeptiert wird, könnte auch Bruder O. J. der Bürgerrechtsbewegung dienen.
Zeit genug hätte er. Nur rückfällig darf er nicht werden.
Von Carlos Widmann

DER SPIEGEL 42/1995
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