02.10.1995

„Informeller Haufen“

Als der amerikanische Diplomat Richard Holbrooke vorigen Dienstag in New York die jüngsten Fortschritte bei der Friedensvermittlung für den Balkan präsentierte, nahm ganz links außen auf dem Podium, eher bescheiden, Wolfgang Ischinger Platz, der Politische Direktor des Auswärtigen Amtes.
Aus fünf Staaten besteht die Kontaktgruppe, die sich um den Frieden in Bosnien müht - eigentlich nur ein "informeller, zusammengewürfelter Haufen", meint ein Vertrauter von Außenminister Klaus Kinkel hochgemut. Doch dahinter verberge sich "das Steuerungsinstrument der wichtigsten Staaten des Okzidents", obschon der Nicht-Nato-Staat Rußland unter den Fünfen ist. Daß auch die Deutschen dabei sind, zeige, daß sie "zu den fünf großen Spielern auf dieser Bühne" gehörten.
Die Kontaktgruppe übernahm vor eineinhalb Jahren das Krisenmanagement auf dem Balkan. Bis dahin hatten sich alle zuständigen Institutionen vergebens versucht - von der KSZE über die Europäische Union bis zur Uno. Über Bosnien entscheiden heute die fünf Mächte, der Sicherheitsrat stimmt nur noch formell zu.
Kein Wunder, daß viele kleinere Staaten befürchten, die Fünfer-Gruppe könne die Balkankrise überleben. "Vor allem die Italiener mosern ständig rum", berichtet ein Kinkel-Gehilfe - nicht zuletzt wegen der Bevorzugung Bonns.
Tatsächlich waren die Deutschen in die Kontaktgruppe gelangt, obwohl sie - anders als etwa die Spanier - keine Blauhelm-Truppen für Ex-Jugoslawien stellen.
Als Deutschland im zweiten Halbjahr 1994 die Präsidentschaft in der Europäischen Union innehatte, nahm die Kohl-Regierung auch den EU-Platz in der Kontaktgruppe ein. Nach Ablauf der Präsidentschaft blieben die Deutschen einfach weiter drin - mißtrauisch beäugt von vielen EU-Partnern, doch erwünscht von den vier anderen Staaten der Bosnien-Gruppe.
Von Beginn an gingen die Fünf eine gezielte Arbeitsteilung ein. "Jeder", so ein Bonner Diplomat, "hat seinen Buddy." Während die Russen die Serben protegierten - auch Franzosen und Briten standen anfangs Belgrad am nächsten -, sahen sich Amerikaner und Deutsche vor allem als Anwälte der Moslems und Kroaten.
Mit deutscher Unterstützung fanden sich die beiden voriges Jahr in einer bosnisch-kroatischen Föderation zusammen. Immer wieder half Bonn mit, daß eine von Rußland gewünschte Verurteilung moslemischer oder kroatischer Kriegsaktionen im Uno-Sicherheitsrat scheiterte.
Die Verhandlungen mit den Konfliktparteien seien "ein Nervenkrieg", klagt ein Unterhändler der Kontaktgruppe. Doch Außenminister Kinkel schätzt, diesmal sei ein Abkommen "binnen Wochen, nicht Monaten" erreichbar.
Sie waren schon einmal fast soweit, im Sommer 1994. Damals hatten die Führer der Moslems und Kroaten einem Plan zugestimmt, der auf einer Initiative des deutschen und des französischen Außenministers fußte. Erst ein Nein des Serben-Parlaments in Pale zerstörte die Hoffnung auf Frieden. Der Krieg ging mit noch größerer Brutalität weiter.
Die neuen amerikanischen Vorschläge sind eine leicht variierte Ausgabe des alten Plans, doch werden sie geschickt als Neuheit dargeboten. Die forsche Art allerdings, in der Holbrooke die Führung ausübt und die gemeinsamen Erfolge zum Ruhme Amerikas nutzt, löst inzwischen bei den vier Partnern Verdruß aus.
So waren auch die Deutschen leicht verstimmt, daß am vorigen Dienstag zunächst US-Präsident Bill Clinton die jüngsten Ergebnisse der Kontaktgruppen-Gespräche verkündete. Erst danach durften die Unterhändler in New York Details der Übereinkunft mitteilen.

DER SPIEGEL 40/1995
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