02.10.1995

Am Rande des Bürgerkriegs

SPIEGEL-Reporter Hans Halter über die Zeit vom Fall der Mauer bis zur deutschen Einheit (I)

Von Halter, Hans

Als die Mauer gefallen war, näherten sich im Morgengrauen des 10. November 1989 die dunkelblauen Volvo-Limousinen früher als gewöhnlich der Hauptstadt der DDR.

Vor Tau und Tag waren die Genossen des Politbüros der SED aus Wandlitz, ihrer geheimen Waldsiedlung, aufgebrochen. Egon Krenz, der Generalsekretär, verzichtete auf seinen gewohnten Dauerlauf. Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit, ging ausnahmsweise nicht schwimmen. Sein Ministerpräsident Willi Stoph, ein Langschläfer, wurde um fünf Uhr aus den Federn geholt.

Nach der Nacht der Nächte stellte sich den Herren der Partei die Machtfrage: Was nun, SED? Was tun, DDR?

Angewidert besah sich Krenz im Vorbeifahren die Bescherung. Unordnung, wohin er blickte: übernächtigte Jugendliche, dekadent kostümiert nach einer durchzechten Nacht in West-Berlin; verstörte Vopos, sichtbar in der Defensive; leere Flaschen überall, am Straßenrand unleserliche Parolen auf Pappschildern; und dann diese Trabis, die alle in die falsche Richtung fuhren, westwärts.

Im "Großen Haus", dem Sitz des SED-Zentralkomitees in Berlin-Mitte, wuselte alles durcheinander. Der Generalsekretär war sehr blaß. So fielen die nachtschwarzen Ringe unter seinen Augen und die langen Zähne noch mehr auf. Mißtrauisch blickten die alten Kader, die Pieck, Ulbricht und Honecker überlebt hatten, auf den neuen Mann: Hatte Egon Krenz, erst seit drei Wochen im Amt, schon alles vergeigt? Die kleine deutsche Republik und ihre Partei ruiniert?

Unter den Linden fuhren zwei russische Ladas, kenntlich an den kyrillischen Buchstaben und dem blutroten Stern der Sowjetarmee, Richtung Brandenburger Tor.

Die Mauer, hier zwei Meter dick und drei Meter hoch, stand noch, doch das "Grenzregime" war zusammengebrochen. Zu Hunderten hatten Ost- und West-Berliner in der letzten Nacht das Vorfeld überrannt, die Mauer erklettert, es sich oben bei Sekt gemütlich gemacht. Jetzt sicherte eine Postenkette aus jüngeren Offiziersschülern das Terrain.

Langsam nahmen die russischen Autos die Kurve und verschwanden durch einen Seiteneingang in die Botschaft der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Dunkel und drohend, für die Ewigkeit gebaut, beherrscht das 100 Meter lange Gebäude die südliche Seite der Straße Unter den Linden, dicht an Mauer und Brandenburger Tor.

Hier, nicht im Großen Haus, war seit Jahrzehnten das wirkliche Zentrum der Macht. "Erich, ich sage dir offen", hatte vor Jahren der gewaltige Leonid Breschnew seinem kleinen Lehnsmann Erich Honecker gedroht, "die DDR kann ohne uns, ohne die Sowjetunion, ihre Macht und Stärke, nicht existieren. Ohne uns gibt es keine DDR. Vergiß das nie!"

Kaum war der Genosse Leonid 1982 unter der Erde, vergaß Honecker dessen letzte Warnung. Der kleine Mann aus Neunkirchen/Saarland, ein abgebrochener Dachdeckerlehrling, plusterte sich auf, lehrte auch die Russen Mores. "Der Erich hat sich offenbar für die Nummer eins im Sozialismus gehalten, wenn nicht sogar in der Welt", diagnostizierte Michail Gorbatschow am 31. Oktober 1989, als Honeckers Nachfolger Krenz im Kreml zur Antrittsvisite erschien.

Krenz war klüger, er wußte, wo der Hammer hängt. "Die DDR ist doch in gewisser Weise das Kind der Sowjetunion", schmeichelte er dem Russen Gorbatschow, "und die Vaterschaft über seine Kinder muß man anerkennen." An dieser Stelle vermerkt das "streng geheime" Protokoll - "Nur für die Mitglieder und Kandidaten des Politbüros" - knapp: Genosse Gorbatschow stimmte dem zu.

Aber würde Genosse Gorbatschow auch die Konsequenzen tragen? Sich für den lebensschwachen Wechselbalg DDR ins Feuer wagen? So wie damals, als am 17. Juni 1953 der Arbeiteraufstand mit Panzern niedergeschlagen wurde?

An Waffen fehlte es nicht. Nirgendwo in Europa waren so viele Soldaten, Gewehre und Kanonen auf kleinem Raum zusammengedrängt. Die große Sowjetunion unterhielt in der vergleichsweise winzigen DDR - sie hätte 200mal ins Vaterland aller Werktätigen gepaßt - eine "Westgruppe" ihrer Streitkräfte, 365 000 Mann, alles Elitesoldaten. Gardedivisionen, Stoßarmeen, Sturmbrigaden. Die Nationale Volksarmee (NVA) der DDR zählte im November 1989 noch 172 000 Kämpfer, bis an die Zähne bewaffnet und in 42 Minuten in "volle Gefechtsbereitschaft" zu versetzen - Weltniveau.

Die Volkspolizei war 90 000 Mann stark, Erich Mielkes "bewaffnetes Organ", die Stasi, brachte es auch auf 90 000 schießfeste Parteisoldaten. Im Ministerium für Staatssicherheit waren sogar die Sekretärinnen und Krankenschwestern bewaffnet. Der Innenminister hatte rund 400 000 Mann Kampfgruppen unter seinem Kommando.

Zusätzlich gab es bewaffnete Zöllner, ferner die armierte Gesellschaft für Sport und Technik und reichlich Zivilverteidiger. Die "Kampfgruppen" der Arbeiterklasse horteten Munition und Kalaschnikows in den Volkseigenen Betrieben. Selbst die Berufsfeuerwehr hatte Pistolen im Schrank. Jeder Minister der DDR (immerhin 48) führte eine Dienstpistole, natürlich auch alle stellvertretenden Minister (288!). Von den 5 Millionen Männern im Alter von 18 bis 60 Jahren, die zwischen Rügen und dem Erzgebirge lebten, standen, alles in allem, mehr als eine Million mit dem Gewehr bei Fuß - Weltniveau auch das.

Alle Waffen waren Staatseigentum. Frei zu kaufen gab es nicht einmal Gaspistolen. Jede verschwundene Waffe wurde - wie ein entlaufener Straftäter - offiziell zur Fahndung ausgeschrieben. Die Strafandrohungen für den "Mißbrauch von Waffen und Sprengmitteln" waren hart, getreu der Warnung Friedrich Engels'': "Waffen sind Werkzeuge der Gewalt." Aus SED-Sicht gehörten sie deshalb auf gar keinen Fall in die Hand des Volkes.

Die Russen kommandierte Armeegeneral Boris Wassiljewitsch Snetkow, damals 62 Jahre alt, ein Mann zum Fürchten. Runder Kopf, dunkle Augen, schmale Lippen, dicker Hals. Eine Brust so breit wie ein Hackbrett, seit seinem 15. Lebensjahr Berufssoldat, ein Hardliner. Den hatte Gorbatschow fest an die Kette gelegt: Die Westgruppe igelte sich schon im Oktober in ihren Kasernen ein; Manöver und Ausgang wurden gestrichen; die Ehefrauen durften nicht mehr einkaufen gehen. Jede Einmischung in deutsche Angelegenheiten wurde nochmals ausdrücklich verboten. Auf gar keinen Fall dürfe geschossen werden.

"Gehen Sie in sich und erstarren Sie!" ermahnte der Außerordentliche und Bevollmächtigte Botschafter in der DDR, Wjatscheslaw Kotschemassow, am Morgen des 10. November seinen General Snetkow auf der abhörsicheren Leitung. Später hat der Diplomat sein Tun noch ein bißchen ausgeschmückt: _(* Am 31. Oktober 1989 in Moskau. )

"Ich befahl", erinnerte er sich, "alle Militäreinheiten unverzüglich in ihre Kasernen zu schicken."

"Der hatte dem Snetkow gar nichts zu befehlen", sagt Fritz Streletz, "der durfte ihm höchstens etwas raten." Generaloberst Streletz ist jetzt 69, hat inzwischen zweieinhalb Jahre U-Haft wegen des Schießbefehls abgesessen und war zu DDR-Zeiten Chef des Hauptstabes der Nationalen Volksarmee, nach dem Verteidigungsminister der ranghöchste Soldat. Auf ihn kam es an in den wirren Tagen und Nächten des November. Streletz kommandierte die Gewehre: "Ein Schuß, ein einziger, da wäre sonstwas draus geworden . . ."

Sonstwas, meint Eduard Schewardnadse, von 1985 bis 1990 Außenminister der Sowjetunion, das hätte über Nacht der "Dritte Weltkrieg" sein können. "Die Panzermotoren anlassen? An den Grenzen Divisionen zum Abfangen und Abschirmen aufmarschieren lassen?" Den Georgier gruselt es noch heute: "Ohne Zweifel", sagt er, "als Ergebnis einer ernsten Analyse solider Ausgangswerte" und angesichts der gewaltigen "Konzentration von Truppen und Waffen" in der DDR: Jeder Einsatz der Sowjetarmee in dieser Situation verbot sich wegen des Risikos, die ganze Welt in Brand zu setzen.

Darüber sind sich alle einig. Der Kanzler und Michail Gorbatschow, die Generäle in Ost und West, die Geheimdienstler, Politiker, Bürgerrechtler. "Ein Schuß, ein Tropfen Blut", sagt Wolfgang Schäuble, damals Innenminister, und die Einheit wäre Fata Morgana geblieben. "Die Einheit hat es nur gegeben, weil kein Blut vergossen wurde."

Das ist das Basiswunder der deutschen Wiedervereinigung: Es fiel kein Schuß, kein einziger. Und das, obwohl es unter den unzähligen Bewaffneten auch Trunkenbolde gab, Fanatiker, Verrückte, Desperados. Gemütsarme Männer ohne jede Furcht und solche mit sehr viel Angst; Männer, bereit zum letzten Gefecht.

Ein ganzes Jahr lang, vom 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 bis zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 1990, hielten sie alle still. Schossen nicht, putschten nicht, redeten nur. Das aber ohne Unterlaß, denn der Nachholbedarf war groß.

In freier Rede waren die meisten DDR-Menschen ungeübt, sogar Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros, der am 9. November vor den surrenden TV-Kameras einer internationalen Pressekonferenz um 18.57 Uhr der DDR live den tödlichen Schlag versetzte:

" . . . haben wir uns dazu entschlossen, heute, äh, eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht, äh, über Grenzübergangspunkte der DDR, äh, auszureisen."

Stimmengewirr, Zurufe, Fragen: "Ab sofort? Nur mit Paß?"

Schabowski: "Also Genossen, es ist mir also mitgeteilt worden, daß eine solche Mitteilung heute schon, äh, verbreitet worden ist. Sie müßte eigentlich in Ihrem Besitz sein." (Schabowski kramt in Papieren.) "Also, Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässen und Verwandtschaftsverhältnissen beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt . . . Zuständige Abteilungen Paß- und Meldewesen der VP, der Volkspolizeikreisämter in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne daß dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Äh, ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD erfolgen. Damit entfällt die vorübergehend ermöglichte Erteilung von entsprechenden Genehmigungen in Auslandsvertretungen . . . "

Stimmengewirr, Frage: "Und wann?"

Schabowski: " . . . und die ständige Ausreise aus der DDR über Drittstaaten. Äh, die Paßfrage kann ich jetzt nicht beantworten. Da ist auch eine technische Frage. Ich weiß ja nicht, die Pässe, Pässe müssen ja, damit jeder in den Besitz eines Passes . . . überhaupt erst einmal ausgegeben werden. Wir wollten aber erst einmal . . ."

Stimmengewirr, Frage: "Wann tritt das in Kraft?"

Schabowski: "Das tritt nach meiner Kenntnis . . . ist das sofort. Unverzüglich."

Schabowski kannte den Text. Er hatte ihn im Auto auf der Fahrt zur Pressekonferenz gelesen. Der Politiker ahnte auch dessen Sprengkraft. Deshalb nahm er sich vor, das Papier erst ganz zum Schluß und en passant zu verlesen. Für Fragen sollte keine Zeit bleiben. Aber was sollte Schabowski tun, als doch nachgefragt wurde? Im Zeichen der neuen Ehrlichkeit, unter dem Signum "Glasnost" (Klarheit) angetreten, blieb ihm keine Wahl. Er mußte die gefährlichen Wörter "sofort" und "unverzüglich" sagen - das setzte die Lunte am Sprengsatz in Brand.

"Der Schabowski hat uns wegen seines Knüllers an den Rand des Bürgerkriegs gebracht", urteilt General Streletz. Die folgenden Stunden "hatte niemand im Griff. Das hätte nicht passieren dürfen. Es war blamabel für uns als Soldaten und Militärs". Schlimmer noch: Es war mörderisch gefährlich.

Die Bewaffneten an der DDR-Grenze wußten von nichts. Für sie galt die alte Befehlslage, und das hieß: Im Ernstfall wird geschossen. Der Ernstfall kam zu Tausenden. Vor und in der Grenzübergangsstelle Bornholmer Straße, die von 15 Stasi-Männern gesichert wurde, drängten sich gegen 23 Uhr etwa 20 000 ziemlich entschlossene Menschen. Da gab die Stasi auf. Die Oberstleutnants _(* Am 9. November 1989. )

Harald Jäger und Edwin Görlitz ließen um 23.20 Uhr auf eigene Kappe den Schlagbaum öffnen. Alle Kontrollen wurden eingestellt. Die Mauer hatte ein Riesenloch, ihr erstes.

Die brüderliche Freude war groß. Jeder Trabi bekam einen liebevollen Klaps aufs Pappdach, mitgeführte Alkoholika wurden sozialisiert. Auf seinem Fahrrad war Fritz Teufel zur Grenze geeilt, 1968 als "Apo-Clown" verehrt, dann für sieben Jahre als "Terrorist" in strenger Einzelhaft isoliert. Seither fährt und fährt und fährt er Fahrrad. Teufel mußte nicht lange warten, bis der erste radelnde Ossi an der Bornholmer Straße auftauchte. Den hat er umarmt und ihm versprochen: "Jetzt wird alles wieder gut."

Im Ministerium für Nationale Verteidigung in Strausberg, 20 Kilometer östlich von Berlin, sah man die Zukunft eher düster. Schon am 4. Oktober war für alle Offiziere "erhöhte Führungsbereitschaft" befohlen worden. Nervös warteten die Generäle auf ihren Verteidigungsminister Heinz Keßler, damals 69 Jahre alt, Mitglied des Politbüros, ein persönlicher Freund des schon geschaßten Erich Honecker.

Keßler hatte sein "Kollegium", die 15 höchsten Generäle, zu einer nächtlichen Sitzung einberufen. Endlich sollten sie erfahren, was das Zentralkomitee (ZK) der SED über die Zukunft beschlossen hatte. Daraus wurde nichts. Das Volk war schneller, es wußte auch mehr.

In Strausberg, im Wartezimmer der Macht, gab es keinen Fernseher. Die Generäle hatten Schabowski nicht gehört. Als gegen zehn Uhr die ersten Alarmnachrichten von der Grenze im NVA-Hauptquartier eintrafen, konnte man die leitenden Kader des Politbüros nicht erreichen. Die wurden gerade nach Wandlitz kutschiert, und ihre Limousinen hatten kein Funktelefon, "dazu war die DDR zu arm", erinnert sich Streletz.

Während auf dem Ku''damm der Bär los ist, geraten sich in Strausberg die Generäle in die Wolle. Irritiert darüber, daß der russische Vertreter im Kollegium der NVA nicht erschienen ist, und genervt von den immer rascher eintreffenden Tatarenmeldungen, fallen die Generäle Joachim Goldbach und Manfred Graetz ihrem langatmig schwafelnden Chef ins Wort. Sie wollen die aktuelle Lage diskutieren, denn die spitzte sich rasch zu.

"Das muß man sich mal vorstellen", sagt rückblickend Generalleutnant Horst Skerra, "das war doch unsere Grenze, unsere Mauer, unser Staatsgebiet . . ." - und da krabbelt das Volk ungestraft einfach drüber, auf und davon. Skerra hat geweint in dieser Nacht.

Damit Volk und Führung nicht auseinanderlaufen und "solche Schweinereien" wie der straflose Mauersprung "nicht noch mal passieren" (Streletz), eskalieren Krenz und Genossen nach der kurzen Nacht der Nächte am Morgen des 10. November die Abwehr. Es ergeht der "Befehl Nr. 12/89 des Nationalen Verteidigungsrats". Der Vorsitzende Egon Krenz ordnet die Bildung einer "Operativen Führungsgruppe" an. Leitung: Chef des Hauptstabes der NVA, Genosse Generaloberst Streletz. Mitglieder sind drei Haudegen der Stasi, des Innenministeriums und der Grenztruppen sowie drei Falken des ZK und des Ministerrats.

Für diesen Siebener-Rat kommt es gleich knüppeldick. Um 8.50 Uhr ruft im Großen Haus Sowjetbotschafter Kotschemassow an. Der steht ordentlich unter Strom, denn im Kreml brennt auch schon Licht, und die Drähte glühen. Am Telefon ist Egon Krenz - nur leider kann der nicht richtig Russisch und Kotschemassow nicht richtig Deutsch. Deshalb muß Streletz ran. Das Arbeiterkind hat acht Jahre Rußland hinter sich: vier Jahre als Wehrmachtssoldat und Kriegsgefangener, vier Jahre als Absolvent sowjetischer Kriegsschulen, darunter die Generalstabsakademie. Er _(* Vom 10. November 1989. )

ist Dipl. rer. mil., Diplommilitärwissenschaftler.

Kotschemassow kommt ihm sehr von oben: "Wer hat der DDR das Recht gegeben, die Grenzen zu öffnen?" So genau weiß Streletz das auch nicht. "Wir werden das klären".

Die Wahrheit ist: niemand.

Das Volk hat Schabowskis "Knüller" auf seine Art interpretiert. Im Kreml hat keiner nachgefragt. Gorbatschow ist sehr sauer. So hat er sich die deutsche Ordnung nicht vorgestellt. Dreimal läßt sein Botschafter telefonisch Dampf ab. Um 10.00 Uhr ergeht die "Bitte", den Generalsekretär der KPdSU telegrafisch zu informieren, aber dawai.

Das Telegramm, vom Siebener-Rat hastig verfaßt, nimmt es mit der Wahrheit nicht so genau. "Im Zusammenhang mit der Entwicklung der Lage" - eine vom Adressaten entlehnte Floskel - habe man zur "Vermeidung schwerwiegender politischer Folgen" den "größeren Ansammlungen von Menschen" die Ausreise "gestattet". Die Grundsätze des "Vierseitigen Abkommens über Berlin (West)" seien davon "nicht berührt".

"Mit kommunistischem Gruß" bittet der gestreßte Egon seinen "lieben Genossen Michail Sergejewitsch Gorbatschow", den wütenden Botschafter unverzüglich zu beauftragen, die drei Westmächte zu kontaktieren, "um zu gewährleisten, daß sie die normale Ordnung in der Stadt aufrechterhalten und Provokationen an der Staatsgrenze seitens Berlin (West) verhindern".

Während das begütigende Telegramm noch übersetzt wird, gibt Krenz sich einen Ruck. Damals wie heute gilt er seinen Genossen als Weichei. Nur einmal, an diesem Vormittag des 10. November, ermannt er sich, zeigt Härte: Um 11.30 Uhr ordnet der Generalsekretär "Erhöhte Gefechtsbereitschaft" für die 1. Motorisierte Schützendivision und das Luftsturmregiment 40 an. Das sind zwei Eliteeinheiten, gedrillt auf Vorwärtsstrategie, die in Potsdam und Umgebung stationiert sind.

"Erhöhte Gefechtsbereitschaft" ist etwas ganz Besonderes. Seit Ulbrichts Zeiten darf sie nur der SED-Chef auslösen, denn die Partei kommandiert die Gewehre (und sie fürchtet sich vor ihnen). Erhöhte Gefechtsbereitschaft gab es nur im Ernstfall: beim Mauerbau 1961, während der Kuba-Krise 1962 und 1968, als Prag besetzt wurde. Jetzt hält Egon Krenz die Lage wieder für sehr brenzlig. Seine Nationale Volksarmee soll die wankende Mauer stützen. Aber wie?

Der brisante Befehl rückt die denkbare Katastrophe ein Stückchen näher. Gegen wen will Krenz Artillerie und Fallschirmjäger einsetzen? Gegen das Volk? Gegen die fröhlich besoffenen Mauer-Springer? Will er etwa den Westmächten drohen? Oder sich Snetkow und Kameraden als Betonkopf empfehlen? Oder soll die heimliche ("gedeckte") Mobilmachung nur seinen verschreckten Führungskadern Mut machen? Ihnen sagen: Euer Erster Sekretär ist gar kein Weichei?

Befehl ist Befehl. Im Großen Haus gibt ihn der Armeegeneral Keßler dem Generaloberst Streletz weiter. Das ZK tagt noch. Die Militärs stehen draußen vor der Tür und gucken mürrisch. Alte Generäle, sagt General Skerra später, "wollen lieber im Frieden gut verdienen als im Krieg schlecht fallen". Das weiß auch Willi Stoph, 75, der Ministerpräsident. Er ist ja, nebenbei, Armeegeneral a. D. Also läßt der, draußen vor der Tür, der Erhöhten Gefechtsbereitschaft ein wenig die Luft ab: "Nur SPW und Handfeuerwaffen, keine schwere Technik", interpretiert er die Mobilmachung.

SPW sind die allradgetriebenen Schützenpanzerwagen, bewaffnet mit einem Maschinengewehr, furchteinflößende Ungetüme, aber eben keine richtigen Panzer mit rasselnden Ketten und Kanonen. Aber wie und wo sollen die SPW auffahren? Alle Straßen Richtung West-Berlin sind doch total mit Trabis verstopft. "Der Befehl war unsinnig und falsch", urteilt rückblickend NVA-General Hans-Werner Deim. "Die Armee des Volkes", sagt er hoffnungsfroh, "hätte sich übrigens nie gegen das Volk gestellt."

Doch in Potsdam munitionierten die Mot.-Schützen auf, Befehl ist Befehl. Um 13 Uhr diktiert Oberst Hienzsch dem Protokollführer der Division ins Tagebuch: "Durch CHS (das ist der Chef des Hauptstabes Streletz) wurde f. d. 1. MSD u. das LStR-40 ,EG'' (= Erhöhte Gefechtsbereitschaft) ausgelöst."

Oberst Norbert Priemer versammelt seine Offiziere im "Führungspunkt" der Division. Die Nachrichtenverbindungen werden überprüft. Draußen rennen die Soldaten zu den Waffenkammern. Die 1. Mot.-Schützen-Division ist eine "Division mit hohem Gefechtswert", sagt Kommandeur Priemer, "immer straff geführt".

Neunzig Minuten vergehen, bange Minuten. Jede Sekunde können die Sirenen, ferngesteuert vom Hauptquartier, die Mobilmachung eskalieren: Gefechtsbereitschaft bei Kriegsgefahr (GK) oder gar Gefechtsalarm und volle Gefechtsbereitschaft (VG). Zehntausend Mann halten den Atem an.

"Verteidigung der souveränen Grenzen der souveränen DDR" lautet die Begründung der Mobilmachung gegenüber den Fallschirmjägern. Jeder Mann dieser "Luftsturmtruppen" ist ein durchtrainierter Einzelkämpfer, nahkampferfahren, auch im "Ortskampf" geübt. Die Generäle des Strausberger Verteidigungsministeriums, auch der alte Keßler, lassen ihre Villen seit Jahren von den Fallschirmspringern bewachen; das sieht einfach gut aus. 300 Mann "kämpfende Truppe" kann Major Peter Seiffert einsatzbereit melden. Die hätten ihre "Aufgabe erfüllt", und zwar "bedingungslos".

Dabei halten sowohl Seiffert als auch Priemer den Mobilmachungsbefehl für falsch, damals schon. Priemer: "Wenn wir mit Kampfeinheiten nach Berlin gefahren wären, wäre die Gefahr des Blutvergießens groß gewesen." Außerdem glaubt Realist Priemer nicht, daß es "gelungen wäre, die Grenze an den Stellen, wo sie geöffnet wurde, wieder zuzumachen".

Die Vorbereitungen für einen militärischen Ernstfall kontrastieren auf merkwürdige Weise mit der guten Laune, die überall im Lande und an seinen Grenzen herrscht. Rund 600 000 DDRler besuchen am 10. November West-Berlin, am Ku''damm und im KaDeWe herrscht Highlife. Das Gedränge an den Grenzübergängen ist chaotisch.

An der Invalidenstraße im Zentrum der Stadt regeln West-Berliner Polizisten hundert Meter tief im Osten den Verkehr. Ein Kontaktbereichsbeamter verlegt seinen Arbeitsplatz auf den Wachturm der Grenztruppen, damit der Funkverkehr zu den Kameraden nicht abbricht. Am Ende des Tages versorgen sich die Uniformierten wechselseitig mit warmen Getränken. Im internen Polizeiprotokoll wird vermerkt: "Es gab keine Territorialprobleme."

Die ganze lange Nacht glitzert der Himmel über West-Berlin. Es wird durchgefeiert. Das Bollwerk am Brandenburger Tor ist wieder fest in der Gewalt ziviler Mauerspechte. Einer hat für die Vopos Bananen mitgebracht, er will sie füttern wie die Affen im Zoo. Das kommt bei den Zielpersonen nicht so gut an, amüsiert das junge Publikum aber wie Bolle.

"Diese Nacht war sehr gefährlich", erinnert sich General Streletz, "die Grenztruppen waren seit 48 Stunden nicht aus den Stiefeln gekommen." Rund um Berlin ist der militärische Countdown abgeschlossen. Alle Mann sind auf Posten, die Offiziere bei ihren Truppen, das Gerät betankt und aufmunitioniert. Alles hat geklappt wie am Schnürchen, denn Krenz hat mit der 1. Mot.-Schützen-Division der NVA und dem Luftsturmregiment Truppen mobilisiert, deren Generäle die Einnahme West-Berlins in der Vergangenheit immer wieder stabsgemäß geübt haben, am Sandkasten.

"Operation STOSS", später "Operation ZENTRUM" hieß dieser Angriff, der West-Berlin innerhalb von zwölf Stunden vom Imperialismus befreien sollte. Auch ein fertiger Plan zur "Blockierung, d. h. dem Schutz der Grenze nach Westberlin" (Oberst Priemer) lag in Potsdam bereit. Falls jemals "STOSS" befohlen worden wäre, war als Treffpunkt nach vollbrachter Tat die Kaiserdamm-Brücke ausgeguckt worden - auch auf dieser Hauptstraße knattern jetzt die ganze Nacht kleine Zweitakter Marke Trabant, bemannt mit dem Volk. Von Erhöhter Gefechtsbereitschaft kann bei ihm aber keine Rede sein, eher von erhöhter Lebensfreude.

Nach dieser zweiten Nacht der offenen Grenzen versammelt sich im Strausberger Ministerium für Nationale Verteidigung am Samstag morgen um 9.00 Uhr das "Parteiaktiv" - 250 Genossen, die Besten der Besten, darunter alle Schreibstubengeneräle. Die Stimmung ist gereizt. Um 11.00 Uhr wird die "Aktivtagung" abgebrochen. Streletz bittet alle Kollegiumsmitglieder und die "Chefs und Leiter", noch dazubleiben. 35 Generäle, die Führungselite der NVA, stehen im Halbkreis um den Chef des Hauptstabes. Jetzt erst weiht Streletz die Kameraden ein: Gedeckte EG ist befohlen für die Erste Division und die Luftsturmtruppe.

Eigentlich soll sich ein General vor gar nichts fürchten. Aber EG in dieser Situation? Der Schreck fährt allen durch Mark und Bein. Nun ist es vorbei mit der Contenance, jetzt wird Tacheles geredet: "Blödsinn!" "Schwachsinn!" "Wie sollen die denn nach Berlin kommen, es ist doch alles verstopft!" "Was sollen die paar Männecken überhaupt bewerkstelligen, die werden doch totgetrampelt!" "Wollen wir die Geschichte wirklich eskalieren?"

Tja, wollen wir? Verteidigungsminister Keßler weiß es offenbar auch nicht. Während seine Generäle streiten, ruft er den Generaloberst Horst Stechbarth, damals 64, an. Stechbarth ist Chef der Landstreitkräfte.

Keßler: Bist du bereit, mit zwei Regimentern nach Berlin zu marschieren? Stechbarth: Ist das ein Befehl oder ''ne Frage? Keßler: Man hat heute nacht die Mauer gestürmt. Das können wir doch nicht zulassen. Stechbarth: Da muß es doch andere Mittel geben. Das ist doch keine Aufgabe für die Armee. Keßler: Du kriegst Bescheid.

Um 14.00 Uhr am 11. November - in West-Berlin drängeln sich eine halbe Million Ossis, erste Versorgungslücken bei Bier und Sekt entstehen - kriegt Stechbarth Bescheid: Die Erhöhte Gefechtsbereitschaft ist aufgehoben. Nun wird alles wieder gut.

Bei den Mot.-Schützen und den Fallschirmjägern wird die Munition eingesammelt. Im ganzen Land verlegen sich die bewaffneten leitenden Kader wieder aufs Diskutieren: Was muß anders werden in der DDR? Wer soll aus dem Amt gedrängt werden? Gibt es nicht viel zu viele Bewaffnete im Lande? Wie sichere ich mir Beruf und Arbeitsplatz?

Im Speisesaal des Ministeriums des Inneren in der Berliner Mauerstraße sitzen die beiden Fraktionen seit Wochen an gegenüberliegenden Tischfronten. Dort die stalinistischen Betonköpfe, hier die Reformer. Alle haben ihre Makarow, Kaliber 9 mm, durchgeladen. Niemand will sich wehrlos ergeben.

"Das größte Wunder im Jahr nach der Wende", urteilt General Lothar Engelhardt, für zwei Wochen allerletzter Chef der NVA unter Verteidigungsminister Rainer Eppelmann und jetzt erfolgreicher Kiesimporteur, "war, daß es keinen Putsch gab."

Kein Schuß und kein Putsch. Sterben für eine DDR a la Erich Honecker wollte offenbar niemand. Die alten NVA-Generäle, alle seit vielen Jahrzehnten in Uniform, haben in den kritischen Stunden der Erhöhten Gefechtsbereitschaft - so gut sie das konnten - deeskaliert. Stechbarth, gewöhnt daran, aus dem Bunker zu führen, ließ sich an der Grenzübergangsstelle Oberbaumbrücke vorbeifahren und erkannte erleichtert: "Läuft doch alles ganz friedlich."

Ohnehin waren die verschiedenen "bewaffneten Organe" der DDR einander nicht grün. Militär und Polizei konnten die Stasi nicht leiden, scheel beäugten alle drei die Kampfgruppen.

Daß es mit der "unverbrüchlichen Waffenbrüderschaft" der ruhmreichen Sowjetarmee nicht mehr weit her ist, hatte Gorbatschow bereits 1985 signalisiert: Kaum an die Macht gekommen, setzte der neue Generalsekretär die alte Breschnew-Doktrin - Moskau duldet keine Extratouren, sie werden mit Waffengewalt korrigiert - außer Kraft. Statt dessen galt nun die Maxime:

"Jede Partei ist für ihre Aufgaben selbst verantwortlich und erfüllt ihre Aufgaben selbständig. Es dürfen keine Versuche geduldet werden, einander nicht zu achten oder sich in innere Angelegenheiten des anderen einzumischen."

Statt Breschnew nun also Frank Sinatra: "I did it my way", auch in den Stunden der Not. Denn: "Wir haben jetzt eine neue Lage." Da half es dem bedrängten Krenz wenig, daß er sich in den Novembertagen reuevoll an Gorbatschow heranschmiß: Das "Entscheidende", ja "Lebensnotwendige", beschwor er den "lieben Michail", sei es, den "Gleichklang der Herzen mit der KPdSU und der UdSSR wiederherzustellen".

Daraus konnte nichts werden. Nach vier Jahren Glasnost und Perestroika, zwei Jahre vor dem endgültigen Aus für KPdSU und UdSSR, hörten Krenz und die Seinen aus dem Osten 1989 nur dissonante Töne. Mit dem Gleichklang im eigenen Ländchen war es auch vorbei.

Obwohl die SED seit 1946 jede Fraktionsbildung rigoros unterbunden hatte, gab es im Herbst 1989 in der Staatspartei mächtige "Strömungen": Die Basis der 2,3 Millionen Mitglieder wollte mehrheitlich weder die alte noch eine neue, sondern am liebsten gar keine SED mehr. Für einen demokratischen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz" optierten die wenigen Idealisten und die vielen mittleren Kader zuzüglich der Studenten, die sich davon das Ende der Greisenherrschaft und Schwung für ihre eigenen Karrieren in die Ledersessel erhofften.

Die Führer von Partei und Staat erkoren ihren Jüngsten, den damals 52jährigen Krenz, auch deshalb zum Ersten Nothelfer, weil sie darauf vertrauen durften, daß er ihre Privilegien nicht antasten werde: die Villen am See, den Service aus "Sonderläden", das gutgedrillte Personal. Noch heute wohnt die ehemalige Generalität der DDR in Villen, deren Zufahrtsstraßen weiterhin rechtsgültig gesperrt sind: "Nur für Anlieger und Versorgungs-Kfz."

Daß es mit der Versorgung auf Dauer nicht so weitergehen werde, ahnten die meisten Staatsdiener. Ihre Zahl war einfach viel zu groß geworden. Außer den hauptberuflich Bewaffneten gab es Legionen von Müßiggängern. Über den Arbeitern, die ironischerweise "herrschende Klasse" genannt wurden, türmte sich ein ganzes Gebirge von Faulenzern und Parasiten: Planer, Kontrolleure, Revisoren, Lektoren, Agitatoren; die Funktionäre der diversen Parteien und Kulturorganisationen; eine gargantuesk aufgeblähte Akademie der Wissenschaften (dort haben Angela Merkel und Wolfgang Thierse ihre Kräfte geschont); bezahlte Lyriker, Gewerkschaftsfritzen, Weiße-Kragen-Täter und steinalte Ehrenjugendliche aus der FDJ.

"Arbeiter-und-Bauern-Staat ist wirklich etwas Schönes", lautete die zynische DDR-Weisheit, "du darfst nur kein Arbeiter oder Bauer sein."

Doch, die DDR war wirklich ein Arbeiter-und-Bauern-Staat. Die Herrschenden stammten nahezu ausnahmslos aus der Arbeiterklasse. Die meisten hatten sogar ein paar Jahre in der "materiellen Produktion" (so nannte man das) gearbeitet. Bei der erstbesten Gelegenheit jedoch ließen sie den Dachziegel (Honecker), die Maurerkelle (Stoph), den Spaten (Streletz), die Schubkarre (Mielke) und sogar den Kuchenteig (Schalck-Golodkowski) fallen und wurden hauptberuflich Funktionär. Wer Hammer und Zirkel der Partei zuliebe aus der Hand gelegt hatte, mußte nie wieder in die materielle Produktion.

"Stasi in den Tagebau" - nicht etwa: in den Knast oder an die Laterne - hieß konsequenterweise eine der ersten Parolen im Wendeherbst. Richtige Arbeit galt als die schlimmste Strafe in der DDR - deshalb drückte sich jeder, so gut es ging. "Bei uns wird Hand in Hand gearbeitet", sprach das Proletariat, "was der eine nicht schafft, läßt der andere liegen."

Der Genosse Walentin Falin, Deutschlandkenner und seinerzeit Leiter der Internationalen Abteilung des ZK der KPdSU in Moskau (jetzt wohnt er in der Nähe von Hamburg), empfahl Anfang November 1989 seinem Co-Frater von der SED ein Sofortprogramm zur Abwendung der ökonomischen Katastrophe. Neben einigen naheliegenden und kuriosen Ideen - zum Beispiel Bonn zahlen lassen, die Schulden diversifizieren, West-Berlin zu "einer Art Hongkong oder Singapur" machen - riet der Russe dringend zu einer "Verringerung der Bürokratie" und einer "Reduzierung der NVA, der Polizei- und Sicherheitsorgane und aller ähnlichen Institutionen".

Das sahen die bewaffneten Kräfte auch so. Aber niemand wollte sich selbst, jeder immer nur den anderen abrüsten. Die jüngeren Offiziere der Stasi fanden die Idee reizvoll, ihre "Firma" offiziell zu liquidieren und mit der Hälfte der Dunkelmänner anschließend ein "Amt für Nationale Sicherheit" zu bilden (amtliche Abkürzung: AfNS, im Bürgerrechtler-Jargon: "Nasi"). Nimmermüde hat die Volkspolizei die Waffen der Entlassenen registriert und abtransportiert, alle in die riesigen Waffenkammern der Armee. Dort lagerte Kriegsgerät im Wert von gut 100 Milliarden (West-)Mark.

Mißtrauisch beäugt von den Langhaarigen aus den Bürgerkomitees, sammelten sich dort nach und nach nun auch noch die Schützenwaffen der Gesellschaft für Sport und Technik, d ie Panzer der Grenztruppen, Erich Mielkes Artillerie, die Pistolen der Zollverwaltung und jedweder Schießprügel der Imes Import-Export GmbH, einer Militaria-Abteilung von Alexander Schalcks Ko-Ko-Reich. Zu Zwischenfällen kam es nicht. Alles ging seinen Gang.

"Zu mir", erinnert sich der machtbewußte Stasi-Kaderchef Günter Möller, "kam der Waffenverantwortliche und bat mich um meine Waffe und die Munition." Der Generalleutnant händigte, gegen Quittung, das Schießgerät aus und gab freiwillig noch eine "Geschenkwaffe" dazu. "Was soll der Hund den Mond anbellen?" fragte er sich. "Was soll ich noch mit Pistolen?"

Dem Stasi-Minister Mielke nahm Militärstaatsanwalt Frank Michalak gleich drei Faustfeuerwaffen ab, alles West-Importe: Eine Walther PP, Kaliber 6,35 mm; eine Walther PPK, Kaliber 7,65 mm; und eine FN-Browning "Baby", samt mehrerer hundert Patronen. Nach gut 60 Jahren war Mielke das erste Mal erfolgreich entwaffnet worden.

Als die Obristen der Stasi zur Jahreswende 1989/90 begannen, ernsthaft über einen Putsch nachzudenken, war ihr Waffenarsenal schon bei der NVA eingemottet.

Deren Generäle sahen das gern. Vier Jahrzehnte lang war die Armee von der Stasi und ihrer "Verwaltung 2000" (genannt: "Vau Null") überwacht worden, zur Verbitterung der Militärs. "Ich gebe euch noch 24 Stunden", herrschte im Herbst 1989 der NVA-General Engelhardt seine "Vau-Nuller" an, "dann will ich von euch hier keinen mehr sehen!" Ruck, zuck waren seine Kasernen stasifrei.

Nur mit Gänsehaut erinnern sich die Politiker der Wendezeit an die Ängste und Gerüchte, die um einen NVA-Putsch waberten. Die Armee, obwohl von Fahnenflucht, Streikdrohungen und Rekruten mit Friedenskerzen in der Hand heimgesucht, funktionierte ja noch. Daß sie putschen könne, falls sie wirklich wolle, hielt Ministerpräsident Lothar de Maiziere monatelang für möglich. Sein Staatssekretär Günther Krause fürchtete sich vor Bürgerkrieg und einem NVA-Einsatz, falls "die Russen sich gegen den Währungsumtausch" stellen würden.

DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel, Sohn eines NVA-Offiziers, Bodybuilder und stets um den Eindruck bemüht, er fürchte sich vor gar nichts, sieht rückblickend seine "wichtigste Aufgabe" darin, als Innenminister "für diesen bewaffneten Komplex zuständig" gewesen zu sein und diesen seinerzeit "in Ruhe, in Ausgewogenheit, vielleicht sogar in Zuversicht zu wiegen".

Das ist ihm gut gelungen. "Wenn man ihnen von vornherein gesagt hätte, liebe Freunde, ihr müßt jetzt eure Waffen abgeben, und mit dem Beitritt werdet ihr dann rentenrechtlich kriminalisiert, werdet ihr strafverfolgt, werdet ihr auch in der öffentlichen Bewertung deklassiert, dann hätte es den Putsch gegeben."

So aber hofften die altgedienten Stasi-Männer auf die neue Nasi, der Ost-Grenzwächter und sein Schäferhund auf den westdeutschen Zoll, der NVA-Offizier auf die ehrenvolle Übernahme in die Bundeswehr. Doch von den 172 000 NVA-Kämpfern sind am Ende ganze 3000 Offiziere in die Bundeswehr übernommen worden, darunter einige brave Obristen, aber kein einziger General.

Dabei haben sie doch ihren Beitrag zu Frieden und Wiedervereinigung geleistet, sagen sie jetzt, und sind - wie Generaloberst Streletz - "stolz darauf, daß kein einziger Schuß gefallen ist".

Aber: "Die Russen haben uns verraten und verkauft", heißt es. General Deim, ein "politischer Soldat", der gern Hölderlin zitiert und deshalb in der NVA als Querdenker (eigentlich schon als Querulant) galt, urteilt: "Wir sind ausgetrickst worden, man hat uns reingelegt. Wir sind in eine historische Falle gelaufen - das gehört sich nicht unter Soldaten."

Denn eines sei doch klar: Die "NVA war von der Bundeswehr nicht zu besiegen - jedenfalls nicht in offener Feldschlacht".

Die braven Ex-Polizisten der DDR machen keine großen Worte. Sie haben sich im Wendejahr völlig bedeckt gehalten, niemanden verwarnt, verhaftet oder gar verprügelt. Am Ende standen sie als einzige Waffenträger da, ein jeder bereit, sich fest auf den Boden der nunmehr freiheitlich-demokratischen Grundordnung zu stellen und diese, für Westgeld und Beamtenstatus, tapfer zu verteidigen.

Der flotte Wechsel von Standbein und Schießrichtung liegt im Wesen des deutschen Staatsdieners. Damit hatte er weder 1945 oder 1918 noch zu Bismarcks Zeiten irgendwelche Schwierigkeiten. Otto von Bismarck, der 1871 die Deutschen zum vorletzten Mal in einem Reich vereinigte, wußte, daß die Beamten in Dienst gehen und im Dienst bleiben, um einen "sicheren Broderwerb zu haben, und weil ihnen das Capital nicht erlaubt, ein anderes honettes Geschäft anzufangen".

Der Reichskanzler Bismarck hat seinen Nachfolgern auch noch andere Lebensweisheiten hinterlassen, die der Historiker Helmut Kohl seinen Gesprächspartnern im Jahr der Wiedervereinigung nimmermüde weiterreichte: "Man soll nur immer darauf achten, ob man den Herrgott durch die Weltgeschichte schreiten sieht", zitiert Kohl Bismarcks Erkenntnisse am Vorabend der Reise in den Kaukasus gegenüber Kreml-Herrscher Gorbatschow. Der Pfälzer verrät seinem Gastgeber auch den zweiten Teil des Zitats, die Handlungsanweisung: "Dann zuspringen und sich an seines Mantels Zipfel klammern."

Das findet Atheist Gorbatschow eine gute Idee, jetzt sei eine "einmalige Gelegenheit". Gorbatschow hat den dicken Deutschen - der ihn 1986 leichtfertig mit dem NS-Propagandaminister Joseph Goebbels verglich, im kalten Winter 1989/90 aber Pfälzer Würste an Gorbatschows private Kreml-Küche schicken ließ - nach dem Mauerfall offenbar schätzengelernt: Kohl erwies sich als ein Meister des richtigen Timings, als großzügiger Spender vieler Milliarden und als geschickter Plauderer am Telefon. Doch, das kann er. Die überlieferten Wortprotokolle der untergegangenen SED-Führung beweisen es. *HINWEIS:

Im nächsten Heft Sind zwei Deutschlands besser als eines? - Das Volk der DDR drückt aufs Tempo - Kabinett Modrow: Die Stasi wagt einen letzten Versuch - Der kurze Frühling der Anarchie - Wo Geld vorangeht, sind alle Wege offen

* Am 31. Oktober 1989 in Moskau. * Am 9. November 1989. * Vom 10. November 1989.

DER SPIEGEL 40/1995
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Am Rande des Bürgerkriegs