23.10.1995

FußballOtto und die Regenwürmer

Ist die Verbindung zwischen dem erfolgreichsten Klub der Bundesliga und dem erfolgreichsten Bundesliga-Trainer nur ein großes Mißverständnis? Der FC Bayern München und Otto Rehhagel harmonieren nicht. Der Versuch des Trainers, die Bremer Verhältnisse auch auf das Bayern-Starensemble zu übertragen, droht zu scheitern.
Der gerade arg gedemütigte Meistertrainer fand nicht einmal mehr Halt in der Familie. Zwar stand Beate Rehhagel auch nach dem 1:2 der Bayern gegen Borussia Mönchengladbach an ihrem angestammten Platz, vorne rechts am Eingang zu den Gesellschaftsräumen; wie immer hatte sie das Moschino-Täschlein energisch unter den Arm geklemmt, die Szene fest im Blick.
Wie hilfesuchend griff der Fußballehrer Otto Rehhagel mit der rechten Hand an den Oberarm seiner von ihm schon mal als Kultusministerin für Bayern vorgeschlagenen Ehefrau. Doch die schaute nur kühl an ihm vorbei und begrüßte Borussentrainer Bernd Krauss. Irritiert schlich Rehhagel weiter.
Als habe Beate Rehhagel die stille Ahnung ereilt, daß es sich bei der Liaison zwischen Bayern München und ihrem Mann um einen fatalen Irrtum handeln könnte, hatte sie nach Spielende allein auf der Ehrentribüne ausgeharrt.
Die Szene, festgehalten von den Sat-1-Kameras, wurde live in den Gastraum des Stadions überspielt, wo die Fans nach der Heimpleite ihren Kummer ertränkten. An den Biertischen provozierten die TV-Bilder deftige bayerische Kommentare: "Scheiß Oide, hau ab, und nimm dein Oiden glei mit."
Die Fans teilen die Befürchtung, die ein angestammter Nationalspieler des FC Bayern aus Angst vor Racheakten des Trainers öffentlich nicht äußert: "Mit diesem Trainer werden wir nicht Meister."
Nur vier Monate nach Rehhagels Amtsantritt vollzieht sich in München ein bühnenreifes Drama: Die Attraktion des Jahres, der Knüller der Saison scheint sich als ein einziges, großes Mißverständnis zu entpuppen. Vom Präsidenten Franz Beckenbauer als "bester Trainer für den besten Verein" begrüßt, sollte Rehhagel den FC Bayern auf eine Stufe hieven mit dem AC Milan oder dem FC Barcelona. Doch die als Elefantenhochzeit gefeierte Verbindung zwischen dem mit Stars gespickten, scheinbar übermächtigen "Dream Team" und dem in Bremen jahrelang als Erfolgsmenschen gefeierten Fußballehrer erweist sich als brüchig.
Obwohl die Mannschaft weiterhin als Favorit für den nationalen Titel gilt, nach dem 2:0-Hinspiel beim schottischen Vertreter Raith Rovers die dritte Runde im Uefa-Cup so gut wie sicher erreicht hat und der Verein Zuschauerrekord und Merchandising-Hausse feiert, türmen sich die Schwierigkeiten des Trainers zu beachtlichen Hürden: Das Team ist zerstritten, einig nur in der Opposition zu Rehhagel.
Die ständigen Querelen haben auch seine Vorgesetzten, die das Trainerproblem der Bayern langfristig gelöst glaubten, erkennbar auf Distanz gebracht. Angesichts der vielen Fehler des selbsternannten Doyen der Gilde hob sogar Beckenbauer in kleiner Runde schon leicht resignierend die Schultern: "Ja, habt's ihr denn einen anderen?"
Es sind genau die Schwierigkeiten, die Rehhagels Freunde vorm Welten-Wechsel prophezeiten. In Bremen hatte er sich die Stars selbst gemacht, Profis wie Oliver Reck oder Dieter Eilts waren ihm angesichts der Karriereförderung treu und loyal ergeben - in München stellte ihm der reichste Klub der Liga die Elitekicker wie Dutzendware auf den Trainingsplatz, jeder einzelne mehr seinem eigenem Marktwert als dem Erfolg Rehhagels verpflichtet. In Bremen war dem Vereinspräsidenten Franz Böhmert der gepflegte Plausch unter der Woche mit Rehhagel, der gern mit literarischer Bildung und feingeistigem Gedankengut hausieren ging, zumindest ebenso wichtig wie die richtige Taktik am Samstag - in München wollen die Fußball-Weisen Beckenbauer, Vizepräsident Karl-Heinz Rummenigge und Manager Uli Hoeneß nur eins: Siege. Selbst die in der Bremer Enklave bewunderte Nähe des Fußballehrers zu Dichtern und Denkern imponiert in München keinem.
Erstes Gelächter erntete Rehhagel, als er im Trainingslager aus einem Goethebändchen die Faustzeilen "Mit gier'ger Hand nach Schätzen gräbt/ und froh ist, wenn er Regenwürmer findet" zitierte und gleich darauf die Interpretationsfrage stellte: "Was will uns Goethe damit sagen?" Den sprachlosen Zuhörern wurde umgehend die Deutung zuteil: "Graben Sie nie nach Schätzen." Der Spott, den Profis ("Vom Malermeister zum Meistermaler") und Medien über den gelernten Anstreicher auskübelten, als bekannt wurde, daß "Rubens" statt "Rehhagel" am Klingelschild seiner Schwabinger "Casa Schellissima" steht, war noch zu verkraften. Weit gravierender wirkte sich der Verlust an fußball-fachlicher Autorität aus.
Erstaunt registrierte ein Bayern-Spieler, daß der vermeintlich allwissende Fußballtheoretiker Rehhagel "taktisch keine Leuchte ist". Der frühere Münchner Stefan Effenberg, inzwischen Gladbacher, höhnte, den teuren Bayern-Stars sei "eigentlich nicht viel eingefallen". Den Vorwurf leiteten die Profis eilig an ihren Trainer weiter. "Uns fehlen die Konzepte", erklärte Mehmet Scholl - und mußte zur Wahrung eines Scheinfriedens widerrufen.
Tatsächlich liegen die technischen und kreativen Fertigkeiten des mit 12 Nationalspielern aus fünf Ländern bestückten, rund 75 Millionen Mark teuren Kaders brach. Den Spielern fehlt der Mut zu überraschenden Aktionen - bei Fehlern lauert draußen auf der Bank der nächste Kandidat.
Doch Rehhagel hat das Rotationsprinzip zum Programm erhoben. Zum Opfer fiel ihm zuletzt der Schweizer Nationalspieler Alain Sutter, der, vom Trainer mißachtet, nach Freiburg flüchtete. Der Franzose Jean-Pierre Papin ist der andauernden Rochaden ebenso überdrüssig wie Scholl ("Diese ständigen Wechsel sind nicht meine Zukunft"). Auch Reservespieler wie Dieter Frey, Oliver Kreuzer und Marcel Witeczek denken laut über neue Arbeitgeber nach.
Verständnis für solche Nöte zeigt Rehhagel nicht. "Wer beim FC Bayern unterschreibt, weiß was er tut", lautet sein Standardsatz. Natürlich, das haben die Erfahrungen italienischer Millionen-Klubs zur Genüge gezeigt, besteht eine zwingende Kausalität zwischen dem Ankauf eines Starensembles und internen Streitigkeiten. Doch ebenso richtig ist auch, daß zum dauerhaften Erfolg dann mehr gehört als ein Trainer, der sein Team nur mit Pfiffen dirigiert.
Und deshalb sind Rehhagels Probleme auch die Probleme eines Klubs, der sich so gern des versammelten Fußballsachverstands in der Chefetage rühmt. Vor einem Jahr sollte es noch der elegante Italiener Giovanni Trapattoni richten, obwohl der kaum Deutsch sprach. Als der gewiefte Taktiker endlich erste Erfolge hatte, war der wankelmütige Präsidiale Beckenbauer inzwischen in einem Nostalgieanfall zur Überzeugung gelangt, nur ein deutscher Fußballehrer alten kernigen Typs könne den Bayern helfen - und hatte Rehhagel zum Wechsel überredet.
Rehhagel und Bayern, das mußte, wie Wasser auf einem heißen Stein, Dampf erzeugen. Doch Beckenbauer, der in seinen Trainerjobs intuitiv fast alles richtig machte, mochte sich nicht der Mühe unterziehen, die zu erwartenden Schwierigkeiten theoretisch durchzuspielen. Die Folge dieses Versäumnisses brachte Co-Trainer Augenthaler auf den Punkt: "Jetzt habt's ihr den Vogel."
Als in der vergangenen Woche der Präsident des Ligakonkurrenten Borussia Dortmund seinen Trainer Ottmar Hitzfeld lobte, las sich das Urteil wie die Beschreibung dessen, was Rehhagel in München fehlt. Er schätze Hitzfelds Begabung, erklärte Gerd Niebaum, "den Konkurrenzkampf in einem mit hochkarätigen Fußballern zusammengestellten Kader zu fördern und die daraus resultierenden internen Konflikte zu beherrschen". Hitzfeld habe großen Respekt vor den Menschen und Sportlern, mit denen er täglich zu tun habe.
Rehhagel, der öffentlich nahezu täglich von seinen "erwachsenen Männern, die alle drei mal sieben Jahre alt sind" spricht, kontert dagegen Fragen der Spieler nach dem Sinn taktischer Maßnahmen mit Hochmut. Als Nationalspieler Christian Ziege in einer Mannschaftssitzung nähere Erläuterungen wünschte, fuhr ihn der Trainer an: "Was kann ich dafür, wenn Sie keine Ahnung vom Fußball haben."
Als Thomas Helmer, Stammspieler der DFB-Auswahl, unlängst wegen leichter Blessuren das Pensum nicht zur Zufriedenheit des Trainers ausführen konnte, wurde Rehhagel laut: "Herr Helmer, führen Sie sich nicht auf wie ein Weltmeister. Lernen Sie erst mal Fußballspielen."
Alain Sutter wurde nach seiner Plakat-Demo ("Stop it, Chirac") mit der Schweizer Nationalmannschaft gegen die französischen Atomversuche belehrt: "Wenn Sie Politik machen wollen, hätten Sie Politiker werden müssen." Die Aufforderung zum Berufswechsel brachte den einstigen CSU-Wahlhelfer Uli Hoeneß zu einer überraschenden Erkenntnis: "Im Vergleich zu Rehhagel könnte ich Juso-Vorsitzender sein."
"Jederzeit verfügbares Material" nennt der Trainer seine Spieler gern. Und nie läßt er einen Zweifel an den hierarchischen Strukturen zu: "Ich bin der Chef, ich fälle alle Entscheidungen im Alleingang."
Die Wahrheit sieht anders aus. Vor dem Spiel gegen Mönchengladbach vermochte sich Beckenbauer im VIP-Bereich des Olympiastadions kaum einkriegen. "Wißt's, was der Wahnwitzige wollte?" zischte er Vertrauten so laut zu, daß viele mithörten, "der wollte den Scholl auf die Tribüne setzen. Das hab' i verhindert." Der forsche Mittelfeldspieler, den Rehhagel aus dem Kader streichen wollte, spielte von Beginn an.
Getrieben auch vom eigenen schlechten Gewissen, bemüht sich die Expertenriege des Klubs nun, als handele es sich bei Rehhagel um einen gesamtbayerischen Pflegefall, um Schadensbegrenzung. "Irgendwie müssen wir den hinkriegen", sagt Beckenbauer. Aber auch: "Unser Trainer muß umlernen."
Auf keinen Fall jedoch werden die Ansprüche an Rehhagel reduziert. "Wird er Meister, kann er noch sieben Jahre bei uns bleiben", sagt Hoeneß.
Die Bremer Idylle wird Rehhagel allerdings kaum wiederfinden. Standen im Stadtstaat einst die Zuschauer auf und applaudierten, wenn er zusammen mit Frau Beate das Theater betrat und galt er dort als heimlicher Kaffeehaus-Philosoph, weil er bei Quarkstrudel und Melange Zeitungen studierte, muß er in Deutschlands Fußball- und Gesellschaftshauptstadt erkennen, daß der Held der Provinz in seinem neuen Stammcafe Altschwabing niemandem auffällt. Die höfische Attitüde der Rehhagels sorgt allenfalls noch für Spott. Eine private Radiostation sendet täglich eine Minute lang "die schönsten Rehhagel-Worte". Y
"Im Vergleich zum Trainer könnte ich Juso-Vorsitzender sein"

DER SPIEGEL 43/1995
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