02.10.1995

SammlerDie Herren des Geldes

Behörden und Geschäftemacher streiten um ein pikantes Erbe: alte DDR-Geldscheine.
Das Waldstück an den Thekenbergen bei Halberstadt sieht aus wie jedes andere verlassene Armeegelände im Osten: Ein löchriger Zaun umgrenzt das Areal, zwischen Baracken wachsen Birken und Büsche.
Unter dem Gelände verbirgt sich eine ganz besondere Altlast. In stillgelegten Stollen ruht, vermeintlich sicher verpackt, das finanzielle Erbe der DDR. In 130 000 Packbeuteln verschnürt, lagern hier über 620 Millionen Geldscheine. "Das war umweltfreundlich, kostengünstig und sicher", sagt ein Sprecher der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), Rechtsnachfolgerin der DDR-Staatsbank, "da kommt keiner mehr ran."
Der Mann irrt: Bald könnten die Scheine wieder zum Vorschein kommen. _(* In ihrem Stollen in Halberstadt. )
Die Stollen gehören zu einem Tunnelsystem, das von KZ-Häftlingen im Dritten Reich in den Sandstein gekratzt wurde, um dort V2-Raketen zu bauen. Im Januar dieses Jahres geriet das Areal in private Hand: Für eine Million Mark erwarben der Kölner Bauunternehmer Christian Kalvelage und sein Magdeburger Kollege Harald Wöhler 115 Hektar Gelände und 13 Kilometer Tunnel.
Die neuen Eigentümer wollen die Katakomben, die zuletzt von der Bundeswehr genutzt wurden, als Lagerraum vermieten. Schon vor Wochen informierten sie die Kreditanstalt, daß es mit dem kostenlosen Endlager für das DDR-Geld vorbei sei: Die KfW sollte Miete zahlen oder den Geldstollen ankaufen. Ansonsten, so ließen die Unternehmer durchblicken, könnten sie das Milliardengrab öffnen und die Scheine verwerten.
Das würde die KfW in Schwierigkeiten bringen. Denn mittlerweile sind die DDR-Banknoten unter Sammlern gefragt. Die Staatsbank hatte bei der Währungsumstellung zum 1. Juli 1990 einige zehntausend Papiergeldserien zurückgehalten, um sie nach und nach auf Auktionen zu verscherbeln.
Bis zu 60 Mark zahlen Sammler für einen Satz DDR-Noten. Besonders gesucht: druckfrische Scheine über 200 und 500 Mark, die nie eingeführt wurden.
Die KfW übernahm das nostalgische Geschäft. Über 28 000 Serien ließ sie bisher versteigern, der Erlös floß in die Staatskasse. Münzhändler investierten auf den Auktionen bis zu 215 000 Mark - immer in dem Bewußtsein, die übrigen Geldbestände seien sicher entsorgt.
Die Sicherheit erweist sich nun als trügerisch. Zwar sind die Geldstollen mit bis zu zwei Meter dicken Stahlbetonmauern verschlossen. Doch für die neuen Eigentümer ist das kein Problem: "Da sind wir mit ein bißchen maschineller Hilfe in zwei Tagen durch", sagt Bauunternehmer Wöhler.
Sollten die Kaufleute das Geldgrab öffnen, würden die Preise stürzen und der Auktionsmarkt zusammenbrechen. Die KfW müßte mit Schadenersatzforderungen rechnen.
Bei dem Verkauf der Tunnel ist offenbar einiges schiefgelaufen. So wurde den Käufern keine Verpflichtung bezüglich des Geldes auferlegt. "Uns gehört das Gelände, also gehören uns auch die Scheine", sagt Kalvelage.
Zwar versuchen die Mitarbeiter der KfW noch dagegenzuhalten. Doch selbst das Bonner Finanzministerium, das die KfW beaufsichtigt, sieht die Rechtslage anders: "Die Bundesrepublik hat das Eigentum an dem Geld nicht übernommen", sagt Ministeriumssprecher Boris Knapp: "Die DDR-Staatsbank hat Maßnahmen ergriffen, um das Geld zu zerstören, also auf ihr Eigentum verzichtet. Das Geld gehört den neuen Eigentümern."
Während sich die noch mit der KfW beharken, wittern Kommunalpolitiker schon Chancen für neue Arbeitsplätze. Ralf Abrahms, Wirtschaftsdezernent von Halberstadt, bot die Stollen der Europäischen Kommission als Währungsendlager an. In den Tunneln von Halberstadt sei noch reichlich Platz, etwa für Papiergeld aus Frankreich, Italien oder der Bundesrepublik, das nach der Währungsunion eingezogen werde.
Die Antwort hat Abrahms schon. "Ihr Vorschlag ist sehr interessant", schrieb Giovanni Ravasio, Generaldirektor für Wirtschaft und Finanzen in der EU-Kommission. Zur Zeit sei es allerdings noch "etwas früh, über die genauen Modalitäten der Vernichtung der nationalen Währungen zu entscheiden". Y
* In ihrem Stollen in Halberstadt.

DER SPIEGEL 40/1995
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