23.10.1995

PopMacca ließ nicht locker

Die erfolgreichste Band der Popgeschichte startet ein Comeback: 25 Jahre nach ihrer Trennung, 15 Jahre nach John Lennons Tod haben sich die Beatles wiedervereinigt - mit 2 neuen Singles, 125 Archivaufnahmen und einer sechsstündigen TV-Dokumentation wollen die Bandmitglieder eine zweite Beatlemania auslösen.
Als ein Irrer ihn erschoß, war John Lennon gerade so etwas wie ein friedlicher Mensch geworden. Er knetete zu Hause Brotteig, er kümmerte sich um das Kind, und wenn er noch ab und zu einen Song schrieb, dann über die Räder, die sich jetzt auch ohne ihn drehten und darüber, wie sehr er diese Frau liebte, die vom Rest der Welt gehaßt wurde.
Alles war bestens, solange keiner einen Fehler machte. Und die Fehler waren: ein Comeback der Beatles planen. Und mit 40 noch in einer Band spielen. Das taten schon die Stones.
"Warum sind diese Stones noch immer zusammen?" fragte Lennon, "können die alleine nicht mit der Welt fertig werden? Warum müssen die immer von einer Bande umgeben sein? Hat der kleine Führer Jagger vielleicht Angst, daß ihm einer ein Messer in den Rücken rammt?"
Auch die drei Ex-Beatles fürchteten sich - vor John Lennon. Der mußte erst 14 Jahre tot sein, ehe die drei Kollegen sich noch einmal trauten, eine Band zu sein. Letztes Jahr war es soweit: Sie sperrten sich in ein Studio ein mit zwei Songs, die Lennon gegen Ende seines Lebens in seiner Wohnung mit einem Mono-Kassettenrecorder aufgenommen hatte. Die Titel: "Free As A Bird" und "Real Love". Nun spielen im Hintergrund wieder die, vor denen er einmal Reißaus genommen hatte.
"Ich war nicht sicher, ob die Welt auf eine Dreiviertel-Beatles-Platte warten würde", sagt Paul McCartney zu dieser Art Geisterbeschwörung. "Wir haben uns vorgestellt, John wäre nur im Urlaub und hätte noch schnell angerufen und gesagt: Macht den Song fertig. Ich vertraue euch."
In den nächsten Monaten werden Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr, die drei Beatles, die nicht erschossen wurden, verkaufen, was die große alte Zeit noch hergibt.
Etwa 125 Aufnahmen, die in den Abbey-Road-Archiven herumlagen, sollen in Form von 3 Doppel-CDs erscheinen. Darauf werden zu finden sein: Variationen ihrer alten Hits und verschollene Lieder; vor allem aber jede Menge Material, von dem damals angenommen wurde, es sei zu schlecht für diese Welt.
Ein unter ihrer Oberaufsicht produzierter sechsstündiger Dokumentarfilm soll im Dezember weltweit in die Fernsehnetze eingespeist werden. Aufnahmen früherer Konzerte sind versprochen, Interviewausschnitte, Schnipsel aus Urlaubsfilmen und Kuriositäten. Zum Beispiel, wie die Beatles rätseln, was Priscilla Presley anhatte, als sie Elvis zum erstenmal traf.
Dazu werden haufenweise T-Shirts, Mützen und andere Andenken angeboten. Allein das Standard-Souvenir der sechziger Jahre, die Beatles-Perücke, fehlt. Dafür, scherzt Paul McCartney, gebe es ein Kochbuch.
Die Medien stehen bei Fuß. "Meet the Beatles (again)" titelte vergangene Woche Newsweek. "They're back" jubelte das englische Musikmagazin Mojo. "The Beatles Come Back" lahmte der deutsche Musikexpress hinterher. Auf den Covers stets: alle vier Beatles. "Was hätten wir von Titelbildern ohne John?" fragte Mojo-Redakteur Mat Snow. "Ich habe nichts gegen Ringo. Aber die Hefte würden stapelweise liegenbleiben."
Doch nun, da John als Toter zur Band zurückgekehrt ist, wird sich das Unternehmen lohnen. Die geplante Beatlemania zwei dürfte der Band mindestens 100 Millionen Pfund allein an Fernsehrechten einbringen, schätzen Experten. Alles andere wäre ein Flop.
Damit rechnet niemand. Die Beatles sind noch immer die erfolgreichste Band der Welt. In den letzten eineinhalb Jahren, so errechnete das US-Magazin Forbes, spielten ihre ewigen Konkurrenten, die Rolling Stones, allein in Amerika 121 Millionen Dollar ein. Die Beatles übertrafen sie um 9 Millionen, ohne ein Studio, eine Bühne betreten zu haben.
Das macht selbstbewußt. "Ich glaube, die Leute wird das interessieren", sagt Paul McCartney über die Archivaufnahmen aus der Abbey Road. "Niemand hat diese Sachen je gehört. Wenn du einen ägyptischen Topf findest, muß es auch nicht der beste sein. Es reicht, wenn du weißt, er kommt aus Ägypten."
Für die Bearbeitungen wurde das alte Equipment wieder ausgepackt. Sogar Details wie vergipste Abflußrohre aus den Abbey-Road-Studios wurden rekonstruiert. Das geschah nach Anweisungen des legendären Beatles-Produzenten George Martin.
Bei den beiden Neueinspielungen "Free As A Bird" und "Real Love" im Privatstudio von McCartney mußte Martin draußen bleiben. Er hört nicht mehr besonders gut. "Mit dieser ganzen lauten Musik haben wir alle unseren Ohren über all die Jahre keinen Gefallen getan", kommentiert McCartney. "Und er ist so viel älter. Er bat mich, jemand anderen zu suchen."
Der andere hieß Jeff Lynne, ein treuer Weggefährte von Harrison, der sich von Martin stets gegängelt fühlte. "Harrison", so Martin, "ist immer noch nicht so brillant wie die anderen. Das sag' ich ihm auch ins Gesicht."
Aneinander zu leiden ist für Mitglieder der berühmtesten Popband der Welt nichts wirklich Neues. Nach jahrelangen Streitereien war die Gruppe im Frühjahr 1970 auseinandergebrochen, als McCartney erklärte, er habe sich von der Band "wegen persönlicher, geschäftlicher und musikalischer Differenzen getrennt" - er könne sich nicht vorstellen, mit John Lennon noch einmal einen Song zu schreiben.
Lennon konterte, er habe seinen Abgang bereits sieben Monate zuvor verkündet. George und Ringo hätten auch keine Lust mehr. Der Ausstieg aus einer Band, die es nicht mehr gebe, spottete Lennon, sei mehr als lächerlich. Dazu McCartney: "Ich hätte es gern gehabt, wenn die Beatles in einer kleinen Rauchwolke verschwunden wären. Wir hätten alle Zauberkleider angehabt und jeder eine Tüte mit seinen Sachen."
Amerikanische Konzertveranstalter boten den Beatles in den siebziger Jahren bis zu 30 Millionen Dollar für ein einziges Konzert. Aber weder Lennon noch McCartney wollten sich darauf einlassen. Und die anderen beiden hatten nichts zu melden. Sauer waren sie ohnehin. Als George Harrison in den siebziger Jahren seine Biographie schrieb, kam John Lennon darin kaum vor.
Während der achtziger Jahre stritten sich die drei Übriggebliebenen vor Gericht um Geld und Rechte; und erst zum Ende der Dekade hin, bald ein Jahrzehnt nach Lennons Tod, begann McCartney auf die Rest-Beatles zurückzugreifen. Er kam erst mal nicht weit.
Selbst Ringo Starr, der sich erst ohne Erfolg als Schauspieler versucht hatte, dann mit kaum mehr Erfolg als Musiker, aber mit ziemlich großem Erfolg als Trinker ("Ich war 20 Jahre betrunken wie ein Fisch. Ich wagte kaum das Haus zu verlassen: Es konnte ja passieren, daß man eine halbe Stunde lang keinen Drink bekam"), lehnte ab: "Macca redet immer so ein Zeug, wenn er auf Tournee ist. Eine Wiedervereinigung der Beatles wird es niemals geben. Jedenfalls nicht, solange einer von uns tot ist."
Aber Macca ließ nicht locker. Von einer Silvesterparty in Liverpool rief er Yoko Ono, die verhaßte Lennon-Witwe, an. Und weil sie nicht gleich wieder auflegte, tat er es danach immer wieder. Bevor sie ihm die Lennon-Songs schenkte, mußte er noch ein wenig Buße tun. Erst wurde er genötigt, die Laudatio für John Lennon zu halten, der in die Rock'n'Roll Hall of Fame aufgenommen worden war - und er nicht. Dann mußte er mit Frau und Kindern und Ono und deren Sohn im McCartneyschen Tonstudio den Ono-Song singen: "Der Himmel über Hiroschima ist immer blau."
Als Ono die Lieder schließlich freigab ("Ich habe die Beatles nicht auseinandergebracht, aber jetzt bin ich in der Position, sie wieder zusammenzubringen"), begann Harrison zu nörgeln. "George war nicht besonders scharf auf ,Free As A Bird'", erzählt McCartney. "Er war der Meinung, John hätte am Ende ein wenig die Kontrolle über sein Songwriting verloren." Auch als die TV-Dokumentation "The Long And Winding Road" heißen sollte, spielte Harrison, von dem Nachbarn erzählen, daß er gelegentlich in Nazi-Uniformen vor seinem Schloß herumspaziere, den Beleidigten. Vor langer Zeit hatte einmal McCartney einen Song geschrieben, der so hieß - und er nicht.
Ringo Starr geht die Sache wie immer lässig an. Seine Devise: "Als ich 18 war, glaubte ich, jeder über 60 gehöre erschossen. Als ich 40 wurde, hat meine Mutter mich beiseite genommen und gesagt: Mein Sohn, heute denkst du nicht mehr so - oder? Ich werde auf der Bühne keinen Breakdance machen."
Was ja auch nicht sein muß. Nicht, wenn die Weihnachtsglocken läuten. Und auch sonst nicht. "Die Beatles sind so vermarktbar wie niemand sonst", sagt Robert Iger, Präsident der Fernsehgesellschaft ABC. Und Steve Chamberlain von der Beatles-Firma EMI weiß auch schon, wie: "Wir managen die Beatles so wie Coca-Cola Diet Coke managt."
"Als ich 18 war, glaubte ich, jeder über 60 gehöre erschossen"

DER SPIEGEL 43/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 43/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Pop:
Macca ließ nicht locker

Video 01:32

Seine Frau ließ ihn nicht Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)

  • Video "Vor der Türkei-Wahl: Das Rennen ist offen" Video 01:54
    Vor der Türkei-Wahl: "Das Rennen ist offen"
  • Video "Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: Ich würd's trotzdem kaufen" Video 01:38
    Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: "Ich würd's trotzdem kaufen"
  • Video "Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: Sie wollen, dass wir Angst haben" Video 02:58
    Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: "Sie wollen, dass wir Angst haben"
  • Video "Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut" Video 02:19
    Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut
  • Video "Melania Trumps #Jacketgate: Sie verhält sich wie ein Teenager" Video 01:45
    Melania Trumps #Jacketgate: "Sie verhält sich wie ein Teenager"
  • Video "US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto" Video 00:34
    US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto
  • Video "Russische Hooligans: Dieses brutale Image" Video 02:57
    Russische Hooligans: "Dieses brutale Image"
  • Video "Fährunglück: Schiff kracht in Pier" Video 00:46
    Fährunglück: Schiff kracht in Pier
  • Video "Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren" Video 01:23
    Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren
  • Video "Leben in Russland: Meine Kinder haben hier keine Zukunft" Video 03:33
    Leben in Russland: "Meine Kinder haben hier keine Zukunft"
  • Video "Wolkenbruch im Video: DAS ist ein Regenguss" Video 00:51
    Wolkenbruch im Video: DAS ist ein Regenguss
  • Video "Versteigerung Ferrari 250 GTO: Gebrauchtwagen für 39 Millionen Euro" Video 01:29
    Versteigerung Ferrari 250 GTO: Gebrauchtwagen für 39 Millionen Euro
  • Video "100-Tage-Bilanz der GroKo: Gibt es noch eine Union in 100 Tagen?" Video 03:17
    100-Tage-Bilanz der GroKo: "Gibt es noch eine Union in 100 Tagen?"
  • Video "Migranten vor der US-Grenze: Ich habe Angst" Video 02:17
    Migranten vor der US-Grenze: "Ich habe Angst"
  • Video "Standpauke von Macron: Du sprichst mich bitte mit 'Herr Präsident' an!" Video 00:55
    Standpauke von Macron: "Du sprichst mich bitte mit 'Herr Präsident' an!"
  • Video "Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)" Video 01:32
    Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)