02.10.1995

Franziska und ihre Ahnen

Der Schriftsteller Erich Loest über sein Heimatland Sachsen

Von Loest, Erich

Loest, 69, wurde im sächsischen Mittweida geboren. Im März 1981 verließ er die DDR, er lebt in Bad Godesberg und Leipzig und veröffentlichte zuletzt den Roman "Nikolaikirche".

Eine mir sehr liebe Sächsin heißt Franziska, ist achtzehn, hübsch und lernt auf das Abitur zu. Als die Mauer fiel, war sie zwölf, hatte nie vor Honecker gejubelt, und es war noch nicht versucht worden, sie zum Haß auf den Imperialismus zu erziehen. Ein liberales, gelinde christliches Elternhaus, weit und breit in der Familie keiner in der SED - nichts mußte von ihr "bewältigt" werden. Nach der Wende war der Vater arbeitslos, jobbte an der Wupper, die Firma dort schloß - auch jetzt ist durchaus noch nicht alles gefestigt. Von ihren Eltern hört sie, was aus ihr werde, liege bei ihr. Als sie vierzehn war, fuhr ihre Klasse nach London. Zehn Tage, die Franziskas Welt veränderten.

Der erste tatkräftige, umtriebige moderne Sachse war August der Starke. In seiner Jugend wollte er wie damals alle Potentaten ein strahlender Kriegsheld sein gleich Achill und kriegte mehreres auf die Mütze. Durch Niederlagen klug, kurbelte er im eigenen Lande an, trieb Adel und Stände aus ihrer Schlafmützigkeit und jagte sie durch immer neue Steuerforderungen zu stärkerer Produktivität. Mitleid mit den Armen war seine Sache nicht. Er vermaß das Land, stellte Postmeilensäulen auf und schlug sich in Zollkriegen mit dem Erbfeind Preußen herum.

Wieder stürzte Sachsen steil ab, als Friedrich II. seine drei Kriege vor allem auf sächsischen Schlachtfeldern und Verbindungsstraßen durchexerzierte. Eine sächsische Armee, wie fast immer auf der sieglosen Seite kämpfend, deckte den Rückzug der geschlagenen Preußen nach dem Debakel von Jena und Auerstedt. Napoleon in Dresden - wieder einmal begann eine neue Zeit für das weißgrüne Land.

Wer zu spät die Seiten wechselte, den bestrafte auch schon damals das Leben. Die Preußen gingen in rechter Stunde zu den Russen über, die letzten Sachsenbataillone erst in der Leipziger Völkerschlacht am letzten Tag. Sachsen verlor zwei Fünftel seines Gebiets, lange schmachtete der König in der preußischen Festung Schwedt, Leipzig war fast aller seiner Holzzufuhren beraubt.

Aber schon zwei Jahrzehnte später rappelte sich Kernsachsen wieder hoch. Ihm kam zupaß, daß der Bergmann in den Silberschächten vorn ganz auf sich gestellt war, daß Kleinunternehmer und Handwerksmeister mit ihren wenigen Gesellen alles sein mußten: Techniker und Personalchef, Ein- und Verkäufer, immer die Nase im Wind. Das Dampfmaschinenzeitalter ließ Fabriken und Werkstätten bis in die Erzgebirgstäler hinauf entstehen, Wehr hinter Wehr staute Bäche und Flüsse. Rittergüter mit ihren Schnitterkolonnen waren die Ausnahme. Der kleine und mittlere Bauer mußte vom Saatgut ebensoviel verstehen wie vom Holzeinschlag und der Pflege seiner Geräte, er konnte ein Dach decken und ein Pferd verkaufen. Wer von solch einem Hof kam, fand sich in der Industrie schneller zurecht als ein Kätnersohn aus östlichen Weiten.

Franziskas Urururururgroßvater war Weber an der Weberstraße von Mittweida, ein wenig nördlich von Chemnitz. Dreimal im Jahr schob er seine Waren auf einem Schiebebock zur Messe nach Leipzig. Zwei Tage hin, drei Tage Verkauf, zwei Tage zurück mit Garn und wenig Geld. Glück für ihn, daß ihn eines Tages der junge Fabrikant drei Straßen weiter, der nicht besser ausgebildet, aber cleverer war, als Schichtführer anstellte. Seine Brüder wanderten nach Amerika aus. Franziskas Ururgroßvater wurde, vom Pfarrer befürwortet, aufs Lehrerseminar geschickt - wie Karl May. Seither sind in dieser Familie Bücher heimisch. Es wechselten Kaufmann und Uhrmacher, jede Generation probierte etwas Neues. Nie waren die Zeitläufte so sicher, daß sich jemand hätte geruhsam zurücklehnen können. Wenn etwas gespart worden war, fraß es mit Bestimmtheit eine Inflation oder Währungsreform.

Die Sachsen waren maßgeblich beteiligt, daß die Zollschranken fielen, die günstige Lage führte Verkehrsströme durchs Land - von Berlin nach München, von Schlesien an den Rhein. Das reich werdende Bürgertum förderte die Künste, die Arbeiter organisierten sich in den Gewerkschaften und in ihrer Partei. Der Wahlkreis Glauchau-Meerane schickte 1871 den wichtigsten Sozialdemokraten in den ersten Reichstag: August Bebel. Nach der Wende 1989/90 siegte dort ein echter Graf, der Vater der Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, für die CDU mit absoluter Mehrheit.

Aus diesem Landstrich am Fuße des Erzgebirges stammt Karl May, er wollte nicht mit seiner Klasse aufsteigen, sondern aus ihr heraus; beinahe hätte es geklappt. In einer kleinen sächsischen Stadt verteilt Franziska am Nachmittag Reklamezettel eines Supermarktes in die Briefkästen, manchmal räumt sie Ware in die Regale. Sie braucht jede Mark. Für England.

Sachsens beste Zeit waren die Jahre von der Jahrhundertwende bis zum 1. Weltkrieg. Das Eisenbahnnetz war auf der ganzen Welt nur noch in Belgien so dicht wie hier. Der Leipziger Hauptbahnhof war der größte Europas, die Luftschiffhalle im Norden der Stadt 202 Meter lang. Das "Blaue Wunder", eine Elbbrücke in Dresden, sowie die Göltzschtalbrücke galten als Wunderbauten - sie tun heute noch ihren Dienst. Lokomotiven aus Chemnitz, Porzellan aus Meißen, Spitzen aus Plauen, die ersten Automobile und Motorräder aus Zschopau und Zwickau, Nähmaschinen aus Dresden - sächsische Produkte setzten Maßstäbe. Dann zogen auch des Sachsenkönigs Soldaten an die Fronten in Polen und vor Verdun, geschlagen kehrten sie zurück. Franziskas anderer Ururgroßvater, ein Gas- und Wasserwerksdirektor, verlor mit einem Schlag sein Vermögen. Seither sind die Krisen immer länger als die Phasen des Aufschwungs.

Die gerade erst beendete Dauerkrise beginnt 1929 mit der großen Arbeitslosigkeit und dem Vormarsch der Nazis. Die Vertreibung der Juden läßt das Welthandelszentrum für Rauchwaren am "Brühl" in Leipzig sterben. Wieder ziehen Sachsens junge Männer in den Krieg, diesmal bis Libyen und den Kursker Bogen, bis Narvik und Brest. Hitlers schneidigster U-Boot-Held, Prien, war Sachse. Die vier größten Städte verbrennen, das im übrigen heil gebliebene Land wird mit Flüchtlingen aus dem Osten vollgestopft. Franziskas Opa verliert zehn Jahre durch Krieg und Gefangenschaft.

Und wieder setzt ein Aderlaß ein: Wer nicht im Sozialismus mit Einheitspartei und Planwirtschaft sein Heil sieht, macht sich nach dem Westen davon. Ganze Jahrgänge von Abiturienten, als Bürgerliche vom Studium ausgeschlossen, beziehen westdeutsche Universitäten. Das Reservat der Arbeiter aus den mitteldeutschen Industriegebieten liefert eine erstaunliche Anzahl gescheiter Mädchen und Jungen für die neuen Bildungsstätten, aus ihnen werden Fabrikdirektorinnen und Generäle, Parteisekretäre und Zöllnerinnen. Begeistert und findig bauen sie den neuen Staat auf und verschleißen ihre Kraft und schließlich ihre gesamte Lebensleistung an das "Einfache, das so schwer zu machen ist" (Brecht) und sich als undurchführbar erweist. Heute begegnen mir in Ost-Berlin verbissen blickende Männer zwischen fünfzig und siebzig, gerade über der Stirn die Schirmmütze, hüftlang die Jacke überm Bäuchlein, schlaff die Mundwinkel. Aus Meerane, zuletzt Major an der Mauer. Aus Flöha, zuletzt im Ministerium für Leichtindustrie verantwortlich für Kleinmöbel. Aus Döbeln, schon immer bei der Stasi. Sächsischer Fleiß und sächsische Treue wurden kämpferisch in den Sand gesetzt.

Der Übergang war für alle Schüler im Osten verwirrend und strapaziös. Alte Fächer verschwanden, neue kamen hinzu. Wer lehrte Latein? Die Basis dafür war zerstört. Einer von Franziskas Lehrern schied aus: Herzinfarkt. Für den gläubigen Genossen war das alles zuviel. Andere Pädagogen nestelten behende das SED-Abzeichen vom Revers. Die Erweiterte Oberschule hieß nun Gymnasium. Und dann diese Fahrt nach England. Englischlernen war nun nicht mehr wie Trockenschwimmen! Auch ihre Lehrerin durfte zum ersten Mal das Englische anwenden. Im Hyde-Park sangen sie lauthals Lieder der Beatles.

Franziska steht an Deck einer Kanalfähre im Gespräch mit einer Frau aus Maastricht und einem Jungen aus Canterbury. Nach dem Abitur als Au-pair-Mädchen nach England? Oder in ein internationales Camp nach Südfrankreich zur Aufforstung und der Sicherung von Nistplätzen für Zugvögel? Sie hat davon gehört, daß Abiturienten aus Westdeutschland von Eltern und Großeltern mit Kanada- oder Namibia-Reisen beschenkt werden. Schön wär's. Bloß nicht gleich auf die Uni. Nun aber wirklich perfekt auch Französisch lernen. Dann vielleicht in Berlin studieren. Das wäre ein Stück weg, aber nicht gar so weit. München, da war sie noch nie. Die Bayern sollen ja was gegen die Sachsen haben.

Sachsen war immer Auswanderungs- und Einwanderungsland. Die Mitte des vorigen Jahrhunderts ließ ganze Wellen nach Amerika schwappen, wenig bekannt ist, daß bis zu einem Drittel der Fernsüchtigen nach ein paar Jahren zurückkehrten. Schlesier und Polen rückten nach, die Nowotnys und Schedlinskis sind unter uns nicht anders als an der Ruhr. Die Sachsen sind als reiselustig verschrien. Als die Mauer fiel, hetzten sie ihre Trabis bis an den Atlantik und über die Alpenpässe. Fazit: "Die gochen ooch bloß mit Wasser."

Es wäre sentimental zu hoffen, Franziska kehrte nach Lehr- und Wanderjahren ins alte Städtchen zurück. Wer weiß, welchen Mann sie draußen kennenlernt. Wo ein Platz ist, wird er besetzt werden. Derzeit arbeiten englische Bautrupps am neuen Messegelände, Iren und Kroaten krempeln die Wohnung um, in der meine Kinder aufwuchsen und ich den Roman "Es geht seinen Gang" schrieb. Von denen wird der eine oder andere hängenbleiben. Frisches Blut, wie man so sagt. Vierzig Jahre Abschottung sind genug.

Dies tippe ich im Plattenviertel von Leipzig-Paunsdorf. Wenn ich aufschaue, fällt mein Blick auf ein verlassenes Kasernengelände, von dort rollten am 17. Juni 1953 die Panzer ins Stadtzentrum. Wer dort der Sowjetunion diente, ist nun als Russe, Usbeke oder Lette in der Ferne verschwunden. Nicht lange, and anstelle von Schutt und Gestrüpp werden Wohnungen und Werkstätten entstehen. Völkerfreundschaft war auf Ewigkeit angelegt, "unverbrüchlich" hieß das strapazierte Wort.

Vor vielen, vielen Jahren hat Franziska ein wenig Russisch gelernt. Davon hat sie fast alles vergessen. *HINWEIS:

Im nächsten Heft Brandenburg - letzter Hort der DDR zwischen Berliner Speckgürtel und märkischem Sand

"Mit Trabis an den Atlantik und über die Alpen"


DER SPIEGEL 40/1995
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