02.10.1995

Eine gute Story über mich

Was Lee Oswald in der Sowjetunion trieb, bevor er Kennedy erschoß (III) / Von Norman Mailer

Von Mailer, Norman

Aus Oswalds Tagebuch: 17. März. Ich ging mit Erich zu einem Ball der Gewerkschaft, öde, aber in der letzten Stunde wurde ich einem Mädchen mit französischer Frisur, rotem Kleid und weißen Slippers vorgestellt. Ich tanze mit ihr und frage, ob ich sie nach Hause begleiten darf. Sie gibt mir ihre Telefonnummer. Wir mögen uns auf Anhieb.

Jetzt in der Rückschau nach so vielen Jahren räumt Marina ein, daß Lee sie neugierig gemacht hatte. Wäre er ein Rabotnik gewesen, nur ein weiterer von diesen stumpfsinnigen Arbeitern, dann hätte sie sich niemals mit ihm verabredet. Sie legt Wert auf die Feststellung, daß sie im Prinzip große Achtung vor Arbeitern hat: "Aber man läßt sich nicht mit einem Rabotnik ein. Worüber soll man mit solchen Männern sprechen? Sie betatschen dich in aller Öffentlichkeit, sie haben nur eins im Kopf. Fabrikarbeiter, nein danke. Man muß sich immer nach oben orientieren, auch wenn man selbst ein Niemand ist." Zwar arbeitete auch Lee in einer Fabrik, aber er war nicht so oberflächlich, er schaute hinter die Dinge.

Ein paar Tage nach ihrem zweiten Treffen hatte ihre Tante Walentina ("Walja") eine Botschaft für Marina: "Rate mal, wer angerufen hat. Dein Amerikaner." Lee oder Alik, wie er sich jetzt nennen ließ, war krank und lag in einer Klinik weit draußen am anderen Ende von Minsk. Marina war nicht besonders bekümmert. Sie mochte ihn, aber er war kein ernsthafter Kandidat, nur so zum Zeitvertreib für einen Abend. Immerhin war seine Ohrenentzündung so schlimm, daß er ins Krankenhaus mußte.

Walja sagte: "Warum besuchst du ihn nicht? Er hat hier keine Familie, und wir feiern unser Osterfest." Sie gab ihr einen Teller mit Kuchen: "Zeig ihm, daß Russen ein Herz haben." Als sie nach langer Straßenbahnfahrt endlich im Krankenhaus ankam, war er glücklich.

Es war trotzdem ziemlich trist. Alik sah krank aus, und sein Lächeln war fahl. Körperlich sagte er ihr überhaupt nicht zu. Als er ihr später einen Kuß abschmeichelte, gewann sie dem nichts ab. Da war ein innerer Widerstand, eine Art Signal, hier auf der Stelle Schluß zu machen. Sie fragte sich: Möchte ich wirklich, daß es weitergeht?

Die Situation war höchst merkwürdig. Sie besuchte ihn täglich nach der Arbeit. Die Besuchszeiten galten für sie nicht, denn sie trug ihren weißen Kittel aus der Apotheke, in der sie arbeitete.

Noch im Krankenhaus sagte er, daß er sich mit ihr verloben wolle und daß sie nicht mehr mit anderen Männern ausgehen solle. "Ich versprach es ihm, aber ich meinte es nicht ernst." Von Liebe konnte damals noch keine Rede sein, sie hatte lediglich Mitleid mit ihm. Andererseits war er Amerikaner. Und wenn sich ein Amerikaner mit dir verloben wollte, konntest du nicht ablehnen, jedenfalls nicht gleich.

Am Tag seiner Entlassung aus dem Krankenhaus lud Walja ihn zum Essen ein - Onkel Ilja sollte ihn kennenlernen. Es gefiel ihr, wie er sich Ilja gegenüber benahm. Sehr gesetzt. Alik sagte, daß er für immer in Rußland bleiben wolle. Er habe die Absicht, hart zu arbeiten. Ilja sagte, wenn dem so sei, würde er ihm gerne behilflich sein.

Nein, über die Zeit vor ihrer Hochzeit mit Alik wolle sie nicht sprechen, sagt Marina. Da habe sich nichts Besonderes ereignet. Jede Werbung gleiche der anderen, immer nach dem Motto: Zeige dich von der besten Seite. Das Problem sei, daß man einen Menschen erst 24 Stunden nach der Hochzeit kennenlerne.

Damals jedoch sprach sie gern mit anderen über Alik. Ihre Freundinnen bestärkten sie. Mit einem Amerikaner als _(y 1995, Herbig Verlag, München. Der ) _(ungekürzte Text des Mailer-Buches ) _(erscheint am 13. Oktober unter dem Titel ) _("Oswalds Geschichte. Ein amerikanisches ) _(Trauma". Aus dem Amerikanischen von ) _(Brita Baumgärtel und Maurus Pacher. 656 ) _(Seiten; 58 Mark. ) _(* Im Zug, mit dem die Oswalds aus ) _(der Sowjetunion ausreisten. )

Freund hätte sie den anderen Mädchen einiges voraus. Außerdem hatte er eine Wohnung. Als Alik sie für den nächsten Abend zu sich einlud, nahm Marina ihre Freunde Sascha und Jurij als Anstandswauwaus mit.

Sascha erinnert sich an den Abend in Aliks Wohnung. Der Amerikaner lebte in einem stattlichen Gebäude, aber seine Wohnung war nicht besonders anheimelnd. Sie war das, was man kasjonno nennt, was soviel bedeutet wie Schema F, ohne Atmosphäre. Der Tisch war nicht ordentlich abgewischt. Die Stühle waren bescheiden, das Bücherregal bestand aus ein paar Brettern. Oswald besaß jedoch viele Langspielplatten, ausschließlich klassische Musik.

Sie tranken eine Flasche russischen Sekt. Sascha mochte Alik, obwohl er sehr kühl, sehr beherrscht war und kaum Emotionen zeigte.

An dieser Stelle wünscht Sascha, daß wir unser Tonbandgerät abstellen. Dann erzählt er folgende Geschichte: Als er zu Hause ankam, wartete ein Auto auf ihn, das ihn zu einer KGB-Dienststelle brachte. Dort spielte man ihm ein Tonband mit den Gesprächen vor, die gerade bei Lee geführt worden waren. Sie erklärten ihm nicht, warum sie Oswald abhörten, und waren auch sonst nicht besonders mitteilsam. Sie sagten ihm lediglich, daß er ihnen jederzeit zur Verfügung zu stehen habe. Das alles fand in einem Kellerraum des KGB-Gebäudes statt. Hin war er mit dem Auto gebracht worden, zurück aber durfte er zu Fuß gehen, immerhin einige Kilometer.

Igor und Stepan, die KGB-Männer, die damals Oswald zu observieren hatten, halten sich, was Lee und Marina betrifft, ziemlich bedeckt. Ein kleiner Anfangsverdacht und danach - als die Romanze so rasch zur Eheschließung führte - ein mulmiges Gefühl. Igor gibt zu, daß er sich Vorwürfe machte, die zarten Triebe der Liebe nicht im Keim erstickt zu haben.

Auf die Frage, wie derartige Maßnahmen hätten aussehen können, gibt Igor eine sehr vorsichtige Antwort. Es habe da Mädchen gegeben, sehr, sehr hübsche Mädchen, die in der einen oder anderen Phase von der Behörde ins Spiel hätten gebracht werden können. Vielleicht hätte eine von ihnen Oswald auf andere Ideen gebracht. Sie hätten auch für Marina einen Köder auslegen können, einen gutaussehenden, für solche Missionen qualifizierten Mann. Das sei jedoch unterlassen worden.

Und dann kam aus heiterem Himmel die Hochzeit, und damit ergaben sich noch mehr Probleme. War Marina eine Quelle, aus der Oswald Informationen schöpfen konnte? Das war über ihren Onkel, Oberstleutnant Ilja Prussakow vom Innenministerium, denkbar.

Fast drei Jahre später schilderte Marina diese Anfangszeit mit Lee so:

Lee wollte, daß wir heirateten und für immer hierblieben. Er hatte eine süße kleine Wohnung mit eigenem Eingang - völlig ausreichend für zwei, zumal für ein junges Paar. Ich sagte ihm, daß ich seine Frau werden wolle (ich hatte mich inzwischen in ihn verliebt), aber daß wir noch ein paar Monate warten sollten, da eine so plötzliche Hochzeit aus der Sicht unserer Freunde doch ein bißchen peinlich wirke. Aber Lee wollte höchstens bis zum 1. Mai warten und pflanzte zur Feier meiner Einwilligung Blumen auf dem Balkon.

Als die Ehe am 30. April auf dem Standesamt mit einem Stempel in ihren Pässen besiegelt wurde, sah sie zufällig Aliks Geburtsjahr. Es war 1939. Er hatte sie also belogen, als er ihr sagte, er sei 24. Er war erst 21. Sie sagte: "Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich dich nicht geheiratet." Es war nicht ernst gemeint, aber er gestand ihr, daß er sich Sorgen gemacht habe, ob sie ihn für voll nehmen würde.

Zur Hochzeitsfeier hatte Walja ein Festmahl aufgetischt: Krabbensalat, Salami, schwarzen und roten Kaviar, Pastete. Das Prunkstück war ein Fisch: mit seinem eigenen Fleisch gefüllt, die Haut unversehrt, so daß er wie zuvor aussah, aber keine einzige Gräte hatte. Man konnte ihn in Scheiben schneiden.

Marina hatte ihre Tante gebeten, von der russischen Tradition abzusehen, "gorko, gorko" zu rufen. Aber als sie beim Essen saßen, tat plötzlich jemand so, als hätte er zuviel Pfeffer erwischt, und alle riefen: "gorko" - was bitter bedeutet -, und Marina wurde rot. Die Sitte verlangte, daß sie nun jedesmal, wenn einer "gorko" rief, Lee abküssen mußte.

Später tanzte sie mit allen, und Aliks Freunde Erich Titowez und Pawel sowie der Bräutigam sangen "Chattanooga Choo Choo".

Als sie in der Nacht in ihre Wohnung zurückkamen, hatten Walja und Marinas Freundin Larissa das ganze Bett mit Blumen umlegt. Ihr Nachthemd lag auf dem Kopfkissen. Flitterwochen gab es nicht. Sie verbrachten lediglich zwei Tage im Bett, um sich aneinander zu gewöhnen.

Alle erwarteten von Marina, daß sie sofort schwanger werde. Nach dem ersten Monat waren Lee und Walja gleichermaßen enttäuscht. Walja sagte sogar: "Wir haben so sehr gehofft, daß du ein Kind bekommst. Aber vielleicht bist du so unfruchtbar wie dein Onkel."

Lee wünschte sich einen Jungen. Er wollte ihn David nennen. Ihr Sohn, versprach er Marina, werde eines Tages Präsident der Vereinigten Staaten werden.

In den ersten Wochen ihrer Ehe holte Lee sie nach der Arbeit von der Apotheke ab, und wenn es dunkel wurde, ging er auf den Balkon und hielt mit seinem Feldstecher nach fernen Zielen Ausschau. Danach spülte er das Geschirr, und an den Tagen, an denen es heißes Wasser gab, wusch er die Wäsche. Wenn Marina von der Kalinin-Straße die Stufen zum Hauseingang hinaufstieg, konnte sie ihn aus dem vierten Stock die "Wolgaschiffer" singen hören. Er wäre keine Stimme für den Chor gewesen, aber er sang mit Inbrunst.

Schon bald fand sie heraus, daß ihm seine Arbeit nicht gefiel. Er behauptete, daß er wegen seiner Privilegien abgelehnt werde. Lee spielte mit Menschen. Das merkte sie bald. Vielleicht spielte er sogar mit ihr.

Ein paar Wochen nach ihrer Heirat kamen Briefe aus Amerika, und in einem war ein Foto von Marguerite Oswald in weißer Krankenschwesterntracht, auf einem Stuhl sitzend. "Das ist meine Mutter", sagte er Marina und betrachtete das Bild genauer. "Sie hat zugenommen. Ich habe sie nicht so unförmig in Erinnerung."

Marina sagte: "Du hast mir doch erzählt, daß deine Mutter tot ist." Er sagte: "Ich möchte nicht über meine Mutter sprechen." Sie kam damit nicht zurecht. Er hatte ihr erzählt, daß er Waise sei - wie sie.

Eine Angewohnheit hatte er, die ihr gefiel. Er konnte immer alles wegschieben. So konnte ihn niemand ablenken, wenn er las. Seine Orthographie war schrecklich, aber das war verzeihlich. Denn Russisch ist eine schwere Sprache, und nicht viele Russen können korrekt schreiben. Er hatte auch keine Ahnung von Grammatik. Aber was das Sprechen betraf, gab er sich Mühe. Er verhaspelte sich nur selten. Sein Wortschatz war begrenzt, doch seine Aussprache gut.

Nur in intimen Momenten konnte er so sein, wie er war, der kleine Junge, der um Aufmerksamkeit buhlte. Dann wieder gab er vor, nichts und niemanden zu brauchen. "Er kapselte sich ab", sagt Marina, "und spielte seine Spielchen mit den Leuten."

Eines Morgens - jeder hatte an diesem Tag seine Stimme für irgendein Präsidium abzugeben - klopften Wahlhelfer um sieben Uhr an ihre Tür. Lee schickte sie weg, es sei noch zu früh. Als sie wiederkamen, wollte Lee ihnen immer noch nicht öffnen. Er schrie durch die Tür: "Das ist ein freies Land." Er hielt ihnen Vorträge, während sie draußen warteten. Marina kann sich nicht erinnern, ob sie wählen ging, aber Lee belehrte sie beharrlich, daß in der sowjetischen Verfassung nichts darüber stehe, daß man zum Wählen geschleppt werden dürfe.

Bald erfuhr sie, daß Lee nicht nur eine Mutter, sondern auch einen Bruder mit Frau und Kindern hatte. Plötzlich hatte er eine Familie - und bekam immer mehr Post. Da sie nicht Englisch lesen konnte, wußte sie nicht, worum es in diesen Briefen ging, aber an einem Sonntag morgen wurde alles klar. Lee sagte: "Wenn ich die Chance hätte, nach Amerika zurückzukehren, würdest du dann mitkommen?" - "Du machst wohl Witze", sagte sie. Er erwiderte: "Nein, es gibt da eine Möglichkeit. Ich weiß es noch nicht sicher, aber würdest du mit mir gehen?" Das gab ihr das Gefühl, daß er sie aufrichtig liebte, und sie sagte: "Ich weiß nicht, ich habe Angst davor." Nach einer Weile: "Gut, ich gehe mit."

Sie hatte keine Ahnung gehabt, daß ihr Mann bereits den halben Winter mit amerikanischen Beamten in Moskau in Korrespondenz gestanden hatte. Einen Monat, bevor sie sich kennenlernten, also Anfang Februar 1961, hatte er an die Botschaft geschrieben und die Rückgabe seines Passes verlangt, den er Ende Oktober 1959 auf Konsul Richard Snyders Schreibtisch zurückgelassen hatte. Snyder hatte Oswald in seinem Antwortbrief vorgeschlagen, nach Moskau zu kommen, um die Angelegenheit zu besprechen. Seit dieser Zeit war Oswald mit dem US-Konsul in Verbindung geblieben.

Oswald belog seine Frau im Laufe ihrer Ehejahre noch oft, aber niemals hinterging er sie so wie damals, als er Marina, Walja und Ilja vor der Hochzeit verschwieg, daß er in seinem Herzen bereits auf dem Rückweg nach Amerika war.

Aus einer Depesche der amerikanischen Botschaft in Moskau an das State Department in Washington vom 11. Juli 1961, betrifft: Staatsbürgerschaft und Pässe, Lee Harvey Oswald.

Lee Harvey Oswald erschien auf eigene Initiative in Zusammenhang mit seinem Wunsch, gemeinsam mit seiner Ehefrau in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, am 8. Juli in der Botschaft.

Oswald wurde ausführlich über seine Aktivitäten seit seiner Einreise in die Sowjetunion befragt. Es ergaben sich keine Hinweise auf Handlungen seinerseits, die einen Verlust der amerikanischen Staatsbürgerschaft bewirken würden. Er legte den inländischen sowjetischen "Staatenlosen"-Paß Nr. 311479 als Anscheinsbeweis vor, daß er bei den sowjetischen Behörden nicht als sowjetischer Staatsbürger geführt wird. Oswald erklärte, daß er entgegen dem Wortlaut seiner Erklärung, die er der Botschaft am 31. Oktober 1959 übergab, in Wirklichkeit niemals um die sowjetische Staatsbürgerschaft nachgesucht habe.

Oswald erklärte, daß er seit seiner Ankunft in der Sowjetunion niemals aufgefordert worden sei, irgendwelche Aussagen in Funk oder Presse zu machen oder vor Publikum zu sprechen, und daß er zu keiner Zeit verwertbare Aussagen bezüglich seiner ursprünglichen Absicht, sich in der Sowjetunion niederzulassen, gemacht habe. Zu seiner Erklärung vom 31. Oktober 1959, daß er bereit sei, der Sowjetunion alle Informationen zugänglich zu machen, über die er aufgrund seiner Zugehörigkeit zum Marinekorps und seiner Tätigkeit in der Radarüberwachung verfüge, sagte Oswald, daß er in praxi von den sowjetischen Behörden niemals einer Befragung über sein Leben oder seine Erfahrungen vor seiner Ankunft in der Sowjetunion unterzogen worden sei und daß er den sowjetischen Organen niemals solche Informationen weitergegeben habe. Er sagte, daß er bezweifle, ob er solche Informationen trotz seiner Erklärung in der Botschaft überhaupt weitergegeben haben würde.

In den KGB-Abhörprotokollen erscheint Lee Harvey Oswald als LHO oder als OLH. Marina wird ausschließlich als Ehefrau bezeichnet. Die kursiv wiedergegebenen Kommentare sind durch den KGB-Beobachter in das Protokoll eingefügt worden. Dieser verdienstvolle Mensch machte seine Beobachtungen durch ein Guckloch in einem angemieteten Raum neben der Wohnung der Oswalds.
" Objekt: OLH-2658 Zeitraum: 17. Juli 1961 LHO: Ich "
" weiß nicht, was du tun sollst. Mach, was du willst. Wenn "
" du willst, kannst du mit mir kommen. Ehefrau: Ich möchte "
" nicht mit. LHO: Warum nicht? Ehefrau: Ich habe einfach "
" Angst. LHO: Natürlich hast du Angst. Ehefrau: Ich kenne "
" Amerika nicht, nur Rußland. Du kannst zu deinen Leuten "
" zurück, ich weiß nicht, wie es dort sein wird. Wo findest "
" du Arbeit? LHO: Ich werde alles, was ich nur will, "
" finden. Ich werde alles tun. Das ist meine Aufgabe. "
" Ehefrau: Wie wird man mich dort behandeln? (Das Radio "
" übertönt die Unterhaltung. Es ist unmöglich, etwas zu "
" verstehen.) "
" Objekt: OHL-2658 Zeitraum: 21. Juli 1961 LHO: Also, "
" warum weinst du? (Pause) Ich hab'' dir doch gesagt, daß "
" Weinen nichts nützt. (Ehefrau weint) Ich habe doch nie "
" behauptet, daß ich ein besonderer Mensch bin. (Ehefrau "
" weint, und LHO beruhigt sie) Ehefrau: (unter Tränen) "
" Warum habe ich geheiratet? Du hast mich reingelegt. LHO: "
" Du bist meine Frau, du gehst mit. Ehefrau: Nein. LHO: "
" Warum nicht? Ehefrau: Ich weiß, warum. LHO: Du bist bloß "
" stur. Ehefrau: Und du schreist fortwährend. (Das Radio "
" übertönt das Gespräch.) "

Igor sagt, daß es für ihn und seine Kollegen vom KGB entscheidend gewesen sei, alles über Marinas Charakter herauszufinden. War sie der Typ, der bereit war, ihrem Onkel Geheimnisse zu entlocken und sie an Oswald weiterzugeben?

Um eine Wanze installieren zu können, mieteten die Organe häufig ein Zimmer in einer Wohnung über oder neben dem Verdächtigen. Das war nicht allzu schwer, da Leute mit einer größeren Wohnung immer Zimmer vermieteten. Im Fall Oswald wurden die Gespräche erst von einem Zimmer über seiner Wohnung abgehört, später wurde die Ausrüstung in ein Zimmer nebenan gebracht.

Die visuelle Überwachung war 1961 kein Problem mehr. Ein winziges Loch mit 0,1 Millimeter Durchmesser wurde durch die Wand gebohrt und ein Spezialobjektiv durchgeführt - eine frühe und äußerst praktische Anwendung der Faseroptik. Damals war das für Igor die "großartigste Waffe", denn damit ließ sich eine Menge an Information gewinnen.

Wenn sich Oswald urplötzlich von seiner Frau getrennt hätte und allein nach Amerika gegangen wäre, hätte das die Organe alarmiert: Hatte er seine Aufgabe erfüllt und suchte nun das Weite? Aber nein - dieser Mann wollte, daß seine Frau mit ihm ging. Damit entfielen viele Verdachtsgründe. Das Studium von Oswalds Ehealltag reduzierte Igors und Stepans Sorgen erheblich.

Aus den KGB-Abhörprotokollen:
" Zeitraum: 26. Juli 1961 21:50 (LHO geht in die Küche; "
" kommt zurück) 22:10 (Sie gehen zu Bett) 22:15 (Intime "
" Unterhaltung) 22:30 (Ruhe; sie schlafen) 23:00 "
" (Überwachung endet) "

Wir fragten Stepan, ob es der Diskretion des KGB zu danken gewesen sei, daß die Observation um 23 Uhr abgebrochen wurde, da die Leute um diese Uhrzeit gewöhnlich zu Bett gingen. Er erwiderte, daß es dafür keine Regeln gegeben hätte, sondern von Fall zu Fall entschieden worden sei.

Es habe auch keine Vorschriften hinsichtlich des Abhörens intimer Situationen gegeben. Üblicherweise stellte ein KGB-Stenograph fest, daß eine solche Handlung stattgefunden habe, lieferte aber keine Details.

In Oswalds Fall seien sexuelle Details nicht erforderlich gewesen. "Falls er und Marina etwas von Interesse sagten, schrieb unser Horchposten mit, aber wenn Oswald und Marina miteinander Verkehr hatten, notierte er nur ,intime, zärtliche Momente''."

Alik und Marina waren sich sicher, daß sie observiert wurden. "Na klar", sagt Marina. "Wir waren wie die Kinder. Nichts und niemand konnte uns aufhalten. Ich war seine Verbündete. Einfach aus Prinzip." Einmal, als in der Wohnung alle Lichter ausgeschaltet waren, inspizierten sie den Stromzähler mit einer Taschenlampe. Der Zähler lief weiter. Lee sagte: "Sie überwachen die Wohnung."

Vielleicht spielte er nur ein Spiel mit ihr, bauschte die Sache auf. Aber wenn sie über etwas sprechen wollten, gingen sie auf den Balkon und stellten das Radio an. Vor allem um die Personen nicht zu gefährden, über die sie sprachen. Trotzdem wurde ihr Leben davon nicht beherrscht. Sie hatten wirklich nichts zu verbergen.

Da es Sommer war, hielten Lee und Marina sich häufig auf dem Balkon auf, und von dort war nichts zu hören, dafür aber vernahmen die Horcher sehr oft das Geräusch von laufendem Wasser aus der Küche. Fügen wir noch hinzu, daß der KGB-Lauscher im Nebenraum von unprofessioneller Müdigkeit heimgesucht wurde und zuweilen eindöste, dann bleibt unter dem Strich die Studie eines jungen Ehepaars, das sich so heftig und - soweit wir es erkennen können - so sinnlos streitet, daß man am liebsten einen Einakter daraus machen würde: "Die Neuvermählten."

Aus den KGB-Abhörprotokollen:
" Objekt: OHL-2658 Zeitraum: 3. August 1961 18.24 (Sie "
" betreten den Raum) Ehefrau (schreit): Ich bin es leid! "
" Was ist mit dir? Kannst du nicht schrubben? Ich nehme an, "
" ich soll die Böden jeden Tag schrubben? LHO: Ja, schrubb "
" die Böden jeden Tag! Ehefrau: Du tust überhaupt nichts "
" und erwartest von mir, daß ich den ganzen Tag "
" saubermache. Ein anständiger Mann würde mithelfen. "
" LHO: Du mußt etwas zu essen machen. Ehefrau: Schau dich "
" doch an! Ein adretter Mann! Du bist 20mal schmutziger als "
" ich. Schau nur dein Kopfkissen an! Kaum schläfst du "
" einmal drauf, ist es schon speckig. LHO: Du tust "
" überhaupt nichts. Ehefrau: Ich brauche meinen Schlaf. Und "
" wenn es dir nicht paßt, dann kannst du ja in dein Amerika "
" abhauen. Objekt: OLH-2658 Zeitraum: 11. August 1961 LHO: "
" Wenn du mich nicht liebst, wie kannst du dann mit mir "
" leben? Ich gebe dir jede Möglichkeit. Was willst du "
" eigentlich? Einmal sagst du, daß du mit mir gehen willst, "
" und im nächsten Moment möchtest du hierbleiben. Ehefrau: "
" Manchmal habe ich einfach Angst, mit dir zu gehen. Ich "
" möchte dir nicht beweisen müssen, daß hier alles "
" großartig und dort alles schlecht ist. Aber auch wenn ich "
" hier nichts habe und nie etwas haben werde, ist es doch "
" meine Heimat. LHO: Hier wirst du nie etwas haben, aber "
" drüben, da hast du deinen Mann und alles, was du willst. "
" Ehefrau: Was werde ich dort tun? Ich werde die ganze Zeit "
" zu Hause hocken. LHO: Aber du wirst mit mir dort leben. "
" Du wirst alles haben. "

Lange Zeit war ihr nichts anzusehen. Nur ein kleines Bäuchlein. Einmal fragte er: "Bist du sicher, daß du schwanger bist?" Er befürchtete, daß ihr Baby zu mickrig sein könnte. Aber als er zum erstenmal den Herzschlag hörte, war er sehr aufgeregt. Er legte immer wieder sein Ohr an ihren Bauch und horchte - ein schöner, stiller Moment.

Als der Winter kam, saß er abends in ihrer kleinen Wohnung und schrieb in sein Notizbuch. Seit es feststand, daß sie nach Amerika gingen, hatte er ein Tagebuch begonnen, und einige Nächte schrieb er so viel, daß sie ihn schließlich fragte, ob er ein Spion sei. Bis dahin hatte sie versucht, seine Privatsphäre zu respektieren.

Aber nun war sie neugierig. Also fragte sie ihn, was er denn da schreibe, und er sagte, es seien seine Erinnerungen an das Leben in Rußland. Sie sagte: "Bist du sicher, daß du kein Spion bist?" Er antwortete: "Und wenn ich einer wäre?" Er starrte sie an: "Was würdest du tun, wenn ich einer wäre?" Das machte sie unsicher. Sie begann, darüber nachzudenken. Als er sah, wie bekümmert sie dreinschaute, sagte er: "Sorge dich nicht. Ich habe Spaß gemacht. Ich bin kein Spion."

Trotzdem gab es da einen Grund, warum er ein Spion sein konnte. Wer konnte die Sowjetunion schon lieben? Sie nicht. Sie hegte nicht die geringste Bewunderung. Ja, sie rauchte sogar Belomor-Zigaretten. Ihr privater Protest.

Der Belomor-Kanal (Weißmeer-Ostsee-Kanal), erklärt Marina uns, sei von politischen Gefangenen gebaut worden, deren Gebeine unter den Böschungen des Kanals begraben liegen, und später, als eine Zigarettenmarke den Namen Belomor bekam, hätten die Leute dies als Symbol betrachtet, als Memento für all die Gebeine, die während der Stalin-Ära verscharrt worden waren. "Auch heute ist das nicht anders", erzählt Marina. "Wenn man eine Schachtel kauft, sagt man: ,Danke, Bruder. Du bist gestorben. Ich fühle mit dir.'' Die Russen lachen, wenn sie eine Belomor rauchen. Sie sagen: ,O Gott, alles, was in Rußland gebaut worden ist, geht auf die Knochen.''"

Bei der Arbeit in der Krankenhaus-Apotheke fühlte sich Marina als Ausgestoßene. Wenn sie einen Raum betrat, verstummten die anderen, als ob gerade über sie gesprochen worden wäre.

Aus Oswalds Tagebuch:

November-Dezember. Allmählich macht uns die Verzögerung ärgerlich. Marina wird schwankend, was ihre Auswanderung in die USA betrifft. Wir streiten noch immer, und deshalb ist die Situation nicht allzu rosig, zumal der harte russische Winter vor der Tür steht.

Immer häufiger legte Oswald an seinem Arbeitsplatz die Füße auf einen Stuhl. Seine Kollegen sagten: "Alik, was treibst du? Du kommst her und schläfst. Es ist noch Vormittag." Er pflegte zu antworten: "Ich habe schon eine Menge geleistet. Deshalb schlafe ich jetzt."

Nach und nach verloren die Leute ihr Interesse an ihm. Ein- oder zweimal, nachdem er ins Büro gerufen worden war, um eine Rüge entgegenzunehmen, kam er zurück an seinen Arbeitsplatz und sagte: "Ich werde meine Memoiren schreiben - ,Wie ich die Sowjetunion in Erinnerung habe''." Niemand reagierte. Alle dachten bloß: Was kann er schon schreiben, wenn er nicht einmal anständig sprechen kann? Es war am besten, Abstand zu ihm zu halten.

Aus Oswalds Tagebuch:

25. Dezember. Weihnachtstag. Marina ist in das Büro für Pässe und Ausländerangelegenheiten bestellt worden. Es wurde ihr gesagt, daß uns die sowjetischen Ausreisevisa bewilligt worden seien.

Mittlerweile hatten Igor und Stepan Oswald einzuschätzen gelernt. Er war eine Person, die man leicht erregbar nennen konnte. Das hatte sich in den Streitereien zwischen ihm und seiner Frau herausgestellt, obwohl der Krach meistens nur von kurzer Dauer war. Marina ihrerseits war aus der Parteijugendorganisation ausgeschlossen worden, weil sie als Ballast betrachtet wurde. Sie war widerwillig eingetreten, ohne persönliches Interesse, und hatte sich an den organisatorischen Aufgaben nicht beteiligt.

Oswalds Jagdausflüge hatten sich als harmlos erwiesen. Er war ein erbärmlicher Jäger, der nie Beute machte. Er hatte niemals versucht, sich von der Gruppe abzusetzen oder sich an irgendwelche Industrieanlagen heranzupirschen. Er hatte nicht einmal eine Kamera mitgenommen.

Also kamen die Sicherheitsorgane zu dem Schluß, daß von ihrer Seite keine Einwände gegen Oswalds Rückkehr nach Amerika bestünden. Damit würden sie sich eine Last vom Hals schaffen.

Die KGB-Männer hatten allerdings ein Schreckbild, ein höllisches Schreckbild. Einem Überwacher war bei der optischen Bespitzelung durch das Loch in der Wand eine verdächtige Aktivität aufgefallen. Stellte Oswald eine Bombe her? Es sah so aus, als ob er Schießpulver und Metallsplitter in eine kleine Büchse füllte. Das sei für sie ein Nachtmahr gewesen: Denn im Januar sollte Chruschtschow Minsk besuchen!

Wir fragen, ob Oswalds Wohnung während seiner und Marinas Abwesenheit durchsucht worden sei, aber Stepan hält sich bedeckt. Er sagt lediglich, daß sich Oswalds Apparat als eine Art Spielzeug entpuppt habe. Vielleicht ein Feuerwerkskörper? Er zuckt die Achseln. Es sei nichts gewesen; Unsinn.

Noch vor Chruschtschows Besuch verkaufte Oswald sein Gewehr, in demselben Laden, in dem er es für 18 Rubel gekauft hatte. Den Überwachern versetzte er einen gehörigen Schrecken, als er mit dem Gewehr in der Hand in den Bus stieg; aber dann stellten sie fest, daß er lediglich auf dem Weg war, die Waffe zu verkaufen.

Als Oswald seinen Antrag auf ein Ausreisevisum stellte, mußte Stepan nicht lange überlegen. Die Akte kannte er wie die fünf Finger seiner Hand. Also sei die Antwort positiv gewesen: keine Einwände.

Lichoi, wie das KGB Oswald mit Decknamen nannte, war nur lästig - keine kommunistischen Prinzipien, keine Lust, zu arbeiten oder zu studieren. Eine Zeitlang hatten sie gedacht, daß er sich erst anpassen müsse. Sie hatten sogar Nachsicht geübt. Aber nun nicht mehr. Ab mit ihm nach Hause. Weg mit Schaden.

June wurde am 15. Februar 1962 kurz vor zehn Uhr geboren, und Alik war noch nicht in der Fabrik eingetroffen, als Marinas Freundinnen schon in der Apotheke im Horizont-Werk anriefen. Als er an seinen Arbeitsplatz kam, gratulierten ihm seine Kollegen zu einer Tochter. Und dabei hatte er sich doch so sehr einen Sohn gewünscht.

Aus Oswalds Tagebuch: 23. Februar. Marina verläßt das Krankenhaus. Ich sehe June zum erstenmal.

Am ersten Abend nach ihrer Rückkehr aus dem Krankenhaus schickte Marina ihren Ehemann zum Gratulieren auf die Geburtstagsparty ihrer Tante Walja. Er kam nicht so bald zurück, wie er ihr versprochen hatte. Als er schließlich kam, war er so betrunken, wie sie ihn noch nie erlebt hatte. Er krakeelte, er sang und wollte tanzen. Er sagte: "Ich mußte auf unser Baby trinken, auf Tante Walja und auf Marina."

In der Ehe brachen wieder gute Zeiten an. Lee sagte Marina: "Wenn sie dir die Einreise nach Amerika verweigern, werde ich in Rußland bleiben. Ich werde nicht allein gehen."

In diesem Augenblick wäre sie ihm sogar auf den Mond gefolgt, wenn er sie darum gebeten hätte. Sie hatte das Gefühl, daß sie eine wirkliche Familie waren.

Wenn Lee von der Arbeit nach Hause kam, hatte er wieder sein nettes Lächeln, egal, wie schlimm der Tag gewesen war. Später erzählte er dann über den Ärger bei der Arbeit, aber sobald er die Tür öffnete, sagte er erst: "Pappi ist da, alles ist in Butter. Djewotschki, ja doma. Meine kleinen Mädchen, ich bin zu Hause."

An seine Mutter schrieb der junge Familienvater am 27. März 1962 folgenden Brief:

Liebe Mutter, wir werden spätestens im Mai in den Staaten sein. Die Botschaft hat sich einverstanden erklärt, mir 500 Dollar für die Reise zu borgen, und außerdem akzeptierten sie meine Bürgschaft für Marina, so daß Deine nicht mehr nötig ist . . . Du sagst es: Mein Ausflug hierher würde eine gute Story über mich ergeben. Ich habe bereits eine ganze Weile darüber nachgedacht. Und in der Tat habe ich bereits 50 Seiten mit handschriftlichen Notizen über das Thema fertig. In Liebe Lee

Endlich, ein Jahr nach dem Entschluß, die UdSSR zu verlassen, waren alle Formalitäten erledigt, das Hab und Gut verkauft oder verpackt. Die letzten eineinhalb Tage in Minsk verbrachten Lee und Marina in Pawels Wohnung.

Dann machten sie sich auf den Weg nach Moskau. Dort blieben sie noch zehn Tage. Am 30. Mai 1962 verließen sie Moskau mit dem Zug und fuhren durch Polen, Deutschland und die Niederlande nach Rotterdam. Dort schifften sie sich auf der SS "Maasdam" ein und kamen am 13. Juni 1962 in New York an.

Stepan kann das Datum 22. November 1963 abrufen, als ob es in seine Netzhaut geätzt wäre. Bei der Meldung, daß Präsident Kennedy erschossen worden sei und Lee Harvey Oswald als der Hauptverdächtige gelte, war sein erster Gedanke: Es ist unmöglich! Das weiß er noch genau, er dachte: unmöglich. Dieser unscheinbare Mensch, der nicht den geringsten Verdacht bei uns erregte. Der begeht dieses Verbrechen? Das kann nicht sein!

Pawel erinnert sich, daß er sich ärgerte, als er hörte, die Warren-Kommission stelle Lee als geistig Behinderten hin. Es gefiel ihm überhaupt nicht, daß jemand, der nicht auf den Kopf gefallen war, der ganzen Welt als einer mit Dachschaden präsentiert wurde.

Nachdem Lee von Ruby ermordet worden war, hatte Pawel einen Brief an Marina abgeschickt, in dem er ihr kondolierte. Am nächsten Morgen stand das KGB vor der Tür.

Das war am 26. November 1963. Sie nahmen ihn im Bus ins Büro mit. Er war kein so bedeutender Verbrecher, daß sie seinetwegen ein Auto geschickt hätten.

Sie betraten das Gebäude durch einen Seiteneingang, eine halsbrecherische Treppe führte hinauf in den ersten Stock. Er wußte nicht, ob er jemals wieder hinaus auf die Straße kommen würde. Das schien der düsterste Augenblick in seinem Leben zu sein.

Der Brief an Marina ha tte ihr sein Mitgefühl ausgedrückt; nun war er ein Verbrecher. Erst später wurde ihm klar, daß er mit einem solchen Schreiben die Organe wirklich in Schrecken versetzt hatte. Ein solcher Brief konnte die internationalen Beziehungen beeinflussen: Jemandem in Rußland tat die Witwe des Mannes leid, der Kennedy ermordet hatte.

Er durfte sich auf einen Stuhl setzen. Sie waren sehr höflich; sie schlugen ihn nicht. Sie sagten ihm: "In unserem Land können nur Volksvertreter Beileidsbriefe verschicken. Sie sind kein Volksvertreter. Sie haben nicht das Recht, Ihr Beileid auszudrücken. Das ist das eine. Sie haben Ihr politisches Fingerspitzengefühl verloren. Sie sind politisch kurzsichtig geworden. Wenn Sie nicht wollen, daß Ihnen die Gesetze unseres Landes auf den Rücken geschrieben werden, wenn Sie noch ein Stück Himmel sehen wollen, dann hören Sie damit auf, solche Dummheiten zu machen."

Sie gingen mit ihm zum Postamt, und er mußte ein Formular ausfüllen, daß er seinen Brief wieder zurückhaben wolle. Also erhielt Marina nie seine Zeilen. Natürlich hatte das KGB den Brief längst, aber sie brauchten Pawel für die ordnungsgemäße Abwicklung, um zu beweisen, daß sie die Genfer Konvention buchstabengetreu befolgten.

Katja, eine Arbeitskollegin in der Radiofabrik, erinnert sich an den Schock - für jeden bei Horizont. Sie konnte nicht glauben, daß es geschehen war.

Alik war doch bloß ein Bürschchen mit einer laufenden Nase: Wenn es kalt war, hatte er eine Triefnase. Und plötzlich sollte er diesen amerikanischen Präsidenten umgebracht haben? Andere Männer in der Fabrik waren stärker als er, viel stärker. Er war doch nur ein Handtuch.

Bei Horizont sprachen die Leute ein wenig darüber, aber es war etwas, das sich weit weg ereignet hatte. Nach ein paar Tagen kamen Vertreter der Organe und sagten ihnen, daß es das beste sei, nicht über Oswald zu reden, ihn zu vergessen. Ihn am besten zu vergessen. Zum Besten für alle. *HINWEIS:

ENDE

Die Sitte verlangte, daß sie jedesmal Lee abküssen mußte

Marina konnte ihn die "Wolgaschiffer" singen hören

"Manchmal habe ich einfach Angst, mit dir zu gehen"

"Alles, was in Rußland gebaut worden ist, geht auf die Knochen"

In diesem Augenblick wäre Marina ihm auf den Mond gefolgt

y 1995, Herbig Verlag, München. Der ungekürzte Text des Mailer-Buches erscheint am 13. Oktober unter dem Titel "Oswalds Geschichte. Ein amerikanisches Trauma". Aus dem Amerikanischen von Brita Baumgärtel und Maurus Pacher. 656 Seiten; 58 Mark. * Im Zug, mit dem die Oswalds aus der Sowjetunion ausreisten.

DER SPIEGEL 40/1995
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