02.10.1995

Polemik

Die Unfähigkeit zu feiern

SPIEGEL-Autor Henryk M. Broder über die Schwierigkeiten Intellektueller mit der Wiedervereinigung

Von Broder, Henryk M.

Vierundsiebzig Millionen Deutsche leben friedlich miteinander vereinigt zusammen mit sieben Millionen Ausländern in einem Staat, der seinen Einwohnern individuelle Freiheit, kollektiven Wohlstand und soziale Sicherheit in einem Maß garantiert, wie dies in einem deutschen Gemeinwesen nie zuvor der Fall war. Nirgendwo haben die Arbeitnehmer mehr Urlaubstage, geben die Verbraucher mehr Geld für Reisen, Körperpflege und Luxusgüter aus. Keine Nation leistet sich mehr Bühnen und Orchester, gibt mehr Geld für Kunst und Kultur aus.

Und kein Volk hat in diesem Jahrhundert mehr Glück gehabt. Nach zwei verlorenen Kriegen ist Deutschland die nationale Einheit plötzlich und unerwartet in den Schoß gefallen, die Bonner Republik hat sich zur führenden europäischen Macht entwickelt, die ihre Nachbarn mit Qualitätsprodukten und guten Ratschlägen versorgt.

So hätten die Deutschen allen Grund, mit sich und dem Schicksal zufrieden zu sein. Sie könnten sich entspannt zurücklehnen, den Otto-Katalog auswendig lernen und darauf warten, daß der Ladenschluß aufgehoben und die 30-Stunden-Woche eingeführt wird. Wenn da bloß nicht "die Vergangenheit" wäre, die "bewältigt" werden muß. Denn auch damit ist Deutschland im Übermaß gesegnet. Kein anderes Land hat gleich zwei Vergangenheiten, die nicht vergehen wollen.

Solange die Mauer stand, war sie für beide Seiten nützlich. Sie garantierte das physische Überleben der DDR, und der alten Bundesrepublik diente sie als Projektionsfläche für alle unerfüllten Sehnsüchte: nach Einheit, Frieden in Freiheit und Selbstbestimmung.

Doch als der Ernstfall eintrat, setzte nach einer kurzen Phase hysterischer Begeisterung eine schwere Depression ein, wie sie Menschen ereilt, die sich lange auf ein wildes Abenteuer gefreut haben, nur um hinterher festzustellen, daß Sex mit Fremden nicht immer so schön ist, wie man ihn sich vorgestellt hat. Im Ost-Berliner Kabarett "Die Distel" wurde die Lage der Nation im Jahre 5. n. d. M. so dargestellt: "Die sich im November 1989 unbekannterweise in den Armen lagen, liegen sich jetzt bekannterweise in den Haaren."

Es scheint allemal einfacher, eine Diktatur zu etablieren, als sie wieder loszuwerden. Kaum war das Dritte Reich dahin, gab es die ersten postnazistischen Zirkel, die sich um eine "objektive Sichtweise" des untergegangenen Systems bemühten. 1989 meldeten sich die Gesundbeter schon im Laufe der Krise zu Wort. Der Schriftsteller Christoph Hein, der in der DDR zu denjenigen gezählt wurde, die auf eigene Verantwortung denken, erklärte im Oktober 1989 in einem SPIEGEL-Gespräch, daß es bei den oppositionellen Gruppen, bei der Intelligenz und beim Volk einen Konsens gäbe, "daß man den Sozialismus in der DDR verändern will" zu einem, "der wirklich den Namen verdient".

Zu dieser Zeit versuchte die Regierung der DDR zu retten, was nicht mehr zu retten war. Während die Volkspolizei Demonstranten niederknüppelte, redete die Partei plötzlich von einem "Dialog", den sie mit dem Volk führen wollte. In dieser Situation wurde Hein vom SPIEGEL gefragt, was er sich wünschen würde, wenn er drei Wünsche frei hätte. Ein gewöhnlicher Bürger der DDR hätte wahrscheinlich geantwortet: Bananen, Orangen und Schokolade, die diesen Namen verdient. Ein Intellektueller hätte gesagt: Freie Wahlen, freie Presse, freies Reisen.

Doch Christoph Hein wünschte sich etwas ganz anderes. Erstens: Die Bundesrepublik möge damit aufhören, Akademiker aus der DDR über die innerdeutsche Grenze zu locken. Zweitens: "Man hätte die Zeit nach dem Mauerbau dazu nutzen müssen, eine Gesellschaft aufzubauen, die langsam die Mauer überflüssig macht. Das ist nicht geschehen. Jetzt ist die Mauer am Zerbröckeln . . . da droht eine fürchterliche Destabilisierung des Staates."

Das Bedauern, das Christoph Hein über die Mauer äußerte, galt nicht den Opfern, die sie gefordert hatte, sondern dem Umstand, daß sie als Mittel der Volkserziehung nicht optimal genutzt wurde. Schließlich verriet Hein dem SPIEGEL seinen dritten Wunsch: "Das nächste Interview mit mir, das der SPIEGEL druckt, möge ein Nachdruck - oder auch Vorabdruck - eines ND-Interviews sein."

Zur gleichen Zeit, da Christoph Hein noch die Stabilität der DDR am Herzen lag und er sich nichts sehnlicher wünschte, als endlich vom Zentralorgan der herrschenden Partei interviewt zu werden, dachte sein westdeutscher Kollege Günter Grass bereits darüber nach, was alles schiefgegangen war. Nur eine Woche nach dem Fall der Mauer erklärte Grass, Regierung und Volk der DDR hätten die korrekte Ordnung der Dinge nicht eingehalten: "Die Reihenfolge der Änderungen war falsch. Es hätte die innere Demokratisierung weiter vorangetrieben, die Öffnung der Grenzen angekündigt werden müssen. Die Kommunalwahl hätte wiederholt werden müssen."

Wenn der Begriff "intellektueller Kolonialismus" irgendwo angebracht war, dann hier. Während die Ossis alles verkehrt machten, sagte ihnen Onkel Günter, wie der Prozeß der inneren Demokratisierung hätte vorangetrieben werden müssen.

Daß eine Wiederholung der Kommunalwahlen so sinnvoll gewesen wäre wie ein Nachfüllen von Bremsflüssigkeit, nachdem ein Auto in voller Fahrt aus der Kurve geflogen ist, kam Grass dabei nicht in den Sinn, hatte er doch in vielen Jahren jene politische Praxis erworben, die den Anfängern im Osten fehlte. Es sei, sagte er, "mit keinem Wort bewiesen, daß der Niedergang dieses Wirtschaftssystems, das sich zu Unrecht sozialistisch genannt hat, auch das Experiment eines demokratischen Sozialismus in Deutschland beendet hat".

Auch ostdeutsche Intellektuelle hätten gerne weiter in ihrem volkseigenen Labor experimentiert. "Freunde, Mitbürger!" rief Stefan Heym am 4. November auf dem Alexanderplatz aus, als wäre Danton auferstanden, "heute habt ihr euch aus eigenem freien Willen versammelt, für Freiheit und Demokratie und für einen Sozialismus, der des Namens wert ist."

Christa Wolf sprach von einem Wechsel, der "die sozialistische Gesellschaft vom Kopf auf die Füße" stellen würde, und rief die Menschen dazu auf, "mit hellwacher Vernunft" einen Traum zu träumen: "Stell dir vor, es ist Sozialismus, und keiner geht weg!" Christoph Hein, der immer noch nicht vom ND interviewt worden war, hatte bereits die Ärmel aufgekrempelt: "Die Strukturen dieser Gesellschaft müssen verändert werden, wenn sie demokratisch und sozialistisch werden soll . . . Das wird für uns alle viel Arbeit geben, auch viel Kleinarbeit. Schlimmer als Stricken."

Am 9. November, dem Tag, an dem die Mauer aufgemacht wurde, verlas Christa Wolf in der Sendung "Aktuelle Kamera" des DDR-Fernsehens einen Appell, den führende Intellektuelle des Landes unterzeichnet hatten, offenbar aus begründeter Sorge, ganz allein mit ihren Träumen zurückzubleiben: "Wir bitten Sie, bleiben Sie doch in Ihrer Heimat, bleiben Sie bei uns . . . Helfen Sie uns, eine wahrhaft demokratische Gesellschaft zu gestalten, die auch die Vision eines demokratischen Sozialismus bewahrt."

Zwei Wochen später, am 26. November, erschien in vielen Zeitungen der DDR, auch im ND, der Aufruf "Für unser Land", den diesmal nicht nur die wortführenden Intellektuellen, sondern auch Egon Krenz und Hans Modrow unterschrieben hatten. In dem Aufruf hieß es, es drohe ein "Ausverkauf unserer materiellen und moralischen Werte", den es zu verhindern gelte: "Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln."

Plötzlich hatten es alle sehr eilig. Als hätte die DDR nicht 40 Jahre Zeit gehabt, eine sozialistische Alternative zu entwickeln, mußte nun, eine Minute nach zwölf, der Ausverkauf der materiellen und moralischen Werte gestoppt werden, eine Forderung, die von der leicht irrigen Annahme ausging, die DDR sei im Herbst 1989 noch nicht bankrott gewesen.

Der Weiterbestand der DDR als einer "Alternative zu dem Freibeuterstaat mit dem harmlosen Namen Bundesrepublik" (Stefan Heym) würde außerdem auch die Sicherheit in Europa garantieren, denn, so fragte Heym rhetorisch an: "Was für eine Stabilität würde das denn wohl sein mit einem neuen Großdeutschland, dieses beherrscht von Daimler-Messerschmitt-Bölkow-Blohm und der Deutschen Bank?"

Auch Heiner Müller warnte: "Ohne die DDR als basisdemokratische Alternative zu der von der Deutschen Bank unterhaltenen Demokratie der BRD wird Europa eine Filiale der USA sein. Wir sollten keine Anstrengung . . . scheuen für das Überleben unserer Utopie von einer Gesellschaft, die den wirklichen Bedürfnissen ihrer Bevölkerung gerecht wird."

Die tollkühne Überschätzung der DDR als Garant der europäischen Stabilität ging einher mit einer gigantischen Überbewertung der eigenen Rolle als Ferment der revolutionären Veränderung. Im Dezember 1989 schrieb Stephan Hermlin: "Wir haben die Staatsmacht müde gemacht." Und Christoph Hein, der eben noch für den Sozialismus stricken wollte, traute sich "zum erstenmal, nach mehr als 40 Jahren", ein Wort auszusprechen, das er bis dahin "nicht aussprechen konnte: Dieses Land hier wird mein Land".

So versammelte sich Ende des Jahres 1989 ein Nekrophilen-Kränzchen am Grab der DDR, um von der großartigen Zukunft der Verblichenen zu schwärmen. Man könnte auch sagen: Eine Runde von Ärzten, Heilpraktikern und Gesundbetern nahm sich des toten Patienten noch einmal an. "Wir haben dich zwar die ganze Zeit falsch behandelt", sagten sie, "wir haben die falsche Diagnose gestellt, die falsche Therapie verordnet und die falschen Mittel verschrieben, doch das alles kann nicht bedeuten, daß wir die Behandlung als gescheitert ansehen müssen. Wir versuchen es eben noch einmal. Diesmal sind wir schlauer."

Käme so etwas in der Schwarzwaldklinik vor, würde Professor Brinkmann das ganze Personal auf der Stelle feuern. Doch im politischen Alltag der Bundesrepublik bekommt noch jeder Quacksalber die Chance, eine neue Tunke anzurühren. Nachdem Günter Grass mit seinem Vorschlag, die Ossis sollten erst einmal die Kommunalwahlen wiederholen, bevor sie die Grenzen öffnen, kein Gehör gefunden hatte, hielt er im Februar 1990 die "Kurze Rede eines vaterlandslosen Gesellen", in der er vor den Gefahren eines deutschen Einheitsstaates warnte, denn der war "die früh geschaffene Voraussetzung für Auschwitz" und: "Wer gegenwärtig über Deutschland nachdenkt und Antworten auf die deutsche Frage sucht, muß Auschwitz mitdenken."

Das tat auch Heiner Müller, als er Bedenken gegenüber dem Instrument der freien Wahlen äußerte und seine Haltung mit einem historischen Vergleich begründete: "Im Gegensatz zu Lenin konnte Hitler seinen Staatsstreich auf einen Wahlsieg gründen, insofern ist auch Auschwitz ein Resultat von freien Wahlen, und ich bezweifle, ob es in der BRD unter dem Diktat der Industrie freie Wahlen je gegeben hat."

Und noch im Dezember 1990, nachdem die Wiedervereinigung gegen alle Warnungen vollzogen worden war, verfügte Walter Jens mit jener ungebrochenen Autorität, wie man sie in Deutschland nur bei Professoren und Parkplatzwächtern findet, eine Wiedervereinigung Deutschlands wäre "unmöglich, weil es das alte Deutschland nicht mehr gibt, das hat in Auschwitz Selbstmord begangen". Was insofern interessant war, als bis dahin galt, daß in Auschwitz vor allem Juden und Polen vom Leben zum Tode befördert wurden.

Man konnte in jenen Tagen, die inzwischen Geschichte sind, vieles bei den Literaten finden, nur eines nicht: die einfache menschliche Freude darüber, daß ein totalitäres System, das seinen Bürgern die elementaren Rechte verweigerte, endlich zusammengekracht war. Mit Ausnahme von Martin Walser schüttelten sich so gut wie alle Großdenker vor Entsetzen bei der Vorstellung, die DDR könnte von der politischen Landkarte verschwinden; und als es dann tatsächlich soweit war, zogen sie ihre letzte Trumpfkarte aus dem Ärmel: Auschwitz. Wegen Auschwitz sollte die DDR bestehenbleiben, als Mahnmal und als Vorsorge-Maßnahme, damit sich die Geschichte nicht wiederhole.

So kamen deutsche Literaten aus Ost und West auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner ihrer nationalen Identität zusammen. Doch wo Auschwitz als Maßstab genommen wird, da gibt es keine Maßstäbe mehr, da kann jede Grausamkeit unterhalb dieser Latte als harmlos weggebucht werden. Niemand, der seine Sinne zusammen hat, wird die DDR mit dem Dritten Reich gleichsetzen. Aber auf ein paar systemimmanente Ähnlichkeiten und Unterschiede wird man hinweisen dürfen. War das Dritte Reich die perfekte Barbarei, ein durchorganisiertes System des Terrors nach innen und außen, so war die SED-Republik eine Art National-Sozialismus mit menschlichem Antlitz, eine Diktatur der Kleinbürger und Politiker-Darsteller, die sich untereinander darauf geeinigt hatten, die Fiktion von der Vision einer Utopie unter dem Titel "Arbeiter-und-Bauern-Staat im real existierenden Sozialismus" aufzuführen.

Inzwischen buhlen alle demokratischen Parteien um die Gunst der ehemaligen SED-Mitglieder. "Es muß deutlich werden, daß Loyalität auch in einem Unrechtssystem nicht grundsätzlich als verwerflich angesehen werden kann", sagt der Justizminister von Brandenburg, Hans Otto Bräutigam, womit er auf dem Umweg über die SED auch die Kader der NSDAP rehabilitiert.

Und Erhard Eppler, moralisches Gewissen der SPD und bis 1991 Vorsitzender der Grundwertekommission der Partei, macht dabei auf den entscheidenden Unterschied zwischen der Gestapo und der Stasi aufmerksam: "Das NS-Reich hat Berge von Leichen hinterlassen. Die SED hat Berge von Akten hinterlassen, unappetitliche oft, aber eben Akten."

Darauf muß man im Zustand schwäbisch-protestantischer Vollnüchternheit erst mal kommen. Den nationalsozialistischen Leichenbergen gingen erst mal Aktenberge voraus, auch das Dritte Reich war ein fleißiger Aktenproduzent, ohne diese Akten wäre die Aufklärung der Nazi-Untaten unmöglich gewesen. Gewiß stellen sechs Millionen tote Juden eine andere Quantität des Horrors dar als die 600 Toten, die es allein an Mauer und Grenze gegeben hat. Nur: Müssen es gleich siebenstellige Zahlen sein, damit von einem "Leichenberg" gesprochen werden kann, sind 600 Tote nur ein Idiotenhügel, von dem ein Moralist der SPD-Grundwertekommission auf dem Hosenboden runterrutscht, ohne die Miene zu verziehen?

Dieselben kritischen Geister, die sich dagegen wehren, die Verbrechen Hitlers mit denen Stalins zu verrechnen, betreiben dasselbe Spiel zum historischen Hausgebrauch und in umgekehrter Richtung: Das Dritte Reich war ein so gigantischer Mordapparat, daß die DDR sich dagegen wie eine illegale Schnapsbrennerei ausnimmt, sozusagen eine Ordnungswidrigkeit gemessen an dem vorausgegangenen Kapitalverbrechen.

Was ist passiert mit den kritischen Geistern im Lande, die jeden Aufruf gegen politische Willkür in Südamerika unterschreiben, ein Unrechtssystem vor der eigenen Haustür aber beharrlich relativieren, bis es als ein kleiner Betriebsunfall dasteht?

Sie leiden am "Caisson"-Syndrom, auch Taucherkrankheit genannt. Bei zu schnellem Aufstieg aus großer Tiefe stellt sich ein Schock ein, der letal enden kann. Etwas Ähnliches scheint mit vielen tonangebenden Literaten passiert zu sein: Die Geschichte ist wie eine Flutwelle über sie hinweggerollt, und nun grollen sie der Geschichte hinterher. Er habe sich am 4. November 1989 überlegt, vertraute Stefan Heym im Jahre 1993 einem Interviewer an, ob er nicht vom Alexanderplatz aus die amtierende DDR-Regierung für abgesetzt erklären sollte. Doch "die Verantwortung wäre zu schwer gewesen".

Rückblickend bedauerte er, daß am 4. November 1989 eine Chance verschenkt wurde. "Die Revolution wurde von Leuten ohne Konzeption gemacht, von Dilettanten." Vor den Revolutionären hatten sich schon die Vertreter der staatlichen Gewalt als ignorante Versager erwiesen: "Der Staat hat das Gegenteil von dem getan, was ich empfohlen habe, und dadurch hat er sich selbst zerstört."

Die Mischung aus historischem Größenwahn und politischer Impotenz disqualifiziert Heym und Co. nicht als somnambule Schwätzer, sondern verschafft ihnen einen Nimbus von desperater Intellektualität. Mag Heiner Müller ganz im Ernst erklären, "daß die Terminologie der Nazis häufig jüdisch", der Nationalsozialismus "eigentlich die größte historische Leistung der deutschen Arbeiterklasse" war und "das Problem dieser Zivilisation" darin liegt, "daß sie keine Alternative zu Auschwitz hat", niemand wagt es, an seiner Zurechnungsfähigkeit zu zweifeln oder seine skurrilen Exkurse als das zu bezeichnen, was sie sind: intellektuelles Bungee-Jumping.

Deutsche Literaten verzichten lieber zeitweise auf französischen Champagner, als daß sie eine Gelegenheit versäumen, sich vollmundig zu blamieren. "Mir muß niemand Nachhilfe in Demokratie geben", sagt Günter Grass und beweist in einem Aufwasch, daß er auch von totalitären Systemen etwas versteht. "Im Vergleich mit Diktaturen, die es gegeben hat und die es immer noch gibt, ist die DDR eine kommode Diktatur gewesen." Und weil die DDR, trotz Mauer, Stasi und Plattenbau, so "kommod" war, könne man "nicht einfach 16 Millionen Menschen . . . per Federstrich an den Westen anschließen und ihr Leben wie ihre Industrie für Schrott erklären".

Was aber ist mit den DDR-Bürgern, die den Staat, in dem sie lebten, nicht als "kommod" empfanden, die auch gerne mal nach Kalkutta statt zum Kap Arkona gefahren wären oder der "kommoden Diktatur" am liebsten für immer den Rücken gekehrt hätten? Darüber sagt Grass kein Wort, dafür _(* 1987 beim Schriftstellerkongreß in ) _(Ost-Berlin. )

erfahren wir, daß er Deutschland "als zunehmend anstrengend", also gar nicht kommod, empfindet und "Auslandsaufenthalte" benötigt, um zu erleben, "daß das, was ich geschrieben habe, andernorts Respekt erfährt", was in Deutschland "in der Regel" nicht der Fall ist.

Respekt also, die Droge der autoritären Seele. Das Verlangen nach Respekt treibt Grass nicht nur ab und zu ins Ausland, es läßt ihn, wie auch andere Intellektuelle, um ein System trauern, das seine Dichter anerkannte, indem es sie entweder mit Preisen schmückte oder mit Publikationsverbot belegte. Was bedeuten schon die Schikanen, denen die einfachen Bürger täglich in einer "kommoden Diktatur" ausgesetzt sind, gemessen an dem Respekt, den die Repräsentanten von Staat und Partei ihren intellektuellen Helfern zollen? Welcher westdeutsche Dichter war so nahe an der Machtzentrale wie Hermann Kant in der DDR? Wer durfte eine so staatstragende Rolle einnehmen wie Johannes R. Becher als Kulturminister im Arbeiter-und-Bauern-Staat? Und mag die DDR in vielem unvollkommen gewesen sein - was Marcel Reich-Ranicki mit Grass angestellt hat, wäre "drüben" nicht möglich gewesen.

Melancholie und Resignation machen sich breit. Das Leben in der unkommoden Demokratie ist öd und fad. Keine Utopie verzaubert den Alltag. Er habe, sagt Heiner Müller, den Niedergang von drei Systemen, Weimar, Nazideutschland, DDR, erlebt und finde es schade, daß es ihm "vermutlich zeitlich nicht vergönnt sein wird, auch das vierte sterben zu sehen". Das mag den großen Dramatiker schmerzen, spricht aber doch für das System, das nach Weimar, Nazideutschland und DDR auf deutschem Boden entstanden ist. Y

Die DDR erhalten als Mahnmal und Vorsorge-Maßnahme

Skurrile Exkurse und intellektuelles Bungee-Jumping

* 1987 beim Schriftstellerkongreß in Ost-Berlin.

DER SPIEGEL 40/1995
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