02.10.1995

FernsehenHinter der Pappnase

Der Privatsender RTL 2 rechnet mit dem Inquisitionsjournalismus des Privat-TV ab: Götz George brilliert in dem Reißer „Der Sandmann“.
Die TV-Station "DTV" ist fiktiv, aber solche schönen, blonden und eiskalten Info-Engel, wie sie in "Der Sandmann" auftreten, sind einem schon oft auf dem Bildschirm begegnet, wenn es dort "taff", "Hautnah" oder "Explosiv" zugeht*. Sie lächeln, aber ihre Seele ist ein Rechenschieber. Wer mit ihnen ringt, muß seine Vernichtung fürchten. Den Segen führen sie nicht im Angebot.
Gleich zu Beginn von Matthias Seeligs (Buch) und Nico Hofmanns (Regie) RTL-2-Medien-Thriller erklärt so eine geschniegelte Botin aus dem gottlosen Reich der höchsten Quote, die Anchorfrau der Talkshow "Auge in Auge" (Barbara Rudnik), einem ratlosen Kollegen das Hosianna der Ratings: "Ein durchgeknallter Innenminister bringt 300 000 Zuschauer auf die Waage, ein koksender Drei-Sterne-Koch 400 000, ein boxender Schauspieler 450 000 und ein Pornohengst, der auf Zuruf seine notariell vermessenen 23 Zentimeter ausfahren kann, 1,5 Millionen." _(* Sendetermin: Donnerstag, 20.15 ) _(Uhr. )
Leider - die "Auge in Auge"-Zuschauer-Quote sinkt - ist so ein Hengst nicht zur Hand. Da trifft es sich gut, daß die "DTV"-Macher auf den Schriftsteller Henry Kupfer (Götz George) aufmerksam werden. Der bietet zwar keine 23 Zentimeter, aber stoppelbärtigen Sex-Appeal, eine Vorstrafe wegen Totschlags und ein neues Buch über einen Serienmörder.
Eine ehrgeizige Redakteurin, Ina Littmann (Karoline Eichhorn), heftet sich an die Fersen des knastumflorten Dichters. Die Recherche verläuft wie eine Jagd: eine erste Begegnung in gewittriger Nacht, ein Kamera-Termin im schäbigen Reihenhaus, wo einst Kupfer seine Kindheit verbrachte und nun die Redakteurin ihren Kameramann antreibt: "Wir drehen hier nicht fürs Literaturmagazin. Die Leute wollen wissen, was hinter der Pappnase ist."
Ina Littmann, die junge Spürhündin, verfällt journalistischem Jagdfieber. Könnte es nicht sein, daß der vorbestrafte Dichter weiter Morde begeht? Gibt es Verbindungen zwischen ihm und einer Bluttat, über die gerade in den Boulevardzeitungen berichtet wird?
Wie besessen arbeitet die junge Frau auf den großen Moment hin, da Kupfer dank ihrer Recherchen vor den laufenden Kameras von "Auge in Auge" als Mörder überführt werden soll. Dabei entgeht ihr, daß sie beim Herunterreißen der Pappnase selbst an der Nase herumgeführt wurde: Der obskure Dichter hat die nichtsahnende News-Jägerin mit erfundenen Geschichten auf eine falsche Fährte gelockt und sie dann mit einem geschickt gemimten Schuldeingeständnis während der Sendung hinters Licht geführt. Zweck der Täuschung: Ein inszenierter Skandal als Werbung für sein Buch. Ein gewisser quotengeiler Fernsehjournalismus, so lautet die Botschaft dieses luziden Reißers, jagt nicht der Wirklichkeit, sondern seinem Bild von der Wirklichkeit hinterher. Wenn das Objekt der wahnhaften Wißbegierde genau so wölfisch und verschlagen ist wie seine Verfolger, können die Fallensteller in die Grube fallen, die sie selbst gegraben haben. Daß dabei jemand im "DTV"-Sender heimlich mitgeholfen hat, ist eine besonders böse Pointe des Stücks.
Was den Thriller über alles TV-Mittelmaß hinaushebt, sind die Bilder und die geschliffenen Dialoge. Beim Showdown in der finalen Talkshow zeigt Regisseur Hofmann den listigen Medientrickser Kupfer im Original und gleichzeitig als überlebensgroße Blue-Screen-Version im Hintergrund - Sinnbild für den Irrgarten, in dem Fernsehen und Wirklichkeit verschwimmen.
Überzeugend auch das Psychogramm einer Nachrichtenjägerin: Der fanatische Ehrgeiz der Littmann speist sich aus der Anstrengung, es dem idealisierten Vater beweisen zu wollen, der sie als Kind sitzenließ. Zur zwanghaften Jägerin wird die Frau, weil es - wie Kupfer zutreffend analysiert - "Dinge gibt, die keinen Platz in deiner duschfrischen, imprägnierten Seele haben und die du unbedingt im Fernsehen vorführen mußt, damit dein Immunsystem wieder funktioniert".
Was sich die Schöne verweigert, ist die sexuelle Hingabe, den Kuß, den ihr Kupfer abverlangt, wenn er sich in Phantasieszenen und am Ende ganz real über sie hermacht. Die ach so moderne Medienfrau ist eine späte Nachfahrin der Penthesilea, die ihren Geliebten lieber vom Hund zerreißen ließ, als ihren Ehrgeiz aufzugeben. Sie gleicht einer Amazone mit einer abgeschnittenen Brust, dem Zeichen für geopferte Sexualität. Nicht zufällig laufen im Hintergrund Bilder von Brustoperationen über den Schirm, wenn die Littmann im Studio mit ihren Kollegen arbeitet.
Gegen ein schauspielerisches Schwergewicht wie George kommt Karoline Eichhorn - wie sollte sie auch - nicht an. Mit all seiner Routine spielt der zuletzt im Mörderfach ("Der Totmacher") international ausgezeichnete Star seine Kollegin trotz deren erkennbarer Bemühung an die Wand.
RTL 2 ist mit diesem ersten Film aus der Eigenproduktions-Reihe "Die jungen Wilden" ein Wurf gelungen: Kritik an den Brutalitäten des Privatfernsehens, die nicht mit weinerlicher Medienphilosophie langweilt, sondern das Reißerische mit reißerischen Mitteln bloßlegt. Dem ist eine hohe Quote zu wünschen. Und alle durchgeknallten Minister und Pornohengste dürfen zu Hause bleiben.
* Sendetermin: Donnerstag, 20.15 Uhr.

DER SPIEGEL 40/1995
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