02.10.1995

FriedenspreisSchwarze Komödie?

Neue Runde im elenden Gezerre um den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, im Kampf um die auserwählte Orientalistin Annemarie Schimmel: Am letzten Wochenende erschien in der Süddeutschen Zeitung eine überraschend harsche Kritik an der Schriftstellerin Taslima Nasrin, der in Bangladesch verfolgten Schriftstellerin, die jetzt in Berlin untergekommen ist. Frau Nasrin, so rügte das Blatt in einem Beitrag von Burkhard Müller-Ullrich, sei eine "falsche Märtyrerin", die sich über den "Status des Gejagtseins" eine "internationale Märtyrerkarriere" erschwindelt habe. Ein paar Tage später stimmte die FAZ, sichtlich ergrimmt, in die Schelte ein, schrieb von einer "schwarzen Komödie" und einer "Geschichte der Täuschungen", von der "indiskutablen" Autorin Nasrin und der "Leichtfertigkeit" ihrer intellektuellen Verteidiger. Unversehens lenkte die FAZ dann den Blick auf den Protest gegen die Preisverleihung an Frau Schimmel. Von daher also weht der geistige Wind: Frau Nasrin gehört zu den engagierten Schimmel-Gegnern, und die FAZ hatte sich in der Preisfrage eindeutig auf die Seite der Orientalistin gestellt. Was beide Zeitungen übergingen: Nasrin hatte auf den Beitrag von Müller-Ullrich, der vier Wochen zuvor schon in der Badischen Zeitung publiziert worden war, längst mit einer ausführlichen Antwort - und erstaunlich sachlich - reagiert. Sie bekräftigt darin ihre Vorwürfe gegen Schimmel: Die Verleihung werde "keinen Frieden zwischen den westlichen und moslemischen Ländern schaffen, sondern die Islamisten ermutigen, noch aggressiver vorzugehen".

DER SPIEGEL 40/1995
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