09.10.1995

Konzerne„Sie nahmen uns die Nacht“

Dem Ölmulti Shell droht ein neuer Skandal: In Nigeria, wo der Konzern rund 17 Prozent seines Rohölbedarfs fördert, begehren die Einheimischen auf. Sie werfen den Ölmanagern vor, in Kumpanei mit den herrschenden Militärs eine gigantische Umweltverschmutzung verursacht zu haben.
Wenn es in Ebubu regnet, geht es den Kindern dreckig. Und im Herbst regnet es dauernd im Niger-Delta. Dann hat Olua Kamalu noch mehr zu tun als sonst. "Mit allen Arten von Hautausschlägen kommen die zu mir", sagt der Mediziner, der seit 13 Jahren in dem ärmlichen Nest nahe der Niger-Mündung arbeitet. Der Mann weiß: "Ich kann trösten, aber nicht helfen."
Während es draußen schüttet, sitzt Kamalu in seinem notdürftig eingerichteten Behandlungszimmer. Der Medikamentenschrank ist so gut wie leer, selbst Hautcremes sind Mangelware. Die kann der Arzt zwar verschreiben, aber bezahlen können die Familien sie nicht.
Also kratzen die Kleinen ihre juckenden Ekzeme, bis sie bluten. "Kommen dann Bakterien rein", sagt Kamalu, "ist das Kind - hopp - tot."
Das Leiden und Sterben gehört in Ebubu zum Alltag wie fast überall im Süden Nigerias - in einer der eigentlich reichsten Regionen der Welt. Im feuchttropischen Klima des dichtbesiedelten Niger-Deltas gedeihen alle Arten von Früchten, die Flüsse wimmelten einst von Fischen, der größte Mangrovensumpf Afrikas war ein schier unerschöpfliches Jagdrevier für die Einheimischen.
Die Idylle ist heute zerstört: Die Ölkonzerne, allen voran die Royal Dutch/ Shell, beuten im Niger-Delta, gut eine Flugstunde östlich der Wirtschaftsmetropole Lagos, seit langem die Ölvorräte aus. Gewaltige Gasfeuer verpesten die Luft und erhellen den Busch auch bei Nacht, Explosionen in uralten Anlagen vernichten Wälder und Äcker, Lecks in verrotteten Pipelines verseuchen den Boden, Raffinerien blasen ungefiltert Gifte in die Luft, Chemieabfälle werden ungeklärt in mittlerweile ölverseuchte Flüsse gekippt.
Die wechselnden Militärregime verdienen gut dabei, Umweltschäden und die Gesundheitsrisiken der Anwohner kümmerten sie bislang wenig.
Das könnte bald anders werden. Seit Shell in Südafrika ("Shell to hell") durch Apartheid-Gegner unter Druck gesetzt wurde und die "Brent Spar"-Bohrinsel umkehren mußte, mucken auch die Nigerianer auf.
Der Shell-Konzern sieht sich mit Schadensersatzforderungen und erneuten Boykottaufrufen konfrontiert. Auf der am Mittwoch beginnenden Buchmesse in Frankfurt will der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka das Miteinander von Militärs und Multi öffentlich erörtern.
Der Shell-Konzern in Deutschland ist alarmiert. Noch immer sind die Umsatzrückgänge aus den "Brent Spar"-Aktionstagen nicht ausgeglichen, nun droht womöglich ein weiterer Einbruch.
Zwar müht sich Shell nach dem Desaster mit der Beinahe-Versenkung der "Brent Spar" um sein lädiertes Image. Doch die millionenschwere Kampagne, mit der sich Shell in Deutschland ("Besser für die Umwelt . . .") als ökologischer Musterknabe darstellt, hat wenig mit der Realität zu tun. Jedenfalls nicht im Niger-Delta.
"Die Leute von Shell sind mit ihren Bulldozern gekommen und haben unser Land genommen", sagt der Dorfobere Nelson Igbunefu. Damals, 1959, war er ein junger Mann, und niemand in Umuechem hatte eine Ahnung, was die Weißen da eigentlich machten. Gewehrt hat sich keiner.
Die Felder des kleinen Dorfes gehörten zu den ersten, auf denen sich die Shell-Ingenieure zu schaffen machten. Sie zündeten Sprengladungen, maßen die Druckwellen und fanden so heraus, wo das meiste Öl in der Erde steckte. Die Einheimischen schauten zu, erschrocken und sprachlos zugleich.
Mit schwerem Gerät ebneten sich die Ölpioniere Wege durch den Busch, installierten Förderanlagen und legten kreuz und quer ihre Pipelines. Heute sprudeln in Umuechem täglich Tausende Barrel besten Rohöls, leicht und schwefelarm, aus über 50 Bohrlöchern.
Im ganzen Delta gibt es mehrere tausend dieser Förderstellen. Täglich pumpt die Shell Petroleum Development Company of Nigeria (SPDC) rund 290 000 Barrel Rohöl durch die über 6200 Kilometer Röhren und Pipelines zu den Verladestationen am Meer. Das ist ein Großteil der nigerianischen Produktion und deckte 1994 rund 17 Prozent der weltweiten Shell-Förderung.
Wichtigster Partner bei SPDC ist der Staat Nigeria, einen kleinen Anteil halten Agip und der französische Ölmulti Elf Aquitaine.
Shell müht sich stets um gutes Einvernehmen mit den wechselnden Machthabern _(* Bei Yorla, ein Jahr nach einem ) _(schweren Unfall. )
der einstigen Kronkolonie. Das gilt auch für den wenig zimperlichen Diktator Sani Abacha. Der General hat vor zwei Jahren die Macht im Lande übernommen. In nigerianischen Gefängnissen wird gefoltert, Gefangene sterben an mysteriösen Krankheiten. Im Juli dieses Jahres wurden 43 Menschen öffentlich hingerichtet.
Boykottaktionen, wie sie etwa die Menschenrechtsorganisationen Human Rights Watch/Afrika oder Amnesty International fordern, lehnen die Multis bislang ab. "Wir halten nichts von irgendwelchen Sanktionen", sagt Alan Detheridge, Shells für Nigeria verantwortlicher Manager in London. "In die Politik mischen wir uns nicht ein."
Für Entwicklungsprojekte hat Shells SPDC im Niger-Delta nach eigenen Angaben zwischen 1987 und 1992 rund 20 Millionen Mark ausgegeben. Auf der anderen Seite der Shell-Bilanz stehen für die vergangenen 30 Jahre 40 bis 50 Milliarden Mark Einnahmen aus dem Ölgeschäft.
Militärs und hohe Beamte haben mitverdient, doch das Land blieb arm. Bei den internationalen Banken ist Nigeria mit rund 37 Milliarden Dollar verschuldet und ein Ende der Misere ist nicht absehbar. Trotz der Ölgelder, die über 80 Prozent der Staatseinnahmen ausmachen, kann das Land kaum seine Zinsen bezahlen.
Der Ölreichtum Nigerias ist einer kleinen, korrupten Oberschicht zugute gekommen. Die Umweltfolgen, die der desaströse Raubbau nach sich zieht, tragen die Armen.
"Shell hat uns die Nacht genommen", klagt der bald 60jährige Dorfchef Igbunefu und reibt sich die geröteten Augen. "Dafür haben wir Gestank und schmutziges Wasser bekommen."
Im Busch, nicht weit von den Hütten des Dorfes Umuechem, lodern, mit deutlich hörbarem Fauchen, riesige Flammen. Sie vertreiben das Wild und locken Insekten an. Hunderte dieser sogenannten Flares spucken ununterbrochen Gift und Ruß aus, täglich fackelt allein Shell im Niger-Delta über 28 Millionen Kubikmeter Gas ab.
Wenn es regnet, ergießt sich oft eine übel schmeckende trübe Brühe, in der sich je nach Windrichtung und Produktionsmenge allerlei Chemikalien der umliegenden Raffinerien mischen. Weder Abluft noch Abwasser werden gefiltert.
Ihr Trinkwasser holen die Einwohner aus seichten Wasserstellen, mitunter müssen sie mit den Handflächen vorsichtig den Ölfilm zur Seite schieben, bevor sie ihre Kanister eintauchen. Es gibt weder fließendes Wasser noch eine Kanalisation. Viele Einheimische leiden an Allergien, Bronchial- und Magenerkrankungen.
Shell versprach den Menschen ordentliche medizinische Versorgung, Straßen, Elektrizität und gute Schulen für ihre Kinder. "Wir haben gewartet, gebettelt und Petitionen geschrieben", sagt der sonst so duldsame Dorfchef Igbunefu, "bis wir nicht mehr konnten."
Mit kleinen Gefälligkeiten hat Shell die Aufmüpfigen anderenorts zunächst _(* Bei Ebubu, zwei Jahre nach einer ) _(Explosion 1993. )
ruhiggestellt. Der Konzern zeigte sich, wenn die Not unübersehbar war, durchaus hilfsbereit.
In Ejamah war vor bald 25 Jahren eine große Pipeline mit einem dumpfen Knall explodiert. Meterhohe Fontänen brennenden Öls schossen in die Luft. Zwölf Menschen verbrannten oder erstickten; erst nach drei Tagen war das Feuer gelöscht.
Shell machte Saboteure für die Katastrophe verantwortlich. Trotzdem erklärte sich der Multi bereit, die Schäden auf eigene Kosten zu beseitigen, um den Menschen zu helfen.
Wie solche Hilfe aussieht, zeigt der Dorfobere Osaro, den die Einheimischen nur Chief nennen, wenige Schritte von den Hütten des Dorfes entfernt, nicht weit von der ehemaligen Quelle. Es ist heiß, und trotz des leichten Windes stinkt es wie in einer Chemiefabrik.
Mitten im Busch, versteckt hinter meterhohem Gebüsch und Bäumen liegen Dutzende von Tümpeln. "Die von Shell sind schlaue Leute", sagt Osaro und rührt mit seinem Stock die klebrige Masse auf. "Die haben Löcher gegraben und dann den ganzen Dreck einfach reingekippt."
Vor fünf Jahren war es mit der Geduld der Leute in Umuechem vorbei: Einige hundert Männer und Frauen aus dem Dorf blockierten die Zufahrt zu einem Ölfeld und forderten konkrete Zusagen von den Shell-Managern. Doch die wollten nicht reden. Statt dessen kam ein Polizeikommando: Drei junge Männer wurden erschossen, die aufgebrachte Menge lynchte daraufhin einen Uniformierten.
Im Morgengrauen des nächsten Tages fiel die staatliche Special Task Force mit Panzerwagen in Umuechem ein. Das Dorf wurde geplündert, Dutzende Hütten angesteckt oder in die Luft gesprengt. Den Dorfältesten und seine Söhne zerrten Soldaten aus dem Haus, übergossen sie mit Benzin und zündeten sie an.
Die Militärs, so berichten Augenzeugen, feuerten mit schweren Maschinengewehren auf alles, was sich bewegte. "Erst vor ein paar Wochen haben wir zufällig Skelette gefunden", sagt Igbunefu, dann verstummt er. Die Leichen, darunter die seines Sohnes, waren zwei Kilometer Fluß abwärts an einem Brückenpfeiler hängengeblieben.
Für die Sondereinheiten war das Massaker von Umuechem der Auftakt zu einer Reihe von Terroreinsätzen gegen die Einheimischen. Wer die Ölmultis stört, das mußten die Menschen im Niger-Delta lernen, wird brutal zur Räson gebracht oder muß gar mit dem Leben bezahlen.
Nachdem der Terror auch im Ausland angeprangert und Shell angelastet wurde, reagierte der Multi. "Wir verurteilen die Gewalt", erklärte ein Konzernsprecher, und wie üblich: "Das ist nicht unsere Sache."
Shell ist zwar der Konsortialführer, aber für die Greueltaten, so die Argumentation des britisch-niederländischen Konzerns, zu dessen Aktionären auch Königin Beatrix und das englische Königshaus gehören sollen, sind die Nigerianer verantwortlich.
Die Einheimischen sehen das anders. Ein Movement for the Survival of the Ogoni People (Mosop), eine Protestbewegung der Ogoni im Niger-Delta, hat sich gegründet. Die 500 000 Ogoni fordern vom Shell-Konzern Kompensationszahlungen in Milliardenhöhe und vom Staat das Recht auf politische Selbstbestimmung.
Weit über 1000 Ogoni wurden seit dem kollektiven Aufbegehren umgebracht, Frauen und Mädchen vergewaltigt. Das Gebiet des kleinen Volkes ist hermetisch abgeriegelt, Einheiten der Task Force patrouillieren durch die Ortschaften. Der Sprecher des Mosop, der Schriftsteller Ken Saro-Wiwa, wurde inhaftiert.
Den Shell-Oberen ist die eigene Vergangenheit im Niger-Delta mittlerweile peinlich. Die Menschenrechtssituation und fehlender Umweltschutz sind auch konzernintern zum Thema geworden.
Die katastrophalen Sicherheitsstandards bei der Ölförderung in Nigeria werden heute nicht mehr bestritten. Nach einem Shell-Bericht gab es allein in Ogoniland zwischen 1985 und 1993 rund 90 Unfälle. Dabei sollen weit über 5000 Barrel Öl ausgelaufen sein.
Im ganzen Delta seien es durchschnittlich 221 Unfälle pro Jahr, dabei gingen 7350 Barrel verloren. "Alle Havarien sind uns aber vermutlich nicht bekannt", gibt ein Shell-Ingenieur zu.
Shell Deutschland hat Angst vor einem zweiten internationalen Öko-Skandal, der erneut zu Umsatz- und Gewinneinbußen führen könnte. In den kommenden Jahren, heißt es jetzt, sollen in Nigeria rund 14 Milliarden Dollar in neue Anlagen und Pumpstationen gesteckt werden.
Die Deutsche Shell AG in Hamburg, die das Nigeria-Öl ebenfalls vertreibt, erklärte sich schon vorsorglich für nicht verantwortlich. Konzernsprecher Klaus-Peter Johanssen: "Die nationalen Shell-Gesellschaften handeln strikt selbständig."
Detlef Pypke
[Grafiktext]
Ölförderung d. Royal Dutch/Shell in tausend Barrel pro Tag
[GrafiktextEnde]
* Bei Yorla, ein Jahr nach einem schweren Unfall. * Bei Ebubu, zwei Jahre nach einer Explosion 1993.
Von Detlef Pypke

DER SPIEGEL 41/1995
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 41/1995
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Konzerne:
„Sie nahmen uns die Nacht“

Video 01:04

Virales Gute-Laune-Video Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier

  • Video "Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier" Video 01:04
    Virales Gute-Laune-Video: Tom Hanks crasht Hochzeitsfeier
  • Video "SpaceX-Chef: So will Elon Musk den Mars besiedeln" Video 03:33
    SpaceX-Chef: So will Elon Musk den Mars besiedeln
  • Video "US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung" Video 00:46
    US-Amateurvideo: Sturm bläst Hausdach über Straßenkreuzung
  • Video "Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser" Video 00:43
    Längste Meeresbrücke der Welt: 55 Kilometer über das Wasser
  • Video "Duo zum Duell zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit" Video 04:25
    "Duo zum Duell" zur TV-Debatte: Clintons geplante Tantigkeit
  • Video "Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt" Video 00:57
    Drohnenvideo: Aleppo, die zerstörte Stadt
  • Video "Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock" Video 00:54
    Die Lachnummer des Jahres: Nordkoreas U16-Keeper und sein Riesenbock
  • Video "US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung" Video 00:43
    US-Überwachungsvideo: Helikopter-Notlandung auf Straßenkreuzung
  • Video "Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug" Video 01:24
    Weiße Haie vor Südafrika: Raubfische auf dem Rückzug
  • Video "TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show" Video 03:48
    TV-Debatte Clinton vs. Trump: Die Highlights der Show
  • Video "Videoanalyse: Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus" Video 00:44
    Videoanalyse: "Auf halber Strecke ging Trump die Puste aus"
  • Video "Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle" Video 01:24
    Gezeitenflut am Qiantang-Fluss: Die perfekte, gefährliche Welle
  • Video "Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld" Video 00:32
    Debattenniederlage: Trump gibt defektem Mikrofon die Schuld
  • Video "Fast: Gigantisches Radioteleskop in Betrieb" Video 00:53
    "Fast": Gigantisches Radioteleskop in Betrieb
  • Video "Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas" Video 02:50
    Starker Auftritt zum Antritt: Gisdol gibt Gas