09.10.1995

FrankreichEine Art von Rache

Das Seltsame war, daß er keine Stiefel trug. Der Junge hatte ein Gewehr in der Hand, wahrscheinlich ging er also auf die Jagd, nichts Besonderes in der französischen Provence. Aber dazu gehören doch Gummistiefel. Da stimmte etwas nicht.
Merkwürdig fanden viele die Erscheinung von Eric Borel an jenem Sonntagmorgen im Zentrum von Cuers, so unwirklich, daß kaum jemand begriff, was geschah, als der Junge zu feuern begann.
Er legte auf die alte Madame Coletta an, die zwischen Kindergarten und Boule-Platz ihren Hund ausführte. Er schoß auf Mohammed Maarad, der gerade seine Wohnung verließ. Er wechselte eigens die Straßenseite, um den Rentner Mario Pagani zu erwischen, der vom Zeitungsladen kam. An der Sparkasse erschoß er Marius Boudon und Andre Touret und ein Stückchen weiter, an der Place Peyssoneau, den 15jährigen Pascal Mostacchi.
Jedesmal zielte er direkt auf den Kopf, und oft traf er die Opfer genau dort. Ein- oder zweimal, wenn er jemanden nicht richtig erwischt hatte, kehrte er zurück, um ihm den Todesschuß zu geben. Er ging schnell, aber er rannte nicht, und zwischen den Treffern lud er in aller Ruhe nach.
Er schoß nicht auf jeden, der ihm begegnete - so als sollte nicht der Zufall, sondern nur er selbst bestimmen, wer starb. Den Monsieur IncorvaIa tötete er aus 20 Metern Entfernung, seinen Schulfreund Alan, nach dem er an der Haustür gefragt hatte, aus kürzester Distanz. Rund 40 Kugeln hatte er verschossen, dann richtete er das Gewehr auf sich selbst. Weil er sah, daß die Polizei anrückte? Weil ihm die Munition ausging? Oder weil er plötzlich begriff, was er tat?
Eric Borel, 16, Schüler einer berufsbildenden Schule in Toulon, wohnhaft in der Kleinstadt Sollies-Pont, tötet im Nachbarort Cuers einen Freund, neun Fremde und anschließend sich selbst: Ein "verrückter Killer", schrieb Le Parisien.
Von einem "Massaker in zwei Akten" berichtete Liberation, denn dem Amoklauf in Cuers war bereits eine Tragödie vorangegangen: In Erics Zuhause in Sollies-Pont hatte die Polizei in der Nacht die Leichen seines Stiefvaters, seiner Mutter und seines elfjährigen Halbbruders gefunden. Es müsse irgendeine Art von "Rache" gewesen sein, die den Jungen zum Mörder werden ließ, vermutete Paris Match. Rache wofür?
Ein Wohnhaus am Rande von Sollies-Pont, an den Hang gequetscht zwischen Nachbargebäuden, die Mauern in dem gelblichen Rosa, das typisch ist für neuere Bauten in Südfrankreich. Vom Hang her schauen die Nachbarn in den Hof, von vorn schützt eine mannshohe Mauer mit massivem Tor vor Blicken. Drei kränkliche Hühner gackern in einem Verschlag, eine säugende Hündin streicht um einen silberfarbenen Opel Ascona herum, dazwischen zwei junge Männer, die gleichzeitig bedrückt und auf eine sonderbare Weise erleichtert wirken: Gott sei Dank sind sie nicht mit Eric blutsverwandt. Franck, 23, und Jean-Luc, 21, sind nicht einmal Erics Halbbrüder, sondern die Söhne seines Stiefvaters Yves Bichet.
Der Student Jean-Luc, der in Antibes lebt und nur gelegentlich am Wochenende auftaucht, hat in jener Nacht die Polizei alarmiert, die dann die Leichen vorfand. Eine ganze Weile nahmen die Gendarmen ihn ins Gebet, weil er sich in lauter Widersprüche verwickelte. Daß Eric verschwunden war, sagte er erst morgens gegen vier. War es der Schock oder verschwieg er etwas?
Noch nach dem Massaker in Cuers dachten manche, daß nicht Eric die Familie zu Hause gemordet habe, sondern daß er erst durchgedreht sei, nachdem er die Toten entdeckt hatte - doch inzwischen haben die Ermittler nur noch wenig Zweifel, daß der Junge an beiden Orten der Täter war. In Cuers wurde mit der gleichen Munition geschossen wie in Sollies-Pont; nur der Nachweis, daß es dasselbe Gewehr war, fehlt noch.
Jean-Luc, groß und dunkelhaarig und mit dem erschöpften Blick derer, die schon lange nicht mehr richtig schlafen, sucht nicht, sich selbst zu rechtfertigen, sondern eher seinen Vater, Erics Stiefvater Yves Bichet. Denn jetzt suchen ja alle nach Schuldigen: Wenn Eric wahnsinnig war, hat ihn dann jemand in den Wahnsinn getrieben? Der Stiefvater habe den Jungen geschlagen, war zu lesen. Er sei ein Rechtsradikaler gewesen, hieß es anderswo. Er habe den Jungen mit Neonazi-Gedanken infiziert.
Alles Lüge, sagt Jean-Luc. Drei Monate lang, im Jahr 1989, sei sein Vater zu Treffen des Front National gegangen - dann nie mehr. Und er sei immer nett zu dem Jungen gewesen. Hat er ihm nicht extra einen Verschlag gebaut und das Hühnerhaus aus Beton, für die komischen Viecher, die Eric anschleppte?
Yves Bichet war nicht Erics leiblicher Vater, gewiß. Die ersten paar Jahre seines Lebens hatte der Bub bei seinen Großeltern verbracht; die mochte er sehr. Marie-Jeanne Parenti, die Mutter, die von Korsika stammte, hatte sich längst von ihrem Mann Jacky Borel getrennt und zunächst auch von Eric verabschiedet. Aber als sie dann Yves Bichet begegnete, dem Sohn eines Algerien-Franzosen, der gewichtig auftrat und sie beeindruckte, als sie sich mit ihm und seinen zwei Söhnen in Sollies-Pont eingerichtet hatte, holte sie ihr Kind zurück.
Eine Katastrophe für den Jungen? Nein, glaubt Franck Bichet, der kleiner, drahtiger und widerstandsfähiger wirkt als sein Bruder, aber genauso erschöpft wie der. Das alles sei zehn, zwölf Jahre her, und kaputt oder besonders unglücklich habe Eric nicht gewirkt. Ein bißchen verschlossen sei er gewesen, sagt Franck, "aber ganz normal".
Im Fernsehen und in den bunten Blättern haben sich längst die Experten zu Wort gemeldet und alles erklärt, was in Cuers und Sollies-Pont geschah: Schizophren müsse der Junge gewesen sein, verkündete beispielsweise der Psychiater Jacques Leyrie per Ferndiagnose. "Typisch" dafür sei, daß der Täter sich nach der scheinbar sinnlosen Tat selbst umbringe.
Viel weiß die Fachwelt nicht über die Psyche von Amokläufern, aber soviel scheint klar: Schizophrene und Menschen mit Wahnvorstellungen sind unter ihnen deutlich überrepräsentiert. Aber es gibt auch diejenigen, bei denen das Leben völlig in Ordnung scheint - und aus einem banalen Grund rasten sie aus. Fast immer sind Amokläufer männlich; nur in etwa fünf Prozent der Fälle mordet eine Frau blindlings. Aber fast immer sind diese Männer deutlich älter als Eric Borel. Und wenn ein jüngerer Mann um sich schießt, dann läßt er eher eine große Zahl von Verletzten, nicht von Leichen zurück - er tötet nicht kühl und anscheinend überlegt wie der Junge in Cuers.
Wie nach jeder rätselhaften Tat schlägt die Stunde der Zeugen. Nachbarn berichten, Eric sei ein stiller Typ gewesen, linkisch, nicht sehr freundlich, aber "normal". Lehrer erzählen, daß er ein ordentlicher Schüler war und den Abschluß als Elektromechaniker wohl geschafft hätte.
Dann spricht ein Mädchen aus Cuers im Fernsehen von einer aufregenden Geschichte, die Eric ihr anvertraut habe: Es gebe eine Freundin, eine Halbschwester namens "Caroline". Sie sei seine Geliebte gewesen, habe ein Kind erwartet, und der Stiefvater habe sie aus dem Haus verbannt - ein delikates Liebesdrama, und begierig greifen auch deutsche Blätter wie Bild und die Abendzeitung danach.
Nur gab es keine Halbschwester in Erics Leben und keine schwangere Caroline. Die Polizei hat kein einziges Mädchen gefunden, das mit ihm gegangen sein will. Er besuchte keine Diskos oder Partys. Er war nicht sportlich und gehörte keinem Verein an. Nur sein Schulfreund Alan Guillemette muß ihm etwas bedeutet haben - Alan, der beliebt war, mit einer Band Musik machte und viel Erfolg hatte bei Mädchen. Eric erzählte Märchen, damit er überhaupt etwas zu erzählen hatte.
Märchen, Spinnereien - und Gewaltphantasien sind es wohl, mit denen er sich getröstet hat. Er hatte niemanden, der ihn da herausgeholt hätte. In seinem Zimmer fand die Polizei Hakenkreuze, rassistische Graffiti, rechtsradikale Kritzeleien und eine rote Fahne mit leicht abgewandeltem Hakenkreuz. Außerdem Videos wie "Das Schweigen der Lämmer", "Terminator" und eine Dokumentation über die Davidianer Sekte, die vor zweieinhalb Jahren in Texas im kollektiven Selbstmord unterging.
Er mochte Waffen, erzählen Mitschüler, und habe unbedingt zum Militär gewollt - sein Großvater war bei der Armee gewesen, sein leiblicher Vater ebenfalls, seine Mutter arbeitete eine Zeitlang dort.
Daß er es nicht aushalte zu Hause, hat Eric immer wieder mal jemandem in der Schule erzählt. Abhauen - oder alles hochgehen lassen, das waren zum Schluß wohl die einzigen Alternativen, die er sah. Flüchten zu den Großeltern nach Limoges vielleicht, oder in die Berge, oder zur Armee. Was an jenem Samstag in Sollies-Pont geschah, das erklärt sich Colonel Kapfer, der die Ermittlungen leitet, bisher jedenfalls so: Eric wollte abhauen, der Stiefvater hat ihn gehindert, es gab Streit, "vielleicht hat er ihn sogar verprügelt".
Die Flinte steht im Schrank, Eric weiß das, und schießen kann er auch: Mit seinem Luftgewehr hatte er regelmäßig Spatzen erlegt. Zwischen sechs und halb sieben sterben Yves und der kleine Jean-Yves Bichet. Die Mutter lebt noch bis halb neun Uhr abends, weil sie da erst aus der Kirche zurückkommt.
Eric versucht mit dem Auto zu fliehen, fährt es an die Mauer und gibt auf. Zu Fuß macht er sich auf in Richtung Cuers, schläft wahrscheinlich irgendwo zwischen den Weinstöcken. Er will zu Alan, der in Cuers wohnt: Alan soll mitkommen, irgendwohin. Morgens gegen viertel nach sieben klingelt er bei den Guillemettes, die Mutter öffnet und ruft ihren Sohn. Die beiden verschwinden im Garten, diskutieren kurz. Alan lehnt ab. Dann kracht der Schuß, und danach übt Eric wohl Rache an der Welt.
Irgend jemand muß doch schuld sein an der Katastrophe. Sein Vater war es nicht, das ist für Franck Bichet völlig klar. Wahrscheinlich hat die Mutter den Jungen zerstört, glaubt er - eine "harte, nur äußerlich fromme" Frau. Oder die Lehrer vielleicht? Hätten die nicht merken müssen, was in dem Jungen vor sich ging?
Eric ist tot, er hat sich jeder Erklärung und Rechtfertigung entzogen. Die Familie Borel hat dafür gesorgt, daß seine Asche nicht auf demselben Friedhof wie seine Opfer beigesetzt wird, sondern in der Gegend von Limoges.
Marie-Jeanne Parenti ist auf Korsika begraben, Yves Bichet und der Junge Jean-Yves wurden in aller Stille in Sollies-Pont bestattet. In Cuers, bei der Trauerfeier für zehn der Opfer, waren 4000 Menschen zugegen. Und viele fanden es in Ordnung, daß im Tod eben doch nicht alle gleich sind. Diesmal jedenfalls nicht.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 41/1995
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