09.10.1995

„Ich bin mit mir im reinen“

SPIEGEL: Herr Grubbe, wie wurden Sie 1941 kommissarischer Kreishauptmann im Gebiet der galizischen Stadt Kolomea? Dort lebten 1941 noch 30 000 Juden . . .
Grubbe: Ich bin nie ein Held gewesen. Und mein Vater, der Generalstabsoffizier im Ersten Weltkrieg war, hatte gesagt: Dieser Hitler wird einen Krieg anfangen. Da wollte ich nicht gern Soldat werden, um mich totschießen zu lassen. Nach dem Assessor-Examen 1939 meinte ein Bekannter: Im ehemaligen Polen gibt''s jetzt ein Generalgouvernement oder so was, geh doch mal dahin.
SPIEGEL: Und Sie wurden einfach so genommen?
Grubbe: Ja, weil ich ein gutes Examen gemacht hatte. Ich wurde dann zwei Jahre lang in Krakau ausgebildet.
SPIEGEL: Kannten Sie den berüchtigten Generalgouverneur Hans Frank?
Grubbe: Natürlich habe ich ihn gesehen. Aber er hat mich sicher nicht wahrgenommen, dazu war ich zu unbedeutend.
SPIEGEL: War Ihnen nicht klar, daß das Generalgouvernement so etwas war wie das Exerzierfeld für die spätere "Endlösung der Judenfrage"?
Grubbe: Nein. Von der Endlösung wußte man noch gar nichts. Das wurde einem erst allmählich klar.
SPIEGEL: Wie denken Sie heute darüber, daß Sie damals ins Generalgouvernement gegangen sind?
Grubbe: Es war ohne Zweifel ein Fehler. Immerhin aber stieß ich zum Kreis um den späteren Gouverneur von Lemberg, Dr. Ludwig Losacker, der holte mich nach Kolomea. Er wurde 1944 wegen Ausstellens falscher Pässe für Juden erst zum Tode _(Das Gespräch führten die Redakteure ) _(Erich Follath und Dieter Wild. )
verurteilt, dann meines Wissens ins Strafbataillon 999 gesteckt.
SPIEGEL: Sie wurden mit 27 Jahren schon Kreishauptmann - das war doch ungewöhnlich. Ohne Mitglied in der NSDAP gewesen zu sein, hätten Sie das wohl kaum geschafft. Warum sind Sie der Nazipartei schon 1933 beigetreten - aus Opportunismus, aus Überzeugung?
Grubbe: Mein Vater hat mich angemeldet, als ich Student war, aber ich würde mich wahrscheinlich auch selber angemeldet haben. Ich weiß noch heute meine NSDAP-Nummer: 2.558.858.
SPIEGEL: Als Sie im Juli 1941 nach Kolomea kamen, gab''s da ein Ghetto?
Grubbe: Nein.
SPIEGEL: Aber die SS war schon da?
Grubbe: Sie ist gleichzeitig mit uns Zivilbeamten gekommen. Alle Ghettos dort hat die SS eingerichtet, wir wenigen Zivilangestellten hatten damit nichts zu tun.
SPIEGEL: Aber einmal eingerichtet, muß das Ghetto doch Ihnen als dem höchsten Exekutivbeamten unterstanden haben.
Grubbe: Nur rein theoretisch. Wir waren ja nur vier oder fünf und verwalteten insgesamt eine halbe Million Menschen.
SPIEGEL: Was sagen Sie dazu, daß ein Zeuge erklärt hat, Ihr Name habe als Signatur unter den Plakaten gestanden, auf denen die Einrichtung des Ghettos verordnet wurde?
Grubbe: Das ist durchaus möglich, ich will das gar nicht bestreiten. Der Name des Kreishauptmanns stand unter allen Verfügungen, aber angeordnet wurde es natürlich vom Gouverneur.
SPIEGEL: Es gibt eine Aussage des Zeugen Markus Trauthammer im Wiener Kriegsverbrecherprozeß von 1947 gegen die Schupos von Kolomea. Er beeidete, Sie hätten "die Registrierung von Juden persönlich" durchgeführt.
Grubbe: Ach, wissen Sie, irgendwo habe ich gar gelesen, ich hätte alle 30 000 Juden von Kolomea registriert. Dabei hatte ich nicht mal eine deutsche Sekretärin.
SPIEGEL: Hat Ihnen als Chef der Zivilverwaltung ein "Sonderdienst" unterstanden, der - wie ein anderer Zeuge ausgesagt hat - unter anderem die Gruben aushob, in die dann die erschossenen Juden geworfen wurden?
Grubbe: Ja, den Sonderdienst gab es, in ihm dienten sogenannte Volksdeutsche. Auch dieser Sonderdienst unterstand offiziell mir, wie die ganze Verwaltung. Aber in Wirklichkeit hatte die Gestapo das Sagen.
SPIEGEL: Wollen Sie denn behaupten, Sie hätten überhaupt nicht mitgekriegt, was mit den Juden geschah?
Grubbe: Doch, das wußten wir nach einer Weile schon. Wir haben nächtelang mit Losacker zusammengesessen und überlegt: Was könnten wir dagegen tun. Er hat mir immer gesagt: Bleib hier! Hier können wir wenigstens einigen heimlich Pässe geben. Das haben wir getan, soweit es möglich war. Mehr habe ich nicht riskiert, denn natürlich wollte ich überleben.
SPIEGEL: Schon zwei Monate nach Ihrer Amtsübernahme hat in Kolomea die erste Massenerschießung stattgefunden. Davon müssen Sie doch gewußt haben.
Grubbe: Nein. Wir sind bereits in den ersten Wochen mit der SS so aneinandergeraten, daß wir nicht mehr miteinander sprachen. Es gab keinerlei Verbindung.
SPIEGEL: Zeugen berichten von Massengräbern, in die ermordete Kinder in Form eines Judensterns gelegt wurden. Nie gehört?
Grubbe: Es knallte damals doch jede Nacht. Und natürlich sind die SS-Leute nicht zu mir gekommen und haben mich gefragt. Daß die SS Menschen umbrachte, das wußten wir allerdings.
SPIEGEL: Und die Exekutivgewalt des Kreishauptmanns ging nicht so weit, daß er sagen konnte: Erschießungen im Ghetto verhindere ich? Nicht einmal so weit: gegen Erschießungen protestiere ich?
Grubbe: Nein, um Gottes willen, die SS-Leute hätten wahrscheinlich geglaubt, ich sei verrückt.
SPIEGEL: Wenn Sie durch das Ghetto gelaufen sind, was haben Sie da gesehen?
Grubbe: Ich bin nicht durch das Ghetto gelaufen, und die Erschießungen wurden ja nicht etwa im Ghetto vorgenommen.
SPIEGEL: Waren Sie als Vertreter der deutschen Besatzungsmacht erkennbar, trugen Sie Uniform?
Grubbe: Ständig, und zwar die graugrüne des Generalgouvernements.
SPIEGEL: Hatten Sie Rangabzeichen?
Grubbe: Kann ich nicht mehr sagen.
SPIEGEL: Man weiß doch, ob man an der eigenen Uniform Rangabzeichen hatte?
Grubbe: Ich glaube nicht, aber nageln Sie mich nicht fest.
SPIEGEL: Herr Grubbe, so groß Ihr Gegensatz zur SS in Kolomea gewesen sein mag - ein Kreishauptmann in einer Ghetto-Stadt in dieser Zeit war doch objektiv und unleugbar Teil der Tötungsmaschinerie des Regimes.
Grubbe: Nein, nicht ein Teil, sondern ein Aushängeschild, insofern als offiziell alles über den Kreishauptmann lief. Aber die Anordnungen kamen vom Gouverneur.
SPIEGEL: Klar, aber vor Ort waren Sie doch die vollziehende Gewalt.
Grubbe: Ich galt als vollziehende Gewalt.
SPIEGEL: Sie sorgten dafür, daß der Judenstern getragen werden mußte.
Grubbe: Ja, aber das war ja hier in Deutschland auch so.
SPIEGEL: Und was passierte den Juden, die sich weigerten?
Grubbe: Wahrscheinlich stand auf dem Erlaß, daß derjenige erschossen wird, der sich nicht an die Anordnung hält. Solche Erlasse kamen per Kurier, und ich mußte sie unterschreiben. Die Weisung dazu kam vom Gouverneur, und dann habe ich unterschrieben.
SPIEGEL: Wie ging Ihre Tätigkeit in Kolomea zu Ende?
Grubbe: Soweit ich mich entsinne, erschien nach zehn Monaten Losacker bei mir und sagte: Was du hier machst, das geht nicht, dein Krieg mit der SS, der bringt dich um. Du hast doch gute Verbindungen zum Militär, ich schlage vor, wir lassen dich einziehen.
SPIEGEL: Sie wissen, daß Sie für Ihre Tätigkeit die typischen Entschuldigungsgründe vieler an den NS-Verbrechen Beteiligter anführen: Man hat nicht wegen der Karriere mitgemacht und schon gar nicht, weil man Nazi gewesen wäre, sondern nur, um Schlimmeres zu verhüten.
Grubbe: Nein, nein, das würde ich nicht sagen. Aber unstreitig ist, daß, wenn ich mich sofort zur Wehrmacht gemeldet hätte, ein SS-Mann an meine Stelle in Kolomea gekommen wäre. Dann hätten ein paar Dutzend Menschen weniger überlebt.
SPIEGEL: Peter Grubbe gleich Oskar Schindler?
Grubbe: Mit ihm würde ich mich natürlich nie vergleichen. Nochmals - ein Held war ich nicht. Aber ich gehörte zu einer Gruppe von Leuten, die sich sagten: Wir sitzen nun mal hier, wir können hier ein bißchen was tun, um ein paar Menschen zu helfen, und solange wir können, versuchen wir es.
SPIEGEL: Später, in Lowicz, sollen Sie für die besonders erfolgreiche Rekrutierung polnischer Zwangsarbeiter das Kriegsverdienstkreuz Erster Klasse bekommen haben. Haben Sie denen auch nur geholfen?
Grubbe: Ich habe den Polen gesagt, ihr müßt die Leute selber aussuchen, die am ehesten entbehrlich sind - das war doch fair. Ich kann im übrigen nicht beweisen, daß ich das Kriegsverdienstkreuz nicht gekriegt habe. Ich entsinne mich allerdings nicht, und es müßte mir ja irgendwer verliehen haben.
SPIEGEL: Gewiß doch.
Grubbe: Es ist vielleicht möglich, daß die Auszeichnung mich wegen des Vormarsches der Sowjets nicht mehr erreicht hat.
SPIEGEL: Wie verlief Ihre Karriere weiter?
Grubbe: Ich wurde in Dux einem Ausbildungsbataillon zugeteilt, dann einem Nachrichtenbataillon. Dann bekam ich den Status GVH: "Garnisonsverwendungsfähig Heimat".
SPIEGEL: Wie kann man sich Ihre Verwandlung vom NS-Kreishauptmann in Kolomea zum engagierten Kämpfer für die Dritte Welt in der Nachkriegszeit erklären?
Grubbe: Ich sehe das nicht als Wandel, sondern als konsequente Fortsetzung meines Weges. Damals konnte ich einzelnen helfen. Jetzt versuche ich vielen zu helfen - wenn auch nur mit Büchern und Filmen. Vor allem mit Afrika habe ich mich total identifiziert. Lachen Sie nicht, aber ich glaube an die Wiedergeburt, daß ich vor Hunderten von Jahren schon in Afrika war. Ich bin mal Afrikaner gewesen. Ich weiß, ich gehöre dahin.
SPIEGEL: Was Sie sagen, zeugt doch wohl von Verdrängung und versuchter Wiedergutmachung. Dazu scheint auch zu passen, daß Sie nach dem Krieg als Korrespondent in London eine aus Deutschland emigrierte Jüdin geheiratet haben.
Grubbe: Ja. Die Jüdin Nadine, Tochter eines Professors aus Berlin.
SPIEGEL: Sie ist nicht mitgekommen, als Sie 1958 nach Deutschland zurückkehrten. Warum nicht?
Grubbe: Ich wollte nicht ewig Londoner Korrespondent der Welt bleiben. Da habe ich Nadine gesagt: Guck dich drüben mal um, wir wollen nach Hamburg ziehen. Sie ist daraufhin durch Deutschland gefahren. Als sie aber zurückkam, hat sie gesagt: Ich kann da nicht hin. Immer wenn ich einen Güterzug sehe, denke ich an meine Tante, die vergast wurde.
SPIEGEL: Wußte sie, daß ihr Mann in Kolomea war?
Grubbe: Ja, natürlich wußte sie es. Ob sie den Namen der Stadt kannte, vermag ich nicht zu sagen. Aber sie wußte: Ich war in Polen Kreishauptmann.
SPIEGEL: Warum wußte es sonst kaum jemand? Doch weil Sie es bewußt verschwiegen haben.
Grubbe: Nein, weil mich keiner direkt gefragt hat.
SPIEGEL: Haben Sie niemals daran gedacht, ein Buch über Ihr Leben zu schreiben?
Grubbe: Ich weiß bis heute nicht, wozu das gut sein könnte. Meine Geschichte ist doch eine ganz normale deutsche Geschichte. Sollte ich mich irgendwelcher angeblicher Heldentaten rühmen? Sollte ich öffentlich Reue bekunden?
SPIEGEL: Stimmt es, daß Sie bei all Ihren Reisen ausgerechnet nie in Israel und nie in Polen waren?
Grubbe: Mein Engagement gilt der Dritten Welt. Israel aber war nie Dritte Welt, Polen ebenfalls nicht. Im übrigen war ich auch nie in China oder in Bulgarien.
SPIEGEL: Wie ist Ihnen zumute, wenn Sie lesen, Sie seien "mit schuld am Tod von 30 000 Juden"?
Grubbe: Ich persönlich war nicht für den Tod eines einzigen verantwortlich. Ich bin dabei gescheitert, mehr als ein paar Dutzend Menschen in Kolomea zu retten. Aber ich bin mit mir im reinen.
SPIEGEL: Herr Grubbe, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
"Meine Geschichte ist doch eine normale deutsche Geschichte"
Das Gespräch führten die Redakteure Erich Follath und Dieter Wild.
Von Erich Follath und Dieter Wild

DER SPIEGEL 41/1995
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