06.11.1995

Objekte über Eschweiler

SPIEGEL-Redakteurin Claudia Pai über den Ufologen-Kongreß "Dialog mit dem Universum"

Von Pai, Claudia

Mit einem mächtigen Schlegel entlockt ein schmächtiger Musiker seinen acht Gongs donnernden Schall. Als der letzte Schlag verdröhnt, eilt die Amerikanerin Heidi Menger Evans aufs Podium - blondmähnig und energisch, als sei sie frisch vom Raumschiff "Enterprise" in das Hotel Senator in Kaarst bei Düsseldorf eingeschwebt.

Die astronautinnenhafte Heidi ist eine beseelte Sängerin, die ihre Lippen zu einem weiträumigen Lächeln fletschen kann. Mit Broadway-Gesten, die für den biederen Konferenzsaal zu groß ausfallen, unterstreicht die Künstlerin die Botschaft ihrer Lieder. Sie künden davon, daß es "eine Liebe in den Augen des Himmels gibt".

Und der Himmel hat viele Augen. Dort wimmelt es vor Außerirdischen, die mit Luftschiffen im Kosmos herumsausen, wenn sie nicht gerade am Ural oder in New Mexico landen und dort von geistesgegenwärtigen Erdlingen gesichtet werden. Aufmerksame Ufo-Beobachter gibt es inzwischen zuhauf: Zum Kongreß "Dialog mit dem Universum" strömten vorvergangene Woche Hunderte ins Hotel Senator.

Eingeladen hatten Ingrid Schlotterbeck und Michael Hesemann, die beiden Herausgeber des Magazin 2000, das seine Leser über Kornkreise und Treffs mit Außerirdischen auf dem laufenden hält. Aktuelle Magazin 2000-Meldung: "Trotz aller Widerstände aus Geheimdienstkreisen" gebe US-Präsident Bill Clinton nun endlich sämtliche geheimen Ufo-Akten aus den Jahren 1947 bis 1970 frei.

Wer seine Tassen noch im Schrank hat oder zumindest keine über der Erde schweben sieht, hat bei Ufologen einen schweren Stand. Die Eingeweihten bilden eine geschlossene Gemeinschaft, die sich der normativen Kraft des Faktischen eindrucksvoll verschließt.

"Es treffen sich immer die gleichen", sagt Uschi Fennen-Leimegger, 51. Der "Dialog mit dem Universum" ist der dritte Kongreß, den die Programmiererin besucht. Zuvor flog die füllige Frau mit dem hochgesteckten Lockendutt zu Ufo-Tagungen nach ReykjavIk und Mesquite (Nevada).

Dort lernte sie auch die Schweizerin Theresa kennen, die nun aus Basel anreiste, um Vorträge wie "US-Heeresgeheimdienst-Experten in Kontakt mit Außerirdischen" zu verfolgen. Vergangenes Jahr, es war auf Teneriffa, hat Theresa zum erstenmal ein Ufo gesehen: "Schon als Kind hatte ich oft Angst", sagt sie, "daß mich die Außerirdischen abholen."

Vor solcher Furcht ist die erdverbundene, sympathische Bayerin Fennen-Leimegger gefeit. Über dem Stadtrand von München sichtete sie gemeinsam mit ihrem Mann 1991 das erste Ufo: "Es war eine graue Kugel mit zwei weißen Lichtern und einem roten. Ich hab's genau gesehen, die flog nur drei Meter über unserm Dach."

Naturwissenschaftliche Erklärungen für das Lichtphänomen vernachlässigte die Münchnerin. Sie rief nicht beim Wetteramt an und auch nicht bei der Sternwarte. "Die erklären das doch immer alles gleich weg", befindet sie resolut. "Da bin ich dann hinterher die Blöde, weil ich's gesehen habe."

Von der Existenz der Aliens ist Fennen-Leimegger, die, wie sie sagt, 200 Bücher zu ihrem Lieblingsthema gelesen hat, genauso fest überzeugt wie ihr Mann. Der Münchner Holzhändler, berichtet sie, sei mit seinem Astralleib schon mal in einem Raumschiff gewesen. Und weil sie das nur schwerlich beweisen kann, zieht sie ein Foto aus der Tasche - ein Strandbild mit viel blauem Himmel - und fragt triumphierend, was denn, bitte schön, der orangefarbene Fleck am Himmel sei.

"Lassen Sie Ihren Verstand weg", muntert Theresa skeptische Betrachter nach einigen Minuten des Schweigens auf. "Es ist ein Entwicklungsfehler des Labors", sagt einer. "Es ist ein Ufo", sagt Fennen-Leimegger.

Aber ihre bayerischen Geschichten wecken auf dem Düsseldorfer "Welt-Ufo-Gipfel" (Schlotterbeck) kein sonderliches Interesse mehr. Schließlich haben viele Teilnehmer Vergleichbares erlebt. Sichtungen von fliegenden Untertassen gehören, ähnlich wie Geburtstagspartys, zu ihrem Alltag. Die Ufo-Fans brauchen längst stärkeren exoterrestrischen Stoff.

Zu nächtlicher Stunde führt ein sichtlich euphorisierter Hesemann neue filmische Beweise für die Autopsie eines Außerirdischen vor (siehe Seite 229).

Die sensationellen Dokumente sind von einem peinigenden Grauschleier überzogen. "Die Qualität ist schlecht", erläutert Hesemann unbefangen. Aber keiner buht; Ufologen sind nett zueinander.

Harvard-Professor John E. Mack, 66, berichtet, daß die Allwesen nun auch Menschen entführen. Dabei komme es auch zu Sex. Folge: Schwangerschaften, die neue Hybridwesen hervorbringen.

Der Lebensweg von Kongreßredner Giorgio Bongiovanni, 32, ist so wundersam und beziehungsreich, daß er in irdischen Worten kaum zu schildern ist. Soviel in Kürze: Mit 13 hatte der Italiener sein erstes Ufo-Erlebnis, Jahre später dann Marienerscheinungen. Seitdem kündet er den Menschen von der Beziehung zwischen Jesus und den Außerirdischen. So weit, so gut.

Aber um der Welt zu zeigen, daß Bongiovanni ihr Werkzeug ist, versah ihn die Gottesmutter mit blutenden Zeichen. "Von Maria gingen zwei Lichter aus", erzählt der Italiener, "die mir Stigmata in die Hände brannten." Im Laufe der Zeit kamen weitere blutende Stigmata dazu, an den Füßen zum Beispiel, weshalb er meist bedächtig geht.

Das auffälligste Mal aber trägt der sanfte Missionar, der als Berufsbezeichnung Typograph angibt, auf der Stirn - einen blutroten Fleck, dessen Mitte ein dunkelrotes Kreuz ziert. Die Dinger tun weh. Dennoch reist der Mann unermüdlich durch Afrika, Rußland und Südamerika, um seine himmlische Botschaft zu verbreiten.

"Jesus hat zu mir gesprochen, daß ich die Lichtwesen kennenlernen muß, die in Lichtuntertassen reisen und aus der fünften Dimension kommen", erzählt Bongiovanni in Düsseldorf. Inzwischen hat er mit den Außerirdischen geredet, die, dem Kosmos sei Dank, perfektes Italienisch sprechen.

Ob sie auch der deutschen Sprache kundig sind, bleibt eines der Rätsel des Weltalls. Für überzeugte Ufoisten gibt es im Kosmos ohnehin keine Kommunikationsprobleme.

Die hübsche Puertoricanerin Marleen Lopez kann das bezeugen. Mit ihrer Mutter wurde sie 1979 direkt von der Autobahn weg in ein Raumschiff entführt.

"Abends um halb sieben legte sich Licht um meinen Wagen. Dann ging ein Lichtstrahl auf meine Mutter, die durch das Autodach verschwand", sagt Lopez, die danach auf dem gleichen Weg der Welt abhanden kam. Der Außerirdische, der ihr die Hand reichte, habe einen liebevollen Gesichtsausdruck gehabt und ihr per Telepathie bedeutet, daß sie ihm in den großen perlmuttweißen Salon folgen solle.

"Dort standen, an einem OP-Bett, vier andere Außerirdische, die mir erklärten, daß ich sehr krank sei, auch nervlich", erinnert sich Lopez. Ein blonder, zwei Meter großer Mann, gehüllt in eine weiße Tunika, legte ihr Metallschienen an. Ihr Körper wurde mit Nadeln gespickt.

Nach der Operation bringt sie der Tunika-Mann in den Kontrollraum des Raumschiffs und weist auf die Landschaft draußen. "Er hat mir erklärt, die Berge seien die Schweizer Alpen", sagt Lopez, und diese Ortsangabe ist so ungefähr das letzte Außerirdische, an das die Ufo-Patientin sich erinnern kann, nachdem sie mit ihrer Mutter in Puerto Rico wieder aufwacht. Zum Glück nicht auf dem Highway, sondern an einem fast 50 Meilen entfernten Ort.

Nie konnten sich die beiden erklären, wie sie dort hinkamen. Ihr Erinnerungsvermögen war gestört. 15 Jahre lang ließ ihnen das Rätsel keine Ruhe. Erst als sie sich 1994 hypnotisieren ließen, vermochten sie ihre Begegnungen mit den freundlichen E.T.s zu rekapitulieren. Trotz ihrer All-Erfahrung ist Lopez bescheiden geblieben. "Meine Erfahrung", sagt sie ruhig, "ist nichts Besonderes."

Ihr Mann Jorge MartIn Miranda, 43, laut Programmheft der puertoricanische Repräsentant des "Center for UFO Studies", stimmt zu. "Bei uns haben Hunderte die gleiche Erfahrung wie Marleen gemacht", sagt er: "Sie werden aus ihren Autos und Wohnungen entführt, und in den Raumschiffen wird ihr Körper erforscht. Die Außerirdischen entnehmen Blutproben, Samen und Eizellen. Ihre Untersuchung wirkt heilend."

Befremdlicherweise wirken MartIn Miranda und seine Frau, während sie das alles erzählen, völlig normal. Wie andere Menschen auch bestellen sie höflich Mineralwasser, sie leiden noch unter dem Jet-lag, und beide, er im eleganten Zweireiher, sie mit dezentem Make-up, könnten mühelos zum Beispiel als Tourismusmanager durchgehen.

Auch auf das weltliche Treiben der anderen Teilnehmer haben die Kontakte mit den Allianern nicht tiefgreifend abgefärbt. Omas mit Winterstiefeln und Seidentuch um den Hals lauschen dem Vortrag über Ufo-Sichtungen in Brasilien. Mütter mit Kindern, Autohändler und Psychotherapeuten plaudern in den Pausen über ihre Arbeit oder die Lieben daheim.

Wie ein solider Volksschullehrer wickelt Willy Schillings seinen Vortrag ab, Thema: "Ufos - Gestern und Heute im nördlichen Rheinland". Gut anderthalb Stunden traktiert der rauschebärtige Redner sein Publikum mit einer Dia-Serie, die Untertassen über Hückelhoven oder "kreisrunde Objekte über Eschweiler" zeigt.

Die Dias sind Fotomontagen. In die Orte, an denen das jeweilige Objekt auftauchte, sind die kritzeligen Ufo-Zeichnungen von Augenzeugen einmontiert. Minutiös hat Schillings jede noch so kleine Begebenheit festgehalten, die sich ereignete, als die Raumschiffe über dem Rheinland schwebten.

Mit bedeutungsschwerer Stimme trägt er sie vor, als präsentiere er wissenschaftliche Beweise: "Die Schnellkochplatte schaltete sich ein, der Fernseher ging kaputt, der CD-Player spielte Lieder vor- und rückwärts."

Dem Düsseldorfer Kongreß aber, der sich den Ufo-Bewohnern so hingebungsvoll widmete, blieben die Allwesen bedauerlicherweise fern. Vielleicht war Düsseldorf doch der falsche Ort. "Ich hab' hier", sagt ein Ortsansässiger, "noch keine grünen Männchen mit Antennen gesehen."


DER SPIEGEL 45/1995
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