06.11.1995

Elefant im Garten

Die Wahrheit über den angeblichen Absturz eines Ufos bei Roswell 1947

Das wasserköpfige Wesen, das rücklings auf dem Metalltisch liegt, hat sechs Finger. Seine Augen sind offen und ohne Iris. Im rechten Oberschenkel klafft eine tiefe Wunde.

Zwei mit Schutzanzügen vermummte Gestalten beugen sich über die Kreatur, betasten den Blähbauch und stochern im offenen Bein herum. Dann greifen sie zu ihren Skalpellen und schneiden innere Organe aus dem Leib heraus.

Die Schocker-Szene ist auf einem 18 Minuten langen Film zu sehen, der in diesem Sommer für Aufsehen sorgte: Das vielleicht "unfaßbarste Dokument der Geschichte der Menschheit" (Focus) zeigt angeblich, wie amerikanische Militärs vor laufender Kamera einen Außerirdischen sezieren.

Für viel Geld haben Fernsehsender in 28 Ländern Teile des Schwarzweißfilms gekauft. In Deutschland liefen Sequenzen daraus bei RTL. Die verschwommenen Bilder der Alien-Autopsie waren auch eine der Hauptattraktionen auf dem Welt-Ufo-Kongreß vorletzte Woche bei Düsseldorf.

In Umlauf gebracht hat das obskure Werk der britische Filmemacher Ray Santilli. Die Top-secret-Aufnahmen habe _(* Aus dem angeblich 1947 ) _(entstandenen Barnett-Film. Oben links ) _(ist das Spiralkabel eines erst ab 1956 ) _(gebauten Wandtelefons zu erkennen. )

er, behauptet Santilli, für 150 000 Dollar dem 82jährigen Jack Barnett abgekauft, einem ehemaligen Kameramann der US-Streitkräfte. Barnett sei derjenige gewesen, der anno 1947 die Obduktion des außerirdischen Wesens gefilmt und die 16-mm-Filmrollen jahrzehntelang aufbewahrt habe. Für Nachfragen stehe der Rentner allerdings nicht zur Verfügung, so Santilli.

Die Gläubigen der Ufo-Gemeinde reagierten entzückt, als sie erste Ausschnitte aus dem Barnett-Film zu Gesicht bekamen: Bei dem gezeigten Wesen, klarer Fall, konnte es sich nur um jenen interstellaren Bruchpiloten handeln, der im Sommer 1947 nahe der US-Luftwaffen-Basis Roswell (New Mexico) mit seiner fliegenden Untertasse abgestürzt und von Soldaten der U.S. Air Force heimlich geborgen worden war.

Das angebliche Unglück in der Wüste - als "Roswell-Zwischenfall" in Dutzenden von Büchern nachgesponnen - ist eine der tragenden Säulen im Wahngebäude der Ufologen. Hat der geschäftstüchtige Santilli nun den Beweis geliefert, daß sie recht haben?

Wohl kaum. Auch der Barnett-Film wird den Weg alles Überirdischen gehen.

So hängt in dem im Film gezeigten Obduktionsraum ein Telefon mit Spiralkabel an der Wand. Doch ein derartiges Wandtelefon, entworfen von dem Designer Henry Dreyfuss, hat die US-Telefongesellschaft AT&T erst 1956, also neun Jahre später, auf den Markt gebracht, wie der ehemalige AT&T-Mitarbeiter Tom Holzel letzte Woche enthüllte. 1947, als das fremde Wesen seziert worden sein soll, gab es nur Tischtelefone.

Das neumodische Wandtelefon ist nicht das einzige verräterische Detail: Sektionstische sind gewöhnlich wie Wannen geformt und enthalten Drainagelöcher, damit die Körperflüssigkeiten kontrolliert abfließen können. Die Liege in dem Film hingegen gleicht einem Brett, sie ist ungeeignet für Obduktionen. Das Alien-Blut, ein dunkler Saft, quillt zudem viel zu gleichmäßig aus der Beinwunde heraus.

"Es handelt sich um eine für einen Pathologen leicht durchschaubare Fälschung", urteilt der Münchner Rechtsmediziner Wolfgang Eisenmenger. "Die Obduzenten öffnen den Schädel so ungeschickt, als ob sie das erstemal in ihrem Leben eine Sektionssäge in Händen halten." Kaum vorstellbar, so Eisenmenger, daß "man bei einer Jahrtausend-Autopsie solche Dilettanten heranließe".

So geschieht dem Film, was allen anderen neueren Berichten vom Kontakt mit Außerirdischen widerfuhr. "Es gab so viele Ufo-Sensationen in den letzten Jahrzehnten", resümiert der Ufo-Skeptiker Werner Walter vom Centralen Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene (Cenap) in Mannheim, "und am Ende entpuppten sie sich immer wieder als großer Schwindel." Scheinbar authentische Trickbilder herzustellen sei für gewiefte Filmemacher kein Problem, so Walter.

Daß der Roswell-Zwischenfall noch nach fast einem halben Jahrhundert in der Gemeinde der Gläubigen als Ufo-Beweis herhalten konnte, hängt auch mit der Geheimniskrämerei des US-Militärs zusammen. Erst seit vor kurzem Akten zugänglich wurden, die für die Dauer des Kalten Krieges strenger Geheimhaltung unterlagen, läßt sich lückenlos rekonstruieren, was damals in der Wüste von New Mexico geschah.

Die Roswell-Legende kam in die Welt am 6. Juli 1947, als der Farmarbeiter Mac Brazel den Dorfsheriff von Roswell alarmierte, er habe draußen auf einem Acker seltsame Trümmer gefunden, die vermutlich von einem unbekannten Flugkörper stammten. Den Absturz selbst hatte er aber nicht beobachtet.

Wie viele andere war Brazel scharf auf jene 3000 Dollar Belohnung, die eine Zeitung auf den Nachweis einer fliegenden Untertasse ausgesetzt hatte. Nachdem ein Privatpilot während eines Fluges Ende Juni 1947 sichelförmige Flugobjekte gesichtet hatte, war ganz Amerika im Ufo-Fieber. Mehr als tausendmal berichteten Augenzeugen im Sommer jenes Jahres über silbrig glänzende Scheiben am US-Himmel. An Außerirdische dachte aber zunächst noch niemand - vermutet wurde vielmehr, die Sowjets hätten neuartige Superflugzeuge entwickelt.

Bereits einen Tag nach der Brazel-Meldung begannen Soldaten der Air Force damit, die vermeintlichen Ufo-Wrackteile neben der Ranch zu bergen. Ein übereifriger Presseoffizier verkündete, die Gerüchte über fliegende Untertassen seien "Realität" geworden, die Air Force habe eine "solche Scheibe" in ihren "Besitz" bekommen.

Wenige Stunden später widerriefen die Militärs diese Meldung und erklärten, es handele sich lediglich um einen ganz gewöhnlichen Wetterballon. Ein AP-Reporter, der die Teile besichtigen durfte, entdeckte darunter "silberfarbenes Folienmaterial und einige sehr leichte Holzstöcke, die man genauso für einen Kinderdrachen verwenden könnte".

Erst 30 Jahre später, Ende der siebziger Jahre, gruben Anhänger der Ufo-Bewegung den alten Fall wieder aus. Die Ungereimtheiten bei der Bergung ließen ihnen Raum für verwegene Spekulationen.

Die geborgenen bizarren Metallstücke, so argumentierten die Ufologen, könnten nie und nimmer von einem Wetterballon stammen. Dubiose Zeugen wurden präsentiert, die nun erstmals von im Trümmerfeld aufgefundenen Leichen Außerirdischer fabulierten.

Immer phantastischer wurde der Roswell-Zwischenfall ausgeschmückt. Plötzlich tauchten sogar Hinweise auf, die ganze Glasfaser- und Mikrotechnik, die sich in den folgenden Jahrzehnten sprunghaft entwickelte, sei ursprünglich aus dem abgestürzten Roswell-Ufo geklaut worden. Die US-Militärs, so die Ufologen, hätten alles vertuscht.

An der letzten dieser Behauptungen ist sogar was dran. Bei Roswell war tatsächlich kein normaler Wetterballon vom Himmel gefallen, und die Air Force hatte Grund, den Vorfall zu verschleiern. In Wahrheit handelte es sich bei dem abgestürzten Flugobjekt, so das Fazit eines unlängst vorgelegten Untersuchungsberichts an den US-Kongreß, um einen Spionageballon, mit dem die US-Luftwaffe die mögliche Zündung einer sowjetischen Atombombe hatte registrieren wollen (was 1949 auch gelang).

Eine ganze Armada solcher Spähballons schwebte damals in zwölf Kilometer Höhe an der Obergrenze der Troposphäre. Am Ende der Ballons baumelten jeweils hochempfindliche Sensoren, mit denen die Druckwellen einer weit entfernten Nuklearexplosion aufgefangen werden sollten. Zur Ausrüstung gehörte jeweils auch ein sechseckiger Reflektor, der vom Boden ausgesandte Radarstrahlen zurückwarf und so die genaue Position des Ballons angab.

Dieser Radarreflektor war mit einer dünnen Aluminiumfolie überzogen und sah wie eine silbrig glänzende Scheibe aus; seine futuristisch anmutenden Trümmerteile lieferten die Hauptindizien für die spätere Ufo-Legende. Noch heute werden solche Reflektoren am Himmel für Ufos gehalten.

Das Spähprojekt, es trug den Decknamen "Mogul", war bei den Militärs als absolut top secret eingestuft. Was die Geheimhaltung anbelangt, "war nur das Atombombenprojekt Manhattan damit vergleichbar", wie Colonel Albert Trakowski, der ehemalige Leiter des Mogul-Projekts, feststellt.

"Geld spielte keine Rolle", so Trakowski, "offenbar verfügten wir über ein unbegrenztes Budget." Das Projekt Mogul endete 1950, als die Schockwellen ferner Atomexplosionen auch vom Boden aus gemessen werden konnten.

Die Air Force trennte sich nicht ungern von den Spähballons: Es war nicht einfach, derart auffällige Erscheinungen am Firmament geheimzuhalten - die anhaltenden Ufo-Gerüchte waren dabei noch das geringste Übel.

"Es war", erinnert sich Projektleiter Trakowski an die ungefügen Ballon-Gebinde, "als ob man einen Elefanten in seinem Garten hält und hofft, daß es keiner merkt."

Das Projekt "Mogul" war so geheim wie der Bau der Atombombe

* Aus dem angeblich 1947 entstandenen Barnett-Film. Oben links ist das Spiralkabel eines erst ab 1956 gebauten Wandtelefons zu erkennen.

DER SPIEGEL 45/1995
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