13.11.1995

SchauspielerDas kindliche Ungeheuer

Fritz Haarmann, den man nach seinem Prozeß im Jahr 1924 voreilig den "furchtbarsten Mörder des 20. Jahrhunderts" genannt hatte, war auch ein unheimlich populärer Verbrecher. _____" Warte, warte nur ein Weilchen, Bald kommt Haarmann " _____" auch zu dir, Mit dem kleinen Hackebeilchen Macht er " _____" Leberwurst aus dir. "
Das Lied, das Kinder mit gruseligem Vergnügen bis in die Zeit sangen, da die Hitparaden den Gassenhauer noch nicht abgelöst hatten, geht auf eine Operettenmelodie von Walter und Willi Kollo zurück und erklang auch in Fritz Langs "M" von 1931, dort mit der letzten Zeile: "Macht er Schabefleisch aus dir".
Mörder, ob es sich um dumpfe Kreaturen wie den Soldaten Woyzeck oder vor Mordgier funkelnde Karrieristen wie Richard III. handelt, haben die Phantasie der Zeitgenossen und Nachgenerationen mehr erregt und angeregt als die sogenannten braven Leute.
Die schrecklichen Taten Fritz Haarmanns, der, nach eigenem Geständnis, im Hannover der Nachkriegsjahre 24 Knaben und junge Männer erst in sein Bett geholt, dort totgebissen haben will und die Leichen (der Kaufmann, Polizeispitzel und Frührentner war gelernter Metzger) fachgerecht zerkleinert hat, waren eine verstörende Sensation.
Als Spuren seiner Tat - die Leine wurde gestaut und nach Gebeinen der Opfer durchsiebt - fand man nur die Knochen seiner Opfer: Stricher und Obdachlose, die es oft zu Haarmann getrieben hatte, weil sie für eine Nacht in ein warmes Bett schlüpfen wollten. Haarmann hat ihre Kleidungsstücke verkauft - daß er ihr Fleisch zum Metzger gebracht haben soll, der es verkaufte, paßt zur Geschichte jener Elendsjahre nach dem Weltkrieg.
Bald geisterte der mit dem Fallbeil Hingerichtete durch die kollektive Phantasie: Peter Lorre spielte als "M" eine getriebene, Haarmann nachempfundene Kindermörderfigur. Damit war er im Film. Und dort blieb er zu Hause, denn Rainer Werner Fassbinder und Ulli Lommel machten ihn zum vampirischen Helden ihrer "Zärtlichkeit der Wölfe" von 1972.
Der Film, bei dem Kurt Raab den "Werwolf" Haarmann als Kahlkopf mit Waigel-Brauen (also in der Vampir-Film-Tradition) spielte, provozierte einen Kinoskandal: Zuschauer randalierten gegen die vermeintliche Homosexuellen-Diffamierung, als Raab das Blut der Totgebissenen als breiter Ketchup-Strom aus dem Mund floß.
Jetzt, in Romuald Karmakars Film "Der Totmacher", der in Venedig Furore machte und dem Haarmann-Darsteller Götz George den Goldenen Löwen brachte und der nächste Woche in die deutschen Kinos kommt, jetzt ist von Blut und von Mord und Totschlag nichts zu sehen - und viel zu hören.
Denn der Film, die meiste Zeit ein Zwiegespräch zwischen dem Mörder und seinem psychiatrischen Begutachter, basiert auf den sechswöchigen Untersuchungen Haarmanns, die Professor Ernst Schultze im Spätsommer 1924 in der Heil- und Pflegeanstalt Göttingen machte, um die Frage der Zurechnungsfähigkeit des Serienmörders zu klären.
Die Stenogramme bilden die Grundlage des dokumentarischen, kargen Films, der nur im Untersuchungszimmer des Psychiaters spielt. Gänge ans Fenster, Blicke in den Regen, zumeist stumme Besucher, die die Zwiesprache, das Ringen des Verhörs unterbrechen, und der ängstlich-neugierige Stenograph (Pierre Franckh), der mit einer Mischung aus Angst und Attraktion auf die fordernde Sexualität Haarmanns reagiert - das sind die einzigen Aufweichungen der strengen, in Schnitt und Gegenschnitt vollzogenen Zweier-Konstellation.
Ein Kammerspiel in strenger Beschränkung - und doch wird Karmakars Film zum aufregenden Kampf zwischen zwei Männern, in dem es vordergründig um die Frage der Schuldfähigkeit des Mörders für seine Taten geht.
Vordergründig, denn da läuft ein seltsames Spiel: Jürgen Hentsch zeigt erst die angeekelt-herablassende Distanz des zugeknöpften Bürgers und Wissenschaftlers vor dem Monstrum, dann die Anrührung durch das kindliche Werben des Menschen im Ungeheuer: Trotzdem will er Haarmann von vornherein als zurechnungsfähig dem Beil ausliefern.
Götz George, der in der Mörderrolle eine fast heitere, unbändige Kraft entfaltet, sieht das Verhör als den Versuch, sich endlich offenbaren zu können, als Kind, das einen Vater sucht. Und deshalb ist die Offenbarung gleichzeitig ein Spiel, eine Maskerade. Er möchte die Verhörszenen möglichst lange ausdehnen, und nicht nur, um vor den Mißhandlungen sicher zu sein, denen er sonst, körperlich und seelisch, in seiner Zelle ausgesetzt war.
Nicht nur, um "zu seiner Mutter in den Himmel zu kommen", kämpft er in dem Verhör um seine Hinrichtung. Er tut es auch, um den endlosen Gefängnismißhandlungen, die er sich im Falle der Unzurechnungsfähigkeit einzuhandeln glaubt, in den Tod zu entrinnen.
George spielt das Kindliche, Spontane, Kreatürliche dieses Mörders - er will pfiffig sein, listig, er will gefallen, er will sein Gegenüber erobern.
Die Macht seiner Darstellung hat manche Kritiker an die Darstellungswucht Heinrich Georges erinnert - längst ein Monument der Schauspielkunst. Nicht zufällig: Vater Heinrich George war Franz Biberkopf in der ersten "Berlin Alexanderplatz"-Verfilmung von 1931. Und Alfred Döblin war zu seinem empfindsam-stumpfen Mörder durch Haarmann angeregt worden.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 46/1995
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