20.11.1995

DrogenTips für miese Trips

Szeneaktivisten wollen junge Techno-Fans per Beratung zum gefahrenbewußten Ecstasy-Genuß anhalten - gibt es den „Safer Use“?
Die Stimmung ist bestens, auf der Tanzfläche ist die Hölle los. Doch am Rande des Tanzgeschehens geschieht Irritierendes: Ein paar junge Helden der Nacht sitzen starr im spärlichen Licht und lesen bunte Heftchen. Hin und wieder erhebt sich einer aus der Gruppe, tippelt zu einem kleinen weißen Zelt am Rande der Tanzfläche und schaut dort verstohlen die Männer an, die Kalziumdrinks und Pfirsiche verteilen.
"Die kommen meist erst und gucken", erzählt der Alt-Raver und Sachbuchautor Hans Cousto, 47. Er hat vor einem Jahr "Eve&Rave" mitgegründet, eine "unabhängige Interessenorganisation von Partyleuten und RaverInnen". Zusammen mit seinen Mitstreitern betreibt Cousto eine unkonventionelle Form der Drogenberatung: eine Art Verbraucherhilfe für Ecstasy-Konsumenten.
Mitarbeiter von Eve&Rave sammeln die illegalen Pillen und lassen in anerkannten Labors deren Zusammensetzung überprüfen. Die Resultate veröffentlichen sie auf Flugblättern, die schon mal vor einer leberschädigenden Pille warnen. Der Service kommt an. "Klar wollen die Leute wissen, welches Risiko sie eingehen", berichtet Cousto. "Selbst die harten Ecstasy-User fragen bei uns nach."
Anders als die offiziellen Drogenberater arbeiten die - oft selbst drogenerfahrenen - Mitarbeiter der Eve&Rave"Szeneclubteams" vor Ort: in den Klubs und Diskotheken. "Die offizielle Drogenpolitik wendet sich vor allem an die, die ohnehin nicht vorhaben, mit Drogen zu experimentieren", doziert der Soziologe und ehemalige Drogenreferent der Deutschen Aids-Hilfe Helmut Ahrens, 45, auf dessen Initiative Eve&Rave vor einem Jahr ins Leben gerufen wurde.
Etwa 40 Mitarbeiter gehen mittlerweile für die Initiative auf Clubtour. Im letzten Jahr war man auf 72 Veranstaltungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsent. "Uns geht es darum, kultiviert abzutanzen unter sauberen Bedingungen", sagt Ahrens.
Die Hauptgefahr für den Ecstasy-Konsumenten besteht, meinen Experten der Polizei und der Beratungsstellen, vor allem in gepanschten Drogen, die mit Strychnin, Heroin oder LSD versetzt sein können. Erst in der vergangenen Woche machte der Fall der 18jährigen Engländerin Leah Betts Schlagzeilen: Nachdem sie auf ihrer Geburtstagsparty Ecstasy-Pillen geschluckt hatte, brach das Mädchen zusammen und fiel ins Koma. Der Vater des Mädchens gab ein Foto an die Zeitungen, das seine Tochter auf der Intensivstation zeigt, um damit jugendliche Drogenkonsumenten abzuschrecken.
Zusammen mit dem Drogenreferat der Stadt Frankfurt haben die Berliner ein "Safer-Use-Info" erstellt, das bislang 100 000mal verteilt wurde. In der Beschreibung der Risiken der Partydrogen unterscheidet sich die Broschüre kaum von offiziellen Drogenaufklärungsheften. Anstatt Drogen insgesamt zu verteufeln, gibt man jedoch den Konsumenten Tips für den Fall mieser Trips und weist auf die Gefahren des immer beliebter werdenden Mischkonsums hin.
"Wir sind so etwas wie die Stiftung Warentest für Drogenkonsumenten", sagt Eve&Rave-Aktivist Ahrens. Zur Zeit bemüht sich das Team, nach holländischem und schweizerischem Vorbild ein Schnelltestverfahren zu entwickeln, mit dem die Ecstasy-Pillen gleich an Ort und Stelle in den Klubs untersucht werden können.
Mitunter stoßen die Berliner auf große Skepsis: "Im Zuge von R1 und Jever-Fun scheint man sich nun auch in der Techno-Szene auf gesunde Werte zu besinnen", spottete die taz über den "Safer Use". Das Drogenreferat des Berliner Senats monierte, die Broschüre vermittle den Eindruck, ein bewußter Umgang mit Drogen sei möglich. Ein Indizierungsantrag bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften wurde allerdings abgelehnt.
Die Wirkung von Ecstasy wird allerdings nicht nur von den meisten Pillenschluckern, sondern auch in offiziellen Broschüren recht verlockend beschrieben: Die meisten fühlten sich frischer und verspürten "euphorische und zärtliche Gefühle", heißt es etwa in einer Broschüre der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
Oft jedoch läßt die staatliche Aufklärung die meist jugendlichen Konsumenten kalt: Zu unvereinbar sind ihre Erlebnisse mit den Horrorszenarien der Behörden. Der technobegeisterte Münchner Dichter Rainald Goetz ("Irre") spricht offenbar vielen Ravern aus der Seele: "Wenn ich diese Drogenspots sehe, denke ich immer, die geilen Typen nehmen die Drogen. Da ist doch jeder normale Mensch sofort dabei." Y

DER SPIEGEL 47/1995
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