27.11.1995

HausbesetzerSog der Freiheit

Finster wie ein Rattenloch ist der Gang, der durch das zerfallende Haus zur Punkerkneipe "An der Dusche" führt. Auf den ausgetretenen Granitstufen im Hausflur schlagen sich Besoffene nachts die Knie blutig.
An der Bar bedient Daniel, 19. Grinsend hockt er auf der Theke, einem rohen Holzbrett, das über zwei Mauerresten klemmt. Fünf helle Zotteln zieren Daniels ansonsten kahlen Kopf. Den neuen Gästen streckt er einen Glasballon mit süßer Sangria entgegen: "Bier und Schnaps sind alle." Willkommen ist, wer nicht nach Polizei oder Stadtverwaltung aussieht oder sonst irgendwie zum "Schweine-System" gehört.
In Leipzigs Anarcho-Refugium Connewitz herrschen andere Gesetze als im Rest der neuen Republik. Dort, im Süden der Stadt, ist die Hochburg der alternativautonomen Szene. Zwischen Häuserstümpfen und Erdkratern leben die Anti-Bürger in 15 baufälligen Gründerzeithäusern des früheren Handwerkerviertels, inmitten bürgerlicher Nachbarschaft.
Kaum ein Polizist wagt sich dort hinein, und doch duldet die Stadt das "Bermuda-Dreieck" (Szene-Jargon) als Reservat der Andersdenkenden. Gut 200 Punks, Freaks und Idealisten teilen hier das Leben zwischen Schrott und Abrißhäusern, den Haß auf die "Faschos" und die Etablierten, ihre trostlosen Geschichten von zu Hause und die letzte Kippe.
Die Stadt überlegt derzeit, die Häuser für 5,8 Millionen Mark von den privaten Eigentümern zu kaufen und sie per Erbbaurechtsvertrag offiziell an die Bewohner zu übertragen. Die Besetzer sollen sich in einer Genossenschaft organisieren und an der Sanierung beteiligen.
Manche der Connewitzer hausen in rottigen Wohnhöhlen ohne Heizung, ohne Wasser, ohne Licht. Gleich nebenan lebt wiederum eine Wohngemeinschaft wie im Westen der siebziger Jahre: In der mollig geheizten Gemeinschaftsküche dient ein abgesägtes Türblatt als Tisch, darauf stehen große Blechschüsseln mit Brechbohnen und scharf gewürzten Champignons.
Doch die Feinde sind für alle dieselben: der Staat, der Westen, die Konkurrenz, der Kommerz. Und wer zwischen Meusdorfer, Bornaischer und Wolfgang-Heinze-Straße investieren, Protz-Fassaden hochziehen und Profit herausholen möchte, dem bekommt das meistens schlecht.
Eingeschlagene Scheiben, graffitiverschmierte Hauswände, zerstochene Reifen an edlen Karossen - "Establishment, nein danke" ist die Botschaft an Stadt und Spekulanten. Als die Dresdner Bank eine Filiale im Kiez eröffnen wollte, wurde aus dem "Grünen Band der Sympathie", welches das Fenster zierte, schnell ein Eisen- und Bretterverschlag, der Molotow-Attacken abwehren soll.
Die von der Szene beherrschten Häuser sollten schon zu DDR-Zeiten planiert werden und einer Neubausiedlung weichen. Dann kam die Wende, in den abrißreifen Häusern tauchten Besetzer auf: ausgeflippte Facharbeiter, junge Leute, die endlich von zu Hause weg wollten, Studenten, Galeristen, Öko-Apostel und Polit-Punks.
Sie nannten sich "Connewitzer Alternative - gegen Abriß und Kommerz". Es ging ihnen darum, vermeintliches "Volkseigentum" zu erhalten und der sozialistischen Gleichmacherei im Plattenbau zu entfliehen. Fast zwei Jahre lang war Connewitz ein einziges Straßenfest, für viele ein Synonym für Aufbruch, freies Leben und die neue Zeit.
In einer alten Fabrikhalle eröffneten die Besetzer eine Galerie, eine Fahrradwerkstatt und Konzerträume. Sie gründeten allerhand Nützliches: eine sozialtherapeutische Töpferwerkstatt, das Programmkino in der "Lichtwirtschaft", ein Cafe und eine Armenküche - ein bißchen wie der Hippie-Staat "Christiania" in Kopenhagen, ein bißchen wie die Hafenstraße in Hamburg.
Öko-Alternative richteten sogenannte Food Coops ein, bei denen sie sich zu jeder Tages- und Nachtzeit mit naturbelassenen Lebensmitteln bedienen. Niemand kontrolliert, abgerechnet wird über die "Kasse des Vertrauens". Bis heute fehlt angeblich keine Mark.
Die "Instandbesetzer und Pazifisten", wie sich die Connewitzer nannten, fanden damals noch die Sympathie der Bürger und aller Parteien. Sie "gestalten Alt-Connewitz zu Leipzigs Montmartre", schrieb die Leipziger Volkszeitung im März 1990 entzückt.
Doch der Sog der bunten Freiheit brachte neues, anderes Volk ins Quartier, darunter viele, denen das neue Leben draußen einfach zu hart geworden war. Kein Geld, keine Wohnung, abgehauen von zu Hause, ausgerissen aus dem Kinderheim, rausgeschmissen aus der Lehre - jede Menge gebrochene Biographien finden sich in Connewitz.
"War nur noch Theater daheim", brummt Ralf, 18, der in Grünau, Leipzigs größter Plattenbausiedlung, aufgewachsen ist. Auf seinem T-Shirt steht "Stop Nazis".
Wie er fühlen sich viele der Connewitzer Jugendlichen abserviert _(* In der Stöckartstraße. )
und unerwünscht. Wo immer sie hinkommen, nach Hause oder zu Behörden, in ihren zerfetzten Hosen und T-Shirts, mit ihren Haarfeudeln auf der Glatze, wecken sie Aggressionen und ernten abfällige Sprüche. Ausgestoßensein, das ist ihre Kultur.
Die Profit-Gesellschaft, so glauben sie, schulde ihnen immerhin etwas: "Klauen bei Kapitalistenschweinen ist okay, aber nicht bei Tante Emma", sagt ein 17jähriger Punk, der nach der Rationalisierung in seinem Klempnerbetrieb die Lehre aufgeben mußte und seit einigen Monaten in Connewitz lebt.
Regelmäßig wird im Supermarkt an der Karl-Liebknecht-Straße "eingekauft": Die Jungs holen sich, was sie brauchen. Bei Widerstand gibt''s Schläge für die Kassiererin. Doch Protest gegen derartige Raubzüge bleibt meist aus. Denn wer einem Szene-Connewitzer ein Haar krümmt, hat schnell viele Feinde. Wer von den Anarchisten nach Hilfe schreit, bekommt auch welche.
Die Polizei greift selten ein. "Connewitz ist fast ein rechtsfreier Raum, da wird die Staatsmacht verhöhnt", klagt der zuständige Polizeioberrat Rigobert Unger vom Polizeipräsidium Leipzig. Aus einer "banalen Personalienkontrolle" werde ganz schnell ein größerer Polizeieinsatz.
Auch Tote und Verletzte hat es schon gegeben. Als sich Polizisten vor drei Jahren zwei randalierende Jugendliche greifen wollten, entstand daraus eine Straßenschlacht, wie sie Leipzig in der ganzen Wendezeit nicht erlebt hatte: Autos brannten, Pflastersteine flogen, 38 Menschen wurden verletzt, 41 festgenommen.
Die beiden Randalierer gehörten nicht mal zum Kern der Szene. Doch sie konnten auf Unterstützung zählen, als es plötzlich hieß: "Die Bullen räumen Connewitz."
Eine junge Leipziger Beamtin verlor die Nerven und schoß. Sie traf den Malerlehrling Daniel Hahn, damals 17, der zufällig in der Nähe der Tumulte stand. Der Junge war gerade von einer Geburtstagsparty aus dem Szene-Kulturzentrum "Werk II" am Connewitzer Kreuz gekommen.
Die Kugel durchbohrte Daniels Unterleib und trat am Rücken wieder aus. Notärzte brachten den schwer verletzten Teenager ins Krankenhaus. "Eine Klage auf Schmerzensgeld wäre wieder stressig", sagt er heute, halbwegs genesen.
Connewitz brachte Daniels Bruder Raimund ebenfalls kein Glück. Der 18jährige Hausbesetzer stürzte sich am 13. September 1994 vom Giebel des Schellenberghauses an der Biedermannstraße in den Tod. "Zuviel Fliegenpilz, zuviel Amphetamin und zuviel Liebeskummer", meint ein Bekannter aus der Szene lakonisch.
Gewaltsam starb auch der Hausbesetzer und arbeitslose Facharbeiter Steffen Thüm, 21. Zwei Tage vor Heiligabend 1992 kam ein Junge ins Szene-Zentrum "Zoro" gerannt und schrie: "Eines der Häuser wird angegriffen." In Wahrheit keilte sich der Leipziger Medizinprofessor Konrad Herrmann mit jugendlichen Autoklauern aus Connewitz, die den 50 000 Mark teuren Mazda des Dozenten gestohlen hatten. Der Hochschullehrer hatte seinen Wagen längst zurück, wollte den Dieben jedoch noch einen Denkzettel verpassen, wozu er ein paar Schläger aus dem Rotlicht-Milieu engagiert hatte. Sechs Zoro-Gäste fanden sich sofort bereit, den Szene-Nachbarn beizuspringen.
Einer davon war Thüm - wer ihn schließlich erschoß, ist ungeklärt. Herrmann wurde zwar in erster Instanz wegen Totschlags zu zehneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, doch er beteuert seine Unschuld. In diesen Tagen wird neu verhandelt. "Thümi, wir lieben Dich" steht heute in schwarz gesprühten Lettern auf der frisch geweißelten Wand eines sanierten Häuserblocks.
Doch die Einigkeit täuscht, die Szene ist längst zersplittert. Es gibt solide Klubs wie das "Conne Island", in dem sogar der Tresen nach Zitronen-Spüli riecht. Im autonomen Kulturzentrum Zoro dagegen tummeln sich die abgefahrensten Underground-Bands aus der internationalen Musikszene, wie "Bad Influence" aus Belgien oder "Enola Gay" aus Frankreich.
Im Hochgeschoß der Stöckartstraße 11 klären Mitarbeiter des "Dritte-Welt-Ladens" Schulklassen über Kinderarbeit in Indien auf. Darunter, in der Schänke "Lichtwirtschaft", einem notdürftig beleuchteten Backsteinschuppen, würden sich viele Lehrer nicht mal trauen, den Kindern eine Cola auszugeben.
"Wohnen darf nichts kosten" heißt das Credo des Neuseeländers Timmy, 33. Der ehemalige Kunststudent aus gutem Hause ließ das verschwenderische Dasein und die Yuppie-Freunde hinter sich, um "das wahre Leben" zu suchen. Heute bewohnt er ein besetztes Haus _(* Auf dem Dach des von ihm bewohnten ) _(Hauses in der Stöckartstraße. )
ohne fließendes Wasser und repariert im Keller alte DDR-Motorräder.
Spleenige Künstler wie Alexander "Sascha" Boiko, 38, aus Rußland finden im Besetzerviertel ein wenig Halt. Der Maler aus St. Petersburg vergeht fast vor Heimweh, doch zurück will er nicht, weil er dort die große Konkurrenz und, als ehemaliger Drogenabhängiger, die Versuchung scheut. Wie besessen malt er deshalb bei dröhnend lauter russischer Folkloremusik kraftvolle und grausame Bilder - manchmal mit dem eigenen Blut. "Sein Blut ist alles, was er hat an Heimat", sagt Bert, 24, Politikstudent und Saschas Mitbewohner.
Über 20 Prozent der Bewohner sind Ausländer. Sie sind in Connewitz willkommen und fühlen sich hier sicher. Die lange Narbe am Bauch des ehemaligen DDR-Vertragsarbeiters Carlos, 29, aus Mosambik ist ein Andenken an Rechtsradikale, die "Schwarze schlitzen" gingen, als er noch im sächsischen Städtchen Riesa lebte. "Aber hier", sagt der Fabrikarbeiter, der mit einem Cousin eine Wohnung in der Stöckartstraße teilt, "ist es immer lustig."
Connewitzer sind solidarisch mit vietnamesischen Zigarettenverkäufern, der PKK in Kurdistan und "politischen Gefangenen in Iso-Haft". Doch so wichtig ist ihnen das alles dann auch wieder nicht. "Dieser Revolutionsexhibitionismus bringt doch viel weniger als einfach so zu leben", sagt Zoro-Uly, 24, Totalverweigerer und Konzertmanager, abschätzig über die westdeutschen Linken.
Nein, wie ein linker Westler will hier keiner sein - zu dogmatisch seien die, zu oberflächlich. Die Bewohner von Alt-Connewitz möchten billige Wohnungen, eine antikommerzielle Kulturszene und ansonsten ihre Ruhe.
"Wir dürfen die nicht ausgrenzen, die einen anderen Weg gehen", sagt Bürgermeister Wolfgang Tiefensee, 40, zu DDR-Zeiten Kriegsdienstverweigerer und in der Kirche engagiert: "Es muß Platz für alle geben."
Doch langsam zieht sich der Ring renovierter, weißgetünchter Häuser um das Zentrum der alternativ-autonomen Szene zu. Gezielt werden "konstruktive Szeneleute" unterstützt, um "die Spreu vom Weizen zu trennen", erklärt Sanierungsprofi Andreas Pätz von der privaten Stadtentwicklungsfirma DSK seine Strategie der sanften Verbürgerung: "In 15 Jahren ist die Sache gelaufen."
Solche Zeitdimensionen sind für Daniel, Bino und Milo, die Punk-Kids in der Bar "An der Dusche", kaum zu überblicken. Es ist morgens kurz nach fünf, die Party ist aus.
Die Jung-Anarchisten wanken, lachend und rülpsend, in die Buden ihres besetzten Hinterhauses. Weindunstig sinken sie auf die Strohsäcke und verlotterten Matratzen. Eine Nacht wie all die anderen in der Stöckartstraße. Trostlos, sinnlos, schön. Y
* In der Stöckartstraße. * Auf dem Dach des von ihm bewohnten Hauses in der Stöckartstraße.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 48/1995
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