04.12.1995

GolfZweiter Schub

Endlich hat Deutschland einen zweiten Spitzenprofi: Der aufmüpfige Alexander Cejka soll neue Zielgruppen erreichen.
Was die Leute über ihn reden, ist Alexander Cejka gleichgültig. So schockte er kürzlich die Tugendwächter der Golfzunft mit einer Glatze. Derartige Verstöße gegen die Etikette - die Kopfrasur war das Resultat einer verlorenen Wette - kommentiert der Münchner gern mit einem spöttischen Grinsen: "Ich bin nun mal ein lockerer Vogel."
Cejka, 25, kann sich Extravaganzen leisten. Als erster Deutscher nach Bernhard Langer hat er im März mit den Andalusian Open ein Turnier auf der europäischen Tour der Professional Golfers Association (PGA) gewonnen. Im August bestätigte er diesen Coup mit seinem Sieg in Haugschlag/ Österreich, und Ende Oktober schlug er gar beim Volvo-Masters im spanischen Valderrama die komplett versammelte Golfelite des Kontinents.
Das lange Warten auf einen Nachfolger für den Ausnahmespieler Langer, "das Raumschiff Enterprise des deutschen Golfes" (Cejka), scheint zu Ende. Bild hat den Shooting-Star des Jahres bereits zu dem Anhausener Vorzeigeprofi in den Orbit befördert: "Golf-Rakete Cejka - jetzt jagt er Langer."
Dem hiesigen Golfsport kommt der Himmelsstürmer, der kommende Woche im handverlesenen Feld bei der Weltmeisterschaft in Jamaika starten darf, zur rechten Zeit. Alexander Cejka, Ferrari-Fahrer und Freund ausschweifenden Lebensstils, verkörpert den schrillen Gegenentwurf zum gottesfürchtigen Ehrenmann Bernhard Langer. Wolfgang Scheuer, dem _(* Bei seinem Sieg beim Volvo-Masters ) _(Ende Oktober in Valderrama/ Spanien. )
Präsidenten des Deutschen Golf Verbandes (DGV), dient Cejka bereits als Symbolfigur eines notwendigen Wertewandels: "Wir müssen von dem betulichen Altherrenimage wegkommen."
Daß in deutschen Landen Golf "etwas für die gehobene Klasse" sei, hat Cejka, Sohn eines tschechischen Maschinenbauers, nie gekümmert. Bei seinem ersten Profiturnier 1989 im feinen Golf-Club Timmendorfer Strand schritt er in verwitterten Turnschuhen zum Abschlag - ahnungslos ob der Wirkung des artfremden Schuhwerks auf das Publikum. "O Gott, was ist das für einer", raunte manch um die Exklusivität seines Sports besorgter Besucher.
Langmähnig und mit hochgestelltem Hemdkragen trotzte der Kettenraucher jener auf den Fairways gebotenen Etikette. Die Rolle des Parvenü besetzte Cejka spätestens vor zwei Jahren, als er seine ersten Preisgelder in einen gebrauchten Ferrari investierte: "Ein Jugendtraum, für den ich hart gearbeitet habe."
Doch daß der Andersartige, so DGV-Vorstand Scheuer, "nicht dem Bild vom Gentlemansport entspricht", ist jetzt, wo die Leistung stimmt, längst kein Nachteil mehr: Kraft seines respektlosen Wesens soll der Hedonist ("Ich bin jung, ich will das Leben genießen") dem Golfsport neue Zielgruppen nahebringen.
Verhalf einst Langer dem Golf hierzulande zu einem Aufschwung, der mittlerweile 252 577 Sportler (bei jährlichen Zuwachsraten von mehr als zehn Prozent) auf rund 470 Plätze treibt, sieht Scheuer in Cejka "den Mann für den zweiten Schub".
Vor allem unter Kindern und Jugendlichen haben die Verbandsstrategen großen Nachholbedarf entdeckt. "Ein Typ wie Alexander", sagt Josef Schwimmer, dessen Marketingagentur Cejka betreut, "kann die Hemmschwelle insbesondere junger Leute zum Golf abbauen."
An Glaubwürdigkeit mangelt es dem flippigen Missionar nicht. Als er 1993 bei den BMW Open in München sich erstmals in seiner Karriere für die beiden Schlußrunden eines PGA-Turniers qualifiziert hatte, feierte er dieses Ereignis spontan bei einer Party unter Freunden in seinem gut 250 Kilometer entfernten Geburtsort Marienbad. Erst kurz vor dem Abschlag am Morgen des ersten Finaltags kehrte der Nachtschwärmer von der Festtour zurück.
"Chaos", sagt sein Trainer und ehemaliger Mitbewohner Peter Karz, gehört zu Cejkas Lebensstil wie Nervenstärke zu seinen Putts auf dem Grün. Auch auf dem Golfplatz schlägt Cejkas draufgängerische Art durch. Sicherheitsbälle sind ihm ein Greuel: "Ich spiele immer volles Risiko, auch wenn es nur um ''ne Cola geht."
Getrieben vom Glauben, "nur dann ein gutes Leben führen zu können, wenn ich gut Golf spiele", keulte sich Cejka beständig nach oben. "Ich muß zwar nicht Millionär sein, aber ich will wie einer leben", sagt er heute. Sein außergewöhnlicher Ehrgeiz, glaubt Coach Karz, sei der Garant für eine große Karriere: "Alex will ganz nach oben kommen." Soll heißen: einen Titel bei einem der legendären Major-Turniere gewinnen und für Europa im Ryder-Cup-Team spielen.
Gemeinsam mit seinem Vater war er im Alter von neun Jahren aus der Tschechoslowakei geflohen. Das erste Jahr im Westen lebte er - vom Vater getrennt - in einem Internat für Spätaussiedler in Zwingenberg bei Darmstadt. Für die Aufnahmegebühr bei seinem ersten Golfklub, dem GC Hanau, verkaufte der golfbegeisterte Vater, der seinem Sohn heute mitunter als Caddy assistiert, sein Auto.
Als der Sproß, der erst 1989 die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt, später zu den ersten Turnieren reiste, nächtigte er - wie seinerzeit sein Vorbild Langer - auf dem Rücksitz seines Wagens. 1993 qualifizierte sich Cejka erstmals für die Europa-Tour der PGA.
Doch beinahe wäre die Karriere zu Ende gewesen, bevor sie richtig ans Laufen kam: Sponsoren stoppten ihre Zahlungen, weil ihr Partner seine Repräsentationspflichten vernachlässigte. Da erschien dem Profi beim Golfen an der Algarve der solvente Galerist Michael Schultz wie ein gutartiger Flaschengeist. Der Kunsthändler vermachte dem "lieben, netten Alex" einen Kleinwagen, den Schultz gerade bei einer Tombola gewonnen hatte.
Der Erlös des Fahrzeuges half Cejka aus der Bredouille. Und auch sonst offenbarte sich Schultz, Präsident des Golf-Club Kallin bei Berlin, für den Cejka seitdem spielt, als herzlicher Gönner. Er spendierte ihm ein schmuckes Auto und zusätzlich etwas Handgeld, "damit sein Leben nicht ganz so hart ist". Prompt schaffte der Protegierte den Durchbruch.
Da er sich als Underdog im noblen Golfsport "hochmalocht" habe, hat sich Cejka seine kritische Distanz zum Establishment bewahrt: "Wer wohlhabende Eltern hat, hat es im deutschen Golf _(* Im August als Caddy beim ) _(PGA-Turnier in Haugschlag/Österreich. )
leichter", moniert er die herrschenden Verhältnisse. Eine Mischung aus Bitterkeit und Groll hegt er zudem gegen den Golflehrer-Verband, der ihm, trotz außerordentlichen Talents, lange die Zulassung zu Profi-Turnieren verweigerte: "Ich glaube, die haben mich nicht als richtigen Deutschen gesehen."
Cejka hat auch nicht vergessen, daß der Deutsche Golf Verband bei der Suche nach einem zweiten Bernhard Langer ganz auf den Hamburger Sven Strüver setzte. Und daß es DGV-Chef Scheuer entgegen üblichen Gepflogenheiten versäumte, ihm telegrafisch zu seinem Sieg in Andalusien zu gratulieren, empfand Cejka als "einigermaßen erstaunlich".
Die Gewißheit, niemandem beim DGV etwas schuldig zu sein, stärkt seine Position: "Ich bin kein kleiner Fisch mehr." Die WG mit Trainer Karz hat er gegen ein 120-Quadratmeter-Penthouse mit Marmorbad und Sauna eingetauscht, als Dienstwagen steht ihm ein Produkt seines neuen Werbepartners Porsche zur Verfügung. 693 257 Mark hat er dieses Jahr bislang an Preisgeldern eingespielt, von seinen Sponsoren kassierte er eine halbe Million Mark.
Daß einige Verträge auslaufen, fügt sich perfekt. Da der "Markenartikel Cejka im Wert gestiegen" sei, rechnet Manager Schwimmer mit einer Verdopplung der Sponsoreneinnahmen - "konservativ gerechnet".
Vermarktungsstrategien gibt es schon: Schwimmer will Cejka, einen ausgewiesenen Fan von Fast food und zerrissenen Jeans, als "Andre Agassi des Golfsports" plazieren. Y
* Bei seinem Sieg beim Volvo-Masters Ende Oktober in Valderrama/ Spanien. * Im August als Caddy beim PGA-Turnier in Haugschlag/Österreich.

DER SPIEGEL 49/1995
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