04.12.1995

Zeitgeschichte„Spielen oder sterben“

Einer der größten deutschen Schauspieler kam 1946 im sowjetischen Haftlager ums Leben - Heinrich George, einst ein Linker, dann willfähriges Werkzeug der NS-Propaganda. Die Akte der Sowjetgeheimpolizei NKWD über Georges Festnahme, Verhör und Tod blieb erhalten. Der SPIEGEL hat sie eingesehen - Dokument eines deutschen Schicksals.
Hallo", ruft irgend jemand in Berlin-Wannsee über den Zaun, "man hat Ihren Mann in der Elsässer Straße beim Wasserholen gesehen." Dort, in Berlin-Mitte, liegt das Polizeipräsidium: Sommer 1945.
Die Schauspielerin Berta Drews läuft - Verkehrsmittel gibt es noch nicht wieder - 20 Kilometer durch die Trümmer von Berlin, um nach ihrem Mann zu forschen, der verhaftet worden ist:Georg August Friedrich Hermann Schulz, der auf der Bühne und im Film unter dem Künstlernamen Heinrich George Weltruhm errang - "ein menschliches und künstlerisches Urphänomen", so der Schriftsteller Gerhart Hauptmann, "ein König der Phantasie", laut Theatermann Jürgen Fehling, "unter seinen Kollegen wie ein alter Steinadler zwischen Hühnern".
Vor dem Polizeipräsidium steht ein russischer Posten, eine Kolonne Eimerträger kommt aus dem Tor, doch George ist nicht dabei. Einen Tip gibt am nächsten Tag ein neuer Nachbar, der aus dem Nazi-KZ Sachsenhausen befreite Kroate Edouard Calic.
Dieser Mann, der später in der Bundesrepublik einen zweifelhaften Ruf als Zeithistoriker gewinnt, hat gute Kontakte zu den Russen. Er nennt Frau Drews den Namen des zuständigen Sowjetmajors Pyrin. Sie macht sich wieder auf den Weg.
Der Posten verjagt sie erst und gibt der Ausharrenden dann doch einen Wink, als ein Sowjetoffizier aus dem Präsidium tritt. Berta Drews spricht ihn an, er bittet sie in sein Büro, nimmt Wäsche und Seife für den Häftling entgegen und sagt, wo Heinrich George steckt: unten im Keller. _(* Beim Sammeln für die ) _(NS-Winterhilfe, mit Spender Hitler. )
"Haben Sie Kinder?" fragt Pyrin. Seine Bittstellerin bejaht: Jan, 13, und Götz, 6 (der spätere "Schimanski" und gerühmte Darsteller der Massenmörder Höß und Haarmann). "Dann gehen Sie heim, Ihr Mann wird vielleicht nur kurze Zeit hierbleiben."
Er kam nie mehr frei. George starb ein Jahr später im KZ Sachsenhausen, das die Sowjets weiterbenutzten.
Einige Tage nach der Vorsprache seiner Frau war George vernommen worden, am 25. August erst unterzeichnete Pyrin, Major der sowjetischen Geheimpolizei NKWD, einen "streng geheimen" Bericht seines Oberleutnants Bibler, in dem der Haftgrund stand - die Rache der Genossen an einem Konvertiten:
"Heinrich George war der angesehenste Schauspieler im faschistischen Deutschland. Bis 1933 stand George der kommunistischen Partei nahe, hatte näheren Kontakt zu Schriftstellern wie Bert Brecht, Ernst Toller und Johannes Becher. 1933, unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung, sagte er sich von seinen früheren Überzeugungen los und stellte sich bald dem faschistischen Regime zur Verfügung."
Der Rapport des Vollstreckers Pyrin von der 2. Abteilung der zentralen Operativgruppe des NKWD Berlin ist erhalten geblieben. Er befindet sich in der KGB-Akte Nr. 13 328, deren Inhalt dem SPIEGEL vorliegt. Das sorgsam mit Faden geheftete Bündel fand sich im Geheimarchiv des Moskauer KGB-Hauptquartiers, der Lubjanka.
Auf 27 vergilbten Blättern birgt das Paket Spitzelberichte, eine Zeugenaussage, Georges Ausweis, Notizbuch und Briefe an Nazi-Führer, einen Umschlag mit Fotos von George in Gesellschaft Hitlers und anderer NS-Größen, den Haftbefehl, Fingerabdrücke und das Protokoll eines Verhörs am 10. Juli 1945.
Diese Vernehmungsniederschrift ist auf russisch diktiert. George, der sich auch zur Mitwirkung in dem antisemitischen Film "Jud Süß" (1940) bekennt, übt darin im Vokabular seiner Vernehmer Reue wie in einem der berüchtigten Moskauer Schauprozesse: "Ich war die Karikatur eines deutschen Kommunisten in einem der scheußlichsten faschistischen Filme, dem Film ,Hitlerjunge Quex''." Pyrin brachte das durcheinander. In dem hernach von ihm abgezeichneten Bericht steht: "Während der faschistischen Diktatur spielte George einen Kommunisten in einem der übelsten antisowjetischen und antikommunistischen Filme, ,Jud Süß''."
Und was gar nicht im Verhörprotokoll gestanden hatte: "George hat während seiner Vernehmung selbst ausgesagt, daß man ihm aufgetragen hatte, die Rolle des Kommunisten zu übernehmen, da er früher diesen nahegestanden hatte und es ihm leichtfiel, die Kommunisten übel zu persiflieren."
Tatsächlich zählte sich George, Kapitänssohn aus Stettin und Kriegsfreiwilliger des Ersten Weltkriegs, in den zwanziger Jahren zur Künstlerelite in Berlin, und die stand links. Unter Erwin Piscator spielte er an der Berliner Volksbühne - unter Beifallsstürmen - die Titelrolle in Tollers Kriegsheimkehrerstück "Hinkemann". Als er im "Nachtasyl" von Maxim Gorki auftrat, umarmte ihn der sowjetische Schauspieler Stanislawski, der die Rolle in Moskau spielte: "Sie haben Dinge erfühlt, die russischer sind als meine Gestaltung. Wo haben Sie das her?"
George trat in Fabriken auf, er "galt im Berliner Künstlerkreis bis zum Umbruch als Kommunist und hat des öfteren mit der Roten Hilfe Sprechabende, Vortragsabende usw. organisiert", steht in einem anonymen Denunziationsbrief, der in Georges KGB-Akte aufbewahrt ist. Und auch:
"Nach der Machtergreifung des Faschismus hat George eine nach außen hin absolut klar zu erkennende Wandlung vollzogen und alles getan, um den Faschismus in Künstlerkreisen populär zu machen. Goebbels erkannte die Möglichkeit, mit dem politischen Umfall Georges den größten Teil der Berliner Künstlerschaft, der dem Nationalsozialismus gegenüber abweisend eingestellt gewesen war, zu sich herüberzuziehen."
Doch schon vor dem "Umbruch" von 1933 hatte George sich von der KPD, der er nie angehört hatte, gelöst - er war sich für Agitprop zu schade: "Ich brauchte die Dichtung, nicht die Reportage."
Das trug ihm eine wütende Attacke der kommunistischen Welt am Abend ein, hatte er doch hinzugefügt: "Ich bin auch gegen die Kollektive, nichts als Verlegenheitsgebilde . . . eine Art stimmungmachendes Fronttheater." Und: "Was das Theater braucht, ist die Persönlichkeit. Sie trägt die Verantwortung, sie allein ist schöpferisch."
Er schien geboren für Othello und Macbeth, Falstaff und Peer Gynt, Geßler und den Götz von Berlichingen. Im Film spielte er den Biberkopf in "Berlin-Alexanderplatz".
Dann kamen die Nazis, die ihm eine Statistenrolle mit zwei Sätzen (triumphaler Applaus) zumuteten. "Sie mißtrauen mir", sagte er, "trotzdem bleibe ich, ich kann draußen nicht arbeiten."
Er hatte Angebote aus Hollywood. Aber: "Ich kann nur aus der deutschen Sprache gestalten. Hier ist der Blutquell meiner Kunst, ich bin auf Gedeih und Verderb auf dieses Land angewiesen."
Die Nazis schmückten sich mit dem Mimen, der das Urbild des tragischen, mißgelaunten und leidenden Deutschen zu verkörpern schien, den leibhaftigen Weltschmerz. Sie machten ihn 1937 zum Intendanten des Berliner Schiller Theaters, eines geistigen Zentrums in Zeiten des Krieges und der Lügen, an dem George die besten Regisseure und Darsteller versammelte: Fehling und Walter Felsenstein, Paul Wegener und Ernst Schröder, Horst Caspar und Will Quadflieg - Trost fürs Publikum, Werbung fürs Regime.
Der Prinzipal, bald im Range eines "Staatsschauspielers", revanchierte sich - weiterhin ohne Parteibuch - bei den Machthabern mit Ergebenheitsadressen (deren Entwürfe dem Major Pyrin bei einer Haussuchung in die Hand fielen). Da findet sich banaler Dank an die Göring-Ehefrau Emmy ("Hohe Frau!") für eine Spende zugunsten bombengeschädigter Schauspieler. "Ganz besonders danke ich Ihnen für die Gesundheitstropfen, die Sie für mich mitschickten."
Aber George zeigte oder spielte auch Unterwürfigkeit. "Heil dem Führer! Heil Ihnen! Und Heil dem deutschen Vaterland, dem bald ein großer Endsieg beschieden sein möge", empfahl er sich 1941 seinem Mäzen, dem Reichspropagandaminister Goebbels, "zu Ihrem fünfzehnten Gauleiterjubiläum und zu Ihrem 44. Geburtstag."
Glückwünsche auch für das Geburtstagskind Hitler, "Ihrem und damit unserem geliebten Vaterlandes hohen Heil", mit dem Versprechen, er wolle mit "rastlos hingebender Treue . . . dem hohen Ziele folgen, das uns durch Sie, mein Führer, vorgezeichnet ist", und Huldigung "dem Manne, der Volk und Nation zu ihren höchsten Zielen führt".
Mit den ihm gegebenen Mitteln trug er dazu bei: Nach dem Kommunisten-Vater des "Hitlerjungen Quex" (als Gegenstück zur sympathischeren Mutter, die weder rot noch braun eingestellt war) spielte er - natürlich grandios - in dem widerlichen Machwerk "Jud Süß" den geldgeilen Herzog.
Und am Ende, 1944, wirkte er als Hauptdarsteller in dem Durchhaltefilm "Kolberg", der zum Kampf bis fünf Minuten nach zwölf anhielt - vielleicht machte er das auch aus Nostalgie: Seine Karriere hatte George mit 19 im Stadttheater Kolberg 1912 begonnen. Bei Goebbels'' Sportpalastrede zum "totalen Krieg" 1943 zeigte die "Wochenschau" George als enthusiasmierten Zuhörer.
Die NKWD-Offiziere werfen ihm das zwei Jahre später vor: "Charakteristisch für George war dessen abscheuliches und fanatisches Gebaren während einer Ansprache von Goebbels. Exaltierte Ausrufe und Beifallsbekundungen des Schauspielers wurden mehrfach für propagandistische Zwecke benutzt."
Ein überzeugter Nazi oder eher der typische deutsche Anpasser, der um seiner beruflichen Vorteile willen einen üblen Tribut zollt?
Klar war, daß einer wie George "bei der durchaus nicht zu berechnenden Haltung seines Charakters, der beinahe übertriebenen Spielfreudigkeit, der Labilität seines Wesens, einer fast krankhaften Unausgeglichenheit seines Temperaments von Haus aus gar nicht dazu angelegt war, politisch aktiv zu sein". Das bescheinigten ihm seine Kollegen Lu Säuberlich, Ernst Schröder, Wolfgang Lukschy, Hubert von Meyerinck, Walter Felsenstein und andere 1945 in einem Gnadengesuch an den sowjetischen Stadtkommandanten.
Unter den von George selbst ausgesuchten Ensemblemitgliedern des Schiller Theaters habe sich bis auf einen nominellen Pg. kein Nationalsozialist befunden, erklärten die Fürsprecher. In den Garderoben seien allemal nur Gespräche mit "antifaschistischer Tendenz" geführt worden, "dies war George bekannt!" Er selbst habe öfter die Plattenaufnahme seiner Stimme mit der Rede Emile Zolas gegen den Antisemitismus (aus dem Film "Die Affäre Dreyfus") vorspielen lassen.
Im anonymen Spitzelbericht, der dem Vernehmer Pyrin vorlag, stand jedoch, George habe "alles getan, um die abwehrenden Kräfte in der Berliner Künstlerschaft schonungslos zu beseitigen. Sein Ensemble im Schiller Theater war ausgerichtet nach nationalsozialistischen Grundsätzen, die ihm von Goebbels aufgegeben wurden."
Seine Verteidiger bekundeten dagegen in ihrer Petition, unter Künstlern habe die Bühne als das "rote Theater" gegolten. Der Intendant George habe wissentlich zwei Kommunisten und den linken Dramaturgen Günther Weisenborn (er gehörte insgeheim zur Untergrundorganisation "Rote Kapelle") engagiert, auch "jüdisch versippte" Schauspieler und einen, der nach den NS-Gesetzen als Jude galt.
George habe die Frau und die jüdische Schwiegermutter des Schauspielers Albert Steinrück vor Auschwitz bewahrt, was auch sein Regisseur Ernst Stahl-Nachbaur unterschrieb, der ihm aber in einem drei Seiten langen Brief an die Sowjets vorwarf, Bühnenarbeiter bedroht zu haben: "Wenn ihr nicht richtig arbeitet, schicke ich euch alle an die Front!"
Lissy Steinrück bekundete: "Als wir von einem Gestapo-Mann und zwei SS-Kerlen abgeholt wurden, hat sich George sofort mit den zuständigen Stellen in Verbindung gesetzt, um uns zu befreien."
Durch Beziehungen habe er auch einen Norweger aus dem KZ befreit, argumentierten die Bittsteller. Er habe kein Theaterstück um der politischen Tendenz willen aufführen lassen.
Summe: ein "von der Phantasie und vom Temperament pathologisch gefährdeter Mann", ein "singulärer, großartiger Komödiant", bar jeglicher "Geschicklichkeit anderer exponierter Bühnengrößen zur Doppelzüngigkeit".
Demnach war es seine Überzeugung, was er in der "Panikstimmung des belagerten Berlin . . . aus Opposition zu irgendeiner zivilen Feigheit" (so die Petenten) kurz vor Toresschluß, am 17. April 1945, im Parteiorgan Völkischer Beobachter veröffentlichen ließ: "Mag die barbarische Zerstörungswut unserer Feinde die Denkmäler unserer vaterländischen Geschichte brandschatzen und vernichten, sie werden im Gedächtnis der Nation nur desto fester und unzerstörbarer fortbestehen."
Vielleicht dachte er an Dresden oder Königsberg, er hatte soeben Mutter und Schwester aus dem belagerten, brennenden Stettin geholt - George rief hektisch zum Durchhalten, zu "eiserner Männlichkeit", "männlichen Charakterwerten", "kernfester Männlichkeit", zugleich gegen "große pathetische Worte", und: "Wir stecken alle nur im Stiefel unserer harten Pflicht. Jeder Kothurn ist abgeschnallt . . ."
Diese Sprüche kosteten ihn schließlich das Leben. Am 28. April 1945 will er per Boot aus seinem Anwesen am Wannsee flüchten, Fernziel: Schweden. Da kommen die Russen. Am 14. Mai verhaften sie ihn zum erstenmal. "Er bleibt nicht lange", sagen die russischen Offiziere, lassen ihn am nächsten Tag frei und geben ihm auch noch Fleisch und Wein für die Familie mit.
Eine Woche später noch einmal ein Tag Haft. Passanten, die ihn mit den Russen im Jeep sehen, jubeln. Ob er nicht jeden Tag einige Stunden mit ihnen durch die Stadt fahren könne, fragen seine um Popularität bemühten Vernehmer.
Hausdurchsuchung am 26. Mai, dritte Festnahme, "tags niedrigste Dienste, nachts Verhöre", berichtet er nachher: Rückkehr nach fünf Tagen. "Bitte erschießt mich", will George seinen Vernehmern gesagt haben. Zu seiner Frau äußert er, wie sie in ihren Memoiren berichtete*: "Sie sollen mir alles nehmen, was ich besitze, mich hungern lassen und demütigen. Wenn sie mir aber verbieten, zu spielen, werde ich sterben."
Eine Woche darauf besorgt Nachbar Calic, befreundet mit dem Stadtkommandanten Nikolai Bersarin, einen "Schutzbrief", der in der KGB-Akte als ein bei der Festnahme beschlagnahmter "Passierschein" auftaucht. Außerdem hatte George am 31. Mai eine Bescheinigung des Bürgermeisters von Charlottenburg erhalten: Er dürfe zu Aufräumungsarbeiten nicht herangezogen werden, "da er jederzeit den Behörden zwecks Vernehmungen zur Verfügung zu stehen hat". Stempel, Unterschrift.
Der Sowjetmensch Bersarin verunglückt am 16. Juni tödlich mit dem Motorrad. Zwei fremde Deutsche schnüffeln in der geplünderten, verwüsteten Villa herum, die sie sich vielleicht aneignen möchten. Am nächsten Tag kommen zwei andere, sie höhnen: "Bersarin ist tot!" und führen George ab.
Nach der Erinnerung von Berta Drews war das am 23. Juni 1945, laut KGB-Akte verhaftete der Oberleutnant Bibler zusammen mit dem Dolmetscher Baginski (Drews: "ein pathetisch sprechender _(* Berta Drews: "Wohin des Wegs - ) _(Erinnerungen". Verlag Ullstein, ) _(Frankfurt/Main, Berlin 1992; "Heinrich ) _(George - Ein Schauspielerleben". Rowohlt ) _(Verlag, Hamburg 1956. )
Jüngling", "mit süffisantem Gesicht und einem albernen, würdevollen Gehabe") George bereits am 18. Juni.
Seine KGB-Akte beginnt chronologisch mit einer Anzeige ohne Datum, die von fünf Denunzianten unterschrieben ist - lesbar sind: Schmucker, Franke und Strieger. Auf dem Zettel wird "einem der größten Nazi-Schauspieler" zur Last gelegt: "Noch 14 Tage bevor uns die Rote Armee vom Nazi-Joch befreite, stellte er sich der NSDAP zur Verfügung und versuchte, die Berliner in Form eines Aufrufs in der Berliner Presse noch zu aktivem Widerstand aufzuwiegeln. Als Zeuge gegen George kann das ganze deutsche Volk antreten. Wenn man George auf irgendeine deutsche Bühne stellte, würde er unserer Meinung nach gelyncht werden."
Die andere Denunziation - ohne Unterschrift - beruft sich auf den Schauspieler Bobby Iller ("zur Zeit wahrscheinlich in russischer Kriegsgefangenschaft") als Zeugen dafür, daß sich George seiner Rolle bewußt war*: "Denn als er betrunken war, und das ist sehr häufig bei ihm vorgekommen, hat er selbst im kleinen Freundeskreis geäußert: ,Wenn der Nationalsozialismus in Deutschland verschwinden sollte, so würde er sicher am höchsten Baum aufgehängt, und das eigentlich mit Recht.''"
Sechs Wochen nach seiner Festnahme, drei Wochen nach dem Verhör folgt Oberleutnant Bibler fast wörtlich der ersten Anzeige und meldet seinem Chef Pyrin, ihr Häftling sei "einer der angesehensten faschistischen Künstler, durch seine profaschistische Agitation in Rundfunk und Zeitung trug er zur Fortsetzung des Krieges bei".
Es war höchste Zeit für den Racheakt - seit Tagen sind westliche Besatzungstruppen in Berlin eingerückt; Georges Wannsee-Villa haben sie requiriert. Bibler ordnet an: "Heinrich George wird festgenommen zwecks Feststellung der Personalien und seiner verbrecherischen Tätigkeit." Datum: 28. Juli 1945.
Bibler hatte den bis dahin fehlenden Haftbefehl rasch nachgeholt, weil am Vortag schon sein Kollege von der 2. NKWD-Abteilung, der Gardehauptmann Schmyrajew, sich auf den generellen NKWD-Ukas Nr. 0018 vom 11. Januar 1945 berufen und angeordnet hatte: "George, Heinrich, wird in das Spezlager ** Bauchhöhlenschnitt. _(* Bob Iller wurde nach dem Krieg ) _(Kabarettist und Chefredakteur von ) _(Kripo-Report. Er war liiert mit Lys ) _(Assia und Esther Williams und starb 1980 ) _(in Hamburg. )
des NKWD überstellt". Nach Hohenschönhausen.
Dort will George spielen, um nicht zu sterben. Es gelingt ihm, im Keller einer zum Speziallager gehörenden Fabrik ein Häftlingstheater einzurichten, mit dem "Urfaust" als Programm.
Berta Drews darf ihm Textbücher und Noten ans Tor bringen. Er steckt ihr ein Briefchen zu: "Es gibt so viel härtere Lose . . . Man erfährt hier im Lager Fälle, die an Grausamkeit und Schamlosigkeit nichts zu wünschen übriglassen." Und: "Ich komme bald. Wenn sie mich nicht spielen lassen, machen wir ein Lokal auf, und ich spreche Dir nachts meine Rollen vor. Arme Duschka!"
Jede Woche einmal darf ihn seine Frau für fünf Minuten am Tor sprechen. Am 6. Dezember kann er auch den kleinen Götz umarmen. Danach hat Berta Drews George nicht mehr gesehen.
Ein im Februar 1946 aus dem Lager geschmuggelter Kassiber meldet, George habe 80 Pfund abgenommen, "meine Seele ist stark". Der kommunistische Schriftsteller Friedrich Wolf, Vater des späteren Stasi-Wolf, will George zur Freilassung verhelfen, aber "er muß für uns auf die Barrikade".
Statt dessen wird George in das Lager Sachsenhausen verbracht. Berliner Theaterleute bestürmen die Kulturoffiziere der Sowjetarmee, die aber schweigen. Ein Mithäftling, der Pianist Helmut Maurer, erzählt später, wie George in Sachsenhausen (12 000 Häftlinge) weiterspielte: erst vor den russischen Bewachern Szenen aus Puschkins "Postmeister" - wofür er russische Sätze lernte -, dann auch vor den von Hunger und Tuberkulose, Karzer und Entwürdigung drangsalierten Leidensgenossen. George dramatisierte Emanuel Geibels Ballade vom "Tod des Tiberius", Maurer spielte zwischen den Akten Beethovens "Pathetique".
Zwei Tage nach einer im Lager ausgeführten Blinddarmoperation starb Heinrich George mit 52 Jahren. Die KGB-Akte enthält den Totenschein Nr. 01058, unterschrieben von Oberstleutnant Salamow und den deutschen Ärzten Professor Bockhacker und Dr. Kast: "Diagnose: Laparotomie** (Appendizitis), Bronchiopneumonie, Herzatrophie. Der Patient verstarb am 25. September 1946 um 15 Uhr an Bronchiopneumonie und Herzschwäche."
Ein jüdischer Theaterfan unter dem Sowjetpersonal erreichte beim Lagerkommandanten, daß der Leichnam nicht in einem Massengrab beigesetzt wurde, sondern in einem Sarg vor dem Zaun im Oranienburger Wald, zwischen den Gräbern russischer Offiziere. Vergangenes Jahr wurde er zum Berlin-Zehlendorfer Waldfriedhof überführt.
Georges Sohn Götz: "Er hat wirklich bezahlt." Y
* Beim Sammeln für die NS-Winterhilfe, mit Spender Hitler. * Berta Drews: "Wohin des Wegs - Erinnerungen". Verlag Ullstein, Frankfurt/Main, Berlin 1992; "Heinrich George - Ein Schauspielerleben". Rowohlt Verlag, Hamburg 1956. ** Bauchhöhlenschnitt. * Bob Iller wurde nach dem Krieg Kabarettist und Chefredakteur von Kripo-Report. Er war liiert mit Lys Assia und Esther Williams und starb 1980 in Hamburg.

DER SPIEGEL 49/1995
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