25.12.1995

Strafjustiz„Eher Sache der Philosophie“?

An die ersten Jahre mit seiner Mutter hat Horst David keinerlei Erinnerung. Ende 1938, als sie ihn ledig zur Welt brachte, soll sie auf Gütern in Breslau gearbeitet haben. Sein Vater, gefallen oder vermißt - wie er hieß, weiß man nicht -, könnte Landarbeiter gewesen sein.
David erinnert sich nur, daß er als kleiner Junge irgendwo auf einem Hof lebte. Und daß eine Frau ihn zu Bett brachte und ab und zu über seine Haare strich. "Das könnte meine Mutter gewesen sein."
1944 stand er, mit einem Namensschild um den Hals, eines Tages mutterseelenallein auf dem Bahnhof im bayerischen Hof. Eine andere Erklärung, als daß die Mutter den Fünfjährigen auf der Flucht einfach stehengelassen hat, gibt es nach den Umständen kaum.
Horst David kam in ein Kinderheim und dachte zunächst, er sei ein Waisenkind. 1948 wurde die Mutter vom Suchdienst des Roten Kreuzes in Cuxhaven ermittelt. "Da war die Freude groß, auch bei den Kindern um mich herum. Von da an hab' ich meiner Mutter geschrieben", sagt David heute.
Natürlich hoffte er, die Mutter möge ihn zu sich holen. Doch sie hat auf seine wöchentlichen Briefe nur selten geantwortet. Sie hat ihm nie die Frage beantwortet, warum sie ihn damals auf dem Bahnhof allein ließ. Kein einziges Mal hat sie ihn besucht. Sie hat ihn nie angerufen. Er hat nicht einmal ein Foto von ihr.
Der Hausvater des Heims, erinnert sich David, habe ihn damals getröstet: Das wird schon wieder. So habe er gehofft und gehofft, bis er in die Lehre kam.
Eines Tages meldete sich die Mutter plötzlich, er solle eine Wohnung besorgen, sie wolle zu ihm ziehen. Das war ihr letzter Brief. Als er 1963 heiratete - kein Glückwunsch, nichts. Als seine zwei Söhne geboren wurden, nichts.
Das Gericht, die 1. Strafkammer am Landgericht München I, das über entsetzliche Taten Davids an Frauen zu urteilen hatte, lobte mehrfach die nüchterne Art und Weise, wie der Angeklagte über diese Kindheit und Jugend sprach. Daß er "nicht auf die Tränendrüse drückte", daß er es im Waisenhaus schön fand, daß er sich nicht ausgesetzt fühlte. Richter Herbert Gattinger, 54, als Vorsitzender: "Ja, das find' ich positiv. Wir erleben sonst immer, daß die Angeklagten ihre Kindheit als besonders unglücklich schildern."
Dieser Angeklagte hat das Gericht mit seiner bestürzenden Biographie nicht belästigt. Er hat seinen Gehirnspeicher von Erinnerungen an die Frau, die ihn einst aussetzte, so gründlich leer gekehrt, daß es dem Gericht leichtfiel, sich einer Auseinandersetzung zu verweigern. "Muß das denn immer Verdrängung sein? Wir haben in der Nachkriegszeit viele solcher Kinder mit einem ähnlichen Schicksal, die gleichwohl nicht auffällig geworden sind. Muß man unbedingt hineingeheimnissen, daß hier was Besonderes kaputtgegangen ist?" fragte der Richter.
Der Psychologe Dr. Joachim Weber, München, fragte zurück: "Daß David etwa über das Ausgesetztwerden nicht klagt - kann das nicht ein relativ hilfloser, nachträglicher Versuch sein, mit dieser traumatisierenden Situation irgendwie umzugehen?" Manches vergißt man, um weiterleben zu können.
Der Angeklagte, gelernter Maler, ist für alle Prozeßbeteiligten ein Rätsel geblieben. Äußerlich unauffällig, bescheiden und höflich wirkend, hat er nichts Bedrohliches oder Gewalttätiges an sich. Eine Zuschauerin zur Münchner Abendzeitung: "Ich wollte mal sehen, wie sich ein Serienmörder benimmt. Das sieht man dem gar nicht an."
Er hat gestanden, sieben Frauen umgebracht zu haben: 1975 innerhalb von drei Tagen die jungen Prostituierten Waltraud Frank und Fatima Grossart in München; 1981 die 59jährige Barbara Ernst in Regensburg, deren Wohnung er tapezieren sollte; 1983 die 67 Jahre alte Rentnerin Martha Lorenz, mit der er unmittelbar vor der Tat Geschlechtsverkehr hatte; im Jahr darauf die 70jährige Maria Bergmann, für die er Malerarbeiten auszuführen hatte; 1992 seine 84 Jahre alte frühere Vermieterin Kunigunda Thoss; 1993 eine 85jährige Bekannte, Mathilde Steindl, die im selben Haus wie er in Regensburg wohnte.
Die Frage, ob ihm nicht noch viel mehr Frauen zum Opfer gefallen sind, beschäftigt die Polizei weiter. Es gibt ungeklärte Fälle in München, Regensburg, Augsburg und Nürnberg. Ein Kriminalpsychologe aus Wien, spezialisiert auf Sexualdelikte in Serie, den die Polizei bei den Ermittlungen hinzuzog, hielt es für wenig wahrscheinlich, daß die rasch aufeinanderfolgenden Dirnenmorde 1975 Davids erste Taten waren.
Gemeinsam ist den Tötungen, daß die Opfer erwürgt oder erstickt wurden. Würgen und Ersticken sind keine schnellen Tötungsarten auf Distanz wie Erschießen etwa. Fünf bis sieben Minuten, meint David, habe er schon zugedrückt. "Ich konnte nicht loslassen." Wenn er dann in die gebrochenen Augen, ins Gesicht des Opfers sah, habe das, was wie ein Zwang war, nachgelassen.
Auch daß jedesmal Geld in irgendeiner Weise im Spiel war, ist den Taten gemeinsam - und wenn er es auch nur stereotyp ins Spiel brachte, um eine für das Gericht akzeptable Erklärung für die jeweilige Tat zu liefern.
Im nächsten Augenblick freilich sagte er wieder: "Wegen Geld bring' ich doch keinen Menschen um. Ich hab' nicht töten wollen. Ich töte überhaupt nicht."
Dann wiederum gab er an, die Prostituierten hätten mehr von ihm verlangt als abgemacht, da sei er ausgerastet. Die älteren Frauen hätten ihm nichts leihen wollen oder ihn abschlägig beschieden, wenn er um 50 oder 100 Mark Vorschuß bat. Sie hätten immer gleich angefangen zu schreien und ihn zu beschimpfen, da habe er ihnen den Mund einfach zuhalten müssen.
Geld, viel war es bei den Frauen ja nicht, das man von ihm forderte oder ihm verweigerte, bedeutete in gewissen Situationen offenbar weitaus mehr als vordergründig anzunehmen. Der Psychologe Weber: "Man darf vermuten, daß die ,Opferprovokationen' gar nicht dramatisch waren. Wir wissen das nicht. Bei einem entsprechend disponierten Menschen können bereits relativ normale äußere Gegebenheiten den Umschlag bringen."
Vielleicht wären einige von Davids Opfern am Leben geblieben, hätten sie ihm 20 Mark in die Hand gedrückt. Vielleicht hätte er sich dann nicht zurückgewiesen und enttäuscht gefühlt. Weber: "Vielleicht hätte diese Unterwerfung gereicht."
Seiner Frau und seinen Kindern war David nicht der ideale Ehemann und Vater. Wie sollte er es auch sein? Er hat nie in einer Familie gelebt, er hat nie Eltern, nie Vorbilder gehabt. Er klagte über seine Ehefrau: Sie habe ihn mit Taschengeld kurzgehalten, sie sei bösartig, kalt und herzlos gewesen. Er habe unter dem Pantoffel gestanden. Schließlich habe sie ihn auch noch mit seinem besten Freund betrogen.
Die Frau, von der er längst geschieden ist, machte vor Gericht keine Angaben. Sie hat ihn nicht schlechtgemacht bei der Polizei, obwohl sie es in dieser Ehe nicht leicht hatte. Sie mußte das Geld auf den Pfennig einteilen, sie hat seine gelegentlichen, für sie unerklärlichen Ausflüge (er verschwand ab und zu spurlos, etwa nach Hamburg oder nach München, und brachte in Bordellen und Spielhallen viel Geld durch) hinnehmen, seine Schulden begleichen müssen.
Heute sagt er, wenn er "die Alte" umgebracht hätte, würden die anderen Frauen wahrscheinlich noch leben. Wegen der Kinder habe er es nicht getan. Von seiner Frau hat er ein Bild, das ihm, wie er sagte, bei den Tötungen immer vor Augen stand - von seiner Mutter hat er kein Bild.
David ist von dem Psychologen Weber und dem Münchner Psychiater Paul Hoff, Privatdozent an der Universität, begutachtet worden. Weber leitete aus Davids tiefer Enttäuschung und Verbitterung über die als unzugänglich und unzuverlässig erlebte Mutter die Überlegung ab, daß es sich bei den Taten womöglich um einen "chiffrierten Muttermord" gehandelt habe.
Weber kam es nicht darauf an, den Angeklagten als schuldunfähig oder als einen "Kranken" darzustellen. Er machte nur auf die im Einzelfall so furchtbaren Folgen aufmerksam, die die Verletzung oder die Zerstörung einer Kinderseele haben kann. Man weiß, daß manche in der Kindheit beschädigte Menschen nur für sich selbst zum Unglück werden, andere jedoch rätselhafterweise auch für ihre Mitmenschen. Um dieses Rätsels willen, nicht zur Entlastung oder Entschuldigung, muß geprüft und gefragt werden.
Die Kammer aber, offenkundig nicht geneigt, den Erklärungsangeboten Webers nachzugehen - er wurde überraschend vorab und außer der Reihe gehört, so daß zum Beispiel ein Diskurs mit seinem Mitgutachter ausgeschlossen war -, verurteilte David wegen Mordes in sieben Fällen und erkannte auf besondere Schwere der Schuld.
Auch die Bemühungen des Verteidigers Werner Leitner, den Angeklagten noch einmal begutachten zu lassen, und zwar von einer Psychoanalytikerin, um etwas mehr Aufschluß darüber zu gewinnen, warum dieser als Kind so geschundene Mann Frauen zum tödlichen Verhängnis wurde, wies das Gericht zurück. Es begnügte sich damit, ihn weiterhin für rätselhaft zu halten. "Davids letzte, tiefste Gründe für diese abscheulichen Taten sind offengeblieben. Es ist nicht unsere Aufgabe, eine Gesamterklärung zu liefern. Die letzten, grundsätzlichsten Fragen des Lebens zu ergründen ist eher Sache der Philosophie", so Richter Gattinger.
Und abschließend: "Man muß nicht immer und überall etwas Unbewußtes suchen. Wenn da etwas wäre, hätten wir es gefunden. Man muß sich vor dem gefühlsmäßigen Fehlschluß hüten: Wer solche Taten begeht, muß schuldunfähig sein. Also, um es mit Wilhelm Busch zu sagen, , . . . und also schloß er messerscharf, was nicht sein kann, das nicht sein darf.'"
Um dem Vorsitzenden wenigstens in diesem Punkt zu widersprechen: Das hat nicht Wilhelm Busch, sondern Christian Morgenstern geschrieben. Y
Wegen Mordes in sieben Fällen verurteilt
Von Gisela Friedrichsen

DER SPIEGEL 52/1995
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