11.12.1995

„Was zur Hölle sind Chemokine?“

SPIEGEL: Herr Professor Gallo, gibt es gute Botschaft für Aidskranke?
Gallo: Ich kann nur sagen: Wäre ich HIV-infiziert, wäre ich überglücklich bei der Nachricht von unseren Ergebnissen.
SPIEGEL: Wieviel Hoffnung können Sie Aidskranken und HIV-Infizierten machen?
Gallo: Wissenschaftler fürchten sich immer vor übertriebenen Hoffnungen - auch wir können nicht in die Zukunft sehen. Daß wir uns auf dem Durchmarsch zur Aidstherapie befinden, kann ich nicht versprechen; doch werden wir in einem Jahr wissen, ob das der Fall ist oder nicht. Das verspreche ich.
SPIEGEL: Was genau haben Sie gefunden?
Gallo: Nun, man nennt diese Moleküle Chemokine. Als wir das feststellten, fragte ich mich: Was zur Hölle sind Chemokine? Ich muß Ihnen gestehen: Ich kannte den Namen und sonst gar nichts. Rantes, MIP-1 alpha, MIP-1 beta waren bis dahin nur als Moleküle bekannt, die bei Entzündungen Immunzellen anlocken.
SPIEGEL: Wie blockieren diese Moleküle die HIV-Vermehrung?
Gallo: Ich könnte Ihnen einige intelligente Spekulationen anbieten - das tue ich nicht, denn es könnte die Forschung auf falsche Fährten locken. Sicher ist: Diese Faktoren kommen aus dem menschlichen Körper, sie werden von den CD8-Killerzellen hergestellt und in bestimmten Mengen ins Blut abgegeben. Wichtig dabei ist: In diesen für den Organismus normalen Konzentrationen haben sie das HI-Virus in unseren Zellkulturen im Labor vollständig blockiert.
SPIEGEL: Einige wenige HIV-Infizierte leben schon seit über zehn Jahren mit dem Virus, ohne Anzeichen einer Aidserkrankung. Haben Sie das Geheimnis dieser "Long term survivors" gelöst?
Gallo: Leider können nur sehr wenige - etwa zwei Prozent - dem HI-Virus so lange Zeit widerstehen. Ob sie schließlich doch noch erkranken werden, wissen wir nicht. Doch es ist sehr gut möglich, daß die von uns isolierten Moleküle im Immunsystem dieser Menschen besonders aktiv sind. Mein Kollege Anthony Fauci hat bereits konkrete Anhaltspunkte dafür. Ich lasse mich Dummkopf nennen, wenn wir das nicht binnen sechs Monaten herausgefunden haben.
SPIEGEL: Die Jagd der Aids-Forscher nach dem sogenannten Levy-Faktor hat neun Jahre gedauert . . .
Gallo: . . . erstaunlich, nicht wahr? Von dieser von den CD8-Zellen ausgehenden Wirkung, auf die Jay Levy und seine Mitarbeiter 1986 stießen, ist seit fast zehn Jahren die Rede. Und fast zehn Jahre lang wußte niemand, was es ist - einmalig in der Geschichte der modernen Biotechnologie. Wir mußten also in der Sache etwas unternehmen und hatten dann auch recht schnell Erfolg.
SPIEGEL: Levy selbst hat gegenüber Science bestritten, daß Ihre Moleküle den Levy-Faktor darstellen. Was entgegnen Sie ihm?
Gallo: Nun, Levy hat offenbar mit Science gesprochen und denen gesagt: "Wundervolle Arbeit von Gallo, _(* Letzte Woche in Rom, mit ) _(Aidsforscher Antonio Siccardi (r.). )
aber es ist nicht mein Faktor." Ich möchte als Antwort an Science dazu folgendes bemerken: Ich wäre sehr überrascht, wenn diese drei Chemokine, die wir gefunden haben, nicht den Levy-Faktor darstellen. Wenn wir diese drei Moleküle kombinieren, zeigen sie nahezu 100 Prozent der von Levy entdeckten HIV-Blockierung. Also: Wie kann es nicht das Richtige sein?
So oder so, wir haben eine neue Klasse von natürlichen biologischen Faktoren entdeckt, die HIV blockieren. Wenn Jay Levy nichts damit zu tun haben will - sehr gut! Dann können wir die Entdeckung allein patentieren.
SPIEGEL: Ihr deutscher Kollege Reinhard Kurth hat ebenfalls einen Hemmstoff der HIV-Vermehrung gefunden. Beim Rennen um die Erstveröffentlichung hat er Sie um eine Woche geschlagen. Arbeiten Sie zusammen, oder sind Sie Konkurrenten?
Gallo: Er hat einen weiteren Faktor gefunden. Interleukin-16 war - wie unsere Moleküle - auch schon vorher bekannt. Seine Ergebnisse sind eindeutig, und ich weiß, daß er hart daran gearbeitet hat. Allerdings glaube ich nicht, daß Interleukin-16 etwas mit dem Levy-Faktor zu tun hat.
Doch zu der Frage der Erstveröffentlichung möchte ich eine Erklärung abgeben: Reinhard Kurth und ich sind alte Freunde, und wir hatten verabredet, offen miteinander zu sein. Also habe ich ihn über unsere Ergebnisse informiert, ich habe ihn informiert, als wir unsere Arbeit an Science schickten, und auch, als die Arbeit zur Veröffentlichung empfohlen wurde. Ich hatte mir vorgestellt, daß wir gleichzeitig veröffentlichen sollten. Doch Nature hat seinen Beitrag dann in nur zehn Tagen ins Heft gepeitscht. Ich glaube nicht, daß Reinhard Kurth das veranlaßt hat. Wir wollen auch in Zukunft sehr eng zusammenarbeiten.
* Letzte Woche in Rom, mit Aidsforscher Antonio Siccardi (r.).

DER SPIEGEL 50/1995
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