25.12.1995

Aufstand gegen den Tod

Wie gelang der Sprung vom Ende der Steinzeit in die rätselhafte Hochkultur des Pyramidenbaus? Neue Grabungsfunde in Ägypten geben Einblicke in die bisher unbekannten Ursprünge der Pharaonenkultur. Ausgräber fanden die Überreste von Werkstätten und die Skelette von Pyramidenarbeitern, die sich totgeschuftet hatten.
Düster und fremd, wie Bauwerke von einem anderen Stern, ragen die drei Pyramiden von Gizeh in den strahlblauen Himmel - über zehn Millionen Tonnen Stein, geformt zu "ungeheuren Kristallen", wie der Philosoph Hegel befand. Scharen von Touristen pilgern zu den Grabmonumenten im Sahara-Staub.
Was sie nicht wahrnehmen, ist die Sensation, die sich im Schlagschatten der Kolosse ereignet. Mit Hacken und Schaufeln arbeiten sich im Umfeld der Mausoleen Dutzende von Grabungshelfern in den Wüstensand. Mit schwarzen Gummi-Eimern wird der Aushub auf kleine Laster gekippt.
Sahi Hawas, Chefarchäologe auf dem Pyramidenplatz von Gizeh, ist begeistert: Erst in den letzten Wochen sind Granitblöcke, seltsame Steinbrücken und Felsrampen zum Vorschein gekommen - bislang unbekannte Anlagen des Taltempels von Pharao Chephren, einem Herrscher der 4. Dynastie. Vermutlich war es die Kultbühne für den Auferstehungsritus, mit dem die Mumie des Pharao in seine Pyramide, sein "Haus für die Ewigkeit", geleitet wurde.
Fast jeder Spatenstich schält neue Details einer 4500 Jahre alten, bislang verborgenen Wunderwelt aus dem Boden. Immer mehr und immer Genaueres erfahren die Wissenschaftler über den Alltag der Pyramidenbauer.
Steinbrüche, Schlafstätten und Lebensmittelmagazine wurden in den letzten Jahren westlich der Cheops-Pyramide freigelegt. Grabungsteams stießen auf Bäckereien mit "versteinerten Brotkrümeln" (Hawas), aber auch auf Verwaltungsgebäude, von denen aus die Konstruktion der drei Grabmäler innerhalb von knapp 90 Jahren zentral geleitet wurde.
Nach einem Szenario, das in der Fachpresse noch nicht publiziert ist, geht Archäologe Hawas davon aus, daß die einfachen Pyramidenarbeiter Brot aßen und Bier tranken, in engen kasernenartigen Camps zusammengepfercht lebten und nach einem elendigen Zehn-Stunden-Tag den heiligen, von einer Riesenmauer umgebenen Baubezirk verlassen mußten.
Noch aufschlußreicher ist der Friedhof, gut 1000 Meter westlich der Cheops-Pyramide, wo Maurer und Steineschlepper begraben liegen. Hunderte von Gerippen und Totenschädeln fanden sich in den Erdhöhlen - ein Golgatha, das von den Berufskrankheiten der pharaonischen Handwerker erzählt.
"Die meisten Skelette weisen Osteophyten auf", erklärt Hawas. Solche Knochenauswüchse bilden sich bei chronischer Schwerstarbeit. Die Männer starben im Schnitt mit 30 bis 35 Jahren. Hawas: "Die haben sich regelrecht totgeschuftet."
Mit den Entdeckungen am Fuß der Gizeh-Pyramiden nehmen jene anonymen Arbeitsheere Gestalt an, auf deren Rücken die ägyptischen Könige ihren Ewigkeitswahn auslebten - wie jener Pharao Cheops, der "Goldene", "der die Feinde zerdrückt", so seine Nebennamen, der größte aller Pharaonen, König von Ober- und Unterägypten, der den Jenseitskult auf die Spitze trieb**.
Mindestens 23 Jahre lang hatte der Gottkönig mit der breiten Boxernase über jenen Superstaat geherrscht, der sich mehr als 1000 Kilometer lang von der Nilmündung bis zum zweiten Katarakt hinter Assuan erstreckte - Beherrscher von rund 1,5 Millionen Menschen und Besitzer aller Steinbrüche des Reiches.
Ein rechtes Lotterleben hatten seine Untertanen dem Chef ermöglicht. Nilpferde hatte Cheops in den Papyrussümpfen im Delta gejagt, Zauberer und Tanzzwerge, wohl afrikanische Pygmäen, amüsierten ihn. Mindestens zwei königliche Gemahlinnen schenkten ihm Kinder, Dutzende von Nebenfrauen müssen in seinem Harem gelebt haben.
Als der Pharao Cheops im Jahr 2580 vor Christus starb, erfaßte die Schreckensnachricht das Land wie ein Feuer. Priester mit Glatzen, gekleidet in kiltartige Leinenröcke, umringten den Leichnam. Cheops, keine Frage, weilte nicht mehr im Diesseits. Schlimmer noch: Er war auch noch nicht im Jenseits angelangt, war noch nicht aufgestiegen zu den ewigen Zirkumpolarsternen und zum Sonnengott Re.
Um ihn dahin auf den Weg zu bringen, wurde das größte Staatsbegräbnis aller Zeiten zelebriert - ein religiöses Spektakel, an dessen Inszenierung die ägyptische Priesterschaft jahrzehntelang gefeilt hatte.
Niemals wieder sollte es einer menschlichen Kreatur gelingen, eine so aufwendige Himmelfahrt zu veranstalten, um sich dem Tod und der Verwesung, dem Vergängnis und dem Nichts entgegenzustemmen. "Der Pyramidenbau", sagt Professor Rainer Stadelmann vom Deutschen Archäologischen Institut in Kairo, war "eine Extravaganz von grandioser Verrücktheit".
36 000 Maurer, Ingenieure und Hilfsarbeiter, so die neuesten Schätzungen der Archäologen, mußten die Kernmauerblöcke des Cheops-Grabmals auftürmen. Weitere 10 000 Steinmetze fraßen sich wie Maulwürfe in die unterirdischen Brüche von Tura am Ostufer des Nils, um die weißen Verkleidungssteine für die Pyramide herauszubrechen. Selbst aus dem fernen Assuan war Rosengranit herangeschafft worden.
Mehr als 20 Jahre Bauzeit hatte das Projekt in Anspruch genommen. Nun erhob sich die Nekropole wie ein geometrisches Gebirge auf dem Gizeh-Plateau: 2,59 Millionen Kubikmeter gestapelter Fels, 146,6 Meter hoch. Der Schlußstein auf der Spitze, so die Vermutung, war mit Gold ummantelt und blitzte in der Sonne wie ein Laserstrahl.
Mindestens 97 Pyramiden wurden in Ägypten errichtet. Viele davon sind nur noch Trümmerhaufen, vom Wind erodiert oder von antiken Steinräubern abgetragen. Ständig werden neue entdeckt. Allein in den letzten beiden Jahren gelang es den Forschern, vier weitere jener Grab-Berge freizulegen, die die Griechen respektlos mit einem aufgetürmten Grießgericht ("Pyramos") verglichen.
Warum dieser Aufwand? Wofür die Qual? Grenzten die Projekte an "Hybris und Größenwahn", wie Archäologe Stadelmann vermutet? Sind sie Ausdruck religiöser Raserei, maßloses Anrennen gegen die Mächte des Verfalls und ein wütender Versuch, das Nichts nach dem Tode mit schierer Muskelkraft niederzuringen, wie Philosophen vermuten?
Pharao Djoser hatte, vor rund 4700 Jahren, mit dem kolossalen Unfug angefangen (siehe Zeittafel Seite 158). Seine Pyramide war 60 Meter hoch. Pharao Snofru, Cheops'' Vater - er baute gleich drei 100-Meter-Giganten -, hatte sich mit gewaltigen Konstruktionsschwierigkeiten herumgeschlagen.
Auch der Cheops-Sohn Chephren wollte hoch hinaus. Er visierte anfangs vermutlich eine Höhe von 300 Königsellen (156 Meter) an, um den Vorgänger noch zu überbieten - und scheiterte. Andere Herrscher starben vor der Zeit und hinterließen, wie Pharao Sechemchet, nur triste Stümpfe.
Cheops blieb unerreicht. Nur diesem Herrscher ward die Gunst zuteil, alle vier zentralen Bauteile seines Grabkomplexes fertigzustellen: den Taltempel, den Aufweg, den Totenopfertempel und die Pyramide selbst.
Nun lag der Mann leblos auf dem Schlafmöbel, dessen Liegefläche zu den Füßen hin abgeschrägt war, und der erste Akt der Auferstehung begann: Balsamierungspriester transportierten den Leichnam in ein Spezialgebäude und schnitten ihm den Bauch auf. Die inneren Organe wurden entnommen. Sodann glitt der Körper in ein Bad aus Natron oder Kochsalzlösung.
Nach dem 270 Tage dauernden Mumifizierungsprozeß - was der Zeitspanne der Schwangerschaft entspricht - begann Teil zwei der Himmelfahrt. Gleichsam als göttliches Wickelkind wiedergeboren, wurde der Pharao in eine 43 Meter lange Nil-Barke verfrachtet und zum Taltempel am Ufer des Flusses geschifft.
Die Reste dieses klotzigen Gebäudes konnten jüngst am Fuß des Gizeh-Plateaus bei Probebohrungen geortet werden. "Das Gebäude war aus mächtigen Kalksteinen errichtet", berichtet der Kairoer Chef-Archäologe Hawas. Darin thronten wahrscheinlich Statuen der Göttinnen Hathor und Isis.
Kaum war der Leichenzug der Barke entstiegen, ertönten Gesänge. Vorlesepriester murmelten Formeln, Weihrauch stieg auf. Sinn des Ritus: Die in Stein geschlagenen Göttinnen sollten das auferstandene Kind Cheops säugen.
Sodann schritt der Prozessionstroß den Aufweg hoch. Der griechische Historiker Herodot hat diesen Highway in Richtung Ewigkeit noch weitgehend intakt vorgefunden. 820 Meter lang führte der Damm vom Flußtal in die Wüste, das Totenland, empor.
Schließlich erreichte der Trauerzug den Totenopfertempel, der im Schatten der Pyramide stand. Überlebensgroße Cheops-Statuen sollen dieses Heiligtum einst geschmückt haben. Erhalten geblieben ist nur der Fußboden aus schwarzem Basalt.
Diese Etappe der Prozession war gleichsam als letzter Imbiß an der Schwelle zur Unsterblichkeit gedacht. Auch Mumien, so die Vorstellung der alten Ägypter, plagt der Hunger. In den Magazinen des Tempels lagen Spezereien. Sie wurden dem Toten nun symbolisch auf dem Opferaltar kredenzt.
Gestärkt durch die Kaloriengabe, ging die Cheops-Mumie (ihr Penis war gesondert umwickelt) nun dem letzten und beschwerlichsten Teil der Grablegung entgegen. Über eine hölzerne Rampe trugen die Bestatter den bemalten Holzsarg zum Pyramideneingang, der in 17 Meter Höhe liegt.
Aus Angst vor Grabräubern hatte Cheops nur extrem enge, leicht verschließbare Korridore im Grabinneren anlegen lassen. Im Zickzack führen die Schächte zur Königskammer empor. Auf allen vieren kriechend, schoben die Pfaffen den Sarg voran und legten die Mumie schließlich im Sarkophag ab, den die Baumeister schon während des Baus von oben in den Raum eingelassen hatten. Dann rumsten Fallriegel nieder, Blockierquader wurden gelöst. Das Grab war verschlossen.
Alles umsonst. Diebe knackten den ingeniös versperrten Steintresor, Cheops'' Leiche ist verschwunden: zerfleddert seine Leinenwickel, gestohlen die unermeßlichen Grabschätze, abgetragen die Verkleidungssteine des Bauwerks. Heute riecht es in Cheops'' Königskammer penetrant nach Touristen, die das Wasser nicht halten können.
Was die Besuchermassen anlockt, ist schiere Neugier. Hart an der Grenze zur Steinzeit errichtet, ragen die ägyptischen Ruinen wie urtümliche Rätsel aus dem Wüstenstaub. Vor rund 5300 Jahren, als Ötzi im derben Felljanker über den Similaun kletterte, begann jener raketenartige Zivilisationsprozeß, der wenige Jahrhunderte später, in der 3. und 4. Dynastie, im Pyramidenbau gipfelte.
Ohne Kran und Wasserwaage stapelten die pharaonischen Baumeister ihre Steinmonster auf. Die Hochkultur der Sumerer in Mesopotamien, die - etwa zeitgleich mit den Ägyptern - am Euphrat siedelten, kann zwar kulturell konkurrieren. Doch ihre Bauten waren nur aus Lehmziegeln zusammengebacken.
Ägypten dagegen ist eine Welt aus Stein: Paläste, Obelisken und Kolossalstatuen, die in elender Knochenarbeit aus harten Mineralien wie Diorit, Granit, Basalt oder Quarzit herausgemeißelt wurden. Innerhalb von rund 100 Jahren wurden die ersten acht großen Pyramiden vollendet.
So was fasziniert. In der Antike standen Herodot und Thales am Nil und zollten den Weltwundern Respekt. "Soldaten, denkt daran, daß vier Jahrtausende von diesen Bauten auf euch herabschauen", mahnte Napoleon, als er 1798 nach Ägypten einrückte; im Schlepp hatte er Ärzte, Philologen und Vermessungstechniker. Dann folgten, im 19. Jahrhundert, abendländische Archäologen, die mit Akribie, aber auch - wie der Brite Howard Vyse - mit Sprengstoff in die Grabmäler eindrangen.
Die Rätsel wurden dadurch nicht weniger. Wie gelang es, diese gewaltigen Steinmassen aufzuhäufen? Wie konnte ein Volk, das weder Eisen noch Bronze kannte, das die Multiplikation nicht beherrschte und das Rad nicht nutzte, solche Leistungen vollbringen?
Erst in neuester Zeit wird das erstaunliche Gefüge des ägyptischen Superstaats erklärlich. Neue Details über Sitten und Sozialstrukturen, vor allem aus der dunklen Frühphase Ägyptens, geben Einblick, wie sich der Weg von der Schilfhütte zum Steinbau vollzog und der erste Zentralstaat der Erde geschaffen wurde.
Fast an allen großen Pyramiden des Alten Reichs (2700 bis 2130 vor Christus), die sich wie eine Perlenschnur von Abu Roasch bis Meidum erstrecken (siehe Karte), haben sich Grabungsteams einquartiert.
In Abusir, der Nekropole der 5. Dynastie, arbeitet eine tschechische Mission. In Dahschur (4. Dynastie) sind deutsche und amerikanische Experten tätig. Das Umfeld von Gizeh wird von ägyptischen Teams umgewühlt. Und der Nestor der internationalen Pyramidologen-Gemeinde, der Franzose Jean-Philippe Lauer, 93, spürt unermüdlich im Djoser-Komplex umher, jenem kolossalen Pyramiden-Erstling, mit dem die himmelstürmende Bauwut in Nordafrika vor rund 4700 Jahren einsetzte.
Die Arbeit mit Spatel und Besen hat - außer den Arbeiterskeletten und den Kultstätten im Taltempel - in den letzten Jahren noch mehr Erstaunliches zutage gefördert. Zu den Highlights der jüngsten Grabungskampagnen gehören Entdeckungen, die viele Lehrmeinungen ins Wanken bringen dürften:
▷ In Abusir stieß der Prager Forscher Miroslav Verner auf die älteste aller bekannten Mumien. Vor etwa 4400 Jahren wurde ihre Haut von den Balsamierern konserviert und das Gehirn entnommen. Bisher waren die Forscher davon ausgegangen, daß die Ägypter diese Technik erst 1000 Jahre später erlernten (siehe Kasten Seite 162).
▷ Archäologen aus Hannover und Berlin stießen in Sakkara, dem wichtigsten Königsfriedhof des Alten Reiches, auf ein 5000 Quadratmeter großes Grabmal aus der 2. Dynastie - Hinweis darauf, daß die Errichtung von Kolossalbauten weit früher begann als bislang vermutet.

▷ Günter Dreyer vom Deutschen Archäologischen Institut in Kairo gelang es, ägyptische Ur-Hieroglyphen zu entziffern. Dabei stieß er auf die Spur von rund 15 bislang unbekannten Pharaonen - furchterregende Könige, die Menschenopfer zelebrierten.
Die neuesten Erkenntnisse, die meisten sind noch nicht wissenschaftlich publiziert, haben die Forscherzunft in Aufregung versetzt. Immer deutlicher zeigt sich, daß die Ägypter bereits im vierten vorchristlichen Jahrtausend jene fabulösen Fähigkeiten entwickelten, die Jahrhunderte später im Bau der Pyramiden gipfelten.
Mit dem neuen Licht, das auf die Wurzeln des Pharaonenreiches fällt, dürfte ein spannendes Kapitel der Ägyptologie beginnen. Die Anfänge des Reiches galten bislang, wissenschaftlich gesehen, als Schwarzes Loch. Zu lückenhaft waren die archäologischen Befunde, zu spärlich aber auch das Interesse der Forscher an der Frühzeit.
Bis heute liegt die Hauptstadt Memphis, von der aus das vereinigte Land während der ersten 800 Jahre regiert wurde, fast unberührt unter Bergen von Geröll. Über die Könige der Frühzeit, die sich noch unter befestigten Sandhügeln begraben ließen, herrscht schiere Konfusion.
Erst in der 3. Dynastie, mit König Djoser, setzen unübersehbar die hochaufragenden steinernen Zeugnisse ein. Etwa 2700 vor Christus hatte dieser Pharao seinen gut 150 000 Quadratmeter großen Grabkomplex in den Wüstensand gesetzt. Im Zentrum stand eine Stufenpyramide, gemauert aus 850 000 Kubikmeter Kalkstein - ein Wolkenkratzer, der die Skyline von Memphis beherrschte (siehe Grafik Seite 161).
Wie gelang es Djoser, in seinem Volk solche Produktivkräfte zu entfachen? Gleichsam aus dem Nichts, ohne architektonisches Vorbild, so schien es, war das erste Vollsteingebäude der Welt errichtet worden und sogleich zu einem Riesen geraten.
Generationen von Ägyptologen haben sich den Kopf über das Djoser-Rätsel zerbrochen. So als würde auf die Nutzbarmachung des Feuers sogleich der Bau der Atombombe folgen, stand der 62-Meter-Trumm jäh in der Landschaft. "Es fehlt einfach jede Vorstufe, jede Vorbereitungsphase", klagte in den siebziger Jahren der Pyramidenforscher Kurt Mendelssohn.
Manche Gelehrte hofften, der Pharao selbst könne das Geheimnis lüften. Im Jahr 1821 war der preußische Gesandte Baron Menu von Minutoli in den 28 Meter tiefen Grabschacht hinabgestiegen und hatte den Granitpfropf ausgehebelt, mit dem Djosers Ruhestätte zugestöpselt war. Der Entdecker fand einen vergoldeten Schädel und Reste mumifizierter Extremitäten. Doch auf dem Weg nach Berlin versanken Leichenteile an Bord des Schoners "Gottfried" vor der Elbmündung.
1926 drang Djoser-Experte Jean-Philippe Lauer erneut in das Heiligtum ein und förderte einen mumifizierten Fuß zutage. Er wurde vor wenigen Monaten an der Universität Kairo mit Hilfe der C-14-Methode datiert. Doch auch diesmal machte sich Katerstimmung unter den Wissenschaftlern breit: Der Schrumpelfuß stammt aus der Zeit um Christi Geburt, als spätere Generationen das vorhandene Gemäuer wiederum für Bestattungen nutzten.
Nicht eine einzige Pharaonenmumie aus dem Alten Reich überdauerte die Zeit. Cheops' Leichnam: verschwunden. Sein Sohn Chephren: perdu. Chephrens Nachfolger Mykerinos: von antiken Dieben zerpflückt. Auch die Mumie von Pharao Sechemchet, dem Nachfolger Djosers, ist - auf bislang unerklärliche Weise - abhanden gekommen.
Sechemchets Torso-Pyramide in Sackara schien, als sie 1954 entdeckt wurde, original verschlossen. Ein Blumenkranz lag auf dem Sarkophag. Doch die Totenkammer war leer. Der ägyptische Archäologe Zakkaria Goneim, der den Grabraum zuerst betreten hatte, wurde hernach des Diebstahls bezichtigt. Zermürbt durch die falschen Verdächtigungen, beging er Selbstmord.
Solche Merkwürdigkeiten haben die Spekulationen geschürt. "Pyramidioten" (Archäologen-Slang) trauen den Zivilisationsbereitern vom Nil schlicht alles zu. Den interstellaren Raumflug sollen sie gekannt haben und in den Gebäudemaßen der Cheops-Pyramide die Kreiselbewegung sowie den Umfang des Planeten Erde verschlüsselt ausgedrückt haben.
Alles Unsinn, wie die Wissenschaftler versichern. Der Zug der Schwarmgeister wird dadurch nicht gestoppt. Derzeit pilgern vor allem US-Esoteriker nach Gizeh. Gegen Bakschisch werden sie morgens um fünf Uhr in die Cheops-Königskammer geleitet und dürfen in der heiligen Halle aus Rosengranit meditieren.
Doch auch anerkannte Experten sind angesichts der Sahara-Weltwunder gegen Schwachsinn nicht gefeit. Im US-Fachblatt Kmt stellte der US-Geologe Robert Schoch die These auf, der Sphinx sei mindestens 11 000 Jahre alt. Nur mit Mühe gelang es, die Behauptung zu widerlegen.
Schuld an solchen Beweis-Schwierigkeiten ist das äußerst dünne Eis, auf dem sich die Erforscher des Alten Reichs bewegen. Erst in der 5. Dynastie, gut hundert Jahre nach Cheops, tauchen die ersten beschriebenen Papyri und Totentexte auf. Auch jetzt, fast 200 Jahre nach dem von Napoleon angeführten Wissenschaftsfeldzug, klaffen noch große Lücken im Verständnis dieser Hochkultur.
Wie viele Überraschungen mögen noch unterm Wüstensand verborgen sein? "Insgesamt 120 Expeditionen arbeiten in unserem Land", erklärt der Direktor des Ägyptischen Museums Kairo, Mohammed Salih. Sein Haus übernehme mittlerweile nur noch "die schönsten neuen Pretiosen". Salih: "Wir verwalten 160 000 Exponate. Die Vitrinen sind voll."
Von König Cheops allerdings hätte der Museumschef gern mehr. "Ausgerechnet vom Erbauer der größten Pyramide, dem Herrn und Schöpfer des gewaltigsten Bauwerks der Menschheit", klagt Archäologe Stadelmann, "hat nur eine winzige 7,5 Zentimeter hohe Elfenbeinstatue, die kleinste Königsplastik Ägyptens, überdauert."
So bleiben viele Fragen vorerst noch ungelöst: Warum zum Beispiel ist Cheops'' Grabkammer kahl und unverziert? Hatte der in späterer Zeit als "gottloser Tyrann" verschriene Herrscher ein "Bilderverbot" erlassen, wie einige Experten glauben? Wie gelang es seinen Bauleuten, 40 Tonnen schwere Deckenriegel auf 70 Meter Höhe bis in die Königskammer des Grabmals zu hieven?
Angesichts der spärlichen archäologischen Befunde blieb auch die Schlüsselfrage offen, die sich die Ägyptologen seit bald 100 Jahren stellen: Wie lösten sich die Niltal-Bewohner, umgeben von Wüstennomaden, aus der steinzeitlichen Stammeskultur? Wie gelang es ihnen, sich zu einem Millionenvolk zu versammeln und unter der Befehlsgewalt eines Häuptlings "den modernen Staat zu schaffen", wie es der Prager Archäologe Miroslav Verner formulierte?
Phänomene wie Nationalgefühl, Organisation, Arbeitsteilung und Bürokratie, die heute selbstverständlich sind - all dies mußte von den Ägyptern erfunden werden. Wie das geschah, darüber geben die neuen Forschungen erstaunliche Aufschlüsse.
Anders als Mesopotamien mit seiner Vielzahl von Stadtstaaten war das alte ägyptische Reich ein zentralistischer Staat, wie ihn die Menschheit bis dahin nicht kannte.
Erst dieses Verschweißen totemistischer Clans zu einem Millionenvolk setzte jene Manpower und jene Fertigkeiten frei, für welche diese Nordafrikaner später gerühmt wurden: Mit Steinhämmern und weichen Kupfermeißeln schlugen sie Berge weg und schichteten sie neu auf. Sie erfanden den Stuhl, das geeichte Maß und den 365-Tage-Kalender, sie bauten die erste Harfe, deren Konstruktion während der 4. Dynastie wie ein politisches Großereignis gefeiert wurde.
Doch wie und wann beginnt dieser Prozeß der Zivilisation? Die neuen Erkenntnisse zeigen, daß sich das Pharaonenland zwar mit Riesenschritten, aber doch kontinuierlich aus der Jungsteinzeit (Neolithikum) verabschiedete.
Dem Lehrbuchwissen zufolge beginnt die Geschichte des Landes um das Jahr 3000 vor Christus. Auf diesen Zeitpunkt datierte Manetho, ein antiker Historiker, die Machtergreifung des ersten Pharaos. Sein Name: Hor-Aha ("der Kämpfer"), Begründer der 1. Dynastie.
Die neuen Forschungsergebnisse dagegen lassen darauf schließen, daß die Geburtswehen der ägyptischen Nation schon drei Jahrhunderte früher einsetzten. Um diese vordynastische Epoche zu benennen, erfanden die Archäologen den Begriff der "Nullten Dynastie".
Über Hor-Aha, den "ägyptischen Karl den Großen", der nach bisheriger Lehrmeinung das Reich mit Feuer und Gewalt geeint haben soll, sind, im Gegensatz zu seinen bisher völlig mysteriösen Vorgängern, einige biographische Details bekannt. Der Überlieferung zufolge starb er während der Nilpferdjagd. In archaischer Zeit gehörte es zu den Privilegien der Könige, den mächtigen Flußdickhäutern von schwankenden Schilfbooten aus mit Lanzen nachzustellen. Der Pharao war dabei ins Wasser gefallen und von Nilpferden zermalmt worden.
Der Ruf des großen Reichseinigers eilt dem "Kämpfer" allerdings zu Unrecht voraus. Hor-Aha war dem aktuellen Forschungsstand zufolge nur der Vollender eines militärischen Schlagabtausches, der die Urägypter mehrere Generationen lang erschüttert hatte.
"Wohl an die 200 Jahre haben die Südägypter versucht, den Norden zu erobern", faßt Archäologe Dreyer das Geschehen zusammen. Die Reichseinigung sei in Wahrheit ein quälender Prozeß gewesen. Die Geburt der Nil-Nation basiert auf einem Blutbad.
Dreyer, Kodirektor am Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo, kann das dramatische Vorspiel der Nil-Kultur seit Jahren aus erster Hand studieren. Seit 1980 sind die Deutschen im Besitz der Grabungslizenz für die Königsnekropole von Abydos. Sie gilt als Keimzelle der ägyptischen Hochkultur.
Gewaltige, in den Boden getriebene Kammergräber, Bettfüße aus Elfenbein, Spielzeug und Tausende von Schmuckperlen haben die Deutschen auf diesem frühzeitlichen Königsfriedhof, 500 Kilometer südlich von Kairo, freigelegt. Wichtiger noch: Dreyer ist es gelungen, die in Abydos aufgefundene Hieroglyphenschrift zu entziffern.
Die urtümlichen Bildzeichen reichen tief ins vordynastische Dunkel zurück und geben Kunde von einer bislang unbekannten Pharaonenwelt. Bereits 3300 vor Christus hat sich zwischen den Städten Abydos und This ein hochorganisiertes Machtgebilde entwickelt.
Mehr als 15 Herrscher konnte Dreyer mittlerweile der "Nullten Dynastie" zuweisen. Die archaischen Könige hießen Fingerschnecke, Elefant, Storch oder Skorpion - Namen, die davon zeugen, wie stark dieses prähistorische Land noch den Tierreligionen verhaftet war.
Doch die Bewohner des südlichen Urreichs besaßen bereits erstaunliche handwerkliche Fähigkeiten. In Brennöfen schmolzen sie Silber (Mindesttemperatur: 960 Grad Celsius). Auch Hartgestein konnte offensichtlich schon bearbeitet werden.
Noch erstaunlicher wirken die fast vier Meter hohen Statuen des Fruchtbarkeitsgottes Min. Bereits 1894 hatte der britische Gelehrte Flinders Petrie drei kopflose Kolossalfiguren (Gewicht: zwei Tonnen) in einem Tempel entdeckt. Sie sind walzenförmig aus dem Stein geschlagen und tragen steil aufragende Geschlechtsteile.
Bislang hielten es viele Archäologen für ausgeschlossen, daß Menschen des vierten vorchristlichen Jahrtausends solche Steinkolosse bearbeiteten. Dreyer gelang nun anhand der eingeritzten Hieroglyphen auf der Schärpe der Statue eine sichere Datierung: Die Min-Plastik ist etwa 5250 Jahre alt.
Die vom deutschen Abydos-Team geschlagene Zeitbrücke reicht bis zu einem Ur-Pharao namens "Fingerschnecke". Dieses Weichtier (lambis truncata) wird 35 Zentimeter groß und lebt im Flachwasser des Roten Meeres. Indiz für vorzeitliches Globetrottertum?
Daß der Steinzeitstaat am Südnil weitreichende Handelskontakte pflegte, ist durch weitere Funde belegt. Weinkrüge aus Palästina und Lapislazuli aus dem 3000 Kilometer entfernten Afghanistan wurden in den Gräbern der Abydos-Herrscher gefunden. Auch zu Elam, einem sagenumwobenen Land im heutigen Iran, gab es Verbindungen. Messergriffe aus Elfenbein tragen typisch elamische Verzierungen. Dreyers Vermutung: "Die Elamer waren Gastarbeiter am Nil."
Als Handelswege dienten wahrscheinlich Karawanenstraßen, die um das Rote Meer herum bis tief nach Asien reichten. Auf diesen Routen wurde auch die wichtigste Erfindung jener Zeit ausgetauscht: die Schrift. Fast zeitgleich fangen die Urägypter und die Sumerer mit dem Schreiben an. Wer da von wem gelernt hat, ist noch nicht geklärt.
Das vordynastische Südreich muß auch militärisch prosperiert haben. Spätestens um 3150 vor Christus, sagt Dreyer, "begann die gewaltsame Unterwerfung des Deltas unter einem Pharao namens Falke".
Holzmodelle aus dem Mittleren Reich vermitteln einen plastischen Eindruck, wie sich die Steinzeit-Soldaten damals gegenüberstanden. Halbnackte, nur mit Leinenröcken bekleidete Bogenschützen rückten in Trupps zu je 40 Mann vor. Die Waffen der Lanzenträger waren mit Flintsteinspitzen bestückt. Schutz bot ein bemalter Holzschild, der vor der Brust getragen wurde. Im Nahkampf kamen Äxte zum Einsatz.
Der Vormarsch der Südstaatler muß auf starken Widerstand gestoßen sein. Rund zwei Jahrhunderte soll die Gegenwehr der Deltabewohner gedauert haben. Dennoch unterlagen sie. Der Süden schluckte Stadt für Stadt. Schließlich standen die Truppen aus Abydos am Mittelmeer. Der Norden war besiegt.
Bereits Pharao Narmer, der letzte vordynastische König, muß das Reich vom Delta bis tief nach Nubien militärisch kontrolliert haben. Ein Steinrelief zeigt ihn mit nacktem Oberkörper und Keule, wie er einen nordägyptischen Feind traktiert. An seinem Leinenschurz baumelt ein Stierschwanz.
Doch der mit Gewalt erzwungene Friede war brüchig. Immer wieder krachte das Reich auseinander und wurde mit Waffengewalt wieder zusammengeschweißt. Entsprechend martialisch klangen die Namen der Pharaonen in der 1. Dynastie: Dem "Kämpfer" folgten "Der die Schwingen spreizt" und "Der schüttelnd mit dem Arm droht".
Das Brutalo-Image der Herrscher weist auf die angespannte Lage im gerade geschaffenen Großreich. Noch in der 2. Dynastie muß Pharao Chasechemui (um 2750 vor Christus) Aufstände niederschlagen. Einer Sockel-Inschrift zufolge soll er 47 209 Rebellen aus dem Delta niedergemetzelt haben.
Das Problem lag im Mentalen. In Südägypten stand seit alters her der falkengestaltige Himmelsgott Horus hoch im Kurs. Im Norden wurde das Fabelwesen Seth verehrt, eine Art Hund mit Giraffenschwanz. Der legendäre Pharao Hor-Aha versuchte es mit Tricks. Um den gedemütigten Volksteil zu versöhnen, so die Annahme, aber auch zur besseren Kontrolle des eroberten Gebiets, verlegte er die Regierungshauptstadt hoch in den Norden nach Memphis nahe dem heutigen Kairo. Zugleich setzte er offensichtlich bei jedem Anlaß wechselweise die rote Krone Unterägyptens und die weiß gefärbte Ledertüte Oberägyptens auf.
Die Gräber der frühen Herrscher indes zeugen noch von archaischer Mentalität: Menschenopfer wurden zelebriert. So gleichen die abydenischen Nekropolen der 1. Dynastie gruseligen Schädelstätten. Am Grab des bei der Nilpferdhatz verunglückten Pharaos Hor-Aha, dessen drei Kammern je 80 Quadratmeter groß sind, wurden 7 Löwen und 33 junge Diener abgeschlachtet.
Der Totenkult mit Menschenopfern nimmt in der Folgezeit noch zu. Immer ausladender werden die Pharaonengräber angelegt: Dutzende von quadratischen Gruben, schachbrettartig angeordnet, treiben die Handwerker in den Boden. Über diesen Felskammern türmten sich wahrscheinlich große, lose aufgeschichtete Steinhaufen - primitive Urformen der Pyramiden.
Doch noch sind die unterirdischen Bauteile der Gräber wichtiger. Zwerge und junge Frauen mußten den Königen in den Tod folgen. In einer Katakombe lagen 200 menschliche Skelette. Auch im Jenseits wollten die Herrscher offensichtlich bei Lust und Laune gehalten werden.
Der Archäologe Dreyer und sein Kollege Peter Munro vom Kestner-Museum in Hannover haben inzwischen auch die Veränderungen in der Folgezeit, der 2. Dynastie, eruiert: Der Königsfriedhof wird von Abydos weit in den Norden verlagert. Das ehemalige Feindesland wird nun zur letzten Ruhestätte der Pharaonen. Die Könige lassen sich vor den Toren der neuen Regierungshauptstadt Memphis, in Sakkara, begraben.
In dieser Zeit scheint auch im Lebensgefühl der Nil-Herrscher bedeutendes vor sich zu gehen. Die Gräber werden größer, die Pharaonen legen sich religiöse Namen zu: "Zufrieden sind die beiden Mächte", "Der zum Gott Gehörige". Die Menschenopfer hören auf. Munro: "Da findet ein Vergeistigungsprozeß statt."
Gleichzeitig expandieren die Bauleistungen, wie ein Fund von Munro beweist. Mit seinem Kompagnon Frank Seliger räumte er im letzten Herbst mit 30 Grabungshelfern Tonnen von Wüstensand weg und stieß auf den Grab-Oberbau des Pharaos Ninetjer aus der Mitte der 2. Dynastie. Diesen König trennen nur 50 Jahre vom ersten Pyramidenbauer Djoser.
Stolz steht das Team vor den Resten des unglaublichen Grabkomplexes. Auf einer Länge von 70 Metern ist die nördliche Umfassungsmauer freigelegt. Munro schätzt die Größe der Totenstätte auf "mindestens 5000 Quadratmeter".
Imposanter noch sind die unterirdischen Labyrinthe des Grabmals. Auf einer Fläche von 3000 Quadratmetern ließ Ninetjer Schächte, Galerien und Stichkorridore in den Fels hauen. Der unterirdische Jenseitspalast muß kommod eingerichtet gewesen sein. "Es wurden sogar Küche, Klos und Speisekammern gefunden", erläutert Munro.
Mit der in den Felsboden gepickelten Katakombe von Ninetjer ist nun erstmals ein monumentaler Vorläufer der Pyramiden entdeckt. Hunderte, vielleicht einige tausend Handwerker müssen mit dem Grabbau beschäftigt gewesen sein. "Entscheidend", sagt der Berliner Archäologe Seliger, "ist die Steigerung der Dimensionen."
Allenfalls knapp eine Million Menschen können damals in Ägypten gelebt haben. Doch das immer straffer organisierte Staatssystem ermöglicht die erstaunlichsten Bauleistungen - und es schafft die Ressourcen für einigen Luxus. Aus dieser Zeit stammen die Erfindung der Perückentracht aus Echthaar nubischer Frauen und das Medikament Igelfett gegen Kahlköpfigkeit.
Auch die Speisekarte der Bevöl kerung wird opulenter. Die alljährlichen Nil-Schwemmen sorgen für reiche Ernten. 30 Biersorten werden im Reich gebraut. Der arme Mann ißt Fladenbrot und Zwiebeln, der Reiche löffelt Ochsenschwanzsuppe.
Bei der Tierhaltung experimentieren die frühen Nil-Bewohner mit Erfolg. Mäuse werden mit Rosinen und Nüssen gepäppelt (und verspeist), Hyänen domestiziert und mit einem speziellen Verfahren zwangsgemästet. Auf Geflügelfarmen werden Gänse und Kraniche gehalten. Das Huhn ist im Alten Reich noch unbekannt.
Als wichtigster Fleischlieferant muß der Ochse herhalten. Schon früh merken die Nil-Bauern, daß kastrierte Rinder schnell Fett ansetzen. Auch Koteletts von Schweinen werden auf offener Flamme oder im Tonherd gegrillt - als Ferkel war es ihnen noch gutgegangen, wie ein Relief beweist: Ein Bauer entwöhnt ein Ferkel von der Muttermilch, indem er ihm vorgekauten Speisebrei mit dem Mund in die Schnauze schiebt.
Langsam scheint das kriegerische Land zur Ruhe zu kommen. Doch Frieden und Luxus ließen offenbar auch Raum für geistige Abenteuer: Als erster trägt König Nebre ("Die Sonne ist Herr") den Re-Namen im Titel. Die Sonnenreligion hatte begonnen, die höchsten Köpfe zu infizieren.
Zentrum des neuen Kults war die Wunderstadt Heliopolis im Norden, auch wirtschaftlich von Bedeutung, weil von hier die Karawanenwege in den Sinai gingen, wo die großen Kupferminen lagen.
Ausgrabungen ägyptischer Archäologen liefern einen ungefähren Eindruck von dieser Metropole: eine riesige Stadt, deren Zentrum aus einer Agglomeration von Tempeln bestand. Hier diente man nur einem Herrn: dem Sonnengott Re.
Die Rolle der Heliopolis-Priester ist gegenwärtig das spannendste Rätsel der Pyramidenforschung: Indizien sprechen dafür, daß diese Sekte den Ausgang bildet für den später ins Gigantische gesteigerten Pyramidenkult.
Genährt wird diese Spekulation durch das Sakrosanktum von Heliopolis. Im Zentrum der Stadt stand ein uralter Fetisch, der Benben-Stein. "Das Kultobjekt muß noch irgendwo im Wüstensand verborgen liegen", glaubt Archäologe Verner. Von alten Steinreliefs ist die Gestalt des Heiligtums bekannt: Sie ähnelt einer Pyramide.
Aber noch weitere Fakten deuten darauf hin, daß die Re-Priester jenen aberwitzigen Begräbnisritus inszeniert haben, der in der 4. Dynastie den Staat fast in die Pleite trieb:
▷ Imhotep, der geniale Architekt der ersten Pyramide, war nicht nur "Baumeister, Bildhauer und oberster Vasenhersteller" seines Königs Djoser, sondern zugleich auch "Hoherpriester von Heliopolis".
▷ Das Pyramidion, der vermutlich vergoldete Abschlußstein der Pyramiden, den die Pharaonen - in einem feierlichen Zeremoniell - ihren Bauwerken aufsetzten, heißt in der Hieroglyphen-Sprache Benbenet.
Die nun einsetzende Entwicklung wird in einem gewaltigen Eklat enden. Die ausladenden theologischen Spekulationen und der zunehmende Einfluß der Sonnenanbeter aus Heliopolis setzen jenes überbordende Baufieber in Gang, das den Pharaonenstaat in schwere innenpolitische Machtkämpfe treibt.
Unter dem Pharao Snofru, Cheops'' Vater, wandelt sich die von Djoser überkommene Stufenpyramide zur geometrischen Idealform: eine schräg ansteigende Himmelsrampe, die direkt hinauf zum Solargestirn führen sollte. Als Gegenzug für die geforderte Bauleistung verspricht die Priesterschaft den Königen nicht weniger als die Unsterblichkeit.
Im nächsten Heft Pharao Snofru, größter Bauherr aller Zeiten - Akkordarbeit in den Steinbrüchen - Grabräuber knacken die Cheops-Pyramide - Eine bärtige Pharaonin
S. 154: ** Der Ausdruck Pharao kommt aus dem Alten Testament und ist dem ägyptischen Wort Per'o entlehnt, das "Großes Haus" bedeutet.
* Mykerinos-, Chephren- und Cheops-Pyramide.
S. 155: * 7,5 Zentimeter hohe Elfenbeinplastik.
S. 158: * Links: Kleinplastik aus der 11. Dynastie (2100 bis 2000 v.Chr.); rechts: Holzmodell aus dem Mittleren Reich.
S. 159: In Abusir beim Freilegen einer Scheintür in einem neu entdeckten Grab des Wesirs Kar, die der Verstorbene nach religiöser Vorstellung zu Besuchen im Diesseits benutzte
S. 160: Zeitgenössische Lithographie.
S. 164: Aus dem Arbeiterfriedhof bei der Cheops-Pyramide.
[Grafiktext]
Kartenausschnitte: Altes Ägypten u. Pyramidenstandorte
Chronologie Altägyptens
Das Grabmal d. Pharaos Djoser
Das Innere d. Djoser-Pyramide
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 52/1995
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